Die Abtei von Paray-le-Monial vom anderen Ufer der Bourbince gesehen. Foto: Hilke Maunder

Paray-le-Monial: die Stadt der drei Gesichter

Im Südwesten Burgunds bewahrt Paray-le-Monial, was Cluny verlor: einen Megabau der mächtigsten Mönche des Mittelalters. Und genau hier, in der kleinen Stadt am Ufer der Bourbince, sah eine Nonne das Herz Jesu.

Abends ist sie am schönsten: Zur blauen Stunde gehen die Scheinwerfer an, und die Basilique du Sacré-Cœur spiegelt sich in den Fluten der Bourbince. Nur 82 Kilometer lang ist der Fluss, der bei Montcenis aus dem Étang de Torcy entspringt und bei Digoin in den Arroux mündet. Und bereits dieser Wiesenfluss hat heilige Wurzeln und verweist mit seinem Namen auf den keltischen Gott Borbo.

Nicht einmal 10.000 Einwohner zählt Paray-le-Monial, dessen Außenbezirke Industriebrachen und heruntergekommene Wohnblöcke prägen. Doch in seinem Herzen birgt das Städtchen die zweitwichtigste französische Wallfahrtsstätte nach Lourdes. Mehr als 350.000 Gläubige pilgern jedes Jahr nach Paray-le-Monial. Kunstfreunde lockt die Romanik, Radler legen eine Pause beim Strampeln auf der voie verte des Canal du Centre ein.

Das Herz Jesu

Im 17. Jahrhundert lebte hier die Nonne Marguerite-Marie Alacoque im Kloster der Heimsuchung. Zwischen 1673 und 1675 erlebte sie in der Klosterkapelle – und nach einigen Berichten auch in der heutigen Basilika – mehrere Erscheinungen Jesu, der ihr sein flammendes Herz zeigte.

Besonders groß war die Vision vom Juni 1675. Während der Oktav zu Fronleichnam soll ihr Jesus sein Herz als Symbol seiner grenzenlosen Liebe zur Menschheit offenbart und sie beauftragt haben, diese Botschaft zu verbreiten: Voilà ce Cœur qui a tant aimé les hommes – sieh dieses Herz, das die Menschen so sehr geliebt hat.

Diese Erscheinungen machten Paray-le-Monial ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu einem Wallfahrtsort, der die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu propagierte – in der einstigen Prioratskirche der Benediktiner von Cluny.

Die kleine Schwester von Cluny

973 n. Chr. fasste Graf Lambert von Chalon den Entschluss, ein Benediktinerkloster zu gründen. Den genauen Standort wählte der Adlige gemeinsam mit seinem Freund Mayeul aus, 954 bis 994 Abt von Cluny.

Klostergründungen waren im 10. Jahrhundert eine gängige Strategie für Herrscher. Sie sicherten nicht nur die Kontrolle über Land und Ressourcen, sondern auch über das eigene Seelenheil. Sein Sohn Hugo ließ im Jahr 1004 sogar den Leichnam des heiligen Grat, 13. Bischof von Chalon, für sein Kloster „entführen“!

Paray – ein Priorat von Cluny

977 wurde die Kirche im Charolais nahe der Bourbince geweiht. 22 Jahre später, 999, schenkte Lamberts Sohn das Kloster der Abtei Cluny – samt aller Kirchen, Mühlen, Güter und Leibeigenen. Als Zeugen der Schenkung waren König Robert der Fromme und Herzog Heinrich von Burgund anwesend. Paray wurde ein Priorat. Vom 12. bis ins 14. Jahrhundert lebten hier 25 bis 30 Mönche. Ab 1344 führte der Abt von Cluny das Haus selbst als Prior.

1088 beginnt Cluny mit dem Bau der größten Kirche der Christenheit. Das neue Gotteshaus in Paray-le-Monial entsteht als dessen Miniaturausgabe: mit drei statt fünf Schiffen und einfachem statt doppeltem Querhaus. Doch Grundriss und Aufbau zitieren das große Vorbild – auch wenn die Basilika von Paray mit 63,5 Metern nur ein Drittel so lang ist wie die Maior Ecclesia von Cluny.

