Nordfrankreich: 10 Highlights im Land der Sch’tis
Der Kultfilm „Bienvenue bei den Sch’tis“ von Dany Boon machte Nordfrankreich weltberühmt. Doch die Region Hauts-de-France hat weitaus mehr zu bieten als die bekannten Kinokulissen und Klischees.
Angesichts von Waldbränden und extrem hohen Sommertemperaturen im Süden des Landes erlebt der Norden Frankreich seit einigen Jahren eine touristische Renaissance. Erstaunt entdecken auch die Franzosen hier ein Urlaubsgebiet, das mit Vielfalt und Ursprünglichkeit punktet. Dazu gehört eine Badeküste mit Klippen und weiten Stränden, die selbst zur Hochsaison nicht überlaufen sind.
Das Hinterland lockt mit mittelalterlichen Städten, aussichtsreichen Belfrieden und Gedenkstätten für den Frieden. Ihre Zeugnisse der Industriekultur zählen wie das Kohlebecken zum Welterbe. Lille hat seine Innenstadt verkehrsberuhigt und lädt zum entspannten Flanieren. Und auch Roubaix präsentiert sich quicklebendig in einem neuen Gewand. Neugierig geworden? Hier kommen meine ganz persönlichen Favoriten in Nordfrankreich!
1. Opalküste: England im Blick
Zwischen Dünkirchen im Norden und der Mündung der Somme im Süden treffen die blaugrünen Fluten der 140 Kilometer langen Opalküste auf langgezogene Sandstrände, Sandwatten und Salzwiesen mit Kreidekliffs, die Geschichte schrieben.
Im Schatten der Felsnasen von Cap Blanc-Nez (132 m) und Cap Gris-Nez (50 m) blickte Rom nach Britannien. Im Jahr 55 v. Chr. sammelte Julius Cäsar in der Bucht von Wissant, direkt zwischen den beiden Caps, seine Flotte für die erste römische Invasion Englands. Die britische Küste ist nur 33 Kilometer entfernt – bei gutem Wetter von den Gipfeln der Felskaps zum Greifen nah!
Viel später schrieb ein französischer Luftfahrtpionier Geschichte. Von Sangatte nahe dem Cap Blanc-Nez aus startete Louis Blériot 1909 zur ersten erfolgreichen Überquerung des Ärmelkanals im Flugzeug – ein waghalsiges Abenteuer, das die Welt staunen ließ. An der engsten Stelle des Kanals wurdendie Klippen im Zweiten Weltkrieg Teil des Atlantikwalls; mächtige Festungsbauten wie die Batterie Todt zeugen bis heute von dieser Epoche. Tief im Kreidegestein unter dem Cap Blanc-Nez verläuft der heute der Eurotunnel, der Frankreich seit 1994 auf dem Schienenweg mit England verbindet.
2. Strandsegeln in Nordfrankreich
Immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel wünschen sich die Seeleute. In Nordfrankreich benötigt ihr zum Segeln nur ein eines: harten, festen Sand und eine steife Brise. An der Opalküste habt ihr ihn in Hülle und Fülle.
Auf den ersten Blick wirken die dreiräderigen Gefährte mit ihren hoch aufragenden Segeln wie eine Mischung aus Go-Kart und Segelboot. Wenige Minuten Einweisung genügen, um hier bei Ebbe über den festen Sand der breiten Strände zu rollen. Erfahrene Profis erreichen bei Winden der Stärke sechs oder sieben Spitzenwerte von bis zu 150 Kilometer pro Stunde. Pures Adrenalin!
3. Der Strand von Paris
Der Beiname Paris Plage von Le Touquet verrät, wer hier zur Belle Époque zu finden war: die Pariser Bourgeoisie. Und noch heute verbringt sie gerne ihre Ferien und Wochenenden in den Villen der Jahrhundertwende mit Fachwerk, Erkern und Sprossenfenstern. Prominenteste Stammgäste sind Brigitte und Emmanuel Macron, die hier in der eleganten Villa Monéjan aus dem Jahr 1908 jahrzehntelang ihren Rückzugsort hatten – ehe sie das historische Anwesen veräußerten, um sich etwas weiter in den ruhigeren Dünen am Meer niederzulassen.
Um die wandernden Dünen zu befestigen und den Sandflug einzudämmen, wurden auf mehr als 800 Hektar vor allem Schwarzkiefern (Pin de Salzmann / Pin noir) sowie Seekiefern und Seekiefern-Mischwälder gepflanzt, die gegen den salzigen Seewind widerstandsfähig sind.
