JO 1968: Grenoble feiert 50 Jahre Olympia 2


Die Eröffnung der X. Winterspiele am 6. 2. 1968

Die Eröffnung der X. Winterspiele am 6. 2. 1968

Lohnen sich die Olympischen Spiele für Städte? Nicht nur in Hamburg, Paris, Rom und Los Angeles wurde diese Frage in den letzten Jahren heftig diskutiert. Eine französische Alpenstadt sagt aus tiefster Überzeugung: „Ja“ zu Olympia. Erratet ihr, welche?

Grenoble est entré dans la modernité avec les Jeux Olympiques“

Mit den Olympischen Spiegel hat in Grenobledie Moderne begonnen. So lautet der erste Satz einer 28 Seiten dicken Broschüre. Drinnen findet ihr Infos und viele Events rund um ein Festival, das die Stadt bis in den Juni hinein feiert: 50 Jahre Olympische Winterspiele in Grenoble.

Bauboom in Frankreich

Der Zuschlag für die Olympischen Spiele beschert der alten Stadt an der Isère einen urbanen Wandel. Modernisierung durch Architektur war im Nachkriegsfrankreich eine Vision, die Architekten Émile Aillaud (1902 – 1988), Michel Andrault (1926) und Pierre Parat (1928)beflügelte. Mit subventionierten Darlehen, verfahrensrechtlichen Anreizen und unglaublich viel kreativer Freiheit für die Architekten ließ Frankreich ab den 1950er Jahren „grands ensembles“ in Plattenbauweise errichten, die sonst nur in den Ländern des ehemaligen Ostblocks zu finden sind. Sechs Millionen Wohnung schoßen so in den „Annnée Glorieuses“, den „goldenen Jahren“ der 1950er bis 1970er-Jahre, aus dem Boden.

Grenoble hatte den Boden für den architektonischen Sprung in die Moderne mit dem Plan Barnard 1962 bereitet. Olympia verlieh dem urbanen Wandel den Turbo. Eine neue Stadt entstand – als nächste, neue „Haut“ einer Stadt, die seit ihrer Gründung als „Cularo“ im Jahr 43 v. Chr. nie durch Krieg zerstört wurde. Umgerechnet 460 Millionen Euro machte der damalige Staatspräsident Charles de Gaulle locker, um mit Grenoble der Welt die Modernisierung Frankreichs zu zeigen.

Wahrzeichen für die Modernisierung Frankreichs

Neue Wahrzeichen wie der Palais des Sports, der neu gestaltete Parc Paul Mistralmit der markanten Tour Perret, die Avenue Marcelin Berthelot, die Maison de la culture (heute MC2) und das Malherbe-Viertel. 

Ebenfalls errichtet wurde die Alpexpo, wo in nächster Nähe zum Olympia-Stadion die Eröffnungszeremonie abgehalten wurde – heute ein Messe- und Kongresszentrum, auf dem Wein-, Immobilien- und Bio-Messen ebenso stattfinden wie Konzerte und Shows.

Vier Kilometer südlich der Stadt ließ Maurice Novarina(1907-2002) das Olympische Dorf mit acht Wohntürmen und zwölf Riegeln, das Maurice Novarina 4 km südlich der damaligen Stadt mit 25.000 Wohneinheiten anlegen. Das Institut National de l’Audiovisuel, kurz INA, hat ein historisches Video aus seinem Archiv dazu ins Netz gestellt.

Heute gehört das einzige Olympiadorf zu La Villeneuve. Es gilt als sozialer Brennpunkt und sorgte 2010 weltweit für Negativ-Schlagzeilen . Nach tödlichen Schüssen auf einen Casino-Räuber war es zu Krawallen gekommen. Autos brannten, Geschäft wurden geplündert, Polizei wie Protestler setzten Schusswaffen ein. Im Sommer 2017 ging eines der architektonischen Ikonen des Viertels in Flammen auf: das collège Lucie-Aubrac. Brandstiftung.

Welterstes Olympia-Maskottchen: Le Schuss

1968 wurde ein Jahr der Premieren. Nicht nur für Grenoble, sondern auch Oympia. Erstmals wurden die Olympischen Spiele live im Fernsehen übertragen – und das sogar in Farbe! Ein unverwechselbares Gesicht musste her. Es wurde Le S(c)huss – das allererste Maskottchen in der Geschichte der Olympischen Spiele. Aline Lafarque entwarf ihn als Rotkopf mit weiß-schwarzen Glubschaugen, der sich als Skirennläufer in Blau-Weiß auf die Piste wagt. Entworfen ohne Arme, hatte der stilisierte Wintersportler rasch einen anderen Spitznamen weg: nicht „Le Schuss“, sondern… skifahrendes Spermium! Groß vermarktet wurde es nicht; nur Anstecknadeln, Schlüsselanhänger und Kleinspielzeug ab es von der Figur.

