Ruhmestempel der Franzosen: das Pantheon

Der Giebelfries des Pariser Pantheons. Foto: Hilke Maunder
Der Giebelfries des Pariser Pantheons. Foto: Hilke Maunder

Wer im Pantheon von Paris liegt, ist zwar tot, hat es aber geschafft: Mystisch erhöht, ruht er oder sie im Ruhmestempel der Nation. 75 Persönlichkeiten gedenkt Frankreich im Kuppelbau auf der Montagne Sainte-Geneviève des Rive Gauche. Zu den Göttern der Franzosen gehören 71 Männern und – erst –  fünf Frauen: die Forscherinnen Marie Curie und Sophie Berthelot sowie die beiden Widerstandskämpferinnen Germaine Tillion und Geneviève de Gaulle-Anthonioz. Sie zogen 2015 ins Allerheiligste. 2017 gesellte sich Simone Veil als fünfte Frau zu ihnen. 

Zu wenig, sagt eine Studie, und fordert Gleichheit vor den Göttern. Die Inschrift sieht sie bereits vor: „Aux grands hommes, la patrie reconnaissante“ steht dort seit 1791 in Stein gemeißelt, und „hommes“ bedeutet im Französischen nicht nur Mann, sondern auch: Mensch. Künftig, so hat es Philippe Bélava, Leiter des Zentrums französischer Nationalmuseen (CMN), in einer Studie dem französischen Präsidenten empfohlen, sollten besonders „Frauen des 20. Jahrhunderts“, die sich durch „ihren Mut“ und ihr „republikanisches Engagement“ ausgezeichnet hätten, Eingang in die Ehrenhalle der Nation erhalten. 2015 wählten François Hollande zwei Frauen: die Widerstandskämpferinnen Germaine Tillion und Geneviève de Gaulle-Anthonio, die das Frauen-KZ Ravensbrück überlebt haben.

Vorbilder in Rom und London

Vorbild und Namensgeber für den Ruhmestempel war der einzige erhaltene antike Kuppelbau, das Pantheon von Rom. Und die St Paul’s Cathedral, die Sir Christopher Wren 1666 in London errichtet hatte. Der Monumentalbau hatte auch einen Pariser Architekten beeindruckt, der von seinem König – Ludwig XI. – den Auftrag erhalten hatte, als Dank für seine Genesung der Pariser Schutzheiligen als Ersatz für die verfallene Abtei ein neues Gotteshaus zu bauen: Jacques-Germain Soufflot. Um sich vom Vorbild abzuheben, vollzog der Franzose jedoch eine entscheidende Änderung. Er zog den Portikus so weit vor, das er dem Besucher den Blick auf die Kuppel nimmt. Sie ruht, gleichsam schwebend, über dem Unterbau.

Soufflot starb 1780, ohne die Kuppel begonnen zu haben. Es geht das Gerücht, er sei an „gebrochenem Herzen“ gestorben, weil sein Bauwerk, mit dem sein Name in die Architekturgeschichte einging, an baulichen Mängeln zu zerfallen drohte.

Zehn Jahr nach dem Tod Soufflots, mitten in den Wirren der Französischen Revolution, vollendeten seine Schüler Maximilien Brébion und Jean-Baptiste Rondelet die Kuppelkirche. Die Revolutionsführer säkularisierten das Gotteshaus und verwandelten es in eine nationale Gedenkstätte.

Das Panthéon von innen. Foto: Hilke Maunder

Monumentaler Klassizismus

„Säulen wie Eichen, Wände wie geglättete Felsen“ schrieb Friedrich Hebbel 1843 tief beeindruckt nach dem Besuch des ersten Pariser Gebäudes im klassizistischen Stil, dessen Architektur maßgebend für Bauten wie den Arc de Triomphe und die Madeleine wurde.

Beim Innern ließ sich Soufflot von gotischen Kathedralen inspirieren – mit Rippengewölbe, vielen Fenstern, schlanken Säulen und Seitenschiffen für jeden der vier Kreuzarme. Konstruktionsmängel jedoch erforderten mächtige Pfeiler, und für die Umwandlung zur Grabstätte wurden 42 Fenster zugemauert. Wer die Treppe hinab steigt, entdeckt unter dem profanisierten Sakralbau zudem keine konventionelle Krypta, sondern ein riesiges Gangsystem – lauter Kapellen, die eine historische Personen würdigen.

Wer kam ins Panthéon?

