Die „Ketzer“ von Montaillou

Montaillou, Dorfeingang. Foto: Hilke Maunder

Es war Pfingsten in Montaillou. Grau, kalt und nass. Der Nebel waberte um die Wälder. Die meisten der 17 Einwohner hockten auf einer Bank neben der Kirche. Autoscooter, Geisterbahn und ein Marktwagen mit Zuckerwatte, gebrannten Mandeln, Waffeln und Schaumgebäck standen auf einem sandigen Platz.

Aus dem Lautsprecher dröhnte Nena und schwängerte mit „99 Luftballons“ die feucht-frische Luft. Pfützen hatten sich gebildet. Und hier und da tropfte es immer noch vom Himmel.

An der Küste hatten sich die ersten Badegäste im Bikini auf den Strand gelegt. Wir zogen die Regenjacken an und stampften los.

Denn die Landschaft hatte etwas Magisches. Es dampfte, gluckerte und roch. Wild und weit. Nichts erinnerte hier an das Frankreich der Bildbände, an die Postkarten der Pyrenäen.

Und doch waren wir mittendrin: In einem okzitanischen Dorf am Hers, der 20 km südwestlich bei Ax-les-Thermes in die Ariège mündet.

1280 m liegt das Bergdorf. Schimmel grasten auf weiten Weiten. Junge Gerste lugte aus den Ackerfurchen. In der Ferne weckte ein Holzbau, neu errichtet als Gîte (Ferienhaus), Erinnerungen an Skandinavien.

Die kleine Dorfkirche Notre Dame de Carnesses erbauten die Dörfler im 10. Jahrhundert im Stil der Romanik aus grobem Stein der Region. Dort soll eine Schäferin Maria gesehen haben – als Beweis für ihre Wahrhaftigkeit ihrer Vision findet ihr in der Kapelle den Fußabdruck der Heiligen.

In dem kleinen Gotteshaus wurde mit Mengarde Clergue auch eine der letzten strenggläubigen Katharerinnen von ihrem Sohn, dem Pfarrer Pierre Clergue, beerdigt.

Montaillou, das Sabartès und andere, schwer zugängliche Bergregionen im Süden von Foix, gehörten im 14. Jahrhundert zu den letzten Rückzugsorten der „reinen Menschen“, die anderenorts schon längst als Ketzer verbrannt worden war.

1325 reiste Bischof Jacques Fournier aus Pamiers in die Region. Die Inquisition hatte Montaillou erreicht. Akribisch führte der spätere Papst Benedikt XII. Protokoll. 578 Vernehmungen und 160 Zeugenaussagen hielt er fest: eine einzigartige Quelle zum Alltag der Menschen im Mittelalter auf einem Dorf.

Zitiert wird darin auch Arnaud Sicre, der für die Inquisition als Spitzel arbeitete und die Gesellschaft seiner Nachbarn beobachtete.

Ich ging an die Ecke des Hauses, das sich in der Nähe der Haustür befand. Und ich hob für meinen Kopf ein Stück vom Dach dieses Hauses. Ich habe jedoch sehr darauf geachtet, die Dachdeckung nicht zu beschädigen. Dann sah ich (in der Küche) zwei Männer auf einer Bank sitzen. Sie standen vor dem Feuer und drehten sich von mir ab. Sie hatten Kappen auf dem Kopf und ich konnte sie von vorne nicht sehen.

1966 arbeitete Emmanuel Le Roy Ladurie diese Quellen zu einem Lebensbild des Ortes aus und promovierte damit an der Pariser Uni. 1975 veröffentliche der französische Verlag Gallimard die Dissertation.

Montaillou, village occitan de 1294 à 1324* wurde ein Welterfolg – und in viele Sprachen übersetzt. Als Montaillou: Ein Dorf vor dem Inquisitor 1294 bis 1324* brachten es die der Ullstein-Verlag und die Büchergilde Gutenberg Frankfurt am Main auch auf Deutsch heraus.

Bis heute hallt das Werk des französischen Historiker nach. Im Jahr 2000 trafen sich Historiker aus aller Welt zu einem Kolloquium, und bis heute ergänzen die archäologischen Ausgrabungen das schriftliche Sittenbild aus jener Zeit  um viele Aspekte.

Dabei kam auch heraus, dass Montaillou einst höher, näher an der Burg gelegen war. Die Ruine, ein eindrucksvoller Turmstumpf mit ein paar Resten der Fundamente, liegt heute eingebettet in wilder Bergnatur. Wir setzen uns ins nasse Gras und atmen tief den Gras der Kräuter und Wildblumen ein. Glück.

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Die Katharer und die Inquisition

Le Registre d’Inquisition de Jacques Fournier*, Évêque de Pamiers (1318–1325), Toulouse 1965, 3 Bände

Les Paysans de Languedoc*, Dissertation, SEVPEN, Paris 1966.

Montaillou, village occitan de 1294 à 1324*, Gallimard, Paris 1975.

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