Périgord: Das große Schwimmen

Eure Gastbeträge bereichern Mein Frankreich ungeheuer. Besonders freue ich mich daher über einen Gastbeitrag, der eine Ecke vorstellt, die schon ganz lange oben auf meiner Wunschliste steht – und das nicht erst seit den Commissaire-Bruno-Krimis von Martin Walker: das Périgord. Geschickt hat ihn Reiner Büchtmann, 61 Jahre alt, alleroberglücklichst ein Vierteljahrhundert verheiratet, ohne Nachwuchs, seit dem Erreichen der 58 privatisiert, hat Muße zum Reisen, weil er in seiner vielen Freizeit nur noch als Hobby-Erzieher an einer Harburger Grundschule mitarbeitet. Ansonsten dichtet, musiziert und malt er (nach eigenen Angaben) zum Gotterbarmen, nur beim Kochen und beim Reparieren hat er bereits alles erreicht, was er je wollte. Merci, Reiner – und bonne lecture!

Périgord 2016 – Das große Schwimmen

„This is a new song“, sagt Dylan an, und seine Minstreltruppe ballert los. „Seven dayyys…“ krächzt er zum Shuffle, ich gehe zum Kraulen über. Noch schmerzen die Gelenke. „Dadadadada dada dada“ schrammelt die elektrische Band. Ein Sonnenstrahl bricht durch den südfranzösischen Himmel. Wenn ich den Kopf unter Wasser habe, hört man die Bässe besser. Der Rhythmus der alten Bootleg-LP peitscht mich durch die stark gechlorten Neunmeterfluten. Ich drehe mich auf den Rücken. „Aua!“. Noch tuts weh. Aber nach 1.500 Kilometer Autofahrt verschafft mir das Schwimmen mit dem wasserdichten Mp3-Player seelische Ruhe und physische Kraft. Wir sind angekommen in Collonges-la-Rouge im Périgord.

Monsieur Gilles, der Propriéteur unseres alten Bauernhof-Anwesens Beauregard, begrüßt uns in Meyssac, das wir trotz Lagerschadens bereits gegen 15 Uhr erreicht haben. Er führt uns durchs Haus und zum Petanque-Parcours hinter dem beheizten Pool, an dem die Rinder weiden. Dann hinterlässt er uns die Adresse einer Reparaturgarage und lehnt nach einem guten Glas Rosé aus dem Languedoc die Einladung zur Carbonara ab–  gegen 18 Uhr speist noch kein Franzose.

Ein Pool mit Betten

Dieser Pool ist wahrscheinlich der Hauptgrund für unsere Entscheidung für das Haus gewesen, das mit vier Schlafzimmern und zwei Bädern auch für acht Leute reichen würde, ganz zu schweigen von den tausenden Quadratmetern Wald- und Weideland um unser „Maison de la vieille chene“ und die dreihundertjährige Eiche herum. Es liegt ein paar Autominuten vom romantisch roten Naturstein-Städtchen Collonges und von Meyssac entfernt – im Dreieck Bordeaux, Clermont-Ferrand, Toulouse – und reiht sich würdevoll ein in die Reihe unserer vergangenen Quartiere.

Am Ende des Sonntages schneidet Achim die erste weiße Kugel Gaperonkäse mit dem Pradelmesser auf, das Bine in Collonges-la-Rouge gekauft hat. Sie hat Baguette vom Morgen aufgetoastet und eine Flasche Monbazillac blanc geöffnet, der sich als Dessertwein entpuppt. Aber erst einmal muss der Durst mit kaltem Badoit gelöscht werden. Denn wir kommen von einem Spaziergang zum Dorf zurück, circa drei Kilometer bergauf. Eines der schönsten Örtchen der Gegend, sagt einem jeder.

Gottseidank sind jetzt im Juni nicht so viele Touristen unterwegs. Das „vieille Europe“ füllt die Gassen der roten Stadt, deren Sandsteinziegel merkwürdig ausgewaschen sind, als wenn es ständig regnet, und nicht nur heute. Jetzt hat Achim den Elsässer Riesling herbei geholt, nachmittags um vier die bessere Wahl. Oh je, und jetzt auch noch Schokolade. Schwimm ich oder schlaf ich?

