Roter Mohn – eine Blume als Symbol

Mohn. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Jetzt im Mai blüht er wieder, überall in Frankreich: roter Mohn. In Weingärten, zwischen Felsritzen, in alten Steinmauern, auf vergessenen Wiesen. Knallrot zwischen weißen Kieseln, im grünen Gras, neben grauem Granit. Wie intensiv. Und wie kurz.

Und wie sehr wurde diese Blume zum Symbol eines Krieges. An den Ersten Weltkrieg. In Frankreich ist die Erinnerung an diesen Krieg ungleich präsenter als in Deutschland.

Lavendel und Mohn… in Ferrassières. Foto: Hilke Maunder

Mohn – Symbol des Grande Guerre

La Grande Guerre heißt er dort, der Große Krieg. Oder mitunter nur 14-18. Bis heute ist der 11. November, der Tag des Waffenstillstandes von 1918,  in Frankreich ein Feiertag. Wie auch der 8. Mai, der Tag des Waffenstillstandes 1945. 2020 jährt sich zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs. 75 Jahre Frieden in Europa.

Am 9. Mai vor 70 Jahren hatte Robert Schuman mit Weitsicht und Mut den europäischen Einigungsprozess angestoßen. Sein Erbe müssen wir bewahren. Und Frieden sichern für nachfolgende Generationen.

Nordfrankreich war im Grande Guerre eines der größten Schlachtfelder gewesen. Städte, Dörfer und Industrieanlagen,  ganze Landstriche wurden damals zerstört oder verwüstet. Dieses Trauma ist tief im kollektiven Gedächtnis der Region verankert.

Eine der ersten Blumen, die auf den völlig verwüsteten Schlachtfeldern blühte, war Klatschmohn. Überall bedeckte der entlang der „ligne de front“ des blutigen Stellungskrieges in Nordfrankreich entlang der Flüsse Somme, Orne und Marne das Land.

Leuchtend rot wie das Blut, das hier geflossen ist. Seitdem ist der rote Mohn die Symbolblume der Abertausenden toten Soldaten. Besonders für die Briten. Mit roten poppy flowers aus Papier gedenken sie ihren Gefallenen. Die Franzosen indes tragen le bleuet im Revers.

Foto: Hilke Maunder

Das Trauma von Fromelles

Die Brutalität der industriellen Kriegsführung zeigte sich besonders in der Schlacht von Fromelles. Sie gehört bis heute zu „les pires 24 heures de toute l’histoire de l’Australie“. Sie waren die schlimmsten 24 Stunden in der Geschichte Australiens, verrät die Inschrift auf dem Mahnmal. Am Ende der Kämpfe vom 19. Juli zum 20. Juli 1916 wurden 5.533 australische, 1.400 britische und etwa 1.500 deutsche Soldaten verwundet, getötet oder als vermisst gemeldet.

Der Kampf um Fromelles ist ein trauriges Beispiel für die Brutalität der industriellen Kriegsführung unter Einsatz von Artillerie und Maschinengewehren. Fromelles markiert das erste Mal, dass australische Soldaten im Abendland ihr Leben ließen. Bereits 1914 hatten unzählige Australier ihr Leben im türkischen Gallipoli geopfert. Dieses Trauma prägt bis heute den fünften Kontinent.

Das unbekannte Kriegsmuseum

Seit 18. Juli 2014 setzt das Musée de la Batailles de Fromelles der Schlacht ein Denkmal. Und das bereits mit der Architektur. Es wurde halb unterirdisch in einem Bunker angelegt. In den fünf Themenbereichen könnt ihr Ausgrabungstechniken, den Grabenkrieg, die Schlacht am Bergkamm von Aubers und Neuve-Chapelle, den War Room und das Schicksal einzelner Kämpfer kennenlernen.

Das Museum gibt auch Aufschluss über das Identifizierungsprogramm für die Opfer des Ersten Weltkriegs. Ihre sterblichen Überreste wurde erst  92 Jahre nach Kriegsende entdeckt. 2009 hatten Archäologen die ersten 250 Leichen britischer und australischer Soldaten freigelegt.

2010 wurden sie auf dem Kriegerfriedhof Pheasant Wood Cemetery in Einzelgräbern bestattet. Er ist die erste Stätte dieser Art, die die Commonwealth War Grave Commission seit 50 Jahren neu angelegt hat. Das einstige Schlachtfeld lässt sich zu Fuß oder per Fahrrad entdecken.

