La circulation inter-files (KI-Symbolbild, erstellt mit Bananarama von Google). Copyright: Hilke Maunder
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La circulation inter-files: Frankreichs Motorrad-Sonderweg

Circulation inter-files nennt sich in Frankreich eine Sonderlösung für motorisierte Zweiradfahrer, die völlig legal ist – und nicht nur im Stau. Die Infos.

Das erste Mal erlebte ich sie in Paris auf dem boulevard périphérique zur rush hour. Stoßstange an Stoßstange quälte sich der Verkehr im Schneckentempo über den Beton-Boulevard, die Zeit zäh wie Kaugummi. Doch plötzlich blinkt es im Rückspiegel. Ein Motorradfahrer drückt sich heran, hupt, sendet Lichtsignale. Mein Puls schießt hoch, Schweißperlen bilden sich auf der Stirn. Ich denke: Was will der von mir? Ich rücke zögernd nach rechts, so weit es geht, Schulter an Schulter mit dem Nachbarwagen.

Der Fahrer quetscht sich durch, schüttelt deutlich sichtbar den Kopf, und dreht die Maschine auf. So tanzt er durch den Stau. Was war nur falsch gelaufen? Alles. In Frankreich heißt das Zauberwort circulation inter-files (CIF)— zu Deutsch: Zwischen-Spur-Fahren. In Frankreich dürfen Motorräder und Scooter ganz offiziell zwischen zwei Fahrzeugkolonnen hindurch gleiten, wenn der Verkehr stockt oder steht. Lange war das eine geduldete Grauzone. Seit dem Dekret Nr. 2025-33 vom 9. Januar 2025 ist die circulation inter-files (CIF) offiziell im Code de la route verankert — und gilt seit dem 9 Januar 2025 landesweit.

Klare Regeln, freie Interpretation

Die Regeln sind klar: Nur motorisierte Zwei- und Dreiräder unter einem Meter Breite dürfen die irculation inter-files nutzen – und dies ausschließlich auf den beiden linken Spuren. Dass sich da oft niemand dran hält: bienvenue im Land der liberté !

Die Strecke muss mindestens zwei Fahrspuren je Richtung haben, baulich klar getrennt, und zugelassen für eine Höchstgeschwindigkeit zwischen 70 und 130 km/h. Sprich: Die CIF ist vom Gesetzgeber nur für Schnellstraßen und Autobahnen vorgesehen, im Alltag aber auf allen Straßen präsent. Der Périphérique von Paris giilt als Sonderfall. Im Zuge des ökologischen Stadtumbaus gilt hier heute ein Tempolimit von 50 km/h, die circulation inter-files ist aber per Sonderregelung ausdrücklich erlaubt.

Die staatlichen Tempovorgaben werden gerne ignoriert. Maximal 50 km/h sind Pflicht, bei stehendem Verkehr nur 30 km/h. Zudem darf die Differenzgeschwindigkeit zum Stau nicht zu hoch sein. Wer sich nicht daran hält, dem drohen 135 Euro Bußgeld und drei Punkte.In Frankreich wird die circulation inter-files zunehmend per automatisierter Videoüberwachung (vidéo-verbalisation) kontrolliert. Wer drängelt oder auf der falschen Spur fährt, bekommt den Bußgeldbescheid automatisch nach Hause geschickt.

In Deutschland verboten, in Frankreich allgegenwärtig

In Deutschland ist die circulation inter-files verboten. In Frankreich gilt: Wer Platz macht, tut nicht nur etwas Nettes — er tut das Richtige. Heute rücke ich vorausschauend nach rechts, sobald ich hinter mir Lichtkegel sehe. Meistens passiert danach gar nichts. Doch gestern streckte der Fahrer plötzlich sein rechtes Bein schnurgerade aus — und hielt es einen Moment so.

Huch, dachte ich, jetzt bist du wohl zu dicht dran gewesen – und der Fahrer zeigt dir jetzt den korrekten Abstand zu seinem Gefährt. Oder einen Stinkefinger.

Doch meine französische Freundin schüttelte den Kopf und lachte. „ Mais non ! Tu as enfin tout compris. Il te remerciait avec le salut du pied. Das gestreckte rechte Bein ist das klassische Dankeszeichen der Motorradfahrer und ein fester Bestandteil der französischen culture motarde. Die Fußraste verlässt den Halt, das Bein streckt sich, der Fuß zeigt nach unten. Der Grund ist so pragmatisch wie sympathisch: Beim Überholen ist die rechte Hand am Gas, die linke an der Kupplung, das linke Bein schaltet die Gänge — bleibt nur das rechte Bein frei. Also streckt man es aus. Fertig. Merci.