La cuisine – oh là là!

In Johannes Willms‘ Gebrauchsanweisung für Frankreich wird die Vermutung geäußert, dass die französische Revolution entscheidende Dienste für die Entwicklung der Gastronomie geleistet hat. Die Kochteams der Adligen waren von einem auf den anderen Tag arbeitslos und mussten sich selbst ernähren, indem sie Gastwirtschaften für Bürger eröffneten.

Bis zur Revolution 1848 muss der Vorgang abgeschlossen gewesen sei, jedenfalls berichtet Karen Blixen in „Babettes Fest“ von der Pariser Köchin, die als steckbrieflich gesuchte Revolutionärin ins pietistisch ärmliche Skandinavien flieht, dort als anpassungsfähiges Mädchen für alles reüssiert und nach Jahren in nordisch-protestantischer Einfachheit und Armut einen Lottogewinn für den Import feinster Pariser Rohwaren benutzt.

Davon kocht sie zum Erstaunen der breigewohnten Dorfbevölkerung ein Menü, dass sich die Balken biegen, und ein zufällig anwesender alter General erkennt den Speiseplan des führenden Pariser Gourmetrestaurants, das Babette einmal gehört hat. So geht es uns jetzt auch, aus dem hohen Norden an industriellen Schnittkäse und drei Wochen haltbares Schwarzbrot gewöhnt.

Beaulieu-sur-Dordogne

Mittags hatten wir im Hôtel Le Beaulieu an der Dordogne köstlich gespeist, Menu du jour, drei Gänge, mit Weißwein für die drei und Wasser für mich, den Fahrer. An der Dordogne habe ich zuletzt vor 45 Jahren gestanden, damals war ich mit dem Paddelverein unterwegs, eine Frankreichprägung für die Ewigkeit. Als pubertierender Langhaariger nachts auf einem Rockfestival Französinnen kennengelernt und in einer Disco Cola getrunken, am nächsten Tag von den Mädchen zum Essen auf dem Campingplatz eingeladen, es gab Pfannkuchen, oh la la!

Ich hasse Pfannkuchen. Und ich liebe Bob Dylan, seit ich vor 50 Jahren zum ersten Mal „Blowin‘ in the wind“ sang. Prägungen sind so einfach. Die Mutter, die Harmonien G-, C- und D-Dur, der Blues und die andere Frau. „I want you“ näselt der Meister, während ich meine Bahnen strample. Fünf Bootleg-LPs sind ganz schön lang, ich bin in der Mitte der dritten angelangt, als er mit der Band elektrischen Rock ’n‘ Roll einspielte und jemand die verworfenen Stücke dokumentierte. Morgen kommt die Sammlung „Mein Mix“ dran mit meinen All-Time-Favourites.

Castelnau

Von Beaulieu waren wir mit gemütlichen 70 km/h zum Château de Castelnau gegondelt, das ein begüterter Baritonist vor Jahrzehnten restauriert und mit mittelalterlicher Kunst versehen hat. Eine dreieckige Anlage, die seit dem 13. Jahrhundert den Grafen zum Teilen und Herrschen gedient hat, ab dem 15. Jahrhundert schusswaffenfest gemacht, dann aufgegeben, weil Städte und Bürger die Macht übernahmen.

Aufgegeben ist auch unser Ferienquartier Beauregard, einst ein Gutshof mit Pfeffermühlen-Türmchen und großen Stallungen. Monsieur Gilles hat nur ein kleines Gebäude renoviert, der Rest steht versperrt und zugewachsen dahinter und drum herum. In der ganzen Gegend scheint die Landwirtschaft vor zehn bis zwanzig Jahren zum Erliegen gekommen zu sein, jedenfalls lese ich das aus den zahlreichen efeu- und moosbewachsenen jungen Eichenwäldchen, die in den Niederungen gewachsen sind. Außer Vogelgezwitscher und dem Gekreische der Frauen ist es herrlich still hier. Man könnte morden…