Sanftes goldenes Licht

Wie in Cluny ist auch in Paray-le-Monial das Mittelschiff dreigeschossig gegliedert. Unten trennen große Rund- bzw. Spitzbögen das Mittelschiff von den Seitenschiffen. Sie nehmen rund zwei Drittel der Wandhöhe ein. In der Mitte folgt ein schmaler, blinder Arkadengang (Triforium) ohne Öffnungen nach außen.

Er trennt den unteren Teil von den Obergaden. Drei hohe Fenster pro Joch lassen hier Licht hineinströmen. Es fällt direkt auf die Gewölbe des Schiffes und sorgt für einen geradezu goldenen Schein. Im Chor wirkt es besonders sanft und diffus. Seit 2005 ergänzen Luster dieses natürliche Licht.

365 Kapitelle zählt die Kirche – für jeden Tag eines. Vögel und Fabelwesen bevölkern sie, Weintrauben und andere Flora ranken darauf.

Blickführung zur höchsten Spitze

Außen führt eine pyramidenartige Staffelung den Blick von den Dächern des Chores zum achteckigen Glockenturm. Das Westwerk rahmen zwei kleine Viereckstürme ein. Auf dem Chor reckt sich als vierter Turm die kleine flèche in den Himmel. Wann genau die Basilika entstand, ist nicht vollständig geklärt. Einige Quellen datieren den Bau auf die Jahre zwischen 1090 und 1109, andere nennen das zweite Viertel des 12. Jahrhunderts um 1140. Die Forschung streitet.

Von Paray zu Paray-le-Monial

Damals hieß der Ort schlicht und einfach Paray . Erst seit 1370 erhielt er den Zusatz le-Monial. Er leitet sich von lateinisch monachus (Mönch) und verweist auf die Zugehörigkeit der Mönche zum Orden von Cluny.

Doch entscheidend für die heutige Bedeutung von Paray-le-Monial wurde, was bei der Französischen Revolution geschah. Cluny wurde als Nationalgut verkauft – und verkam zum Steinbruch. Nur acht bis zehn Prozent von Cluny III, der dritten Fassung des Gotteshauses, sind noch erhalten. Paray-le-Monial indes überlebte diese Jahre ohne größere Schäden. Und wurde zum Zeugnis dessen, was Cluny einmal war.

Lebendiger Wallfahrtsort

Nach der Französischen Revolution, die viele Klöster aufgelöst und religiöse Praktiken unterdrückt hatte, erlebte die Herz-Jesu-Verehrung einen enormen Aufschwung. 1856 wurde das sommerliche Herz-Jesu-Fest auf die gesamte katholische Kirche ausgeweitet. 1899 weihte Papst Leo XIII. die gesamte Menschheit dem Herzen Jesu. Immer mehr religiöse Gemeinschaften kamen nach Paray-le-Monial: 1878 die Klarissen, 1929 die Dominikanerinnen.

1972 gründeten der Filmkritiker Pierre Goursat und die Medizinstudentin Martine Laffitte-Catta in Paris einen Gebetskreis, aus der die Emmanuel-Gemeinschaft hervorging. Bei einer spirituellen Auszeit unter Leitung von Pater Henri Caffarel hatten sie im Februar 1972 in Troussures eine „Effusion des Heiligen Geistes“ (Taufe im Geist) – erlebt – für beide ein Schlüsselerlebnis der charismatischen Erneuerung.

Die Sommertreffen der Emmanuel-Bewegung

1975 initiierte Pierre Goursat das erste Sommertreffen in Paray-le-Monial. Rund 800 Anhänger folgten dem Ruf der privaten Glaubensgemeinschaft zu Gebet und Austausch in der École Jeanne d’Arc.

Im Folgejahr trafen sich bereits 5.000 Emmanuel-Jünger im Parc des Chapelains und lauschten Rednern wie Laurent Fabre und Père de Monléon. In den folgenden Jahrzehnten lockte Paray-le-Monial immer bekanntere Geistliche. Frère Roger, Gründer der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, Mutter Teresa (1910–1997), Gründerin der Missionarinnen der Nächstenliebe und Kardinal Jean-Marie Lustiger (1926–2007), Erzbischof von Paris, traten hier als Redner auf.

Sogar Papst Johannes Paul II. (1920–2005) besuchte am 4./5. Oktober 1986 Paray-le-Monial und hielt vor mehr als 130.000 Menschen im Parc Moulin Liron eine Messe ab. Und noch heute kommen jeden Sommer von Juli bis August Zehntausende Pilger bei den Sommertreffen der Emmanuel-Bewegung in Paray-le-Monial zusammen.

