Rodin: Die Urkraft von Sex und Erotik

Marmor voller Sinnlichkeit: Die Skulpturen von August Rodin sind sinnlicher Ausdruck in Stein. Foto: Hilke Maunder
Marmor voller Sinnlichkeit: Die Skulpturen von August Rodin sind sinnliche Ekstasen in Stein. Foto: Hilke Maunder

 „Die Kunst ist eigentlich nur sexuelle Begierde, sie leitet sich aus der Liebeskraft ab“, war Auguste Rodin (1840 – 1917) überzeugt. Im Musée Rodin könnt ihr erleben, wie der berühmte Bildhauer seine meditative wie ekstatische Zustände umsetzt. Sensibel und sehr sinnlich.

Paris des späten 19. Jahrhundert: Leidenschaftlich diskutieren Politik und Gesellschaft, Philosophie, Musik und der Kunst die  gesellschaftlichen und sexuellen Moralvorstellungen. „Als Künstler wie als Mensch kommt es darauf an, bewegt zu sein, zu lieben und zu hoffen“, erklärt Auguste Rodin gerne. Und gibt  sich ganz und gar seinem unkonventionellen Freiheitsdrang hin.

Er ist ein „hommes à femmes“, dessen bewegtes Liebesleben Schlagzeilen macht. Und Quelle ist für eine schier unendliche Schaffenskraft voller Kreativität und Sinnlichkeit. Seine Muse ist selbst eine begabte Bildhauerin, die jedoch erst in viel später zu Ruhm kam: Camille Claudel ­(1864 – 1943). Zehn Jahre lang war sie Rodins Geliebte, Mitarbeiterin, Schülerin und Modell.

Großbürgerliche Interieurs und feinste Statuen von Rodin und seiner Muse Camille Claudel: Das Musée Rodin ist ein Gesamtkunstwerk! Foto: Hilke Maunder
Großbürgerliche Interieurs und feinste Statuen von Rodin und seiner Muse Camille Claudel: Das Musée Rodin ist ein Gesamtkunstwerk! Foto: Hilke Maunder

Selbst die Tänzerin Isadora Duncan kann sich, 20 Jahre jung, dem Charme des damals 60-Jährigen nicht entziehen. Zu Beginn des 20. Jahrhundert schreibt sie über Rodin:

„Er begann meinen Körper zu kneten, als sei er aus Ton, währenddessen ging von ihm eine Hitze aus, die mich versengte und dahinschmelzen ließ. Mein einziges Verlangen war, mich ihm völlig hinzugeben, und ich hätte es tatsächlich getan, wäre mir nicht eine absurde Furcht davor anerzogen worden, so dass ich mich entzog und ihn verwirrt fortschickte… Was für ein Jammer! Wie oft habe ich diesen kindlichen Unverstand bereut, der mich der göttlichen Gelegenheit beraubte, meine Jungfräulichkeit dem großen Gott Pan selbst, dem gewaltigen Rodin zu schenken.“

"Der Denker" von Rodin erhebt sich vor der Kuppel des nahen Invalidendoms. Foto: Hilke Maunder
“Adam” vor dem Invalidendom. Foto: Hilke Maunder

Eine Thema mit vielen Variationen: Paare

Mann und Frau, Mutter und Kind, Maler und Muse, keuscher Mönch und lockendes Weib: Das unerschöpfliche Paarthema ermöglichte Rodin, alle Nuancen von Sinnlichkeit und zärtlichen Gefühlen auszudrücken, pure Leidenschaft und stürmische Hingabe.

Von Adam und Eva als erstem Paar, aufgegriffen in der Höllenpforte, prägt das Paarthema als Schlüsselmotiv zeitlebens seine Arbeiten – von realen Personen über allegorische, mythologische und literarische Paare. Das Paar: für Rodin Sinnbild und Allegorie der Liebe.

Die ganze Bandbreite seines Schaffens

Mit drei Schenkungen überlässt Auguste Rodin 1916 dem französischen Staat seine vollständigen Sammlungen, seine persönlichen Archive, sein Anwesen in Meudon und sein gesamtes Werk. Drei Jahre später eröffnet Frankreich in Rodins ehemaligem Domizil Hôtel Biron ein Nationalmuseum zu Ehren des Bildhauers. Der prachtvolle Barockgarten ist seitdem eine Freiluftausstellung, in der ihr zwischen Rosen und Buchsbaum, Baumveteranen und Blumenbeeten einige der schönsten Werke von Rodin bewundern können.

Die drei Schatten von Auguste Rodin. Foto: Hilke Maunder
Die drei Schatten von Auguste Rodin. Foto: Hilke Maunder

Rilke & Rodin

Eine Zeit lang wohnen zwei andere Künstler von Weltrang im damaligen Hôtel Biron, ohne sich näher kennenzulernen: ein junger Mann, der sich in einem Seitenflügel eingemietet hatte und Jean Cocteau hieß, und ein Deutscher, der acht Monate lang als Sekretär für Rodin arbeitete: Rainer-Maria Rilke – seine Monografie über Rodin, 1902, verrät, wie sehr Rilke ihn als Vater verehrt. Und idealisiert. 2001 veröffentlicht der Insel-Verlag den Briefwechsel zwischen den beiden Männern.

