Morvan entdecken: Landpartie im Naturpark
Im Herzen Burgunds versteckt sich einer der größten regionalen Naturparks Frankreich: der Morvan. Sanfte Hügel, alte Wälder und weite Wiesen mit wilden Orchideen laden ein, beim Wandern, Reiten oder Radfahren, tief einzutauchen in die Stille und Weite der Natur.
Der Morvan, ein uraltes Massiv, zerfurcht, ursprünglich und bis heute ärmer als die umliegenden Gebiete, erstreckt sich am Schnittpunkt von vier burgundischen Départements – Nièvre, Saône-et-Loire, Yonne und Côte-d’Or – Schwarzer Berg bedeutet auf Keltisch sein Name mor van, und das beschreibt ziemlich zutreffend den Anblick dieses niedrigen, dünn besiedelten Bergmassivs, das sich zwischen Quarré-les-Tombes und Saint-Léger-sous-Beuvray erstreckt, zirka 70 Kilometer lang und rund 40 Kilometer breit. Ganz im Süden liegt sein wildester Teil, der Haut-Morvan.

Im Zweiten Weltkrieg war der Morvan eine Hochburg der Résistance. Das Musée de la Résistance in Saint-Brisson erzählt davon. Seit 1970 ist der Morvan als regionaler Naturpark eine Hochburg für sanfte Naturaktivitäten vom Angeln über Mountainbiking, Reiten, Kanufahren bis hin zur Tierbeobachtung.
„Berg der Pariser“ wird der Morvan gerne genannt. Auf seinem höchsten Punkt, dem 901 Meter hohen Haut-Folin, ist noch ein alter Skilift zu sehen, den der französische Alpenverein in den Zeiten vor der globalen Erwärmung installiert hat, als sich noch jeden Winter eine üppige Schneeschicht über das Massiv legte. Aber noch immer kommen fast alle französischen Weihnachtsbäume aus den Wäldern des Morvan.
Der grüne Morvan

Wer das Massiv zu Fuß, hoch zu Ross, mit dem Rad oder mit einem anderen Gefährt erkundet, merkt schnell: Der 281.400 Hektar große Naturpark hat viele Gesichter. Nähert man sich ihm von Vézelay, Autun oder Saulieu kommt, zeigt sich der Morvan als dunkler, tiefer Wald.
Dichte Buchenwälder und Eichenhochwälder, in die sich Bergahorn, Kastanien, Birken, Hainbuchen, Douglasien und Fichten eingeschlichen haben, bedecken dieses alte, von der Erosion zerklüftete Massiv. Im Herbst inszeniert es sich als Klein-Knanada und inszeniert einen Indian Summer à la française: Die Nadelbäume behalten ihr dunkelgrünes Kleid, die mehrhundertjährigen Buchen färben sich leuchtend gelb und die amerikanischen Roteichen glühen von orange bis rostbraun.

Der blaue Morvan
Der blaue Morvan ist das Land der Flüsse und Seen, der Biber und Fischotter. Auch Flusskrebse, speziell die invasiven Kamberkrebse, haben im Naturpark ihreHeimat. In den Seen tummeln sich Karpfen, Zander, Hecht, Barsch, Schleie und Rotaugen. Bachforellen bevölkern die Romanée, den Trinquelin, die Cure, den Chalaux und die Yonne und lassen Fliegenfischer träumen. Ihre Fluten versorgen Frankreichs Hauptstadt mit Wasser, denn alle Flüsse des Morvan bewässern das Pariser Becken. So liegt Paris eigentlich an der Yonne, sagen die Einheimischen. Und nicht an der Seine.
Denn unter Geografen gilt stets diese Regel: Wenn zwei Flüsse zusammenfließen, mündet mündet immer der langsamere in den schnelleren – und so die langsame Seine in die schnellere Yonne. Der Cure und der Yonne ist es auch zu verdanken, dass Paris vom Mittelalter bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts geheizt werden konnte. Die Holzflößer schickten damals ihre Stämme aus dem Morvan auf dem Wasserweg bis nach Clamecy und Vermenton, wo sie zu einem Floß zusammengebaut und über die Yonne und die Seine bis in die Hauptstadt verschifft wurden.

