Montargis: das Venedig des Gâtinais

Am Canal de Briare in Montargis. Foto: Hilke Maunder
Am Canal de Briare in Montargis. Foto: Hilke Maunder

131 Brücken und Stege: So viele Übergänge führen in Montargis über die Arme des Loing, seine Zuflüsse Puiseaux und Vernisson und mehrere Kanäle. Sie machen die Kleinstadt (15.000 Einw.) zum Venedig des Gâtinais.

Das Gâtinais ist eine Hochebene in Zentralfrankreich. Loire, Yonne, Seine und Essonne begrenzen sie. Der Loing teilt das Plateau in das Gâtinais français im Osten und das Gâtinais orléanais im Westen.

Im quartier de la pêcherie von Montargis. Foto: Hilke Maunder
Im quartier de la pêcherie von Montargis. Foto: Hilke Maunder

Hauptstadt des westlichen Gâtinais

Seine historische Hauptstadt war Château-Landon. Nach der Aufteilung in Provinzen stiegen Montargis für den Westen und Nemours für den Osten als Hauptstädte auf.

Am Quai du Pâtis des Canal de Briare sind Hausboote vertäut. MS Horizon 2 legt dort während der Saison zu einer Kanalfahrt bis nach Briare ab – mit maximal acht Gästen an Bord eine sehr intime Kreuzfahrt.

Auch das Restaurantschiff La Venise ist am Kai vertäut. Foto: Hilke Maunder
Auch das Restaurantschiff La Venise ist am Kai vertäut. Foto: Hilke Maunder

Vom Schloss zum Steinbruch

Auf einem Hügel hoch über dem Vernisson erzählt das Château de Montargis seine wechselhafte Geschichte. Königliche Festung, Industriestandort und Steinbruch erlebte das Schloss Montargis in seinen mehr als 900 Jahren.

Das <em>Château de Montargis</em>. Foto: Hilke Maunder
Das Château de Montargis. Foto: Hilke Maunder

Heute eröffnen sich von dort oben herrliche Panoramablicke auf Montargis. Aus dem Gewirr der Dächer ragt die Spitze der Église Sainte-Madeleine heraus.

Der Turm der <em>Église Sainte-Madeleine</em>. Foto: Hilke Maunder
Der Turm der Église Sainte-Madeleine. Foto: Hilke Maunder

Fenster erzählen Geschichten

Ihr schönster Schmuck sind die Buntglasfenster, die ein Glasmacher namens Lobin aus Tours in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schuf.

Die <em>Église Sainte-Madeleine</em>. Foto: Hilke Maunder
Die Église Sainte-Madeleine. Foto: Hilke Maunder

Neben biblischen Themen spiegeln sie auch die Lokalgeschichte. Neben Wappen großer Familien, die Geld für den Bau des Gotteshauses gestiftet haben, berichten die Fenster auchvon historischen Ereignisse, die sich in der Region um Montargis ereignet haben.

Im Sommer schmücken Blüten die Altstadtstraßen. Foto: Hilke Maunder
Im Sommer schmücken Blüten die Altstadtstraßen. Foto: Hilke Maunder

Der Hund von Montargis

Auch der Hund von Montargis ist dort zu sehen. Im Jahr 1371 hatte der Jagdhund hautnah miterlebt, wie sein Herr Aubry de Montdidier von seinem Rivalen Robert de Macaire im Wald bei Bondy ermordet wurde. Bei der Gegenüberstellung erkannte der Hund den Täter und sprang an ihm hoch.

Eine der vielen Passagen über den <em>Canal de Briare</em>. Foto: Hilke Maunder
Eine der vielen Passagen über den Canal de Briare. Foto: Hilke Maunder

König Karl V. ließ daraufhin ein Gottesurteil herbeiführen und ließ den Angeklagten mit dem Hund kämpfen. Der Mörder unterlag und wurde verhaftet.

Der Hund ist seitdem eine Berühmtheit. 1814  inspirierte die Legende den Pariser Dichter und Theaterregisseur René Charles Guilbert de Pixérécourt zu einem der erfolgreichsten Melodramen des 19. Jahrhunderts.

