MRAC: Daniel Buren auf dem Dorf

Sérignan: Das Innere des Kunsthauses von Daniel Buren. Foto: Hilke Maunder
Innen zeigt das Kunsthaus von Daniel Buren warme Töne

Daniel Buren auf dem Dorf: Wie kam das kleine Örtchen Sérignan bei Béziers nur an so berühmte Kunst? Die Werke von Buren schmücken sonst Städte mit weltweiter Signalwirkung.

In Paris sind gleich zwei seiner Oeuvres zu bewundern. Im Innenhof des Pariser Palais Royal erheben sich schwarz-weiß gestreift zahlreiche Säulenstümpfe in unterschiedlicher Höhe.

Paris: Im Palais Royal stellte Daniel Buren seine gestreifte Säuen auf. Foto: Hilke Maunder
Im Palais Royal stellte Daniel Buren seine gestreifte Säuen auf. Foto: Hilke Maunder

Im Pariser Bois de Boulogne beklebte Daniel Buren das Glas des Kunstmuseums der Fondation  Louis Vuitton mit seinen farbigen Folien.

Paris: Fondation Louis Vuitton. Foto: Hilke Maunder
Daniel Buren schmückte das Dach der Fondation Louis Vuitton mit bunten, aufgeklebten Segeln. Foto: Hilke Maunder

In Nantes verzierte Daniel Buren anlässlich des Festivals Estuaire die Île de Nantes mit Ringen. Nachts fangen dort seine Anneaux zu Leuchten an.

Estuaire, Île de Nantes: Les Anneaux, die Ringe von Daniel Buren. Foto: Hilke Maunder
Les Anneaux, die Ringe von Daniel Buren auf der Île de Nantes. Foto: Hilke Maunder

Und genau dieser Daniel Buren hat auch im Hérault, zwischen Weizenfeldern und Weingärten, in einem 7000-Seelen-Städtchen, seine großformtige, leuchtende Kunst hinterlassen. Warum? Wie kam es dazu?Die Antwort heißt: André Gélis. Er ist der engagierte Bürgermeister von Sérignan. Kunstfreund und Visionär.

1991 legte er mit seiner Privatsammlung den Grundstein für das  regionale Museum für zeitgenössische Kunst Occitanie (MRAC). Eingerichtet wurde es in nächster Nähe zu seiner Wirkungsstätte, in einem Weinkeller neben dem Rathaus. Anfangs nur 200 Quadratmeter groß, wurde der Kunstraum 1997 und 2006 umfangreich erweitert.

Große Kunst im kleinen Dorf

Auch in Sérignan verkleidete Daniel die Fassade mit farbigen Folien - beim MRAC in Komplementärfarben. Foto: Hilke Maunder
Auch in Sérignan verkleidete Daniel die Fassade mit farbigen Folien – beim MRAC mit 46 Dreiecken in Komplementärfarben. Foto: Hilke Maunder

Heute präsentiert es auf 3200 m² Wechselausstellungen sowie 450 Werke in einer permanente Sammlung und unterstützt französische und internationale Künstler. Damit setzt der MRAC das Engagement des Mannes fort, dessen Namen es trägt: Gustave Fayet, Sammler und Förderer von Künstlern wie Paul Gauguin und Odilon Redon.

Zusammengehalten werden die verschiedenen Baukörper des MRAC von – wie könnte es anders sein – Kunst. Mit seiner Rotation hat Daniel Buren mit farbigen Dreiecken die 46 Fenster des MRAC eingefasst und so tolle und visuelle Effekte innerhalb und außerhalb des Museums geschaffen hat.

Farbige Dreiecke und Quadrate

Burens visuelles Konzert setzt auf dem Erweiterungsbau Bruno Peinado mit farbigen Quadraten fort, die an Leuchtreklame- und Ladenschilder erinnern. Ebenfalls auf der Fassade könnt ihr “Les Femmes fatales” sehen, ein großes Keramikfresko des isländischen Künstlers Erró.

