Grégory Vigneau verkörpert bei den Stadtführungen durch Mont-de-Marsan den Baron de Monluc. Foto: Hilke Maunder

Mont-de-Marsan: Zeitreise mit dem Baron

Mont-de-Marsan hütet seine Geheimnisse gut. Ein Mann in Maske und Brokatgewand, versteckte Quellen hinter Plattenbauten, ein Fluss, der nicht nur seinen Namen ändert – und eine Stadt, die plötzlich abends leise atmet, nachdem tagsüber tausende Pendler sie bevölkerten. Wer die Hauptstadt des Département des Landes entdecken will, braucht einen besonderen Schlüssel – oder einen Baron aus dem 16. Jahrhundert als Führer.

Ein kostenloser Großparkplatz am Stadtrand: Welch eine Ouvertüre für einen Stadtrundgang durch Mont-de-Marsan. Doch da hat sich Grégory Vigneau, eben noch ein schlaksiger Franzose, jugendlich und sportlich wirkend, verwandelt. Eine Ledermaske verdeckt große Teile seines Gesichtes, schwer hängt das Brokatgewand am schlanken Körper.

Erschöpft stützt sich Blaise de Montesquiou de Lasseran de Massencome, Baron de Monluc, Maréchal de France, auf seinen Gehstock. Die Verwandlung ist perfekt. Gut zwei Stunden lang führt Grégory, gelernter Schauspieler und autodidaktischer Historiker, als Baron de Monluc durch die bewegte Zeit der Religionskriege in der Hauptstadt des Départements des Landes.

Während der Hugenottenkriege (französische Religionskriege) war Blaise de Monluc, Marschall von Frankreich, als militärischer Führer und königlicher Statthalter ( Lieutenant-Général de la Guyenne ) maßgeblich an den Ereignissen in Südwestfrankreich beteiligt – und hat so im 16. Jahrhundert auch die Geschichte von Mont-de-Marsan entscheidend mitgeprägt. Die Stadt Mont-de-Marsan war im 16. Jahrhundert ein wichtiger Schauplatz der Religionskonflikte, und Monluc spielte eine zentrale Rolle bei der Verteidigung und Verwaltung der Region.

Kaum ist die Gruppe komplett, marschiert Messire de Monluc los. Nicht auf der Straße Richtung Stadt, sondern hin zum Fluss Midou. Im feuchten Ufergras, versteckt im Schutz der Sträucher, unterquert er mit seinem Gefolge den Pont Delamarre und hält erst an den massiven Mauern der ehemaligen Zitadelle, die im Licht des frühen Abends honiggelb leuchten.

Imposant reckt sich der Donjon Lacataye, ein romanischer Wohnturm aus dem 14. Jahrhundert, in den Himmel. Hinter seinen bis zu zwei Meter dicken Mauern zeigt das Musée Despiau-Wlérick heute figurative Skulpturen des 20. Jahrhunderts. Rund 2.400 Werke sind hier zu bewundern, darunter Arbeiten der beiden berühmten lokalen Bildhauer Charles Despiau und Robert Wlérick sowie von etwa hundert weiteren Künstlern.

Die mittelalterlichen Befestigungsanlagen und die Zitadelle von Mont-de-Marsan wurden überwiegend aus regionalem Muschelkalk (Kalkstein) erbaut. Dieser Stein prägt das historische Stadtbild und wurde im 12. und 13. Jahrhundert für den Bau der Stadtmauern, Türme und weiterer Verteidigungsbauten verwendet.

Zu Lebzeiten des Messire de Monluc erstreckte sich rings herum bis zu den Ufern der Douze das feudale Zentrum der Stadt. Heute präsentiert sich die historische Altstadt als ein Architekturmix von Plattenbau und Patina, Beton und Bauerbe.

Letzteres erkennt man oft erst auf den zweiten Blick – wie ein Wohnhaus der Romanik in der Rue Maubec. Hätte Messire de Monluc nicht darauf hingewiesen, wäre man achtlos daran vorbeigeschlendert, wie an den Spuren eines ehemaligen Klosters des Couvent des Cordeliers, von dem nur noch Gebäudeteile, Mauern oder Kapellenreste sichtbar sind.

