Narbonne – eine kleine Liebeserklärung 6


Es war ungefähr Mittag, als wir in Narbonne ankamen. Die Sonne vergoldete die ganze Landschaft, die Kathedrale hob sich vom azurblauen Himmel ab, ich hatte nicht gewusst, wie schön ein Horizont sein kann.“  

So eindrucksvoll, wie Gustave Flaubert im Jahr 1840 Narbonne erlebte, zeigt sich die einstige Hauptstadt des römischen Galliens, Residenz der Westgotenkönige und Hauptstadt der Septimanie, bis heute: Trotz aller kriegerischen Wirren ist die Stadtkrone aus dem Mittelalter unverändert erhalten.

Römisches Erbe erleben

Narbonnes Wurzeln reichen jedoch viel weiter zurück – bis in die frühe Römerzeit. Eine neues Museum am Canal de la Robine, das derzeit errichtet wird, soll ab 2018 lebendig und interaktiv die Vergangenheit von Narbona Nimensis aufleben lassen. Doch einiges, was die Römer hinterlassen haben, könnt ihr schon heute gleich vor Ort ansehen.

Per Zufall entdeckt

Zum Beispiel auf dem Rathausplatz. Bei dessen Neugestaltung  entdeckten Steinmetze 1997 unter dem Pflaster große Quader mit tiefen Wagenspuren – ein perfekt erhaltenes Teilstück der Via Domitia. Die erste Römerstraße in Gallien, die zeitgleich mit der Colonia Narbo Martius um 118 v. Christus errichtet wurde, verband das italienische Stammland mit den römischen Kolonien auf der iberischen Halbinsel.

In Narbonne, der Hauptstadt der neuen Kolonie, kreuzte sich der antike Handelsweg mit der Via Aquitania, die vorbei an Carcassonne und Toulouse nach Bordeaux an den Atlantik führte. Die Haupteinkaufsachse Rue Cabirol folgt bis heute dem Verlauf der antiken Handelsstraße.

Shoppingbrücke und Warenlager

Ebenfalls bis in römische Zeit zurück reichen die Wurzeln der Häuserbrücke Pont des Marchands, die mit einer Ladenzeile den Canal de la Robine überspannt. Die Stadt florierte und baute für ihre Händler im 1. Jahrhundert vor Christus ein Horreum, ein unterirdisches Wein- und Warenlager, kühl und trocken das ganze Jahr hindurch. Lastenaufzüge verbanden das Horreum mit dem Forum, heute die Place Bistan.

Bis heute Grenzstadt

Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches kamen die Westgoten – und mit ihnen unruhige Zeiten. 719 wurde Narbonne als erste Stadt des Frankenreichs islamisch. 40 Jahre lang hielten sie die Mauren in Griff, ehe Pippin sie zurückschlagen konnte. Die Rache folge umgehend: 793 wurde Narbonne von Hischam I, Herrscher über Andalusien, fast komplett zerstört. Immer wieder prallen Orient und Okzident in Narbonne und seinem Umland aufeinander und noch heute verläuft mitten durch die Stadt die Grenze zwischen Languedoc und Roussillon.

Und so grenzt es für mich fast an ein kleines Wunder, das die Stadtsilhouette seit Jahrhunderten ein klerikales Trio beherrscht: die unvollendete Cathédrale St-Just-et-Saint-Pasteur (1272 – 1332), das Kloster und der Erzbischöfliche Palast mit seinen sakralen, profanen und militärische Bauten aus mehreren Jahrhunderten.

Imposantes Trio

Heute birgt die Trutzburg des Glaubens an der Place de l’Hôtel de Ville die Stadtverwaltung und zwei Museen. In den ehemaligen Gemächern der Erzbischöfe zeigt das Musée d’art et d’histoire Fayencen aus Narbonne, Montpellier und Marseille sowie Wandteppiche aus Beauvais, das Musée archéologique die größte Sammlung römischer Malereien in Frankreich.

Vom Donjon Gilles Aycelin aus dem 13. Jahrhundert eröffnen sich fantastische Ausblicke auf die Stadt und den von Platanen gesäumten Canal de la Robine, der die Stadt seit 1681 mit dem Canal du Midi und dem Mittelmeer bei Port-la-Nouvelle verbindet.

Der Freizeit-Kanal

Heute ist der Kanal fest in der Hand der Freizeitkapitäne, die am Quai Mirabeau Elektroboote bieten oder dort ihr Hausboot vertäuen, im der wohl schönsten Markthalle der französischen Provinz einen Besuch abzustatten: den Halles de Narbonne, 1901 von Victor Baltard nach Pariser Vorbild entworfen.

Schlemmertempel des Südens

Kuttelberge, Wurstgirlanden, Olivenstollen, Marzipankuchen, Käse, Wein und Katertropfen – bereits 1994 gab es für dieses Schlemmerland mediterraner Köstlichkeiten den Panonceau d’Ordie Goldmedaille. Unter den Händlern befindet sich auch die alteingesessene Fromagerie Gandolf und macht mit der schier unglaublichen Auswahl an Käse die Qual der Wahl schwer – wie schön, dass Inhaber Alain Sigaud gerne einmal ein Probierstückchen abschneidet.