Die klaren Gewässer des Morvan ziehen nicht nur Angler in ihren Bann. Nach der Schneeschmelze im Frühjahr und ergiebigen Regenfällen verwandeln sich die klaren Wasser des Morvan in wilde Fluten, und Kanuten kämpfen sich durch den tosenden Chalaux. Auf der Cure wurde dafür inmitten von Wäldern und Granitfelsen ein 22 Kilometer langer Paddelparcours angelegt.
Fünf Kilometer von Saint-Brisson entfernt stürzt sich der Gouloux in eine uralte Spalte und bildet einen zehn Meter hohen Wasserfall. Hier sind die beiden Gesichter des Morvan vereint: auf der einen Seite ein tiefer Wald, voller Nadel- und Laubbäume mit moosigen Stämmen, auf der anderen Seite ein tosender Fluss. Neben dem Wasserfall weisen Granitmauern auf zwei einstige Standorte von Mühlen hin – die eine mahlte das Korn zu Mehl, aus der anderen floss bestes Öl. Auch einen alten Floßhafen gab es damals dort.
Sechs Seen

Zur Regulierung seiner Flüsse sowie als Wasserspeicher für die Energieversorgung und Landwirtschaft erhielt der Morvan sechs künstliche Seen. Der größte von ihnen, der 520 Hektar große Lac de Pannecière wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angelegt, um den Abfluss der Yonne und der Seine zu kontrollieren und Paris vor großen Überschwemmungen zu bewahren.
Gut 100 Jahre älter und viel bekannter ist der Lac des Settons, der von 1850 bis 1858 südlich von Montsauche-les-Settons für den Holztransport angelegt wurde und heute ein beliebtes Ausflugsziel für Seniorengruppen ist, die erst am Mittag schlemmen, dann sich mit rot-weißen Booten über den See schippern lassen, vorbei an den Lärchen- und Tannenwäldern am Ufer.

366 Hektar groß, liegt er inmitten ausgedehnter Wälder im Herzen des Morvan-Regionalparks auf 590 Metern Höhe. Gespeist wird der weite See von der Cure, deren Wasser ein 20 Meter hoher und 267 Meter langer Damm aus Morvan-Granitblöcken aufstaut. In dem am Hang errichteten Wachhaus wohnten die Ingenieure während des Baus des Staudamms.
Von der Staumauer habt ihr den schönsten Blick über die idyllische Wasserfläche mit zahlreichen Buchten und Vorsprüngen. Graureiher, Enten, Kormorane und majestätische Adler, die am Himmel ihre Kreise ziehen, haben hier ein Refugium gefunden. Sein sauberes, klares Wasser lädt zum Baden, Schnorcheln und Tauchen. Am Midi-Strand, für seine Wasserqualität mit der Blauen Flagge ausgezeichnet, sind in der Saison Lebensretter und Wassersport-Verleiher präsent. Von dort aus könntet ihr im Boot die Segel hissen – oder beim Stand-Up-Paddeln hinüber zur kleinen Insel im See gleiten und dort picknicken. Für Nervenkitzel sorgen Flyboard, Jetski, Wakeboard und der Water Jump; für den Nachwuchs gibt es einen Wasserpark und Baderutschen am Tretboot.

Ob Trubel oder Ruhe: Am Lac des Settons wird jeder glücklich. Wanderer könnten auf der 14 Kilometer langen Tour du Lac den See umrunden und dabei auf Stegen auch über dem Wasser wandern. Fernwanderer führen die GR 13 oder die Chemins de Compostelle am See vorbei. Und sogar der Nachwuchs ist bei der E-Wanderung Popeye au Settons mit dabei und erlebt die große Runde um den See dank der Kommentare, Infos und Animationen auf dem Handy als großes Abenteuer. Insgesamt 16 E-Wanderungen gibt es inzwischen im Pays Nivernais-Morvan. Und braucht ihr einmal auf dem schönen Rundweg eine Pause, gibt es diverse Strandbäder und Ausflugslokale am Ufer.
Leerer See
Achtung: Bei der vidage annuellle wird der Lac des Settons einmal jährlich entleert und gereinigt – vorher informieren!