Dann durchschreitet Messire de Monluc auf dieser Zeitreise das damals noch vorhandene Stadttor Porte Campet und lässt die alte Stadt hinter sich. Er biegt in die Rue de la Tannerie ein, wo er vor einem Plattenbau hält und kurz aufblickt. Vorsichtig steigt er auf einem recht feuchten Weg hinab zu einer mit Tags beschmierten Stätte. Voilà: eine versteckte Quelle am Ufer der Douze, die einst die hier ansässigen Gerber nutzten.

Auf dem Boulevard de Candau erreicht Messire mit seinem Gefolge den Pont des Droits de l’Homme über die Douze – und präsentiert den wohl berühmtesten Anblick von Mont-de-Marsan: den malerischen Zusammenfluss von Midou und Douze zur Midouze.

Der Kai ist mit Kopfsteinen gepflastert und führt hinab zur Cale de l’abreuvoir. Eine cale bezeichnet eine Rampe oder einen Anlegeplatz am Fluss, die früher für das Be- und Entladen von Waren und Tränken von Tieren genutzt wurde. Direkt an der cale befindet sich der bekannteste und größte erhaltene Waschplatz der Stadt. 1870 wurde das lavoir gebaut – als halbe Ellipse mit zehn Arkaden auf steinernen Säulen, entworfen vom Architekten Forignan.

Leicht bergauf geht es zur Place Charles de Gaulle. Mit ihren 2.275 Quadratmetern (65 m lang, 35 m breit) ist sie zwar nicht der größte, aber für mich der schönste Platz von Mont-de-Marsan. Für ihr besonderes Flair sorgen nicht nur historische Bauten wie die Minoterie (heute das Office de Tourisme ), das ehemalige Rathaus und das Stadttheater, sondern auch die öffentlichen Skulpturen.

Die bekannteste Skulptur ist La Plongeuse („Die Springerin“) von Annick Leroy. Sie wurde 2016 im Rahmen eines Skulpturenfestivals aufgestellt und konnte dank eines erfolgreichen Crowdfundings dauerhaft in Mont-de-Marsan bleiben. Neben La Plongeuse gibt es auf dem Platz noch zwei weitere Skulpturen, die sehr sinnlich Frauen zeigen.

Mont-de-Marsan hat eine lange Tradition als Stadt der Skulpturen. Sie veranstaltet regelmäßig Skulpturenfestivals wie die Triennale Mont-de-Marsan Sculptures, bei der alle drei Jahre zeitgenössische und monumentale Werke internationaler Künstler im öffentlichen Raum präsentiert werden. Als „Hauptstadt der Skulptur“ besitzt sie auch einen eigenen Skulpturen-Rundweg ( promenade sculptée ) mit Karten und QR-Codes, der einen zu den wichtigsten Werken im Stadtgebiet führt.

Messire de Monluc ist nun fast am Ende seiner Zeitreise durch die Stadtgeschichte angelangt. Gut zwei Stunden lang ließ er die Vergangenheit aufleben. Wieder in der Gegenwart – und am Parkplatz – angekommen, fällt allen auf einmal auf, wie ruhig Mont-de-Marsan jetzt am Abend ist. Die Pendler haben die Stadt verlassen. Still liegen die Gassen, Straßen und Plätze. Die Zeit scheint aufgehoben. Gut zwei Stunden lang waren gestern und heute verschmolzen.

31.455 Einwohner leben in Mont-de-Marsan – doch tagsüber verdoppelt sich fast die Bevölkerungszahl. Fast 20.000 Arbeitnehmer pendeln vom Land in die Stadt zur Arbeit. Wichtigster und größter Arbeitgeber der Stadt ist mit mehr als 3.500 Beschäftigten der Luftwaffenstützpunkt Base aérienne 118 Colonel Rozanoff. Der Militärflughafen liegt etwa zwei Kilometer nördlich von Mont-de-Marsan und ist neben Saint-Dizier als Einsatz- und Testzentrum für das modernste französische Kampfflugzeug, die Dassault Rafale, der wichtigste Rafale-Stützpunkt Frankreichs.

