Octobre Rose auf der Place Georges Clemenceau in Pau - auch die Hauptstadt des Béarn macht bei der landesweiten Aktion gegen Brustkrebs mit. Foto: Hilke Maunder

Octobre Rose: Frankreich gegen Brustkrebs

Die Côte d’Azur im Oktober zeigt sich normalerweise türkisblau und sonnengelb. Doch in diesem Monat leuchtet eine andere Farbe in Nizza und Cannes: Pink. Auch in Lyon erstrahlen die Fassaden der Place Bellecour rosa. In Paris schmücken sich die Rathäuser mit pinkfarbenen Fahnen und Bannern. Und überall, vom Fischerhafen in der Bretagne bis zu den Bergdörfern der Pyrenäen, flattern sie im Herbstwind: pinkfarbene Schirme. Sie hängen über Marktplätzen und Fußgängerzonen, bilden rosafarbene Himmel über engen Gassen und weiten Straßen. Als optischer Aufschrei und visuelles Statement. Mit intensivem Rosa sagt Frankreich dem Brustkrebs den Kampf an.

Der Octobre Rose verwandelt das ganze Land. Museen organisieren Sonderführungen zum Thema Gesundheit. Bibliotheken stellen Bücher über Brustkrebs aus. Kinos zeigen Dokumentarfilme. Schulen laden Experten ein. Fitnessstudios bieten kostenlose Kurse an. Sogar Bäckereien backen rosa Croissants – ein Teil des Erlöses geht an den Octobre Rose.

Die öffentlichen Gebäude leuchten rosa. Der Eiffelturm erstrahlt in Pink. Die Oper von Lyon taucht ihre Fassade in zartes Rosa. Rathäuser, Kirchen, Brücken – überall flackert die Farbe der Solidarität. Es ist unmöglich, durch eine französische Stadt zu gehen, ohne an den Octobre Rose erinnert zu werden.

Die „Rosa Oktober“ Kampagne funktioniert, weil sie allgegenwärtig ist. Sie drängt sich nicht auf, aber sie ist da. Ständig. Überall. Die rosa Schirme sind dabei die perfekte Metapher: Sie schützen vor Regen, so wie Vorsorge vor Krankheit schützen kann. Sie sind offen und zugänglich, so wie die Gesundheitsversorgung offen und zugänglich sein sollte. Und sie verbinden – Mensch mit Mensch, Betroffene mit Helfern, Angst mit Hoffnung.

Eine Bewegung mit amerikanischen Wurzeln

Die Geschichte des Octobre Rose begann in den frühen 1990er-Jahren in New York. Evelyn H. Lauder, Vizepräsidentin des Kosmetikunternehmens Estée Lauder, gründete eine Stiftung zur Brustkrebsforschung. Das rosa Band – Ruban Rose – wurde zum internationalen Symbol der Bewegung. 1994 brachten Estée Lauder France und das Magazin Marie-Claire die Kampagne nach Frankreich. Aus einer Idee wurde eine Bewegung, aus einer Aktion ein nationaler Aufschrei, an dem immer mehr Kommunen teilnahmen.

Heute, mehr als 30 Jahre später, ist der Octobre Rose nicht mehr wegzudenken aus dem französischen Kalender. Jedes Jahr im Oktober mobilisiert die Kampagne Millionen Menschen. Krankenhäuser öffnen ihre Türen für kostenlose Screenings. Städte illuminieren ihre Wahrzeichen in Pink. Unternehmen starten Spendenaktionen. Sportler laufen, Künstler performen, Prominente sprechen. Das ganze Land engagiert sich – denn die Zahlen steigen.

Die Fakten

2023 gab es in Frankreich rund 61.214 neue Brustkrebsfälle bei Frauen. Die altersstandardisierte Inzidenzrate liegt bei 274 Fällen pro 100.000 Frauen – ein deutlicher Anstieg gegenüber 178 Fällen im Jahr 2022. Damit liegt Frankreich über dem deutschen Vergleichswert von 148 Fällen. Erfasst werden sie vom Institut National du Cancer (INCa), das im Oktober 2025 die Zahlen für 2023 vorstellte. Und darauf verwies, dass die Brustkrebs-Fallzahlen auch in den nächsten Jahren steigen würden.

