Die „Ketzer“ von Montaillou

Montaillou, Dorfeingang. Foto: Hilke Maunder
Montaillou ist ein okzitanisches Dorf, informiert am Ortseingang dieses Schild. Foto: Hilke Maunder

Es ist Frühling in Montaillou. Grau, kalt und nass wie in jedem Jahr. Der Nebel wabert um die Wälder. Die meisten der 17 Einwohner hocken auf einer Bank neben der Kirche. Autoscooter, Geisterbahn und ein Marktwagen mit Zuckerwatte, gebrannten Mandeln, Waffeln und Schaumgebäck stehen uf einem sandigen Platz. Das Wetter lässt Kirmes verwaisen.

Doch Nena stört das nicht. Laut dröhnt ihre Stimme aus dem aufgehängten Lautsprecher und schwängert mit „99 Luftballons“ die feucht-frische Luft. Pfützen haben sich gebildet. Und hier und da tropft es immer noch vom Himmel. Im hohen Norden genießt meine Tochter Sonnenwetter und Frühlingsgefühle. Ich ziehe eine Regenjacke über den dicken Pulli und stapfe los.

Montaillou: die Landschaft ringsum. Foto: Hilke Maunder
Weit, ursprünglich und einsam: das Pays de Sault. Foto: Hilke Maunder

Denn die Landschaft hat etwas Magisches. Es dampft, gluckert und riecht. Wild und weit. Nichts erinnert hier an das Frankreich der Bildbände, an die Postkarten der Pyrenäen.

Und doch bin ich mittendrin: In einem okzitanischen Dorf am Hers, der 20 Kilometer südwestlich bei Ax-les-Thermes in die Ariège mündet. Auf 1280 Meter Höhe liegt das Bergdorf. Schimmel grasten auf weiten Weiden. Junge Gerste lugte aus den Ackerfurchen. In der Ferne weckte ein Holzbau, neu errichtet als gîte (Ferienhaus), Erinnerungen an Skandinavien.

Montaillou: die Landschaft ringsum. Foto: Hilke Maunder
Ein Hauch von Kanada oder Norwegen liegt über dem Hochtal von Montaillou. Foto: Hilke Maunder

Die kleine Dorfkirche Notre Dame de Carnesses erbauten die Dörfler im 10. Jahrhundert im Stil der Romanik aus grobem Stein der Region. Dort soll eine Schäferin Maria gesehen haben. Als Beweis für ihre Wahrhaftigkeit ihrer Vision findet ihr in der Kapelle den Fußabdruck der Heiligen.

In dem kleinen Gotteshaus wurde mit Mengarde Clergue auch eine der letzten strenggläubigen Katharerinnen von ihrem Sohn, dem Pfarrer Pierre Clergue, beerdigt.

Montaillou, das Sabarthès im Hochtal der Ariège und andere abgelegenen Ecken im Süden von Foix waren die letzten Rückzugsorte der „reinen Menschen“, die anderenorts schon längst als Ketzer verbrannt worden war.

Montaillou: die Landschaft ringsum. Foto: Hilke Maunder
Montaillou: die Landschaft ringsum. Foto: Hilke Maunder

1325 reiste Bischof Jacques Fournier aus Pamiers in die Region. Die Inquisition hatte Montaillou erreicht. Akribisch führte der spätere Papst Benedikt XII. Protokoll. 578 Vernehmungen und 160 Zeugenaussagen hielt er fest: eine einzigartige Quelle zum Alltag der Menschen im Mittelalter auf einem Dorf.

Zitiert wird darin auch Arnaud Sicre, der für die Inquisition als Spitzel arbeitete und die Gesellschaft seiner Nachbarn beobachtete.

Ich ging an die Ecke des Hauses, das sich in der Nähe der Haustür befand. Und ich hob für meinen Kopf ein Stück vom Dach dieses Hauses. Ich habe jedoch sehr darauf geachtet, die Dachdeckung nicht zu beschädigen. Dann sah ich (in der Küche) zwei Männer auf einer Bank sitzen. Sie standen vor dem Feuer und drehten sich von mir ab. Sie hatten Kappen auf dem Kopf und ich konnte sie von vorne nicht sehen.