Die Basis beherbergt zwei operative Staffeln mit Rafale-Jets: die RC 2/30 Normandie-Niemen und die EC 3/30 Lorraine. Zusätzlich gibt es eine Teststaffel ( ECE 1/30 Côte d’Argent ), die sowohl mit Rafale als auch mit Mirage 2000 operiert und eng mit dem militärischen Flugversuchszentrum Centre d’Expériences Aériennes Militaires ( CEAM ) verbunden ist. Die Rafale ist das fortschrittlichste Mehrzweckkampfflugzeug der französischen Luftwaffe und kann als Abfangjäger, Jagdbomber und Aufklärer eingesetzt werden.

Als grüne Lunge und Übergang zwischen Stadt und Umland fungiert der Parc Naturel Urbain du Marsan (PNU). Er steht für ein umfassendes städtisches Natur- und Grünflächenkonzept, das zum Ziel hat, das natürliche, architektonische und historische Erbe der Stadt zu bewahren und aufzuwerten. Der PNU gleicht einem Puzzle aus fünf Stätten mit jeweils ganz eigenem Gepräge.

Das Airial landais und die Étangs des Neuf Fontaines bei Bostens bewahren typische historische Landschaftsformen der Landes: eine Lichtung im Wald mit einem historischen Hof, umgeben von Wald, Auen und kleinen Teichen. Ein veritabler See ist der Étang de Massy von Gaillères, wo ihr eine reiche Vogelwelt beobachten könnt – und Angler auf einen guten Fang hoffen.

Ebenfalls zu den zentralen Orten des PNU gehören der Site historique paysager de Castets (Bougue) und die Berges de la Midouze (Mont-de-Marsan) am Ufer der Midouze im Herzen der Stadt. Ein beliebtes Ausflugsziel im PNU ist auch der Site de Limac (Laglorieuse), wo Schafe weiden, Bienenstöcke im Gras stehen und Schulklassen aus der Stadt hautnah eintauchen in die faszinierende Vielfalt der Natur vor ihrer Haustür.

Mont-de-Marsan: meine Reisetipps

Hinkommen

Erleben

Epok’Tour

Rund zweistündige Stadtführungen mit Schauspieler Grégoriy Vigneau im historischen Gewand und Habitus des Baron de Monluc.
• https://epoktour.fr/visite/mont-de-marsan-renaissance

Schlemmen und genießen

Mont-de-Marsan ist eine Stadt der Pendler. Daher sind zahlreiche Restaurants oft nur mittags geöffnet.

Velours

Einzig Getränke ohne Alkohol gibt es bei diesem Keller – mit mehr als 250 Sorten an Wein, Bier und Spirituosen ohne Promille.
• 38, rue Frédéric Bastiat, 40000 Mont-de-Marsan, Tel. mobil 06 12 95 87 92, auf Instagram zu finden

Bistrot de Marcel

Das Bistrot de Marcel überzeugt mit klassischer französischer Bistroküche, einer gemütlichen Einrichtung und einer herzlichen Gastfreundschaft. Die Speisekarte ist abwechslungsreich, die Lage gut – und dieses Bistro bei Einheimischen und Besuchern so beliebt, dass ihr unbedingt reservieren solltet.
• 1, rue du Pont du Commerce, 40000 Mont-de-Marsan, Tel. 05 58 75 09 71, www.lebistrotdemarcel.fr

Green Oak Pub

Die urige Kneipe verbindet irische Pub-Atmosphäre mit französischer Bistro-Küche. Besonders beliebt sind die hausgemachten Burger, Tapas-Platten und die große Auswahl an Bieren und Cocktails. Wunderschön bei schönem Wetter: die große Terrasse mit Blick auf den Fluss. Live-Musik, Blind-Tests und eine lebendige Stimmung machen den Pub auch abends zum Treffpunkt. Für Vegetarier gibt es allerdings nur wenige Optionen.
• 39, place Joseph Pancaut, 40000 Mont-de-Marsan, Tel. 05 33 09 30 00, www.ogreenoak.fr