Sportlich geht es auch am Lac de Chaumeçon zu, wo Rafting und Rudern, Paddeln und Baden im Sommer Programm sind – und die Sonnenuntergänge wahrhaft traumhaft. Deutlich ruhiger ist der Lac du Crescent , wo Angler ihre Ruten beim Wasserkraftwerk in die Fluten werfen. Im Stausee des Barrage du Pont du Roi ziehen Angler Hecht und Karpfen aus den Fluten. In der Vallée du Cousin versteckt sich der Lac de Saint-Agnan. Er ist noch ein echtes Naturjuwel. Keine Häuserfronten verschandeln den Blick über die 140 Hektar große Wasserfläche, die 1969 entstand. Auch Motorboote sind verboten. Wanderwege folgen seinen Ufern – einer davon auf Pfählen. 21 Kilometer lang ist die Runde einmal rund herum.
Die Wiege der Nation
Tief im Süden des Massivs versteckt sich der legendärste Gipfel des Morvan. Der 821 Meter hohe Mont Beuvray gilt als Wiege der Nation: Hier soll der Arvernerfürst Vercingetorix im Jahr 52 v. Chr. die gallischen Stämme zum Kampf gegen Rom versammelt haben. Die Gallier unterlagen – und Caesar verfasste im besiegten gallischen Dorf Bibracte ein Standardwerk der Kriegsführung, das bis heute Pflicht beim Latein-Büffeln ist: De Bello Gallico.
Seit 2008 ist das gallische Dorf ein Grand Site de France und gehört zum Netzwerk der inzwischen 51 Top-Sehenswürdigkeiten Frankreichs in Kultur und Natur. Doch zunächst sieht man nur Bäume: 1000 Hektar Buchen- und Tannenwald bedecken den Mont Beuvray: Grün, so weit das Auge reicht. Zu Fuß sollte man sich nun der Porte du Rebout nähern, dem Tor zur gallischen Stadt, in der bis zu 10.000 Menschen lebten, als die Römer sie eroberten. Den Besuch des Ausgrabungsgeländes macht die App lebendig. Tiefer hinein in die gallische Stadt und die Lebenswelt der Gallier führt das Museum, dessen interaktive Galerie die 150 wichtigsten Exponate von Bibracte online präsentiert.
Wanderland par excellence

Ein dichtes Wegenetz für Wanderer und Radfahrer durchzieht die dunklen Wälder des Morvan. Die 423 Kilometer lange Grande Randonnée GR 13 von Fontainebleau nach Bourbon-Lancy führt fünf Tage lang von Marigny-l’Église nach Millay mitten durch den Naturpark. Eine 233 Kilometer lange Rundroute ist die GR de Pays Tour du Morvan, die in Ouroux-en-Morvan im Herzen des Regionalen Naturparks beginnt und neben Bibracte mit Bazoches auch das einstige Schloss von Vauban berührt.
Per Rad einmal quer durch
Die Grande Traversée du Morvan ( GTMC ) bietet 248 Kilometer lang Abenteuer und Abwechslung bei der Mountainbiketour durch das kleinste Bergmassiv Frankreichs. Ihre sieben Etappen, 34 km bis 52 km lang, sind ideal für Offroad-Biker mit mittlerem technischem Niveau. Die Fahrt begleiten atemberaubende Panoramen – im Nordteil mit skandinavischem Flair vor einer Granitkulisse. Höhenunterschiede von insgesamt 4.384 Metern lassen mitunter schwitzen.
Einige Abfahrten erfordern auch ein kurzzeitiges Absteigen. Doch insgesamt ist die GTMC eine äußerst angenehme Tour! Die größte Herausforderung ist zugleich der Höhepunkt der Tour: der Anstieg zum Haut Folin, mit 901 Meter der höchste Gipfel Burgunds. Als Lohn für die zehn Kilometer lange Steigung lockt eine Aussicht, bei der an klaren Tagen sogar der Mont Blanc in 256 Kilometern Entfernung zu sehen ist! Über den Bas Folin (832 m) geht es nach Glux-en-Glenne, wo im Sommer Blaubeeren das Unterholz erobern und Anfang August das Blaubeerfest gefeiert wird.
Tolle Panoramen gibt es auf der traversée immer wieder – auch von den „hängenden“ Gärten in Avallon oder dem Belvedere in Ouroux. Ein Halt bei der Maison du Parc in Saint-Brisson erklärt die Geschichte und Bedeutung des Morvan. Und natürlich berührt die große traversée auch die Seen des Morvan. Sie bescheren ein echtes Kanada-Feeling, perfekt zum Schwimmen, Picknicken oder einfach nur Verweilen. Eure Räder könnt ihr an mehreren Waschstationen säubern. Wer noch nicht genug hat, kann der insgesamt 1400 Kilometer langen MTB-Route weiter bis ans Mittelmeer folgen.

