Das Wappen von Penne-d'Agenais verrät: das einst befestigte Dorf liegt am Jakobsweg. Foto: Hilke Maunder
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Penne-d’Agenais: Dorf-Juwel im Lot-Tal

Hoch über dem Lot-Tal thront Penne-d’Agenais, eines der schönsten Dörfer Frankreichs. Das mittelalterliche Juwel am Jakobsweg erzählt die bewegende Geschichte einer ruralen Renaissance.

Das weiße Holzkreuz leuchtete einst von weitem. Heute versteckt es sich hinter üppigem Grün. Pilger aus Palästina sollen es im Jahr 1896 hier hinauf gebracht haben – als Wahrzeichen für den Wallfahrtsort Notre-Dame de Peyragude am Jakobsweg GR652 nach Santiago de Compostela.

200 Meter über dem Lot-Tal thront es auf dem höchsten Punkt von Penne-d’Agenais. Nur wenige Schritte entfernt, offenbart sich am Aussichtspunkt die ganze Schönheit der Landschaft. Weit schweift der Blick über das Tal des Lot und die sanften Hügel am Horizont – bei klarer Sicht bis zu 60 Kilometer weit. Penn nannten die Kelten diesen Felsvorsprung einst – ein Ort zwischen Himmel und Erde.

Schmale Gassen, gesäumt von hellen Steinhäusern und Fachwerk aus dem 16. Jahrhundert. Blumen quillen aus Töpfen und Kästen, Glyzinien ranken an den Mauern empor, Rosen leuchten vor den alten Fassaden. Das ist Penne-d’Agenais heute: ein Ort, der zu den Touristenmagneten des Départements Lot-et-Garonne gehört. Noch vor 50 Jahren stand es kurz vor dem Verfall.

Vom Untergang zur Auferstehung

1793 lebten mehr als 7.000 Menschen in Penne-d’Agenais. 1975 waren es nur noch 1.957. Die Landflucht schlug immer mehr Narben ins mittelalterliche Juwel. Häuser verfielen, junge Menschen zogen in die Städte, der Putz bröckelte, Dächer wurden undicht, Wind und Regen nagten an den Mauern.

Dann kam Marcel Garrouste. Der Architekt und Bürgermeister startete 1979 eine beispiellose Rettungsaktion. Unterstützt von der französischen Elektrizitätsgesellschaft EDF, die Penne-d’Agenais als Pilotprojekt für unterirdische Stromleitungen auswählte, begann die Verwandlung.

Hässlicher Putz verschwand, mittelalterliche Steinfassaden kamen zum Vorschein, Straßen wurden neu gepflastert. Die Strategie ging auf. Künstler, Kunsthandwerker und Gastronomen entdeckten das Dorf neu. Heute leben wieder 2.495 Menschen hier, und seit Juli 2023 gehört auch Penne-d’Agenais zum prestigeträchtigen Kreis der Plus Beaux Villages de France , der schönsten Dörfer Frankreichs.

Richard Löwenherz und die verlorene Festung

Die Geschichte des Ortes reicht weit zurück. Ende des 12. Jahrhunderts ließ Richard Löwenherz hier eine mächtige Festung errichten. Der englische König brauchte einen strategischen Stützpunkt, um das Herzogtum Guyenne gegen französische Angriffe zu verteidigen.

Seine imposante Burg thronte auf dem Felsplateau, kontrollierte das Lot-Tal und die wichtigen Flussübergänge. Wie sie aussah, ist heute schwer zu sagen. Historiker vermuten, dass sie in der Anlage seinem Château Gaillard ähnelt, das Richard Löwenherz bei Les Andelys hoch über der Seine auf einer Hügelspitze errichten ließ.

Von der einst gewaltigen Anlage ist in Penne-d’Agenais heute nur noch eine Ruine des Donjons erhalten. Die Festung überstand zwar die Albigenserkreuzzüge und den Hundertjährigen Krieg, wurde aber zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert endgültig zerstört. Möglicherweise fiel sie der Politik von Kardinal Richelieu zum Opfer, der systematisch Adelsburgen schleifen ließ, um die Macht des französischen Königs zu stärken.