Baden mit Bob und Bruce

Als die Damen mit den Rädern zum Markt in Meyssac aufgebrochen sind, erreiche ich auf dem Schwimmwalkman die gesuchte Stelle mit Bruce Springsteen. „The promise“ habe ich von YouTube herunter geladen, den Song gibt es nicht auf Platte. Um 1970 hat Springsteen erfahren, dass ihn sein Freund und Manager mit Knebelverträgen getäuscht hat. Er hat ein oder zwei Platten aufgenommen, der Sound der E-Street-Band zeichnet sich ab, und die Sechs spielen „The promise“ zusammen im Studio ein. Bruce schreit sich die Seele aus dem Leib, weil er seinen geliebten Dodge verkauft hat, um seinen Traum vom „Million-Dollar-Sound“ zu verwirklichen, und jetzt gehen alle seine Einnahmen an Mike Appel: „…sleeping on the backseat of a borrowed car“.

Dylan und Springsteen stehen für mich als Beispiele für die moderne Welt, in der es Glücksrittern möglich geworden ist, ihre Träume zu verwirklichen, wenn sie es wirklich wollen. Die Grafen von Castelnau hatten ihre Ritter, um es anderen verwehren, da leben wir in besseren Zeitzonen, fast alle meine Träume haben sich erfüllt, auch wenn ich kein Rockstar geworden bin.

Eine Grille zirpt. Vögel flirten. Falter umschwirren mich. Unser Hauslurch geht die Wände hoch. Die weiße Kuh mit den braunen Augenringen – „vache cajal“ haben wir sie getauft – äst am Horizont. Ich blicke von der Terrasse auf die sechs Meter dicke Eiche und die Petanque-Bahn. Wir haben zweimal fünf Kugeln, und die Mädels spielen verdammt gut. Allein, nach der Sommerhitze, die inzwischen gekommen ist, zog es uns früh zu Bett. Das alte Steinhaus ist noch angenehm kühl.

La Roque Gageac

Angenehm temperiert war es auch am Mittwoch auf der Dordogne. Achim wusste von Motorboottouren im Felsenort La Roque Gageac. Anderthalb Stunden sind wir mit dem Golf über Martel und Souillac durch das Département Lot gekurvt, ebenfalls gut klimatisiert. In der Kühltasche war eiskaltes Wasser dabei, und ich kann, wenn das Fahrzeug einmal in der Sonne geparkt werden musste, alle vier Fenster mit der Fernbedienung öffnen.

Auch unser Umgang mit dem Navi ist mittlerweile perfekt, kein Rechtsabbiegen auf die Bahngleise mehr, kein „Bitte wenden“ in den Fluss hinein, ich habe den Ton einfach ausgeschaltet. Mein Trick: Die nächste Routenänderung wird oben links angezeigt, in zwölf Kilometern links, da kann man sich so lange wieder hinlegen, und am Ende der Zwölf guckt man auf die Straßenschilder, ob man nicht aus Versehen einen Ort in Marokko eingegeben hat.

Plats du Jour: Paradiese auf dem Teller

Wenn wir weiter so spachteln, kehren wir vollfett verarmt heim. Wir leben wie die Fürsten. Die Plats du jour in Besancon, Beaulieu und La Roque waren mit Foie gras, Saucissons, Fruits de mer, Carpaccios, Rumsteack/Frites, Truites et Legumes, Glaces et Chocolades, Vin, Bière und Cafés für uns vier mit insgesamt 100 Euro billig. So viel haben wir sicher auch schon für Käse und Baguettes ausgegeben.

Heute Abend gibt es Confit de canard mit Gratin. Man kann sie in Dosen kaufen: im eigenen Fett stundenlang gesottene Ente. Die hauchdünn geschnittenen Perigord-Kartoffeln hat Achim mit einem Kräuterbund „Bouquet garni“ in Sahnemilch gekocht und mit Gruyere überbacken. Zum Aperitif reicht er einen Loiresekt aus Vouvray. Die zehnte Weinflasche in vier Tagen, ein weißer Macon, glaubt dran.

Zeitreise in der Garage

Und am nächsten Tag das Auto…. Die charmante kleine Renaultgarage erinnert mich an einen Jugendtraum. Vor 40 Jahren habe ich einmal eine Autoschlosser-Lehre bei Renault Schulz in Hamburg-Billstedt begonnen. Wenn ich in der netten Werkstatt in Meyssac gearbeitet hätte, hätte ich sie vielleicht nicht abgebrochen. Alle drei Mechaniker kümmern sich nach und nach um mich.

