Le Moulin: mein Geheimtipp für Arles-sur-Tech 1


Das Vallée du  Tech sind wir von Perpignan hinauf gefahren. Immer grüner wurden die Täler, immer höher die Berge. Hinter Céret und dem unerwartet großen, zersiedelten Badeort Amélie-les-Bains waren wir am späten Nachmittag angekommen: in Arles-sur-Tech, einer meiner letzten Muss-Ich-Besuchen-Zielen für mein Frankreich-Jahr, und, laute Reiseführer, Pflichtziel im Haut-Vallespir.

Das älteste gotische Kloster des Roussillon

Ein Parkplatz war schnell gefunden, der Weg zur Abtei Sainte-Marie bestens ausgeschildert. Doch dann: fermée exceptionellement, ausnahmsweise geschlossen, verriet ein Holzschild. Durch einen Torgang gingen wir zurück zur Stadt. Und sahen im Augenwinkel, dass die Tür zum Kreuzgang offen stand. Dicht an dicht drängen sich die Gäste rund um ein junges Paar auf dem zentralen Grün: Was für eine große Hochzeit! So haben wir zumindest für einen kurzen Moment den Blick auf den ältesten gotischen Kreuzgang des Roussillon werfen können.

Gegenüber der Abtei, Keimzelle des Städtchens am Tech, waren die hohen Gitter des Parc de la Mairie geöffnet. Das Rathaus residiert seit 1936 in der Villa des Indis, die Joseph Pierre Monin (1837-1910) um 1901/2 erbauen ließ – als imposanten Stilmix, der komplett mit der restlichen Architektur des Dorfes bricht. Neo-Romanik, Neo-Barock, Neo-Gotik und Art Nouveau vermengt sein Anwesen.

Monin und seiner Familie gehören die Minen von Batère, die seit der Antike ausgebeutet wurden. 1999 endete nach mehreren vorläufigen Schließungen endgültig der Abbau von Eisenerz. Erst per Esel, dann mit einer acht Kilometer langen Seilbahn, war es einst von Corsavy nach Arles-sur-Tech gebracht worden.

Die Mini-Altstadt….

In der kleinen Vorhalle der Église Saint-Sauveur hatten mehrere Frauen, jung und alt, ihre Stühle aufgestellt, beobachteten das Treiben in der Gassen und kommentierten es. Knapp fünf Meter entfernt saßen die Männer aufgereiht auf einer Bank vor der Hauswand … Hier in den Gassen zu bummeln, glich einer Zeitreise. Manches stimmte traurig; viele Geschäfte waren verrammelt, aufgegeben, die Ladenfronten staubig, voller Patina oder verrammelt.

„Schmuck“, wie der Reiseführer die Altstadt lobte, könnte sie sicher sein, wenn sie ein behutsam restauriert, und vor allem wieder belebt, würde. Die rurale Renaissance, die viele Dörfer in Frankreich erleben, ist hier noch nicht angekommen. Wer genau hinschaut, findet aber so manch ein Schmuckstück. Und leckere regionale Köstlichkeiten wie die Crespells, die der Bäcker jeden Morgen frisch in Fett ausbackt.

… und die große Überraschung!

Früher als geplant brachen wir auf. Doch… kaum ich einige hundert Meter gefahren, trat ich auf die Bremse und parkte das Auto. Irritiert blickte mich meine Tochter an. Was wollte ich hier?  Ich zeigte ihr die Hauswand. Und das Schild. Guckte in den Reiseführer. Und fand nichts. Le Moulin verriet das Schild! Meine Neugier war geweckt, meiner Tochter war ich peinlich. „Mama, Du kannst da doch nicht einfach reingehen!“ Doch – denn eine freundliche Dame sagte: „Entrez!“

Le Moulin: das Erbe der Weber

Ich folgte ihr und erreichte eine Halle voller alter Webstühle. Am Ende der Halle verriet ein Film auf der rückwärtigen Wand, was es mit dem Komplex auf sich hatte. 1911 hatte Georges Camo (1879-1947) in Arles-sur-Tech sein Textilwerk „Les Grands Tissages d’Arles“ mit Unterstützung von Alexandre Anrich und Joseph et Léon Cantaloup. gegründet. Kaum waren die sechs mechanischen Webstühle in Betrieb, sorgte der Erste Weltkrieg für unerwartete Umbrüche. Léon Cantaloup verließ das Team, um einen Schokoladenfabrik aufzubauen, Alexandre verabschiedete sich, Joseph verstarb. Übrig blieb Angèle Camo. Madame zögerte nicht, übernahm die Führung und baute die Fabrik aus.

Gefertigt wurden jetzt nicht nur die Stoffe und Tressen für Espadrillas, sondern auch Tischwäsche, Meterstoffe und Sprungtücher. Verarbeitet wurde Baumwolle aus Ägypten und den Vereinigten Staaten sowie einheimisches Leinen.1949 wurde im ersten Stock der Textilfabrik eine Schneiderei eingerichtet. Vorhänge, Taschen, Decken und Tischwäsche in leuchtenden Farben nähten dort die Saisonkräfte, meist Frauen aus dem Dorf.

Der Siegeszug der Bayadère

Die berühmten Streifenstoffe – „bayadère“ – der Katalanen kamen erst 1954 nach Arles-sur-Tech. Ney László (1900-1965) hatte in Arles (Provence) nicht nur seine Frau, sondern auch diese Textiltradition entdeckt, nach Arles-sur-Tech importiert und so die Produktion erneuert. Als Sonnenstoffe der Katalanen eroberten sie die Kaufhäuser von Paris: Printemps, Galeries Lafayette und Bon Marché. Und dank der Schwester von Pierre Muchart, der ab 1950 die Fabrik leitete, sogar  die Luxusboutiquen des Faubourg Saint-Honoré. Sogar Brigitte Bardot zeigte sich in den Streifenstoffen am Strand von Saint-Tropez.

Le Moulin: Industrie-Erbe und aktuelle Kreation

1981 erwirtschaftete das Textilwerk  mit seinen 40 Mitarbeitern noch 30 Millionen französische Franc. 2002 standen die Webstühle still. 2011 kaufte die Kommune den Backsteinkomplex und revitalisierte in als Kulturzentrum, das Industrie-Erbe und künstlerische Schaffen von heute vereint. In der Maschinenhalle lebt die Tradition des Textilstandorts weiter; in 18 Werkstätten die Kreation von heute.

Wen ihr in Le Moulin entdecken könnt? Den Schmied Simon Marill, die Messerschmiede Aurélie Marquès und Morian Theuns, die Glaskünstler Karine und Jérôme vom Atelier Bulle de Verre, die Maler Jacques MaurinGérard Lopez und André Wintergerst sowie Gastkünstler, die in der Boutique am Eingang ausgestellt werden.

Dort stehen auch ein paar Tische und Stühle auf Kopfstein, wo ihr Getränke genießen könnt – stärkt euch! Und folgt dann dem Sentier des Arts et de l’Artisanat, der  von Le Moulin des Arts et de l’Artisanat in Arles als Voie Verte zur Entdeckungsreise auf den Spuren der Kunsthandwerker vorbei an Rivemale bis nach Palalda führt. Sein Symbol: eine Bärentatze aus Eisen.

 


Schickt mir eure Kommentare!

Ein Gedanke zu “Le Moulin: mein Geheimtipp für Arles-sur-Tech