Die Mosaik-Revolution

Mönche und Nonnen machten Paray-le-Monial berühmt. Viele Jahrhunderte später hauchten feine Staubpartikel, extrem hoher Druck und bunte Erde der Stadt ihre industrielle Seele ein.

1845 wurde in Metz Paul Charnoz (1845–1927) geboren. Paul lernte das Handwerk der Keramik von seinem Vater Jules Charnoz. Dieser arbeitete als Direktor beziehungsweise leitender Mitarbeiter in der berühmten Keramikfabrik Boch Frères (Boch-Brüder) in Dresden.

Auch Paul arbeitete dort als Ingenieur, spezialisierte sich auf Keramik und Feinsteinzeug, stieg dort zum leitenden Angestellten auf und wurde 1872 Direktor der Boch-Niederlassung in Louvroil. Als 27-Jähriger erfand er dort ein Verfahren zur Herstellung von durch Inkrustation verzierten Steinfliesen. Seine carreaux en grès cérame dessinés par incrustation tragen das Muster in der Masse, nicht nur auf der Oberfläche.

Charnoz nutzte für seine Muster feine Messing-Zellenschablonen – sogenannte modèles cloisonnés –, um die verschiedenfarbigen Pulverschichten vor dem Pressen und Brennen exakt voneinander zu trennen. Die Zeitgenossen waren begeistert. 1889 und 1900 gab es auf den Weltausstellungen in Paris Gold für seine monumentalen Keramik-Mosaiken.

Die Fliesenfabrik von Paray

Charnoz war ehrgeizig – und hatte 1872 in Dresden die polnische Gräfin Marie Grudzinska Gralfigny geheiratet. Weiterhin als stellvertretender Direktor zu arbeiten, war ihm nach dem Erfolg seines neu erfundenen Verfahrens nicht mehr genug. Er wollte einen eigenen Betrieb – und das am liebsten in seiner Heimat Frankreich.

Den passenden Standort für sein Unternehmen fand er bei Paray-le-Monial, wo es reiche Tonvorkommen gab. Und mit den Gleisen der Eisenbahn und dem Canal du Centre, auf dem die Kohle aus Blanzy ankam, auch die perfekte Logistik für seine 1877 gegründete Manufacture de carrelages céramiques de Paray-le-Monial.

Bereits zwei Jahre zuvor hatte sich mit Fauchon-Bornier in Paray-le-Monial ein Hersteller von Dachpfannen aus Ton niedergelassen. Zusammen mit den Dachziegelwerken von Gillet stieg Paray-le-Monial damals zum führenden französischen Zentrum für Baukeramik auf – perfekte Bedingungen für Charnoz.

Hochburg der Baukeramik

Zudem war der Bahnhof von Paray-le-Monial ab 1867 ein gewaltiger Verkehrsknotenpunkt. Die Bahngesellschaft PLM (Paris–Lyon–Méditerranée) betrieb hier riesige Werkstätten zur Reparatur von Lokomotiven und eine eigene Rotunde. Zu Spitzenzeiten waren weit mehr als 1.000 Eisenbahner (cheminots) hier beschäftigt.

Bis 2005 war die Fliesen-Fabrik unter dem Namen Cérabati aktiv. 2012 wurde sie größtenteils abgerissen. An ihren Gründer erinnert heute das Musée Paul Charnoz. 2011 erhielt Paray-le-Monial die Auszeichnung als Cité Mosaïque, 2013 sein Keramikmuseum Maison de la Mosaïque Contemporaine. Von Charnoz berühmten Mosaiken sind indes nur noch zwei monumentale Arbeiten erhalten, eine davon stolze 122 Quadratmeter groß.

Die Arbeiterarchitektur von Paray-le-Monial

Für die Arbeiter entstanden südlich des Bahnhofs ausgedehnte Wohngebiete ganz im Einklang mit der Philosophie des Paternalismus. Großunternehmer bauten damals Wohnraum für ihre Belegschaft, um diese an die Fabrik zu binden, zu kontrollieren und gleichzeitig zu „erziehen“.

Dabei ging der Paternalismus der Industriellen Hand in Hand mit dem Katholizismus: Beide Systeme versuchten auf ihre Weise, Ordnung, Kontrolle, Seelenheil und Moral in das Leben der Arbeiterschaft zu bringen. In Paray-le-Monial entstanden in nächster Nachbarschaft zwei verschiedene Varianten dieser Arbeiterarchitektur.