Foto: Hilke Maunder

Der Tunnelkrieg von Arras

2017 markierte für die Kanadier den 100. Jahrestag der Schlacht von Arras. Am Ostermontag, 9. April 1917, war ihnen der Durchbruch auf dem Vimy-Rücken gelungen. Um die Soldaten so nahe wie möglich an die deutschen Linien zu bringen, hatten neuseeländische Tunnelbauer die mittelalterlichen Kreidesteinbrüche von Arras in unterirdische Kasernen verwandelt. Wie, das verrät die Gedenkstätte Wellington-Steinbruch.

Unabhängig von Nationalität, Dienstgrad und Religion erinnert seit 2014 der „Anneau de la Mémoire von Philippe Prost am französischen Nationalfriedhof Notre-Dame de Lorette an die gefallenen Soldaten. 579.606 Namen von A – Z, eingraviert in eine Ellipse aus Stein, die nur zum Teil in der Hügelspitze verankert ist – ein 50 m langes Stück schwebt völlig frei. Der Gedenkring ist auch ein Symbol für die Zerbrechlichkeit des Friedens.

Gedenkwege des Grande Guerre

VierChemins de Mémoireführen als Wege der Erinnerung hin zur Front, in die Zeit der deutschen Besatzung, zur Küste als Basis der Alliierten und zu Orten des Wiederaufbaus. Hinzu kommen acht Routen, die für Wanderer und Radfahrer angelegt wurden. 36 Orte, Militärfriedhöfe, Denkmäler und Ruinen erinnern so an das Geschehene und wecken ein tieferes Verständnis für die Ereignisse, die Europa und der Welt die Errungenschaften des Friedens brachten: Freiheit und Brüderlichkeit. Sie schufen eine Region, die euch heute mit offenen Armen empfängt.

Auf den Spuren des Grande Guerre

Musée de la Grande Guerre

Europas größtes Museum zum Ersten Weltkrieg.
• Rue Lazare Ponticelli , 77100 Meaux, Tel. 01 60 32 14 18, www.museedelagrandeguerre.eu

Historial de la Grande Guerre

Zum Historial gehören zwei Stätten: das Museum in Peronne – und die Gedenkstätte in Thiepval.
• Château de Péronne, Place André Audinot, 80200 Péronne, Tel. 03 22 83 14 18, Historial de la Grande Guerre
• 8, rue de l’Ancre, 80300 Thiepval, Tel. 03 22 74 60 47,  www.historial.fr

Mémorial `14-18 Notre Dame de Lorette

Im Mémorial de Notre Dame de Lorette sind in die Wände des 345 m großen Beton-Rings von Philippe Prost die Namen von 600.000 Soldaten eingraviert. Vier Chemins de Mémoire, Wege der Erinnerung mit 36 Stätten, erinnern an die Schlachten.
 • 102, Rue Pasteur, Parkplatz am „Chemin de Lens“, 62153 Souchez, Tel. 03 21 74 83 15,  https://memorial1418.com

Musée de la Bataille de Fromelle

•  Rue de la Basse ville, 59249 Fromelles. Tel. 03 59 61 15 14 , www.musee-bataille-fromelles.fr

Foto: Hilke Maunder

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4 Kommentare

  1. Vor Jahren hatte ich eine Begegnung mit einem sehr gut sprechenden Franzosen in der Nähe von Soulac-sur Mer. Wir hatten eine angeregt Unterhaltung. Als ich ihm erzählte, dass wir gerade vom Strand kämen und dort die Überreste der Deutschen Bunker gesehen hätten und mir diese Hinterlassenschaften sehr peinlich seien, hatte er nur eine Antwort: „das ist Geschichte“. Damit war die Sache für ihn erledigt.

  2. Danke für die bewegenden Anregungen. Ich verbinde meinen Frankreichurlaub immer mehr mit dem Gedenken an das unfassbare Leid und der Freude darüber, dass ich ein Europäer sein darf.

    • Danke, Reiner! Ich bin auch sehr froh darüber, Europäerin zu sein – Nationalstaaten mit Grenzen sind Mist, hat uns jetzt gerade die Corona-Krise gezeigt. Wir brauchen einen richtigen Bundesstaat Europa mit Vielfalt der Regionen.

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