Morvan-Naturpark: meine Reisetipps
Hinkommen
Der Morvan ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln eher dünn erschlossen, verfügt aber über einige Bahnstationen in den größeren Orten am Rand des Morvan, zum Beispiel in Autun, Saulieu oder Étang-sur-Arroux. Von dort aus könnt ihr mit Buslinien von Mobigo – dem regionalen Busnetz – beispielsweise von Autun und Saulieu aus kleinere Orte und touristische Ziele im Morvan erreichen. Innerhalb des Morvan existieren auch Transportdienste auf Abruf ( Transport à la Demande, TAD ), die ihr am Vortag telefonisch reservieren könnt, um euer Ziel zu erreichen, wenn reguläre Linien fehlen.
Schlemmen und genießen
Ferme Piscicole Moulin de la Petite Verrière

Die idyllisch gelegene Fischzucht mit Terrassen-Restaurant, Angelteich und Minigolf bietet auch Unterkunft in einem gîte, einem Ferienhaus für bis zu sechs Personen.
• La Pièce sur le Moulin, 71400 La Petite-Verrière, Tel. 03 85 54 13 94, www.moulinpetiteverriere.com
Le Morvan
Raffinierte Lokalküche im nostalgisch-schicken Dekor serviert dieses auf den ersten Blick eher traditionell-rustikal wirkende Haus der Logis-Hotels. Küchenchef ist Étienne Robbé, der das Terroir und die Saisonprodukte mit viel Können und Kreativität zelebriert. Köstlich!
• 6, rue des Écoles, 89630 Quarré-les-Tombes, Tel. 03 86 32 29 29,
Auberge La Morvandelle

1903 gründeten Émile und Marie Nouveau im Dörfchen Tintry im Herzen des Morvan einen kleinen Gasthof, der es 1940 in die Schlagzeilen der Presse schaffte: In der Auberge wurde das erste Telefon der Gemeinde installiert. 1974 begann in nächster Nähe der Bau der TGV-Strecke. Das brachte Tochter Jacqueline, die inzwischen die Auberge nach Marcel und dessen Frau Marie in dritter Generation mit ihrem Mann Guy Carlot führte, auf die Idee zum orange-blauen Aperitif TGV.

Ihn trank 1998 auch Julien Fuchey, der seit 2004 mit seiner Ehefrau Céline den Gasthof leitet – und als Botschafter des Morvan auch schon mal in die typische Tracht des Waldes schlüpft, wenn er die regionale Küche serviert. Dazu gehören auch die crapiaux, die dicken Pfannkuchen des Morvan.
• Le Bourg, 71490 Tintry, Tel. 03 85 82 14 50, auf Facebook zu finden

Hier könnt ihr schlafen

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Liebe Frau Maunder, vielen Dank für Ihren Artikel über den Morvan. Wir haben seit vielen Jahren ein Haus im Morvan und lieben diese Gegend sehr. Ich habe auch ihr Burgundkochbuch gelesen und darin haben Sie auch schon einige Menschen vorgestellt, die tolle Lebensmittel produzieren. Das ist für mich das besondere am Morvon, hier gibt es sehr viele Menschen, auch immer mehr junge Menschen, die wunderbares Essen produzieren. Es wird dann auf den Märketen in den umliegenden Großstädten als Spezalitäten verkauft und hier lebt man einfach in dieser Fülle. Es gibt an den Wochenenden viele kleine Märkte, Feste und organisierte Essen. Meistens noch mit mit Musik, beonders Folkmusik. Vielleicht ist es eine arme Gegend, aber reich an Dingen, die man nur noch selten findet: naturbelassene Lebensmittel, unberührte Natur, traumhaften Sternenhimmel und Platz. Unsere französischen Nachbarn sind gerade von Sète hier her umgezogen😉
Kommen Sie uns mal besuchen, wenn Sie wieder im Morvan sind, dann zeige ich Ihnen gern mein Morvan. Viele Grüße A.R.