Normannische Schweiz: Spitzenkunst im Hügelland

Jocelyne Renault ist seit 1976 Dentellière im Atélier national de la Dentelle und zeigt im Museum den Besuchern die zehn Schritte zur Herstellung der Alençon-Spitze. Foto: Hilke Maunder
Jocelyne Renault ist seit 1976 Dentellière im Atélier national de la Dentelle und zeigt im Museum den Besuchern die zehn Schritte zur Herstellung der Alençon-Spitze. Foto: Hilke Maunder

Fern vom Meer scheint es, als wolle die Normandie der Schweiz Konkurrenz machen: Steile Felswände säumen den Flusslauf der Orne, hervorspringende Felsen und Überhänge prägen die Schluchten der Vire, 320 m hohe Hügelketten die Perche: voilà die Suisse Normande.

Wander-Mekka

Die Normannische Schweiz ist ein traumhaftes Terrain zum Wandern, Bouldern und Klettern. Zu den schönsten Zielen gehört La Brèche au Diable: Am Fuße des Mont Joly führt eine gut zweistündige Wanderung durch ein tiefes, romantisches Tal, in dem ein Wildbach rauscht. Am Pain du Sucre und dem Rocher de la Houle haben Kletterfreaks ihre Haken in den Fels geschlagen. Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, merkt rasch, dass die Heimat des fünffachen Tour de France-Siegers Jacques Antequil (1934-1987) längst nicht so flach ist, wie man landläufig meint.

Teuflische Felsen

Als Mekka für Mountain-Biker gilt der Roche d’Oëtre. Der Felsen, der Barbey d’Aurevilly als Kulisse für eine Episode in seinem Roman Die Teuflischen* diente, überragt in 118 Meter Höhe die Rouvre. Heideland und Wälder, trockene Berghänge und torfige Wiesen machen diese Landschaft zu einer der ungewöhnlichsten der Normandie. Aufgrund der einzigartige Flora und Fauna wurde das Gebiet daher in die Liste der EU-Schutzzonen Natura 2000 aufgenommen.

Jungbrunnen im Wald

Südwestlich von Argentan beginnt der Parc Naturel Régional Normandie-Maine, ein fast 235.000 Hektar großes, waldreiches Gebiet. Aus seinem dichten Grün erhebt sich der Kurort Bagnoles-de-l’Orne mit seinen radioaktiven Thermalquellen, die nicht nur bei Kreislauferkrankungen und Rheumaleiden angewendet werden, sondern seit Jahrhunderten als Jungbrunnen gelten.

So erhofften sich bereits Madame Pompadour, Bismarck und Churchill Linderung ihrer altersbedingten Gebrechen. Und wie es sich für einen Kurort gehört, ist das gesellschaftliche Leben fast wichtiger als die Anwendungen. Im Kasino, beim Golf oder bei Theatervorführungen zeigt man gerne, wer man ist – und was man hat.

Zehn Arbeitsschritte brauchen die Näherinnen bei der Herstellung der Alençon-Spitze. Foto: Hilke Maunder

Das goldene Pferd

Hart und von Armut geprägt war Jahrhunderte lang hingegen das Leben im Perche. Nur der alte römische Name ›Sylva Pertica‹ lässt heute noch erahnen, welch große Wälder einst die bis zu 320 m hohen Hügelkämme bedeckten, die heute die Heckenlandschaft der Bocage überzieht. Wo keine Schafe weideten, wurden die schweren Böden noch bis in die 1960er Jahre mit kräftigen Kaltblütern bearbeitet, den Percherons. Wenngleich es ihre massige Statur kaum vermuten lässt, so tragen sie doch Araberblut in sich.

Im Jahr 732 kämpften die Sarazenen mit diesen Pferden in der Schlacht von Poitiers gegen die fränkischen Ritter, die nach dem Sieg über die Mauren die arabischen Rösser mit heimischen Rassen kreuzten. Und das erfolgreich: Mehr als 7.500 Tiere wurden allein in die USA exportiert, weitere nach Australien, Afrika und Japan. Heute besinnt sich auch Frankreich wieder auf das Arbeitspferd – in Trouville sur-Mer transportieren Percherons den Müll ab.

Legendär ist vor allem die enorme Kraft der Kaltblüter. Selbst eine Göttin konnte einst das Pferd nicht bändigen. Zur Strafe verwandelte sie das Tier in eine Statue und verbannte es. Als goldenes Pferd galoppiert es bis heute über den Himmel von Cornon, der alten Hauptstadt der Grafschaft Perche.

Musée des Beaux Arts et de la Dentelle: Alençon-Spitze. Foto: Hilke Maunder

Filigrane Kostbarkeiten

Berühmt wurde die Suisse Normande auch für ihr Kunsthandwerk. Am 5. August 1655 gründete Colbert in Alençon die Köngliche Stickereimanufaktur des Point de France. Mit Hilfe von italienischen Arbeiterinnen wurde dort erst die venezianische Spitze erfolgreich kopiert, dann ein Einfuhrverbot für Spitzen verhängt. Geschützt durch ein staatliches Monopol, erobert die Nadelspitze aus Alençon erst Versailles, dann die europäischen Höfe.

1851 feierte der Point d’Alençon seinen größten Triumph: Auf der Weltausstellung wurde er in London als ›Königin der Spitzen‹ ausgezeichnet – doch bereits wenige Jahre später brachten die Erfindung der Maschinenspitze und der Wandel der Mode den Niedergang der Spitzenindustrie. Heute gehört die Spitze aus Alençon zum immateriellen Welterbe der UNESCO, und ein hervorragendes Museum, in dem die Herstellung live vorgeführt wird, zeigt, wie lebendig die Nadelspitze aus Alençon noch heute ist.

Insider-Tipp

Auf den Spuren der Spitze

Entlang der Route des dentelles normandes halten sieben Städte heute mit Werkstätten und Museen die Tradition der Spitzenherstellung lebendig und erläutern regionale Unterschiede. Während in Argentan und Alençon die Nadelspitzen aus sehr feinem Leinen gefertigt werden, entsteht die Spitze von Bayeux als Klöppelarbeit aus schwarzer Seide.

Weiße Seide wird bei der ›Blonde de Caen‹ geklöppelt, mehrfarbige Seide in Courseulles verarbeitet. La Perrière hingegen ist für seine ›filets‹ bekannt, Netzstickereien auf gewebtem oder fein geklöppeltem Grund, Villedieu-les-Poêles für seine Sequenz aus drei floralen Motiven. Bei der FNAC gibt es von Mick Fouriscot einen kompetenten Führer zur Route.

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