Seit 2010 ist die Region Okzitanien Träger des kleinen, feinen Museums, das alljährlich vier bis fünf Ausstellungen zeigt. In der Jahresausstellung 2018/2019 waren zwei weiterte Werke von Daniel Buren zu sehen – eine Hütte mit farbigen Leuchtkästen, rund drei Meter hoch und dreieinhalb Meter tief. In den Jahren 1999-2000 hat Buren sie geschaffen.

La Cabane éclatée aux caissons lumineux colorés

Und dabei wieder auf die Kraft der Farben gesetzt. Außen zeigt die Hütte mit Blau und Grün kalte Farben, im Innern mit Rot, Orange und Gelb warme Wohlfühltöne.

Das ungewöhnliche Haus gehört zu den Hauptwerken von Daniel Buren. Bis 2018 war es die Cabane éclatée aux caissons lumineux colorés (Die explodierte Hütte mit farbigen Lichtkästen) eine Dauerleihgabe.

Seit 2018 ist das emblematische Werk fest im Besitz des Museums, das seit einer Regionalisierung im Jahr 2010 gezielt aktuelle Kunst ankauft. Mehr als 400 Werke gehören inzwischen zum Bestand.

Sérignan: Das Äußere des Kunsthauses von Daniel Buren. Foto: Hilke Maunder
Nach außen zeigt das Haus von Daniel Buren kalte Farbtöne. Foto: Hilke Maunder

Bandes à Part

Burens Hütte ist seit Anbeginn des Museums ein Besuchermagnet. Und durfte auch bei der Jahresschau 2018/19 fehlen, die aus Beständen des MRAC zusammengestellt worden war.

Damals beauftragte das Museum sieben Künstler und sieben Soundtracks, die den Spaziergang der Besucher in den sieben Räumen begleiteten. Diese Soundtracks wurden über einen Flashcode performativ aktiviert.

Der Titel Bandes à part wurde dem gleichnamigen Film von Jean-Luc Godard entlehnt. Darin träumen die beiden mittellosen Franzosen Franz und Arthur von einem luxuriösen Leben in Amerika. Als sie in einem Englischkurs das dänische Au-pair-Mädchen Odile kennen lernen, scheint der Traum greifbar zu werden.

Nachdem die drei sich angefreundet haben, eröffnet Odile ihren beiden neuen Freunden, dass ihre Gastgeberin Madame Victoria in ihrer Wohnung eine größere Geldsumme versteckt – Franz und Arthur planen einen Coup.

Vorbild Godard

Bei diesem ménage à trois sind die Protagonisten auf Liebe und Geld aus und jagen damit – typisch bei Godard – letztlich einer utopischen Freiheit hinterher. Auf einer zweiten Ebene kommentiert der Regisseur das Geschehen aus dem Off mit einem voice-over, was das Geschehen ironisch kommentiert oder auflockert.

Godard hat zudem einige verspielte Eigenheiten und Details ersonnen, die den Film wohl zu einem der lockersten Werke in seinem Schaffen machen.

Neben den experimentellen Schnitten und ungewöhnlichen Einstellungen fährt die Außenseiterbande Momente auf, die inzwischen fest im Kanon der Kultszenen der Filmgeschichte verankert sind. So beschließen die Figuren beispielsweise, eine komplette Minute lang zu schweigen, spontan einen Tanz hinzulegen. Oder zu laufen.

In der Rekordzeit von 9 Minuten und 43 Sekunden jagen sie durch den Louvre. Erst  40 Jahre später wird ihre Bestzeit im Film “Die Träumer” von Bernardo Bertolucci mit 9 Minuten und 27 Sekunden gebrochen.

MRAC Serignan. Foto: Hilke Maunder
1. Christophe Berdaguer & Marie Péjus, Smith, Norman, Carlos, Mexico 68, 2017. Vue de Art-O-Rama 2017, Marseille – Production Mécènes du sud. Foto: Hilke Maunder

Kunst im Dialog

Godard parodiert in seinem film noir der nouvelle vague die amerikanische Pulp-Kultur und den B-Movie. Vorlage des Films ist ein Trivialroman, dessen Handlung im Buch mehrere Monate dauert, Godard jedoch auf drei Tage verdichtet.

