Wehrhaft: der Osten der Bretagne

Fougères mit seiner Festung. Copyright: CRT Bretagne/Noé C. photography
Fougères mit seiner Festung. Copyright: CRT Bretagne/Noé C. photography

Gen Osten schützte eine imposante Kette wehrhafter Festungen das Herzogtum der Bretagne vor den Machtgelüsten fremder Mächte: Fougères, Vitré, St-Aubin-du-Cormier, La Guerche, Châteaugiron und Châteaubriant gehören zu den schönsten Fachwerkstädten im Schatten trutziger Bollwerke.

Diese östlichen Festungen, Marches de Bretagne genannt, bildeten eine massive Verteidigungslinie, in deren Schatten Dörfer und Städte entstanden. Auf dem Circuit Touristque des Marches de Bretagne lassen sich die militärischen Monumente von einst entdecken: die Festung von Fougères, eine der größten Wehranlagen von Europa, die stolze Burg von Vitré, deren Altstadt noch heute eine Stadtmauer umgürtet, und die befestigten Bauten von La Guerche-de-Bretagne aus einer Zeit, als noch Bertrand du Guesclin Seigneur der Baronie war.

Fougères

Hauptattraktion der Kleinstadt auf einem Hügel hoch über dem Tal des Nançon ist das Château de Fougères auf einer Insel im Fluss. Mit 13 Türmen, fünf Meter dicken und 30 Meter hohen Mauern gehört die Festung zu den größten Wehranlagen Europas. Zusätzlichen Schutz bot ein Wassergraben, der bei Gefahr geflutet werden konnte.

Von der Tour Mélusine (13./14. Jh.) habt ihr den besten Blick auf die imposante Anlage und die Stadt. Der Wehrgang, der zugleich Fluchtweg zur Oberstadt war, ist nur in Teilbereichen begehbar. Das Wohngebäude wurde 1820 zerstört.

Ebenfalls in der Unterstadt liegen die mehrfach umgebaute, spätgotische Kirche Saint-Sulpice und die Place Marchix, um die sich alte Fachwerkhäuser drängen. Der Beffroi ist – neben dem von Dinan – der letzte weltliche Glockenturm der Bretagne. Unter dem Schiefer gedeckten Helm tagte einst die Ratsversammlung.

Die Geschichte der Zeitmessung illustriert die Museumswerkstatt Atelier-Musée de l’horlogerie mit 200 Exponaten und Uhrmachern, die sich bei der Arbeit über die Schulter sehen lassen. Zweites Standbein neben der Feinmechanik war die Schuhherstellung

1860 begann die Produktion, um die Jahrhundertwende war Fougères die Hauptstadt der Chaussures. 1920 fertigten mehr als 12.000 Arbeiter in 98 Fabriken jährlich fünf Millionen Paare. Berühmt war die Manufaktur Pacory in der Rue de la Pinterie. Noch 1950 arbeitete jeder zweite Bürger bei einem der 70 Schuhhersteller.

Zehn Jahre später kam die Krise. Heute sind noch drei große Unternehmen in der Traditionsbranche tätig: Marktführer JB Martin, der jeden zehnten französischen Damenschuh produziert, die Edelmarke Delage, deren Schuhe bei Haute-Couture-Schauen zu sehen sind.Und seit 2017 auch wieder Morel & Gaté. Das Werk des 1886 gegründegten Spezialist für Luxusschuhe für Frauen und Kinder war 1985 geschlossen worden.

2016 brachte die verrückte Wette eines Trios von Jungunternehmern unter der Leitung von Jerry Sanghami-Ouensana die Marke zurück an den Markt. Nach dem Kauf von Morel & Gaté investierten sie 400.000 Euro in Räumlichkeiten und Maschinen nahmen im Mai 2016 die Produktion auf – und eröffnete am 1. November 2016 ihre erste Luxusboutique n Paris.  Wie ihre Kollektion hieß, die sie dort präsentierten? Renaissance-Kollektion!

Rue de la Baudrairie in Vitré. Copyright: CRT Bretagne/Noé C. photography

Vitré

Auch Vitré gehörte zu den Bollwerken, die die Grenze der Bretagne nach Osten sicherten. Mitten in der Altstadt, die teilweise noch eine Stadtmauer umgibt, erhebt sich das Château auf einer Felsnase über dem Tal der Vilaine. Zugang zum Bollwerk aus dem 11. Jahrhundert gewährt eine Zugbrücke. Drei der sieben Burgtürme des Schlosses beherbergen das Musée du Château.

Im Donjon St-Laurent sind Gobelins aus Flandern und Aubusson (16./17. Jh.), zu sehen, im Turm L’Argenterie zeigt das städtische Kuriositätenkabinett ausgestopfte Frösche in bretonischen Kostümen. In der Renaissance-Kapelle am Turm L’Oratoire steht ein Flügelalter mit 32 Emaille-Tafeln aus Limoges. Im nördlichen Schlosstrakt befindet sich das Rathaus von Vitré. Doch richtig besonders – und ein Besucherhit – ist die Burg erst, seitdem dort Escape Games stattfinden.