Le Schuss für Olympia: Alexandre Gratian hat das Maskottchen der Olympischen Winterspiele 1968 aus Schokolade nachgestaltet.

Le Schuss in Schoko

Le Schuss hat auch einen Meister-Chocolatier inspiriert. Zum 50. Geburtstag fertigte Alexandre Gratian von der Patisserie Les Écrins das Maskottchen aus feinster Schokolade. 68 Gramm bringt der kleine Prototyp auf die Waage. Jetzt soll noch ein richtig großer Schokoathlet folgen…

Premieren für Athleten

Auch für die Athleten bedeutete Grenoble Neuerungen. Erstmals gab es Geschlechtstests für weibliche Athleten – und wurden Frauen wie Männer auf Doping kontrolliert. Zum ersten Mal ist Deutschland mit zwei Mannschaften dabei: BRD und DDR – marschiert wurde getrennt mit eigenen Mannschaften und eigenen Flaggen, aber zu gleichen Musik.

Gold! Gold! Gold!

Für die BRD holten Eisschnellläufer Erhard Keller und Langläufer Franz Keller Gold, für die DDR die Doppelsitz-Rodler Klaus-Michael Bonsack und Thomas Köhler.  Die beiden deutschen Staaten landeten damit auf Platz acht bzw. zehn. Frankreich schafft es mit Jean-Claude Killy, der in allen drei Abfahrtsrennen Gold holte, auf Platz drei. Norwegen setzte sich – vor der Sowjetunion – mit sechs Goldmedaillen an die Spitze.

50 Jahre Olympia – das erwartet euch in Grenoble

Logo_50 Jahre X. Winterspiele in GrenobleRallumons la Flamme, entfachen wir wieder das Feuer: So beginnt am 6. Februar 2018 das große Fest zum 50. Geburtstag der Olympischen Winterspiele  in Grenoble. Um 17.30 Uhr versammeln sich dann im einstigen Olympischen Dorf vor dem Theaterbau des MJC Prémol Einheimische und Gäste mit als leuchtende Botschafter der „Course Lumineuse“.

Bei dem Lichterlauf oder -spaziergang werden die einstigen Olympiastätten spektakulär mit Licht in Szene gesetzt. Um 18.30 Uhr gibt Bürgermeister Éric Piolle den Startschuss zur fünf Kilometer langen leuchtenden Parade. Für das beste leuchtende Outfit oder funkelnde Objekt gibt es einen Preis!

Die x. Winterspiele von Grenoble - eine Retrospektive des Musée dauphinois

Die x. Winterspiele von Grenoble – eine Retrospektive des Musée dauphinois

 

Der Licht-Walk endet im Parc Paul Mistral, wo ab 19.30 Uhr Fanfaren der 27. Brigade der Gebirgsinfanterie euch begrüßen, ehe Video-Musik-Shows und monumentale Choreographien folgen. Mit einem Feuerwerk, das aus dem Anneau de Vitesse, dem Eisschnelllauf-Ring der X. Winterspiele hoch in den Himmel geschossen wird, endet der Eröffnungsabend.

Was folgt? Begegnungen mit den Athleten von einst, Ausstellungen, erstaunliche Konzerte, die wie „Fuge und Trampolin“ Musik und Akrobatik verbinden, Sportwettbewerbe, Sightseeingtouren mit Segways, Skiabfahrten mit Fackeln und vieles mehr.Mit dabei ist auch eine Ausstellung im Musée dauphinois, das zur Zeitreise ins Jahr 1968 lädt. Lust bekommen? Dann schaut euch hier einmal das komplette Programm zu 50 Jahre Olympia in Grenoble an!


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2 Gedanken zu “JO 1968: Grenoble feiert 50 Jahre Olympia

  • Ilse Schmidt

    Danke für den Bericht über Grenoble. Im Februarheft des Magazins Écoute findet man ebenso weitere Infos, auch über Villeneuve – die Utopie Perdue.
    Die Stadt sollte man in der Vor- oder Nachsaison besuchen, weil die Luftverschmutzung der im Talkessel liegenden Stadt im Sommer enorm ist, kein Ort für Asthmapatienten! Deshalb wohl die selbst auf der Stadtautobahn nötige Crit‘Air Plakette, die wir nach 2 Wochen problemlos bekommen haben.
    Wir fahren im Frühsommer in den Vercors, von da aus kann man Grenoble gut besuchen.
    Grüße aus dem Münsterland!