Erst der gepiercte Geselle, der auf der Probefahrt das Rumoren der Achse bestätigt. Danach hebt er jedes Rad einzeln an, weil die vier Hebebühnen belegt sind, eine davon mit einem goldenen Peugeot 205 Coupé aus meiner Lehrzeit, aber er hört nichts. Auch der zweite Mann nicht. Die Achsen laufen frei und lautlos, hein? „Ist das Geräusch wuwuwuwu?“ fragt der Meister. Dann reibt er liebevoll den linken Hankook-Hinterreifen, den letzten seiner Art, VW-Erstausstattung, sieben Jahre alt, wohl fast versteinert, die anderen sind bereits neu: „Der hat Höhenschlag!“

Weil ich zuallererst die gleiche Vermutung hatte, habe ich ihn im Frühling bereits auswuchten lassen. So habe ich einst Fehlersuchen geliebt. Nachdenken, hören und ausschließen, leider ist mein Gehör dazu nicht mehr in der Lage, und damals bei Schulz habe ich einen Traum beerdigt, dass Automechanik spannende Fehlerdiagnose statt langweiligem Tauschgeschäft sei. Thunder road – there’s something dying out on the highway tonight…

Vivre comme dieu en France

Auf dem Freitagsmarkt von Meyssac zappelt ein Fisch zu meinen Füßen. Schnell kommt der Händler mit dem Kescher herum und fängt ihn wieder ein. Er wirft ihn mit anderen Forellen, die im Becken hinter ihm schwimmen, in einen Trockenbehälter und dann wird ihnen der Garaus gemacht. Vier ausgeweidete Forellen landen in Bines Einkaufskorb. Ich bin auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für sie. Ich habe an einen Blumenstrauß und einen edlen Burgunder gedacht. Ich radebreche mit der Blumenverkäuferin. Gegen 15 Uhr hat sie wieder rote Rosen. Der Weinladen führt einen Premier Cru Nuit Saint Georges von 2007.

Wir sind nicht gekommen, um zu bleiben. Sondern um zu speisen. Unsere Reste-Essen muss man einfach beschreiben, ich kann und darf es nicht verschweigen. Weil wir heute Abend im Relais Staint-Jacques von Collonges reserviert haben, kommt nur ein klitzekleiner Imbiss auf den Terrassentisch. In Sybilles kaltem Gazpacho befinden sich neben in Olivenöl angeschwitzten Zwiebeln mit Knoblauch Tomaten, Salat und Gurken, ein Rest Gratin, etwas Sidi Brahim und jede Menge zerstoßener Pfeffer und Gartenkräuter.

Auf dem Markt von Brive-la-Gaillarde hat sie dazu heute morgen ein Stückchen Galette mit Käse und Schinken erstanden. Ich war wiedermal schwer beeindruckt vom Angebot der hiesigen Bauern. Vielleicht ist das der Grund für die Brexit-Mehrheit: Schluss mit der Völlerei! Sie stecken Foie gras in alles: geräucherte Entenbrust, Feigen, Blätterteig, Schweinemedaillons. Ihre Feldfrüchte sehen so erfrischend anders aus als die EU-konformen Patentzüchtungen auf dem Hamburger Isemarkt. Das Geflügel hat gelebt und ebenfalls gut gespeist. Einem schier unermesslichen Angebot an konservierten Köstlichkeiten sowie Käse- und Wurstspezialitäten muss widerstanden werden. Statt dessen bleiben uns nur Reste von Rilette, Quiche und Saucisson, fünf Käse, Baguette vom Morgen und Erdbeeren.

Rocamadour

Genieß es, wenn du noch Treppen steigen kannst, sage ich zu Bine und nehme die 216 Stufen zur Kirche von Rocamadour in Angriff. Tatsächlich ist es ja ein Privileg, hier zu gehen, andere sind die Treppe auf den Knien hochgerutscht. Die Menschen pilgern seit dem 13. Jahrhundert hierher, die Kirche ist an den Berg gebaut und verspricht Erlösung.