Godards Verzerrung zwischen Ton und Bild, die mal Rückschlag, Verschiebung, Störung, Einbruch, Wut oder Lyrik bedeutet, prägt  auch den Aufbau der Ausstellung.

In jedem Raum räumte ihre Kuratorin Sandra Paton Neuankäufen einen Ehrenplatz ein. Sie bildeten einen spannungsreichen Dialog mit Werken aus dem Fundus des MRAC und Arbeiten des Centre national des arts plastiques (CNAP).

Von wegen Außenseiter!

Bandes à part heißt übersetzt: Außenseiterbande. Doch unbekannte Talente sind die Künstler, die hier ihre Arbeiten zeigen, keineswegs. Wie zum Beispiel Neïl Beloufa. Der vielfach ausgezeichneter Video- und Installationskünstler, war bis zum 28. Oktober 2018 auch in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle ausgestellt.

Zu sehen war in Frankfurt ein wiederkehrendes Thema in Beloufas Werk: die Inszenierung von Macht. Für seine Video­ar­beit führte der Künstler über den Internetchatdienst Skype Inter­views mit Solda­tin­nen und Solda­ten aus unter­schied­li­chen Ländern.

MRAC Serignan. Foto: Hilke Maunder
Ganz rechts: Éléonore False, Arrière, plan, copie, 2017. Foto: Hilke Maunder

Surreal & cineastisch

Ausgestellt im MRAC  waren auch  Christophe Berdaguer und Marie Péjus. Weltberühmt wurde das Künstlerehepaar mit seinem Projekt Gue(ho)st House für die Synagogue de Delme. Mit Polystyrol und Spray-Harz verwandelten sie dort 2012 ein ehemaliges Gefängnis in ein weißes, surreales Gebäude, das heute Wohnungen für Künstler und Studenten birgt.

Ebenfalls gezeigt wurden Karina Bisch  und Pierre Bismuth. Der Kameramann, Maler und Drehbuchautor wurde mit Michel Gondry und Charlie Kaufmann für das Drehbuch zum romantischen Drama „Vergiss mein nicht“ (2004) ausgezeichnet.

2014 gestaltete er mit dem Architekten Nicolas Firket die einer Bautafel ähnelnde Skulptur Neues Vindobona für die Kunsthalle Wien.  Im MRAC interpretiert er  mit seiner Lichtskulptur “The future is coming soon” und seinem blau-weißen Wandbild  cineastische Traditionen.

Sylvie Blocher  arbeitet häufig mit Dritten zusammen, die sich vor der Kamera äußern oder agieren und so an den sogenannten Living Pictures der Künstlerin teilhaben. Das MRAC zeigt eine Videoarbeit, die sie ursprünglich für ein Kulturzentrum in Rio de Janeiro in den Favelas der Metropole gedreht hat.

Jungen und Mädchen sollten dazu so in die Kamera blicken, als würden sie einem netten oder abstoßenden Menschen begegnen. Fertiggestellt, wurde ihre Arbeit jedoch für das Zentrum abgelehnt. Die Begründung: zu ehrlich.

Mit Valentin Carron war auch ein Schweizer Maler, Bildhauer und Installationskünstler bei der Jahresausstellung vertreten.  Die begleitenden Künstler-Soundtracks in den sieben Räumen komponierten  Laëtitia Badaut Haussmann, Julie Béna, Thomas Clerc, It’s Our Playground, Arnaud Maguet, Anne-Laure Sacriste und Yoan Sorin.

Bandes à part, die Außenseiterbande, nannte sich die Jahresausstellung 2018/19 des MRAC. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

MRAC: meine Infos

Musée régional d’art contemporain Occitanie / Pyrénées-Méditerranée

• 146, Avenue de la plage, Sérignan. Eintritt, kostenloser Parkplatz. Achtung: Es gibt nur einen Kaffee- und Snackautomaten. Schöne Cafés und Restaurants findet ihr im Schatten uralter Platanen auf dem zentralen Dorfplatz.