Am <em>Canal de Briare</em>. Foto: Hilke Maunder
Am Canal de Briare. Foto: Hilke Maunder

Goethes Niederlage

Bereits ein Jahr spät kam das Ritterspiel in der deutschen Übersetzung von Ignaz Franz Castelli zur Musik von Ignaz von Seyfried an den Königlichen Schauspielen Berlin auf die Bühne. Begeistert hoben Theater in ganz Europa das Stück auf den Spielplan.

Die Schauspielerin Karoline Jagemann holte das Melodrama nach Weimar. 1817 wurde es am dortigen Hoftheater für Großherzog Carl August gegeben, der ein großer Hundefreund war.

Hingucker in Blau-Weiß: der Skulpturenschmuck in einem Garten am <em>Canal de Briare</em>. Foto: Hilke Maunder
Hingucker in Blau-Weiß: der Skulpturenschmuck in einem Garten am Canal de Briare. Foto: Hilke Maunder

Tierisch legendär

Als Johann Wolfgang Goethe von der geplanten Aufführung erfuhr, war er entsetzt, leistete Widerstand und forderte, das Schauspiel nicht zu zeigen. Goethe unterlag – und bat daraufhin um Entlassung vom Hoftheater.

Das <em>Musée Girodet</em>. Foto: Hilke Maunder
Das Musée Girodet. Foto: Hilke Maunder

Andere Künstler inspirierten mit Persiflagen und Parodien. Doch auch dies konnte den Erfolg des „Hundes von Montargis“ nicht mindern.

In Montargis begegnet ihr ihm auch in der Salle de Fêtes und auf dem Vorplatz des Musée Girodet. Drinnen präsentiert das städtische Kunstmuseum französische, italienische und flämische Maler.

Schmuckstück aus vergangenen Zeit: der XXX im Garten des <em>Musée Girodet</em>. Foto: Hilke Maunder
Schmuckstück aus vergangenen Zeit im Garten des Musée Girodet. Foto: Hilke Maunder

Frankreichs früher Romantiker

Der Name der Kunstsammlung erinnert an Anne-Louis Girodet-Trioson (1767-1824). Der berühmteste Sohn der Stadt hatte 1784 Zeichenunterricht bei dem angesehenen Historienmaler Jacques-Louis David, in dessen Atelier er 17-jährig als Schüler anfing.

Typisch für seinen Stil wurde die starke Betonung der Licht- und Schattenverhältnisse, das Chiaroscuro. Verbunden mit der Sinnlichkeit vieler seiner Gemälde und ihrer Mystik gilt Anne-Louis Girodet-Trioson in Frankreich als einer der ersten Maler der Romantik

Deng Xiaoping & Montargis

Das <em>Musée de l'amitié franco-chinoise</em> von Montargis. Foto: Hilke Maunder
Das Musée historique de l’amitié franco-chinoisevon Montargis. Foto: Hilke Maunder

In der Rue Raymond-Tellier erzählt das Musée historique de l’amitié franco-chinoise die Geschichte chinesischer Studenten, die im Département Loiret das kommunistische Gedankengut kennenlernten. Diese jungen Leute, die in den 1920er-Jahren zum Studieren und Arbeiten nach Frankreich geschickt worden waren, lernten dort die Theorien von Karl Marx kennen.

Zurück in ihrer Heimat wurden einige von ihnen zu berühmten Revolutionären und beteiligten sich an der Gründung der späteren Volksrepublik China. Unter ihnen war auch ein gewisser Deng Xiaoping, der von 1978 bis 1992 die Nummer eins der Kommunistischen Partei Chinas und später die Nummer eins der Volksrepublik China war.

Viele dieser Revolutionäre stammten aus der Provinz Hunan, die eine Million Euro in das einzigartige Museum von Montargis investierte. Im August 2016 wurde es in Anwesenheit des chinesischen Botschafters in Paris eröffnet.

Kunst statt Industrie

Direkt am Kanal: das <em>Musée du Gâtinais</em>. Foto: Hilke Maunder
Direkt am Kanal: das Musée du Gâtinais. Foto: Hilke Maunder

Der einstige Industriestandort Les Tanneries  zeigt heute aktuelles Kunstschaffen. Ihr könnt es in drei Ausstellungsräumen und einem großen, von Bäumen gesäumten Park bewundern, den zwei Arme des Loing umfließen.

Tiefer in die Geschichte von Stadt und Region seit der Prähistorie entführt das Musée du Gâtiniais.