Die Bürger von Calais im Musée Rodin von Paris. Foto: Hilke Maunder
Die Bürger von Calais im Musée Rodin von Paris. Foto: Hilke Maunder

Ausgewählte Werke von Rodin

Le Baiser (Der Kuss), 1886

58 Jahre alt, die zur Ikone der körperlichen, sinnlichen Liebe wurde: Le Baiser. Zwei ineinander verschlungene Menschen auf einem Sockel, geschaffen aus einem Material, das bereits pure Sinnlichkeit ausstrahlte: Marmor, ebenmäßig, schimmernd und glatt.

Dargestellt sind Paolo Malatesta und seine Schwägerin Francesca von Rimini. Doch die Symbolfarbe Weiß des Marmors verwandelt ihre nicht statthafte Liebe in Unschuld. Mit Material und Komposition macht Rodin das Paar zu Protagonisten einer göttlichen Schönheit, herausgehoben aus den Zwängen irdischer Moral.

Le Penseur (Der Denker), 1880

Zu den Figuren, die Rodin für das Höllentor schuf, gehören neben der bronzene „Eve“, die mit „Adam“ heute im Museumsgarten steht, auch „Der Denker“. Ursprünglich nur 71 cm hoch, schuf Rodin 1902 eine zweite Fassung: Jetzt 1,81 m hoch, wurde sie als erste Rodin-Plastik im öffentlichen Raum aufgestellt. Als Modell statt der Jean Baud Pate, der als Ringer im Rotlichtmilieu auftrat – und damit keineswegs ein Denker oder Intellektueller war.

La Porte d’Enfer (Das Höllentor), 1880 – 1917

300 Figuren, von denen jede eine andere Haltung oder Empfindung verkörpert – was für eine gewaltige Synthese menschlicher Leidenschaft, Not oder Verfluchung hat Rodin mit dem Höllentor geschaffen! Vom französischen Staat beauftragt, ein Bronzetor für das Musée d’Art Décoratif zu schaffen, wurde der Auftrag zur Lebensaufgabe.

37 Jahren lang arbeitete Rodin an diesem Monumentalwerk, das er nach Studien zu Dantes „Göttlicher Komödie“ und Baudelaires „Blumen des Bösen“ schuf. Die Fertigstellung sollte er nicht mehr erleben. Erst posthum – 1926 – wurde das Höllentor erstmals nach den Plänen des Künstlers gegossen.

Musée Rodin: La Porte d'Enfer (Das Höllentor): Detail der Bronzetür. Foto: Hilke Maunder
La Porte d’Enfer (Das Höllentor): Detail der Bronzetür. Foto: Hilke Maunder

Gefällt euch der Beitrag? Dann sagt merci mit einem virtuellen Trinkgeld. Denn Werbebanner oder sonstige Promotions sind für mich tabu. Ich setze auf Follower Power. So, wie Wikipedia das freie Wissen finanziert. Unterstützt den Blog. Fünf Möglichkeiten gibt es.

Weiterlesen

Mein Reiseführer: Baedeker Paris*

Baedeker Paris 2018Monatelang habe ich recherchiert und gewühlt, ehe ich zur Feder griff.  Und danach mit Dr. Madeleine Reincke als Redakteurin im Verlag an ihm feilte. Bis mein Baedeker „Paris“* in der ersten Staffel des völlig neu konzipierten Reiseführer-Klassikers erschien.
„Tango unter freiem Himmel: Die Stadt der Liebe: Der neue Reiseführer ‚Paris‘ zeigt – neben Sehenswürdigkeiten – besondere Orte für Höhenflüge, romantische Momente wie ‚Tango unter freiem Himmel‘ und unvergessliche Dinners. Dazu gibt’s viele Kulturtipps…“  schrieb die Hamburger Morgenpost über meinen Paris-Führer, der viele neue Elemente im enthält.

Zu den Fakten, neu und unterhaltsamer präsentiert, gibt es jetzt auch Anekdoten und Ungewöhnliches, was ihr nur im Baedeker findet. Und natürlich ganz besondere Augenblicke und Erlebnisse, die euren Paris-Aufenthalt einzigartig und unvergesslich machen.

Wer mag, kann meinen Paris-Reiseführer hier* bestellen.

Das ganze Land: MARCO POLO Frankreich*

Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreich* habe ich vor vielen Jahren von Barbara Markert übernommen und seitdem umfassend aktualisiert und erweitert.

Freut euch auf neue Insidertipps, neue Reiseziele, frischen Hintergrund und viele Erlebnisvorschläge für Aktive und Entdecker – von Lichterkunst in Bordeaux’ U-Boot-Basis bis zum Wanderungen unter Wasser.

Damit ihr Frankreich noch besser versteht, gibt es natürlich auch viel Hintergrund zu Frankreich und seinen Menschen. Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

 * Durch den Kauf über den Referral Link kannst Du diesen Blog unterstützen und den Blog werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci !

Das Musée Rodin im Hôtel Biron von Paris. Foto: Hilke Maunder
Das Musée Rodin im Hôtel Biron von Paris. Foto: Hilke Maunder
Merci fürs Teilen!

3 Kommentare

  1. Auch das Musée Camille Claudel in Nogent-sur-Seine ist sehenswert. Und ihr Liebesnest im Château d‘Islette in Azay-le-Rideau.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.