Nicht verpassen

La Cigalière

Wer begegnen euch vor dem Theatersaal? Na klar: Daniel Buren! Seine Säulenstümpfe werden nachts blau beleuchtet!
• Parc de la Cigalière

Hier könnt ihr schlafen*
Booking.com

Gefällt euch der Beitrag? Dann sagt merci mit einem virtuellen Trinkgeld. Denn Werbebanner oder sonstige Promotions sind für mich tabu. Ich setze auf Follower Power. So, wie Wikipedia das freie Wissen finanziert. Unterstützt den Blog. Fünf Möglichkeiten gibt es.

Weiterlesen

Im Blog

In Sérignan gibt es für Anhänger der Freikörperkultur einen gepflegten Campingplatz direkt an den Dünen. Hier habe ich Le Sérignan Club Nature vorgestellt.

Im Buch

Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas Frankreich Süden (Okzitanien)*

Der Bildatlas "Frankreich Süden" von Hilke Maunder - die fünfte AuflageMein DuMont Bildatals Frankreich Süden (Okzitanien)* fängt zwischen Rhône und Garonne, Cevennen und Pyrenäen in sieben Kapiteln die Faszination der alten Region Languedoc-Roussillon in Wort und Bild ein – auch als eBook!

Von Montpellier, der Boomtown am Mittelmeer, bis zum römisch-romantischen Nîmes, von den Étangs bei Narbonne bis zur katalanischen Kapitale Perpinyà. Und noch ein Schlenker nach Carcassonne und Toulouse: voilà meine Herzensheimat! Wer mag, kann den Band hierdirekt bestellen.

MARCO POLO Languedoc-Roussillon: die Hommage von Hilke Maunder an ihre WahlheimatKompakt & inspirierend: MARCO POLO Languedoc-Roussillon/Cevennen

Den MARCO POLO Languedoc-Roussillon/Cevennenhabe ich nach Axel Patitz und Peter Bausch inzwischen mehrfach umfangreich erweitert und aktualisiert.

Von den Cevennen über das Languedoc bis hin zum Roussillon findet ihr dort Highlights und Kleinode, Tipps für Entdecken und Sparfüchse – und Adressen, die ich neu entdeckt und getestet habe. Ein Online-Update-Service informiert euch über Events, Neueröffnungen und Schließungen. Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

Der Reisebegleiter vor Ort: Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon*

Zwischen dem Delta der Camargue und den Gipfeln der Pyrenäen hat Ralf Nestmeyer nahezu jeden Strand gesehen, jeden Stadt besucht, jedes Wehrdorf besichtigt – im Languedoc etwas intensiver, im Roussillon fokussiert er auf bekannten Highlights.

Dennoch: Das gut 560 Seiten dicke Werk ist der beste Führer für Individualreisende, die diese Region entdecken möchten und des Französischen nicht mächtig sind. Wer möchte, kann den Band hier* direkt bestellen.

MARCO POLO Frankreich: praktisch und kompakt, bearbeitet von Hilke Maunder.Das ganze Land: MARCO POLO Frankreich*

Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreichhabe ich gemeinsam mit Barbara Markert verfasst. Gleich zu Beginn geben wir unsere Insider-Tipps für Frankreich preis: vom größten Flohmarkt Europas in Lille bis zur Schwimmen in der Piscine Olympique in Montpellier.

Das Kapitel „Im Trend“ verrät, was es Neues zu erleben gibt im Hexagon. Alle Hintergrundinformationen zu Frankreich und seinen Menschen findet ihr unter Fakten, Menschen & News. Es folgen: Tipps für Bars und Boutiquen, Erlebnisse für Familien, Paare oder Alleinreisende. Wer mag, kann ihn hier direkt bestellen.

 * Durch den Kauf über den Referral Link kannst Du diesen Blog unterstützen und den Blog werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci!

Merci für's Teilen!

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.