La Parenthèse du Moun

Küchenchef Kevin Govaerts wurde mit dem Titel Maître Restaurateur ausgezeichnet, was für handwerklich hochwertige, hausgemachte Küche mit frischen, regionalen Produkten steht. Govaerts legt großen Wert auf eine reduzierte, saisonale Karte mit Klassikern wie Entrecôte, gegrilltem Entenbrustfilet (Magret de Canard), Lachs von der Plancha und vegetarischen Gerichten. Die Speisekarte bietet täglich wechselnde Vorschläge und eine Formule du jour. Kevin Govaerts steht für eine moderne, regionale Küche mit Fokus auf Frische, Saisonalität und Gastlichkeit – und hat La Parenthèse du Moun seit ihrer Eröffnung 2017 zu einer der beliebtesten Adressen der Stadt gemacht.
• 36, rue Frédéric Bastat, 40000 Mont-de-Marsan, Tel. 05 38 75 11 80, www.laparenthesedumoun.fr

Villa Mirasol

In dieser Belle-Époque-Villa am Flussufer findet ihr heute ein elegantes 4-Sterne-Hotel mit zwei renommierten Restaurants : das mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten La Table Mirasol (seit 2023) und das Bistrot 1912, das seit 2022 den Bib Gourmand trägt.

Küchenchef der Villa Mirasol ist Philippe Lagraula. Er stammt aus Dax, rund 50 Kilometer südwestlich von Mont-de-Marsan, und hat in seiner Karriere bei Spitzenköchen wie Michel Troisgros, Michel Bras und Nicolas Le Bec gearbeitet. Bereits mit 24 Jahren erhielt er seinen ersten Michelin-Stern für sein eigenes Restaurant in Dax.

Nach Stationen in Bordeaux und Reisen durch Lateinamerika prägt er seit 2021 die kulinarische Handschrift der Villa Mirasol. Seine Küche ist modern, kreativ und verbindet die Produkte des Südwestens mit internationalen Einflüssen, insbesondere aus Südamerika – inspiriert auch durch seine peruanische Ehefrau.

La Table Mirasol bietet eine feine, saisonale Küche mit regionalen Zutaten und innovativen Kombinationen. Das Restaurant ist für seine intime Atmosphäre (nur etwa 20 Plätze) und seinen exzellenten Service bekannt. Das Bistrot 1912 überzeugt mit kreativer Bistroküche in entspannter Umgebung, oft mit Blick in den botanischen Garten oder auf die Flüsse von Mont-de-Marsan.
• 2, boulevard Ferdinand de Candau, 40000 Mont-de-Marsan, Tel. 05 58 44 14 14, www.villamirasol.fr

Hier könnt ihr schlafen

La Maison Florence

Florence Cail stammt ursprünglich aus dem Elsass, wo sie als Mathematiklehrerin arbeitete. Nach ihrem Umzug nach Mont-de-Marsan hat sie sich der Pâtisserie verschrieben – und neben der Backstube ein charmant nostalgisches chambres d’hôtes eröffnet, das mit vier Zimmern, Salon und großer Gartenterrasse samt Pool und einem sehr persönlichen Service, der weit über das Übliche hinausgeht, eine Oase des Wohlfühlens in fußläufiger Nähe zur Innenstadt bildet.

Abends servieren Florence und ihr Mann Olivier eine table d’hôte mit regionalen, hausgemachten Speisen in geselliger Runde am großen Tisch. Genauso liebevoll bereiten sie auch das Frühstück zu, bei dem selbstgemachte Konfitüre (zum Beispiel Zucchini-Zitrone) zu frisch gebackenen Croissants auf den Tisch kommt.
• 49, avenue Georges Clemenceau, 40000 Mont-de-Marsan, Tel. mobil 06 83 06 05 03, https://lamaisonflorence.fr

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Le bonheur heißt Glück auf Französisch, und das gibt es im Südwesten von Frankreich fast an jeder Ecke.

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