Die Cités PLM: die Eisenbahner-Kasernen

Das Gros der mehrgeschossigen Wohnblöcke gehörte der Bahngesellschaft PLM, rationale, schnörkellose casernements, die nach einem gleichen Muster in ganz Frankreich hochgezogen wurden. Ihre gleichförmig aufgereihten, hohen Fensterachsen lassen sie streng wirken, fast wie Kasernen – daher auch der Name.

Zu jedem Block gehörten jardins ouvriers. Die Gärten sollten die Arbeiter nach der Schicht vom Alkohol und politischen Versammlungen in den Kneipen fernhalten und die Selbstversorgung sichern. Es gab sogar eine eigene Konsumgenossenschaft (coopérative) direkt im Viertel.

Die Cités Céramiques der Fliesenarbeiter

Rund um die Rue Anatole France entstanden in den 1920er-Jahren die Cités Céramiques für die Fliesenarbeiter – nicht mit kasernenartigen Wohnblöcken, sondern Reihenhäuser oder Doppelhäuser mit roten Walm- oder Satteldächern, die hier und da mit hauseigenen Ziegeln verziert wurden.

Die Stadt der drei Gesichter

Die meisten kennen in Paray-le-Monial nur die berühmte romanische Basilika. Doch erst der Kontrast mit der rauen Realität südlich der Bahngleise und diesem Freilichtmuseum der Industriekultur macht den Besuch von Paray-le-Monial so faszinierend.

Auch ein Abstecher an die Place Lamartine sollte nicht fehlen. Mit ihren klassischen Fassaden und Fensteranordnungen spiegelt sie eindrucksvoll den Wohlstand des damaligen städtischen Bürgertums vor der Industrialisierung.

Über den Bodenwellen, den Bänken und den Blüten der gelben Mimosen ragt die Tour Saint-Nicolas auf. Sie ist der Rest einer Pfarrkirche, die 1535 geweiht wurde, und zeigt heute wechselnde Ausstellungen.

Wenige Schritte weiter erhebt sich die Maison Jayet, die nur knapp dem Abriss entging und seit 1862 als Rathaus dient. 1525 ließ ein Kaufmann ihre prachtvolle Fassade vor ältere Bauteile setzen.

Pierre Jayet war mit dem Handel von Wollstoff zu Reichtum gekommen. Das wollte er zeigen – und verewigte sich mit seiner Frau auf den Medaillons der Fassade. Über den beiden halten Kinderfiguren Wappen und Wahlsprüche im Hochrelief. Jayet war Protestant – und wirkte in einer Stadt, die später zum Zentrum des Herz-Jesu-Kultes wurde.

Paray-le-Monial: meine Reise-Tipps

Hin & weg

ÖPNV

Im Bahnhof von Paray-le-Monial halten TER-Lokalzüge. Zum 40 Kilometer entfernten Bahnhof Le Creusot TGV verkehrt ein Shuttle-Bus.

Schlemmen und genießen

Brasserie du Théâtre

Klassische französische Eck-Brasserie mit schattiger Terrasse und bodenständiger Küche.
• 26, avenue Charles de Gaulle, 71600 Paray-le-Monial, Tel. 03 85 88 13 32, auf Facebook

Chez Camille

Junge, frische Bistroküche an der malerischen Place Guignault. Kreative Vorspeisen wie œufs d’épices und pâté en croûte mit Perlhuhn, Charolais-Rind und blanquette à l’ancienne prägen die Karte – sowie köstliche hausgemachte Desserts. Im Ausschank gibt es exzellente offene Weine aus Burgund.
• 16, place Guignault, 71600 Paray-le-Monial, Tel. 03 65 67 43 24, auf Facebook und Instagram

Domaine des Marguerites

Mélanie und Cédric Capon haben ihre bürgerliche Villa der Belle Époque in ein kleines, liebevoll geführtes Hotel mit einer auberge verwandelt. Die Karte prägt klassische burgundische Hausmannskost – absolut frisch und fait maison, hausgemacht.
• 25, avenue de la Gare, 71600 Paray-le-Monial, Tel. mobil 06 28 42 37 74, www.domaine-des-marguerites.fr

Hier könnt ihr schlafen*