Golfbegeisterte putten zwischen den Dünen auf einem mehr als 110 Jahre alten Links Course. Thalasso-Zentren schenken mit der Kraft des Meeres tiefe Entspannung nund neue Energie. Der Nachwuchs springt im Aquaclub vergnügt in die Wellen. Abends verwöhnt William Elliott im Restaurant Le Pavillon des Westminster Hôtel mit Sterneküche, ehe es in den Casinos heißt rien ne va plus …
4. Kulturperle Arras
Zwei weite Plätze, eingerahmt von 155 Fassaden in flämischem Barock, bilden das prachtvolle Herz von Arras, das abends stimmungsvoll illuminiert wird. Mit ihren Laubengängen zeugen die restaurierten Giebelhäuser vm Reichtum der einstigen Tuchmacherstadt. Die kopfsteingepflasterte Place des Héros überragt ein 75 Meter hoher Belfried, zu dessen Aussichtskanzel ein Lift saust. Gemeinsam mit anderen Stadttürmen in Nordfrankreich gehört der beffroi zum UNESCO-Welterbe.
Unter dem Pflaster der Stadt verbirgt sich ein weiteres Kapitel der Historie: ein kilometerlanges Netz aus Kalksteinkellern. Diese Boves, diente im Ersten Weltkrieg Tausenden britischen Soldaten als unterirdisches Versteck vor der Schlacht von Arras im Frühjahr 1917. Diese kühlen Tunnelanlagen könnt ihr heute hier besichtigen!
5. Mmmhhh … Maroilles!
Der einzige AOP-Käse aus dem Land der Sch’tis ist ein wahrhaft königlicher Stinker. Der Maroilles gehört zu den ältesten Käsesorten Frankreichs. Bereits im siebten Jahrhundert soll ihn ein Mönch der Abtei von Maroilles erfunden haben. Charakteristisch für den rotschmierigen Weichkäse aus Kuhmilch ist sein durchdringendes Aroma, das im auffälligen Kontrast zu seinem überraschend milden, cremigen Geschmack steht. Jährlich werden rund 3.800 Tonnen dieses Traditionsprodukts hergestellt. In der regionalen Küche spielt der Käse eine zentrale Rolle, etwa aufgeschmolzen als herzhafte Tarte au Maroilles oder traditionell in den morgendlichen Kaffee getunkt, wie es die einheimischen Bergleute einst schätzten. Wer die handwerklichen Geheimnisse hinter der Reifung und der feuchten Rindenpflege erfahren möchte, erhält im regionalen Käse-Erlebniszentrum Carré des Saveurs Einblicke in die Produktion.
6. Wege der Erinnerungen
Die Départements Nord und Pas-de-Calais waren im Ersten Weltkriegs Schauplätze verheerender Stellungskämpfe, an denen Truppen aus fast 20 Nationen beteiligt waren.. Vier offizielle Chemins de Mémoire, verbingen heute als Wege der Erinnerung 36 historische Stätten, Soldatenfriedhöfe und Museen . Als zentraler Gedenkort gesellte sich im Frühjahr 2014das Mémorial de Notre Dame de Lorette von Philippe Prost bei Arras
Philippe Prost entwarf das Mahnmal als oval aufsteigenden Beton-Ring, in dessen 345 Meter lange Wand die Namen von 579.975 Soldaten eingraviert sind, die in der Region fielen. Die Namen sind ohne Ansehen von Nationalität, Dienstgrad oder Religion rein alphabetisch gelistet – ein Zeichen der Versöhnung. Ergänzt wird die Anlage durch das Besucherzentrum Lens 14-18, das den Alltag an der Front anhand historischer Dokumente und Fotografien dokumentiert.
7. Zeitreise auf der Zeche
Mehr als 300 Jahre lang prägte der Steinkohle-Abbau die Landschaft, Kultur und Gesellschaft in Nordfrankreich. Seit 2012 gehört daum Welterbe. Die hohen Abraumhalden, die sogenannten Terrils, ragen bis heute wie dunkle Pyramiden aus der flachen Landschaft heraus. Seit 2012 gehört das gesamte Bassin Minier als Kulturlandschaft zum UNESCO-Welterbe. Eine der eindrucksvollsten Anlagen befindet sich in Lewarde: Das Centre Historique Minier auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Fosse Delloye ist das größte Bergbaumuseum Frankreichs.