Zwischen dem Schlossplatz und der Église Notre-Dame, die im 14./15. Jahrhundert auf dem höchsten Punkt der Stadt im Flamboyant-Stil erbaut wurde, erstreckt sich die Altstadt. Als schönste Straße der Stadt gilt die Rue de la Beaudrairie. In der Rue d’Embas ist das Hôtel du Bol d’Or aus dem 15./16. Jh. sehenswert; in der Rue de Sévigné das Stadthaus der Madame Sévigné. Den besten Blick auf Stadt, Burg, und Umland bietet der befestigte Wall Tertres Noires.

La Guerche-de-Bretagne

Dieses alte Grenzstädtchen besitzt noch malerische Fachwerkhäuser aus dem 16. – 18. Jahrhundert. Sein großerDienstagsmarkt findet bereits seit 1121 statt. Auf dem Château des Rochers-Sévigné verfasste Madame de Sévigné ihre berühmten 267 Briefe an die Comtesse de Grignan, ihre Tochter. Ein kleines Museum erinnert an die Literatin. Ihr zu Ehren feiert Grignan alljährlich ein Festival.

Châteaubriant

Auch Châteaubriant diente als Bollwerk gegen französische Machtgelüste. Im Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich in der Stadt der Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Zahlreiche Erinnerungsstätten in der Umgebung erinnern an das Schicksal der Freiheitskämpfer.

Das mittelalterlichen Vieux-Château im Westen ist heute eine Ruine. Zu Beginn des 16. Jh. entstand im Osten das Château-Neuf mit einem repräsentativen Palais Seigneural aus Tuffstein nach Vorbild der Loire-Schlösser. Zeitgleich zu Burg ließ der Herr von Brient im 11. Jh. auf einer Anhöhe die romanische Kirche Saint-Jean-de-Béré aus Sandstein und Schiefer errichten.

Das Burgschloss von Châteaubriant. Copyright: CRT Bretagne/Yannick Le Gal

Im Jahr 1500 wurde die erst zwölfjährige Françoise de Foix mit  Jean de Laval, Graf von Châteaubriant vermählt, der das Mädchen in strengster Klausur aufwachsen lässt. Dennoch erreicht die Kunde vom Charme und Schönheit der jungen Frau auch das Ohr von König François I. Er spannt die junge Frau dem Ehemann aus, holt sie an seinen Hof und hält sie als Geliebte. Als sein Interesse erlahmt, schickt er Françoise zurück zum Ehemann.

Entbrannt vor Wut, sperrt Laval Frau und Tochter in ein vollkommen schwarz verhülltes Zimmer, das sie nie mehr verlassen sollten. Das siebenjährige Kind stirbt schnell, Françoise erst am 16. Oktober 1537. Gerüchte besagen, der Graf hätte seiner Gattin mit dem Schwert die Pulsadern aufgeschlagen und sie verbluten lassen. Andere Quellen geben dem gräflichen Barbier die Schuld.

Tödlich war einst auch der Carrière des Fusilleés. Im Steinbruch der Erschossene, erinnert heute das Musée de la Sablière an die Erschießung von 27 Widerstandskämpfern. Unter ihnen befand sich auch Guy Môquet. Am 22. Oktober 1941 wurde der erst 17 Jahre alte Pariser erschossen. Frankreich reagierte schockiert und ließ am 31. Oktober 1941  für fünf Minuten die Arbeit ruhen. Môquets unverdienter Tod inspierte Louis Aragon 1944 zum Gedicht „La rose et le réséda“. 2011 griff Volker Schlöndorff  die Geiselerschießung in  der deutsch- französischen Produktion „La Mer à L’Aube/Das Meer am Morgen“ auf.

Anne de Bretagne vor dem Herzogsschloss in Nantes. Foto: Hilke Maunder

Ancenis

Südlichste Grenzfeste der Bretagne war die Burg Ancenis am rechten Ufer der Loire. 1468 begann hier der langsame Niedergang der Bretagne: Herzog François II., der seinem Land wieder die uneingeschränkte Unabhängigkeit zurückgeben wollte, musste im Vertrag von Ancenis dem französischen König Gehorsam schwören.

Als Ludwig XI starb, verbündete sich François II. mit anderen Adeligen gegen die französische Regentin Anna von Beaujeu. 1488 wurde sein Heer bei St-Aubin geschlagen. François II. musste erneut den Lehenseid schwören und durfte seine Tochter Anne de Bretagne nur mit königlicher Zustimmung verheiraten. Kurz darauf starb er als gebrochener Mann. 1532 fiel die Bretagne endgütig an Frankreich.

Die Route der Herzöge

Die Schlösser und Burgen, die in der Bretagne während der Herzogszeit (845-1532) entstanden, sind heute auf der Route des Ducs de Bretagne zu besichtigen. Diese Themenstraße im Süden der Bretagne führt im Morbihan zu den Burgen und Schlösser von Rochefort-en-Terre, La-Roche-Bernard, Suscinio, Vannes, Pontivy, Josselin, Comper und Crévy.

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Auch dier Burg von Clisson an der Sèvre Namtaise gehörte zum Verteidigungsgürtel im Osten der Bretagne. Foto: Hilke Maunder
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