Doch Frankreich reagiert. Seit 2004 existiert ein landesweites, organisiertes Screening-Programm. Frauen zwischen 50 und 74 Jahren erhalten alle zwei Jahre kostenlose Mammographien. Die Krankenversicherung übernimmt die Kosten vollständig. Das Ziel: Brustkrebs so früh wie möglich erkennen. Denn je früher die Diagnose, desto größer die Heilungschancen. Im Oktober verstärkt der Octobre Rose diese Bemühungen nochmals. Informationszentren öffnen, Beratungsstellen bieten Walk-in-Termine, mobile Screening-Einheiten fahren durch entlegene Regionen.

Die Pariser Stadtverwaltung betreibt während des gesamten Monats Vorsorgezentren mit Beratung und kostenlosem Screening. Nationale und regionale Kampagnen bombardieren die Medien mit Informationen zur Früherkennung. Gesundheitsorganisationen und Krankenversicherungen arbeiten Hand in Hand. Die Botschaft ist klar: Vorsorge rettet Leben.

Prominente engagieren sich

Die Liste der prominenten Unterstützer liest sich wie das Who’s Who der französischen Gesellschaft. Luxusmarken wie Chanel, Dior und Gucci kreieren spezielle Kollektionen für den Octobre Rose. Ein Teil der Erlöse fließt direkt in die Brustkrebsforschung. Schauspielerin Sophie Marceau, das Gesicht Frankreichs, leiht der Kampagne ihre Stimme und ihr Image in aufwendigen Werbekampagnen.

Künstler wie der Choreograf Mehdi Kerkouche gestalten bewegende Performances. Sänger Amir tritt bei Benefizgalas auf. Die HOPE-Gala in Paris versammelt jedes Jahr Persönlichkeiten wie den Künstler Richard Orlinski und Schauspielerin Élodie Fontan. Selbst Spitzenköche mischen mit: Konditor Cyril Lignac spendet Aktionserlöse an lokale Brustkrebs-Selbsthilfegruppen.

Auch Carla Bruni, ehemalige First Lady Frankreichs und Supermodel, machte 2023 ihre Brustkrebsdiagnose öffentlich. Sie betonte die Bedeutung regelmäßiger Mammographien und berichtete, dass ihr Krebs früh erkannt wurde und nicht aggressiv war. Ihre Botschaft: Brustkrebs kann jede treffen, unabhängig von Status oder Alter. Dominique Bertinotti, ehemalige Familienministerin, sprach nach ihrer Erkrankung 2013 offen über ihren Kampf. Die schweizerisch-französische Sängerin Francine Jordi teilt ihre Erfahrungen, um Frauen zu ermutigen.

Filmisches Statement: La Tresse

Im Oktober 2024 organisierte die Lingerie-Marke Aubade im Pathé Palace in Paris eine Abendveranstaltung für die Organisation Ruban Rose. Bei der Vorführung des Films La Tresse von Laetitia Colombani gab es Vorträge über die neuesten Fortschritte im Kampf gegen Brustkrebs.

Der Film La Tresse (Der Zopf) handelt von drei Frauen aus unterschiedlichen Kontinenten und ihren persönlichen Kämpfen. Eine der drei zentralen Figuren, die kanadische Anwältin Sarah, erfährt mitten im beruflichen Erfolg, dass sie schwer erkrankt ist – und zwar an Brustkrebs. Ihr Umgang mit dieser Diagnose und der Versuch, ihr Berufs- und Familienleben trotz der Erkrankung zu bewältigen, ist ein zentrales Thema des Films. Die beiden anderen Frauen kämpfen gegen Armut und soziale Ausgrenzung in Indien (Smita) sowie gegen existenzielle Familienprobleme in Italien (Giulia).

Mit diesem Trio steht „La Tresse“ für weibliche Resilienz, Solidarität und die Verbindung der Schicksale über Ländergrenzen hinweg. Der Film ist eine bewegende Ode an Mut und Zusammenhalt – und thematisiert Brustkrebs am Beispiel einer der drei Hauptfiguren sehr deutlich und emotional.

Ein Land in Bewegung

Überall in Frankreich organisieren Städte und Gemeinden während des Octobre Rose solidarische Märsche und Läufe. In Chilly-Mazarin starten die Teilnehmer im Park des Rathauses. In Valenciennes trifft man sich am Étang du Vignoble für die Marche Rose. Die Veranstaltungen verbinden Sport mit Solidarität. Familien laufen gemeinsam, Firmen schicken Teams, Sportvereine mobilisieren ihre Mitglieder.