Wo Gérard Depardieu 1993 für die Verfilmung von Émile Zolas Roman Germinal vor der Kamera stand, führen heute ehemalige Kumpel und geschulte Guides durch die authentisch erhaltenen Tagesanlagen und Schächte. Mit einem Aufzug geht es „hinab“ in die nachgebauten Stollen ein, wo historische Maschinen und Geräuscheffekte den harten Arbeitsalltag unter Tage anschaulich vermitteln.
8. Große Meister der Sch’tis
Der Raub der Sabinerinnen machte ihn weltberühmt: Giambologna. Als Jean Boulogne wurde er 1524 oder 1929 in Douai geboren, wo einige seiner schönsten Marmor- und Bronzestatuen im Musée de la Chartreuse zu bewundern sind. Seit 1720 ist auch die bekannteste Familie der Region in Douai daheim, wo die riesenhafte Pappmaché-Familie alljährlich Anfang Juli durch die Straßen flaniert: die Gayants.
Monsieur misst 8,50 Meter, Madame stolze 6,25 Meter, ihre beiden Jungs Jacquot noch 3,40 Meter, Fillon 3,15 Meter, ihre Tochter nur noch geradezu zierliche 2,40 Meter. Einen noch besseren Überblick als die freundlichen Giganten aus Pappmaché habt ihr nach 192 Stufen von der Aussichtsplattform des Belfrieds, der sich mitten im malerischen Städtchen erhebt.
9. Groß in Mode: Roubaix
Die ehemalige Hochburg der Textilindustrie lhat den Strukturwandel auf bemerkenswerte Weise gemeistert und ihr industrielles Erbe in kreative Räume verwandelt. Das bekannteste Beispiel ist ein Jugendstilbad, das heute als La Piscine Kunst- und Industriekultur präsentiert – atemberaubend!
In einer umgebauten Autowerkstatt betreibt das Ensemble L’Oiseau Mouche ein professionelles Theater mit Schauspielern mit Behinderung. Ehemalige Fabrikhallen dienen heute als Atelierflächen, Lofts und Modeboutiquen.
Was angesagt ist, verrät ein Bummel durch die Boutiquen der Maisons de Mode in der Avenue Jean Lebas. Zweimal pro Jahr treffen sich im Quartier des Modes zwischen Bahnhof und Grand Place 100 Modeschöpfer zum Marché des Modes, einem dreitägigen Fashion-Marathon. Auf Schnäppchenjäger warten in und um Roubaix zwei Outlet-Center mit 160 Geschäften – McArthurGlen und Usines Center / L’Usine.
10. Der größte Flohmarkt der Welt
Am ersten Septemberwochenende ist Lille fest in der Hand der 10.000 Trödler, die in den Gassen und Straßen rund um die Place Rihour bei der Braderie de Lille ihre Schätze aus Tand und Trend verkaufen. Das Angebot reicht von antikem Trödel und Dachbodenfunden bis hin zu Designklassikern.
Kult wie das Stöbern an 200 Kilometer Ständen und das Feilschen ist das kulinarische Ritual des Wochenendes:ist das Schlemmen: Moules Frites sind ein Muss! Das Restaurant mit dem höchsten Muschelberg vor der Tür ist Sieger beim jährlichen Muschelwettessen am Samstagabend – neun Tonnen Miesmuscheln wurden im letzten Jahr von den 2,5 Millionen Besuchern verspeist.

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Im Buch
Georg Renöckl, 111 Orte, die man in Nordfrankreich gesehen haben muss*
Wisst ihr, wo Banksy an Nordfrankreichs Küste seine stencils hinterlassen hat? Wo ihr am besten salicornes sammeln könnt? Oder wo bis heute die Zeitung im Bleisatz gesetzt wird? Georg Renöckel kennt die ungewöhnlichsten, überraschendsten und außergewöhnlichsten Orte im Norden von Frankreich.
111 davon hat der Wiener Journalist (Jg. 1976), der u.a. in Paris studiert hat, für seinen Reiseführer 111 Orte, die man in Nordfrankreich gesehen haben muss* ausgesucht. Auch für Insider und gute Kenner der Region hält er noch so manche Entdeckung bereit.
Wer ausgiebig darin stöbert, erfährt auch, warum ein Zwerg die einst mächtigste Ritterburg der Welt zerstörte. Auf der Suche nach historischen, kulturellen und legendären Orten hat Georg Renöckl nicht nur die Picardie, das französische Flandern, den Hennegau und den Artois besucht, sondern auch die Île-de-France. Heraus kam ein lesenswerter Band, der Lust macht auf Entdeckungen abseits eingetretener Pfade. Wer mag, kann den Reiseführer hier*online bestellen.
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