Stadttore erzählen Geschichte

Was geblieben ist, sind die imposanten Stadttore. Die Porte de Ferracap mit ihren kreuzförmigen Schießscharten und den Rillen für das Fallgatter führt noch heute ins Herz der Altstadt. Die Porte de la Ville und die Porte de Ricard – benannt nach Richard Löwenherz – vervollständigen das mittelalterliche Ensemble.

Diese Tore waren mehr als nur Eingänge. Sie bildeten ein ausgeklügeltes Verteidigungssystem mit massiven Mauern, Wehrtürmen und der noch erhaltenen Tour d’Alaric. Bei Gefahr verwandelten sie sich in uneinnehmbare Bollwerke. Einer der beliebtesten Eingänge ist die Place Gambetta mit ihren Parkplätzen am Boulevard. Durch die Porte de la Ville geht’s hinein ins alte Dorf.

Zwischen Marktplatz und Wallfahrtskirche

Im Herzen der Altstadt lockt die Place du Mercadiel. Der mittelalterliche Marktplatz versprüht noch heute lebendige Atmosphäre. Von dieser Örtlichkeit erhielt auch die Pfarrkirche des Dorfes ihren Namen – und wurde gleich mit eingebunden in die Funktionen des Platzes. Der linke Teil der Église de Mercandiel diente als Kornhalle, der rechte als Gebetsraum – eine typische Doppelfunktion für Marktkirchen im Mittelalter.

Die kleine Placette Aliénor d’Aquitaine ehrt mit ihrem Namen Eleanor von Aquitanien, die Mutter Richard Löwenherz. Kleine Galerien und Kunsthandwerksläden säumen den charmanten Platz. An der nahen Place Froment lädt das Café des Arts ein, eine Pause einzulegen.

Kreative Werkstätten

In den mittelalterlichen Gassen pulsiert kreatives Leben. Simon Charbonnier beherrscht die seltene Kunst der Dinanderie – Kupfertreibarbeiten in alter Tradition. Richard Dalinet führt in seiner Glasbläserwerkstatt Verre Zé Bulles die Glasmacherpfeife und fertigt kunstvolle Vasen, Skulpturen und Weihnachtskugeln – ihr könnt dabei zuschauen!

Bei La Main d’Argile entstehen Keramiken, Le Rond de Cuir widmet sich dem Lederhandwerk. Sylvie Boyer verbindet in ihrem Atelier de Tissage d’Art traditionelle Webtechniken mit modernen Designs. Iris fertigt handgemachten Schmuck, wenige Schritte weiter wird Kunst gezeigt: Das kleine Dorf Penne-d’Agenais besitzt eine überraschend vielfältige, lebendige Kunstszene, die den alten Mauern neues Leben einhaucht.

Die Basilika mit den 47 Fenstern

Steile Gassen führen hinauf zum Sanctuaire Notre-Dame de Peyragude, dem Wallfahrtsort mit Basilika und Grotte. Sein Name leitet sich von Pierre aiguë ab – spitzer Stein. Schon in vorchristlicher Zeit diente hier ein Menhir als Kultstätte.

Die Geschichte dieses heiligen Ortes reicht bis ins Jahr 1000 zurück, als hier eine kleine Kapelle Notre-Dame-de-l’Assomption stand. Sie fiel den Religionskriegen zum Opfer – protestantische Truppen zerstörten sie 1562.

Doch eine rührende Legende erzählt von ihrer Wiedergeburt: Ein hungriges Hirtenmädchen traf beim Schafehüten eine geheimnisvolle Dame, die nach dem Grund ihres Kummers fragte. Das Kind klagte über die Armut der Familie und den Hunger aller Bewohner. Die Dame versprach ihm einen schönen Laib Brot zu Hause.