Drehkreuz der Binnenschiffer

Es macht Freude, sich einfach treiben zu lassen in Montargis. Alte Fassaden spiegeln sich in den Fluten, Blumen schmücken die Brücken und Balkons. Platanen säumen die Ufer des Loing und der Kanäle.

In den Fluten des <em>Canal de Briare</em> spiegeln sich die alten Fassaden von Montargis. Foto: Hilke Maunder
In den Fluten des Canal de Briare spiegeln sich die alten Fassaden von Montargis. Foto: Hilke Maunder

Heinrich IV. ließ in den Jahren 1604 bis 1642 den Canal de Briare erbauen. Der Canal du Loing entstand ein Jahrhundert später und bindet seitdem Montargis an die Seine an.

Am Loing. Links säumt die Salle de Fête, rechts die Mediathek seine Ufer. Foto: Hilke Maunder
Am Loing. Links säumt die Salle des Fêtes, rechts die Mediathek seine Ufer. Foto: Hilke Maunder

Wandern und Radeln am Wasser

Ganz in der Nähe von Montargis stellte einst der Canal d’Orléans die Verbindung zu Loire her. Heute ist jener Kanal nicht mehr schiffbar.

Markierte Wanderwege säumen die Ufer der Kanäle und Flusse in Montargis. Foto: Hilke Maunder
Markierte Wanderwege säumen die Ufer der Kanäle und Flusse in Montargis. Foto: Hilke Maunder

Wanderweg säumen die Ufer der Wasserstraßen. Sie führen auch hin zum Lac des Cloisiers, die der Loing gebildet hat. Er ist eine Oase für Aktive, blau und grün zugleich. Im Herzen der Stadt erstreckt sich ein Park, der herrlich nostalgisch ist: die Jardins du Pâtis mit Musikpavillon und uralten Baumveteranen.

In der Blickachse: die <em>Salle de Fête</em> von Montargis. Foto: Hilke Maunder
In der Blickachse: die Salle des Fêtes von Montargis. Foto: Hilke Maunder
Der Musikpavillon in den <em>Jardins des Pâtis</em>. Foto: Hilke Maunder
Der Musikpavillon in den Jardins du Pâtis. Foto: Hilke Maunder

Montargis hat mich überrascht. Wie oft schon war ich an der Nationalstraße N 7 dort vorbeigerauscht und hatte mit leichtem Entsetzen auf die Plattenbauten direkt an der viel befahrenen Straße geblickt. Nie hätte ich geahnt, welch ein Idyll die Stadt im Herzen birgt, die seit 1968 mit Greven verschwistert ist.

Der Partnerstadt gewidmet: die <em>place de Greven</em>. Foto: Hilke Maunder
Der Partnerstadt gewidmet: die place de Greven. Foto: Hilke Maunder

Montargis: meine Reisetipps

Ansehen und entdecken

Le Circuit des Ponts

17 Brücken und Passagen verbindet dieser markierte Stadtrundgang. Hier gibt es das Faltblatt dazu.

Schlemmen und genießen

Maison de la Prasline Mazet

Die 1636 in Montargis gegründete Maison de la Pralisne Mazet ist eine Luxus-Konditorei, die landesweit berühmt wurde mit ihren Pralisnes Mazet, die nach Karamell und gerösteten Mandeln schmecken.
• 43 Rue du Général Leclerc, 45200 Montargis, Tel. 02 38 98 63 55, www.mazetconfiseur.com

Mazet - die beste Adresse in Montargis für feinste Makronen und anderes edle Naschereien. Foto: Hilke Maunder
Mazet – die beste Adresse in Montargis für feinste Schokoladen, hausgemachte macarons und anderes edle Naschereien. Foto: Hilke Maunder

Hier könnt ihr schlafen*
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Der Chinese von Montargis ist eine Bronzestatue am Ufer des Pâtis ist ein Werk des zeitgenössischen chinesischen Bildhauers Li Xiacchao, genannt Le Maître. Foto: Hilke Maunder
Der Chinese von Montargis ist eine Bronzestatue am Ufer des Pâtis ist ein Werk des zeitgenössischen chinesischen Bildhauers Li Xiacchao, genannt Le Maître. Foto: Hilke Maunder

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