Montaillou: Hinweis auf Haus - Skifahren im Ort untersagt. Foto: Hilke Maunder
Skifahren und Rodeln sind im Dorf untersagt. Foto: Hilke Maunder

1966 arbeitete Emmanuel Le Roy Ladurie diese Quellen zu einem Lebensbild des Ortes aus und promovierte damit an der Pariser Uni. 1975 veröffentliche der französische Verlag Gallimard die Dissertation.

Sein Werk Montaillou, village occitan de 1294 à 1324* wurde ein Welterfolg – und in viele Sprachen übersetzt. Als Montaillou: Ein Dorf vor dem Inquisitor 1294 bis 1324* brachten es die der Ullstein-Verlag und die Büchergilde Gutenberg Frankfurt am Main auch auf Deutsch heraus.

Bis heute hallt das Werk des französischen Historikers nach. Im Jahr 2000 trafen sich Historiker aus aller Welt zu einem Kolloquium. Archäologische Ausgrabungen ergänzen seitdem immer wieder das schriftliche Sittenbild aus jener Zeit um viele weitere Aspekte.

Montaillou: die Burgruine Foto: Hilke Maunder
Montaillou: die Burgruine Foto: Hilke Maunder

Dabei kam auch heraus, dass Montaillou einst höher, näher an der Burg gelegen war. Die Ruine, ein eindrucksvoller Turmstumpf mit ein paar Resten der Fundamente, befindet sich heute malerisch eingebettet in wilder Bergnatur. Ich setze mich ins nasse Gras und atme tief den Geruch der Kräuter und Wildblumen ein. Glück.

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Montaillou: die Landschaft ringsum. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

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Weiterlesen

Die Katharer und die Inquisition

Le Registre d’Inquisition de Jacques Fournier*, Évêque de Pamiers (1318–1325), Toulouse 1965, 3 Bände

Les Paysans de Languedoc*, Dissertation, SEVPEN, Paris 1966.

Montaillou, village occitan de 1294 à 1324*, Gallimard, Paris 1975.

Der Reiseführer: Midi-Pyrénées*

Annette Meiser, Midi-Pyrenees_Reiseführer

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Ihre Expertise hat sie auf 432 Seiten zwischen die Buchdeckel eines Reiseführers gepackt. Ihr erstes Buch stellt eine Ecke Frankreichs ausführlich vor, die in klassischen Südfrankreich-Führern stets zu kurz kommt.

Für mich ist es der beste Reiseführer auf Deutsch für alle, die individuell unterwegs sind – sehr gut gefallen mir die eingestreuten, oftmals überraschenden oder kaum bekannte Infos. Wie zum einzigen Dorf Frankreichs, das sich in zwei Départements befindet: Saint-Santin liegt genau auf der Grenze von Aveyron und Cantal.Wer mag, kann den Band hier* direkt online bestellen.

Okzitanien abseits GeheimtippsOkzitanien: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Okzitanien ist die Quintessenz des Südens Frankreichs. Es beginnt in den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre Kultur, Sprache und Küche pflegt.

Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte. Acht Welterbestätten birgt die zweitgrößte Region Frankreichs, 40 grands sites – und unzählige Highlights, die abseits liegen. 50 dieser Juwelen enthält dieser Band. Abseits in Okzitanien: Bienvenue im Paradies für Entdecker!  Hier* gibt es euren Begleiter.

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Gemeinsam mit meinem geschätzten Kollegen Klaus Simon stelle ich in diesem Band 60 Orte in Frankreich vor, die echte Perlen abseits des touristischen Mainstreams sind. Le Malzieu in der Lozère, Langogne im Massif Central, aber auch Dax, das den meisten wohl nur als Kurort bekannt ist.

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