Als das dankbare Mädchen zurückkehrte, um das Brot zu teilen, hinterließ die Dame eine Statuette der Jungfrau Maria mit dem Kind. Erst da erkannte die Schäferin: Sie hatte soeben eine Erscheinung der Jungfrau Maria erlebt.

Hundert Jahre später, nachdem die Pest die Stadt verschont hatte, organisierten die Magistrate den Wiederaufbau der Kapelle. Ende des 19. Jahrhunderts entschied man sich für einen großartigen Neubau: Der heutige imposante Bau im romano-byzantinischen Stil entstand zwischen 1897 und 1948. Architekt Charles Bouillet schuf ein Monument mit zentraler Kuppel, griechischem Kreuzgrundriss und spektakulärer Zinkdeckung. 50 Jahre dauerte der Bau.

Das geräumige Hauptschiff streckt sich bis zur mit Gemälden verzierten Kuppel empor. 47 farbprächtige Glasfenster von Jacques Leuzy erzählen den Kreuzweg Christi. Der 1949 gemalte Kreuzweg vervollständigt die künstlerische Ausstattung. Auf dem Vorplatz erinnert ein Mosaik an die Jungfrau Maria – und an jenes hungrige Hirtenmädchen, das hier einst eine wundersame Begegnung erlebte. Noch heute pilgern Gläubige zu den Grotten unterhalb der Kirche, wo sich einst Eremiten zum Gebet zurückzogen.

Flussaufwärts am Lot

Wer Penne-d’Agenais verlässt und dem Lauf des Lot flussaufwärts folgt, taucht ein in eine bäuerliche Welt, die ebenfalls das Erbe von einst bewahrt hat. Alte Tabaktrockner säumen die Wege zur Ferme du Lacay und erinnern an jene Zeit, als Lot-et-Garonne Frankreichs wichtigstes Tabakanbaugebiet war. 1636 kultivierten Mönche in Clairac die ersten Tabakpflanzen des Landes. Der Brun de Garonne, ein kräftiger, dunkler Tabak, machte die Region berühmt.

Die wettergegerbten Holzscheuen mit ihren verstellbaren Lamellen wurden noch bis in die 1990er-Jahre genutzt. Heute ist der Tabakanbau, der früher der wichtigste Wirtschaftsfaktor für die Bauernhöfe rund um Penne-d’Agenais war, völlig verschwunden. Stattdessen gedeiht hier heute eine Frucht, die das IGP-Label trägt: die pruneau d’Agen.

Die Ferme du Lacay lädt ein, Anbau und Verarbeitung auf ihrem Hof, rund sechs Kilometer nordöstlich, hautnah zu erleben. Seit 1937 bewirtschaftet die Familie Pourcel den Pflaumenhof, seit 2015 ganz und gar nachhaltig und bio. Ihre Haine beginnen direkt am Hof.

Im Schuppen haben Patrick und Claire Pourcel ein kleines Museum eingerichtet und laden ein, ihre Spezialität zu kosten und zu kaufen: Agen-Pflaumen in allen Variationen – in Likör eingelegt, als Mus, mit Creme gefüllt oder schokoladenüberzogen.

Inzwischen sind ihr Sohn Aurélien und ihre Tochter Eva mit in den Betrieb eingestiegen, haben einen Online-Shop ins Netz gestellt, zwei Ferienwohnungen eingerichtet – und einen Bootsverleih am Ufer der Lot, wo ihr im Sommer im Kanu den Fluss entdecken könnt. Und euch weitertreiben lassen könntet, hin nach Villeneuve-sur-Lot. Doch das ist einen eigenen Beitrag wert.

Penne-d’Agenais: meine Reisetipps

Hinkommen

Bahn

Etwas außerhalb des eigentlichen Dorfzentrums findet ihr den Bahnhof, der regelmäßig von TER-Regionalzügen angefahren wird auf der Strecke zwischen Périgueux und Agen. Die Fahrt nach Agen dauert etwa 30 Minuten.