Inszenierte Steine

So gestärkt, lockt eine außergewöhnliche audiovisuelle Schau: In der ehemaligen Kirche Notre Dame de Lamourguié (1289) präsentiert das Musée Lapidaire an der Place Lamourguié 1.300 gravierte und skulptierte Steine von der Römerzeit bis zur Renaissance als Licht- und Tonspektakel, das auch diejenigen zu begeistern vermag, die bislang nichts für geschnitzte Steine übrig hatten. Blau, gelb, rot und weiß huscht das Licht über Antlitze und Ornamente, lässt Kapitelle aufleuchten und wieder im Dunkel verschwinden. Das lange Licht des frühen Abends lässt die Fassaden von Gold über Ocker bis tiefrot leuchten.

F_Narbonne_Musée Lapidaire_1_©Hilke Maunder

Die Seele des Poeten

Auf einer goldgelben Fassaden ist in schwarzen Lettern ein Liedtext verewigt: Longtemps, longtemps, longtemps après que les poètes ont disparu, leurs chansons courent encore dans les rues… L’Âme des poètes heißt dieser Titel von Charles Trenet, mit dem seine Heimatstadt dem berühmtesten Song der Stadt auf der Wand ein Denkmal gesetzt hat: Charles Trenet (1913 – 2001). Sein bekanntestes Werk, „La Mer“, soll er 1943 binnen 20 Minuten auf der Zugfahrt von Carcassonne nach Narbonne komponiert haben….

Narbonne_Wandbild_Chanson_Charles Trenet_©Hilke Maunder Kopie

Narbonne: meine Reisetipps

Stressfrei unterwegs

Nicht nur Geld, sondern auch Zeit und Nerven spart ihr, wenn ihr euer Fahrzeug auf den kostenlosen Parkplätzen Victor Hugo oder Théâtre abstellt und dort den Gratis-Shuttle Citadine nutzt, der Mo.-Sa. von 7.40-19.20 Uhr im Zehn-Minuten-Takt neun Stationen in der Innenstadt anfährt. www.services.legrandnarbonne.com

Schlafen

Stuck und Stilmöbel prägen La Résidence, in der schon Jean Marais, Louis de Funès und Michel Serrault nächtigten (6, rue 1er Mai, Tel. 04 68 32 19 41, www.hotelresidence.fr). In Fußnähe zur Markthalle bietet das Hôtel de France hinter seiner Belle-Epoque-Fassade 15 ruhige Zimmer (6, rue Rossini, Tel. 04 68 32 09 75, www.hotelnarbonne.com). Inmitten von Reben liegen die vier edlen Nichtraucher-Gästezimmer des Landhaus Domaine de St-Jean (Route Quillanet, 12 km südwestl., Tel./Fax 04 68 45 17 31, www.domaine-de-saint-jean.com).

Schlemmen

Sterneküche kann auch günstig sein, beweist Lionel Giraud mit Kreationen aus dem Midi im La Table Saint-Crescent (68, Avenue Général Leclerc, Tel. 04 68 41 37 37, www.la-table-saint-crescent.com). Marktküche mit frischem Fisch und Meeresfrüchte serviert die Brasserie L’Estagnol (5, bis Cours Mirabeau, Tel. 04 68 65 09 27, http://lestagnol.fr).

Informieren

Office de Tourisme, 31, rue Jean Jaurès, F – 11100 Narbonne, Tel. 04 68 65 15 60, www.narbonne-tourisme.com

 


Schickt mir eure Kommentare!

6 Gedanken zu “Narbonne – eine kleine Liebeserklärung

  • Karin

    Ich war dieses Jahr zum ersten Mal in Narbonne. Fast könnte man von Liebe auf den ersten Blick reden. Natürlich – Traumwetter. Super gegessen am Kanal. Sogar einen schattigen citynahen Parkplatz ergattert. Und erst die Kathedrale: einfach unglaublich. Wieviel es da zu bestaunen gibt. Wir waren nur 4 Stunden in Narbonne. Eindeutig zu kurz. Aber lang genug, um zu wissen: da wollen wir nochmals hin.
    Überhaupt, die ganze Region dort. Das Wetter. Traumhaft. 10 Tage waren wir in der Nähe von Carcassonne.. Ein Haus gemietet. Täglich ein Sonnenuntergang mit WOW-Effekt. Heim – wieso? Keine Lust die Gegend zu verlassen!!! Hier ein Altersruhesitz…hach. Kurz mal nachrechnen…so lange noch. Naja. Kein Problem: die 10 Jahre..oder so… da kann man ja öfter hinfahren und sich erst mal in Ruhe umschauen. 🙂
    Nur eines viel mir auf: also die Küche im Perigord (waren wir in Urlaubswoche 1 – auch Wiederholungstäter – wegen Kultur und Essen), da kocht man raffinierter. Das fehlte uns ab und an. Aber kein Problem: die Markthalle in Narbonne hatte alles und wir eine super ausgestattete Küche und jede Menge Lust und guten Wein von einem Winzer (auch hier Wiederholungstäter), ca 40 km von Narbonne entfernt. Allein der Wein ist ein Grund wiederzukommen.
    Mit gut bepackten Picknickkorb dann runter ans Meer. Ende September: Totentanz. Nur Leute mit Hunden. Ab und an ein tiefbrauner Rentner. Und wir. Auf der Decke, die Füsse im Wasser. Ein Glas Wein und ein paar feine Kleinigkeiten aus der MArkthalle.
    Und zum Abschluss: Sonnen untergang am Haus. Pastis. Oliven.
    Frankreich. Hat einfach Suchtfaktor.

    Nicht wahr?!