Die Events sind mehr als symbolische Gesten. Bei lokalen Solidaritätsveranstaltungen kommen oft mehrere hundert bis tausend Euro zusammen. Diese Summen fließen direkt an Krebspatientinnen vor Ort – für Therapien, die nicht von der Versicherung gedeckt werden, für psychologische Betreuung, für finanzielle Notlagen. Die Ligue contre le cancer in den Vosges gibt an, dass die Einnahmen aus dem Octobre Rose etwa ein Drittel ihres Jahresbudgets ausmachen.

Seit 2010 wurden durch verschiedene Aktionen im Rahmen von Octobre Rose geschätzte 200–400 Millionen Euro für die Brustkrebsforschung gesammelt. Jährlich kommen Millionen hinzu.

Dichtes Netzwerk gegen Krebs

Frankreich sieht sich im Kampf gegen Krebs als gut aufgestellt – auch wenn im ländlichen Raum Ärzte und Angebote dünn gesät sind. An der Spitze der medizinischen Infrastruktur bei Krebs steht das Institut Gustave Roussy in Villejuif bei Paris.

Das Institut ist spezialisiert auf die Behandlung seltener und komplexer Tumore und behandelt jährlich rund 12.000 neue Patienten, darunter eine wachsende Zahl internationaler Patienten. Das Institut Gustave Roussy gilt als das größte Zentrum seiner Art in Europa – ein Gigant der Krebsmedizin mit multidisziplinären Teams, die Chirurgie, Chemotherapie, Strahlentherapie und innovative Immuntherapien unter einem Dach vereinen.

Das Institut Curie in Paris hat sich besonders auf Brustkrebs, pädiatrische Onkologie und Tumorerkrankungen spezialisiert. Chemotherapie und Strahlentherapie werden individuell auf jeden einzelnen Patienten abgestimmt; die chirurgischen Eingriffe erfolgen minimalinvasiv und robotergestützt.

In Toulouse betreibt das Institut Universitaire du Cancer Toulouse-Oncopole einen riesigen univerisitären Klinik-Campus, der Behandlung und Forschung verzahnt. Bei Lyon gilt das Centre Léon Bérard als führend bei komplexen Krebsfällen. Das Pariser Hôpital Européen Georges-Pompidou in Paris wagt bei schwierigen onkologischen Fällen auch experimentelle Therapien.

Sämtliche französische Krebszentren sind breit aufgestellt und kümmern sich um alle Krebsarten – von Hirntumoren über hämatologische Erkrankungen bis zu Lungenkrebs. Doch innerhalb dieser Einrichtungen existieren hochspezialisierte Brustkrebs-Teams, die eng mit der Forschung zusammenarbeiten, neue Behandlungsmethoden entwickeln und klinische Studien durchführen.

Die Krebskliniken kooperieren mit Universitäten und spezialisierten Forschungszentren. Netzwerke wie das Exzellenzzentrum Cancer-Bio-Santé in Toulouse verbinden klinische Forschung, Biotechnologie und Industriepartner. Private Unternehmen entwickeln gemeinsam mit Kliniken neue Medikamente. Das Ziel: Innovationen schneller vom Labor ans Krankenbett bringen.

Gemeinsam aktiv

Der Octobre Rose lebt von der Gemeinschaft. Wohltätigkeitsorganisationen wie die Ligue contre le cancer, die Association Ruban Rose und unzählige lokale Initiativen treiben die Kampagne voran. Krankenhäuser stellen Personal und Räume zur Verfügung. Kommunen übernehmen Logistik und Organisation. Unternehmen sponsern Events. Medizinisches Personal arbeitet oft ehrenamtlich. Forscher teilen ihre neuesten Erkenntnisse bei öffentlichen Vorträgen.

Und dann ist da die breite Öffentlichkeit. Menschen, die spenden, obwohl sie selbst nicht viel haben. Frauen, die ihre Geschichte erzählen, obwohl es wehtut. Männer, die für ihre Partnerinnen, Mütter, Schwestern laufen. Kinder, die rosa Bilder malen für die Patientinnen im Krankenhaus. Lehrerinnen, die das Thema im Unterricht behandeln. Bürgermeister, die ihre Städte mobilisieren.

Diese kollektive Anstrengung macht den Octobre Rose einzigartig. Es ist nicht nur eine Kampagne. Es ist eine Bewegung. Ein nationaler Kraftakt. Ein Monat, in dem ein ganzes Land zeigt: Wir stehen zusammen. Wir kämpfen zusammen. Und wir geben nicht auf.