Schlemmen und genießen

Brasserie Zebull’in

Erfrischenden Genuss nach dem Auf und Ab zwischen Kirche und Dorf bietet die Caft-Bier-Brauerei Brasserie Zebull’in. Vanessa Hart und Mathieu Hernandez brauen hier seit 2018 Craft-Biere von Weltklasse. Ihre Triple gewann 2021 Silber beim Concours International de Lyon.

Die Palette ihrer Biere reicht von klassischen Sorten wie Blonde, Brune, Blanche, Ambrée, IPA und Triple bis hin zu kreativen Spezialitäten wie der Penne Ale Framboise Fusion, Tropicante und einem prickelnden Hydromel. Zu futtern gibt es planches, kreativ belegte Wurst- und Käseplatten sowie andere kleine Gerichte. Im Sommer finden regelmäßig Musikabende auf der Terrasse statt.
• 1, boulevard de l’Horizon, 47140 Penne-d’Agenais, Tel. mobil 06 08 02 29 42, https://brasseriezebullin.fr

Hier könnt ihr schlafen

La maison sur la place

La Maison sur la Place ist eine außergewöhnlich stilvolle chambre d’hôtes im Herzen von Penne-d’Agenais, die Gastgeberin Geneviève Bovy-Cazottes an der Place Gambetta mit viel Gespür für Architektur, Design und Ästhetik in einem alten steinernen Stadthaus eingerichtet hat. 

Es birgt drei individuell gestaltete Gästezimmer im Obergeschoss, darunter eine Suite mit zwei miteinander verbundenen Zimmern, ideal für Familien. Die Einrichtung verbindet moderne Designelemente, ausgesuchte Kunstobjekte und originelle Details mit dem authentischen Charme des alten Gemäuers.

Die Gemeinschaftsräume öffnen sich zu einem begrünten Innenhof. Das Frühstück wird mit viel Liebe und lokalen Produkten serviert, bei schönem Wetter im Garten, sonst im stylischen Speiseraum.
• 10, place Gambetta, 47140 Penne-d’Agenais

Le Relais de Roquefereau

Weit ab von allem, und doch nur sieben Kilometer von Penne-d’Agenais, hat Nathalie Guigné ein weitläufiges historisches Anwesen mit Wurzeln im 13. Jahrhundert in stilvoll-gemütliche chambres d’hôtes verwandelt. Ursprünglich war der Relais de Roquefereau ein Jagdschloss (relais de chasse) und diente als Rückzugsort und Unterkunft für Jagdgesellschaften. Seine erhöhte Lage bot einen weiten Blick über das Tal des Merlet, was nicht nur reizvoll, sondern auch strategisch war.

Nathalie, die lange als Kunsthändlerin in Paris gearbeitet hat, ist es gelungen, die lange Geschichte und besondere Architektur des Anwesens gekonnt zu bewahren und passende Kunst, Gemälden, private Fotos und Skulpturen zu einem Gesamtkunstwerk zu vereinen, das den Komfort von heute mit dem Ambiente von einst äußert charmant vereint. Abends serviert sie auf Wunsch eine table d’hôte. Zur schönen Jahreszeit lockt im ausgedehnten Garten ein Pool mit einem erfrischenden Sprung ins Nass.
• Roquefereau, 47140 Penne-d’Agenais, Tel. mobil 06 75 49 30 24, www.lerelaisderoquefereau.com

Noch mehr Betten*

 

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Im Blog

Alle Beiträge aus dem Département Lot-et-Garonne sind hier vereint.

Im Buch

Hilke Maunder, Glücksorte in Südwestfrankreich*

Glücksorte Südwestfrankeich

Le bonheur heißt Glück auf Französisch, und das gibt es im Südwesten von Frankreich fast an jeder Ecke.

970 Kilometer lang präsentiert die Atlantikküste zwischen La Rochelle und Spanien ihre atemberaubende Natur mit Dünen, Kliffs und Küstenflüssen wie der verwunschen wilde Courant d’Huchet, die die Badeseen in den Kiefernwäldern der Forêt des Landes mit der Brandung am Atlantik verbinden.

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