Als erste Franzosen ließ die Revolution ihrer eigenen Helden einziehen: Mirabeau und Marat. Beide wurden jedoch umgebettet, nachdem ihr Name in Ungnade gefallen war. Ältester Dauergast in der Ruhmeshalle ist der Philosoph Voltaire, dessen Gebeine am 11. Juli 1791 ins Panthéon überführt wurden. Weitere prominente Persönlichkeiten Frankreichs, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben, sind der Mathematiker Gaspard Monge, der Erfinder der Blindenschrift Louis Braille, der Maler Jacques-Louis David und der Résistancekämpfer Jean Moulin.

Nur zwei Mal wurden wichtige Persönlichkeiten der französischen Geschichte direkt im Pantheon beigesetzt. Meistens mussten die Verstorbenen längere Zeit warten. Alexandre Dumas sogar 132 Jahre. Erst 2002 wurde der Schöpfer der Romane „Der Graf von Monte Christo“ und „Die drei Musketiere“ in den französischen Ruhmestempel überführt. Dumas ist nach Voltaire, Jean-Jacques Rousseau, Victor Hugo, Emile Zola und André Malraux der sechste Schriftsteller, der in das „Allerheiligste“ gelangte.

Das ewige Pendel

„Sehen Sie, wie die Erde sich dreht“, lud am 2. Februar der Franzose Léon Foucault die Wissenschaftler von Paris ein – und bewies es am 31. März 1851. An jenem Donnerstag ließ er von der Kuppel des Panthéons eine schwere Kugel an einem 67 Meter langen Seil hin- und her schwingen. Das Pendel wanderte über den Bogen – um elf Grad pro Stunde.

So gelang dem 32-jährigen Tüftler der Nachweis einer Behauptung, für die 200 Jahre zuvor Galileo Galilei (1564-1642) als Ketzer verurteilt worden war. Die Erde dreht sich. Und kreist um die Sonne. Und nicht umgekehrt, wie es die katholische Kirche lehrte. Ein wissenschaftliches Abenteuer – spannend nachzulesen in Umberto Ecos geistreichem Bestsellerroman Das Foucaultsche Pendel*.

Steigt auch zur Kuppel des Panthéon hinauf. Von der Säulenreihe bieten sich herrliche Ausblick auf Paris!

Ein zweites, kleines Panthéon

Die Gebeine des Dramatikers Jean Racine, des Physikers Blaise Pascal und des Diplomaten Blaise de Vigenère ruhen gegenüber des Panthéons in der Église Saint-Etienne-du-Mont am Eingang der Marienkapelle. Berühmt ist die Pfarrkirche auch für den letzten Lettner von Paris. Er wurde 1530 nach Entwürfen von Philibert de l’Orme mit Wendeltreppen an den Seiten gefertigt.

Die Wurzeln des Gotteshauses reichen zurück bis ins 5. Jahrhundert, als Frankenkönig Chlodwig I. auf dem Saint-Geneviève-Hügel eine Kapelle anlegen ließ, die den Aposteln Petrus und Paulus geweiht war. 1222 ersetzt, machten die vielen Pilger und die wachsende Bevölkerung einen weiteren Neubau von Nöten.

1492 wurde Saint-Étienne-du-Mont errichtet – und immer wieder umgebaut und erweitert. So mischen sich die Stile: Chor und Triforium, das in halber Höhe das Mittelschiff wie eine Galerie umzieht, stammen aus der Gotik, Kirchenschiff und Fassade prägte die Renaissance, die Kanzel ist Barock – von ihr berühmte Geistliche wie Ignatius von Loyola, Vinzenz von Paul und zuletzt Papst Johannes Paul II.

Überall präsent ist die heilige Genoveva, die im 5. Jh. die Stadt vor der Zerstörung durch den Hunnenkönig Attila bewahrt haben. Ein Sarkophag in einer Seitenkapelle soll einen Stein vom Grab der hl. Genoveva bergen. Die Reliquie der Schutzheiligen, die dem Viertel den Namen Montagne-Sainte-Geneviève gab, ist erst seit dem 19. Jh. in der Kirche zu finden

Orgelklänge für Entdecker

Der Komponist Maurtice Durufle (1902 – 1986) machte die imposante Orgel von 1630, die Aristide Cavaillé-Coll im 19. Jh. umfangreich erweiterte, berühmt. 50 Jahre lang war er als Titularorganist an der Kirche tätig und schuf dort 1947 sein berühmtes Requiem für Orgel und Orchester. Bei der Konzertreihe Le Paris des Orgues könnt ihr hier – und in anderen Kirchen von Paris und der Île de France – Orgelklänge von gestern und heute entdecken. Ganz und gar kostenlos ist Mitte Mai der Marathon des Orgues, bei dem ihr in Paris die schönsten Orgeln entdecken könnt. 45 Minuten lang dauert jeweils eine Vorstellung in Wort und Klang.

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Blick auf die Kuppel von der Terrasse des Panthéon. Foto: Hilke Maunder

 

 

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