Die pinkfarbenen Schirme werden im November wieder verschwinden. Die rosa Beleuchtung wird erlöschen. Aber die Botschaft bleibt: Geht zur Vorsorge. Achtet auf euren Körper. Ihr seid nicht allein. Denn Brustkrebs ist keine Privatsache. Es ist eine gesellschaftliche Herausforderung. Und Frankreich nimmt sie an – jeden Oktober aufs Neue, mit aller Kraft, mit allem Pink, das das Land aufbringen kann.

Brustkrebs in Frankreich: Adressen und Links

Zentrale Organisationen und Kampagnen

Association Ruban Rose

Die Organisation hinter Octobre Rose.
www.rubanrose.org

Institut National du Cancer (INCa)

Das nationale Krebsinstitut listet auf seiner Webseite offizielle Statistiken, Informationen zu Screening-Programmen und bietet einen Präventionsratgeber.
• 52, avenue André Morizet, 92100 Boulogne-Billancourt, Tel. 01 41 10 50 00, www.cancer.fr

Ligue contre le cancer

Die Krebsliga Frankreichs bietet Beratung und Unterstützung für Betroffene in lokalen Anlaufstellen in ganz Frankreich.
• 14, rue Corvisart, 75013 Paris, Tel. 01 53 55 24 00
www.ligue-cancer.net

Führende Krebszentren mit Brustkrebs-Expertise

Institut Gustave Roussy

Größtes Krebszentrum Europas, Behandlung aller Krebsarten, spezialisierte Brustkrebs-Teams, klinische Studien, internationale Patienten willkommen
• 114, rue Édouard-Vaillant, 94805 Villejuif, Tel. 01 42 11 42 11, www.gustaveroussy.fr

Institut Curie

Spezialisierung auf Brustkrebs und pädiatrische Onkologie
• 26, rue d’Ulm, 75005 Paris, Tel. 01 44 32 40 00, www.curie.fr

Institut Universitaire du Cancer Toulouse-Oncopole

Universitärer Gesundheitscampus, Kombination von Behandlung und Forschung
• 1, avenue Irène Joliot-Curie, 31059 Toulouse, Tel. 05 31 15 50 00, www.iuct-oncopole.fr

Centre Léon Bérard

Spezialisierung auf komplexe Krebsfälle
• 28, promenade Léa et Napoléon Bullukian, 69008 Lyon
Tel. 04 78 78 26 26, www.centreleonberard.fr

Hôpital Européen Georges-Pompidou

Multidisziplinäre onkologische Betreuung
• 20, rue Leblanc, 75015 Paris, Tel. 01 56 09 20 00,
www.aphp.fr

Screening und Prävention

Ameli – Nationale Krankenversicherung

Informationen zum kostenlosen Mammographie-Programm für Frauen 50-74 Jahre, Terminvereinbarung, Kostenübernahme.
• www.ameli.fr

Dépistage du cancer du sein

Nationales Screening-Programm
www.cancer.fr

Unterstützung und Beratung

Cancer Info Service

Beratung durch Fachpersonal, Informationen zu allen Krebsarten, psychologische Unterstützung.
Kostenlose Telefon-Hotline: 08 05 12 31 24 (Mo-Fr 9-19 Uhr, Sa 9-14 Uhr)

Fondation ARC pour la recherche sur le cancer

Krebsforschungsstiftung
• www.fondation-arc.org

Europa Donna France

Europäische Brustkrebskoalition – Französische Sektion: Patientenvertretung, Informationen, Unterstützungsnetzwerke
 www.europadonna.fr

Vivre Comme Avant

Besuchsdienst durch ehemalige Patientinnen – 2025 seit 50 Jahren!
• www.vivrecommeavant.fr

Forschung und Innovation

Unicancer

Verband der französischen Krebszentren
• 101, rue de Tolbiac, 75654 Paris Cedex 13, Tel. 01 44 23 04 04, www.unicancer.fr

INSERM – Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale

Das nationale Institut für Gesundheit widmet sich der Grundlagenforschung mit klinischen Studien
• www.inserm.fr

Fondation de France – Programme Cancer

Förderung von Forschungsprojekten, Unterstützungsprogramme
www.fondationdefrance.org

Notfall und Beratung

Medizinischer Notdienst ( SAMU )

Tel. 15

SOS Help Helpline

Englischsprachige Krisenhotline in Paris
Tel. 01 46 21 46 46 (3-23 Uhr)

Bei medizinischen Notfällen immer die Notrufnummer 15 ( SAMU ) wählen. Für allgemeine Gesundheitsfragen den Hausarzt oder die obigen Beratungsstellen kontaktieren.