Tatsächlich versuche ich wie auf den Tafeln gefordert, etwas zu leiden, nach 100 Stufen bekomme ich dicke Beine und Pumpatmung. Dabei schwimmen wir zweimal am Tag. Aber nach einer Foto-Pause komme ich gut weiter. Schön ist es nicht hier, aber skurril, am Interessantesten ist die Kaufleutegasse auf dem Weg vom Parkplatz zum Tempel. Da sind sich alle Touristenorte einig: Ohne Kommerz kein Geschäft.

Wir besuchen noch die Ziegenkäserei La Borie d’Imbert am Ortsausgang, deren Ställe und Produktionsräume man besichtigen kann. Ich habe gar nicht gewusst, was für dicke Euter Ziegen haben. Wir probieren und kaufen ein paar Käse, nur ein halbes Kilo, dann fahren wir an der Dordogne entlang zurück zu unserem Haus Beauregard.

Pech Merle

Das Geschehen nach dem Tode muss auch die ersten Menschen sehr interessiert haben. Grabbeigaben aus dem prallen Leben waren bei Begüterten früher gute Sitte. Das ist natürlich heute mit dem Zweimeter-TV oder dem Ferrari aus Platzgründen schwieriger geworden. Ich betrachte die Höhlenmalereien von vor 25.000 Jahren in Pech Merle. Wir werden mit 20 anderen in 50 Meter Tiefe geführt.

Die Kalkhöhlen des Périgord sind in Millionen Jahren durch unterirdische Ströme ausgewaschen. Dann fanden Menschen der Cro Magnon-Zeit Zugänge und sie werden mit ihren Pflanzen- und Fettfackeln staunend unter den Stalagtiten und Stalagmiten gestanden haben, allein die grandiosen Hallen mit ihren grotesken Kalkformationen müssen den armen Teufeln wie Geisterbehausungen vorgekommen sein. Einzelne Schamanenkünstler haben dann Mammuts, Bisons, Pferde oder Bären gezeichnet und geritzt, berühmt ist Pech Merle aber für seine einzigartigen Handumrisse: Der Künstler hat die Hände auf den Felsen gelegt und mit Farbe bespuckt.

Turenne

Mein Puls geht 100. Etwa 20 Kilometer habe ich mir vorgenommen, und ich wusste, es wird bergig. Zehn Tage habe ich das Fahrrad stehen lassen, erst war es zu kalt, dann zu heiß, dann wollten wir etwas unternehmen, dann fühlte ich mich nicht danach. Heute passt es. 23 Grad, Schäfchenwolken. Quer über die Hügel liegt irgendwo der Märchenort Turenne.

Der letzte Vicomte La Tour hat die Burg und das Dorf auf dem Hügel nach 800 Jahren 1738 für 4,3 Millionen Livres an den König verkauft, er hatte im Spiel verloren und musste es versetzen. Danach durfte die Grafschaft erstmals Steuern zahlen, wie andere auch. Das Périgord ist in den Weltkriegen von Bomben verschont geblieben. Allerdings war sie ein Zentrum der Résistance, was zur Folge hatte, dass viele Massenerschießungen durch die Reichswehr stattfanden. Aber im Algerienkrieg haben die Franzosen alles wieder wett gemacht.

Berg- und Talfahrt

Rauf und runter geht die Reise. In Vaillac verpasse ich prompt die Kreuzung und merke es erst vor Collonges, nachdem ich wieder eine größere Steigung gestemmt habe. Zum Dank darf ich fast fünf Minuten bergab radeln, wobei mich noch ein wahnwitziger Milchlaster bedrohlich fix überholt. Klugerweise habe ich das Autonavi dabei, weil meine Karte zu wenig aussagt. Dadurch finde ich die kleine Straße am Bahndamm von Turenne Gare, die mich von hinten auf den Bergkegel führt, auf dem die Burg steht. Bis oben hin pumpe ich fast ohne Pause, man gewöhnt sich doch an die Lastbewegung, auch wenn das 25-Kilo-E-Bike leicht untermotorisiert ist. Nein, es geht nicht von selbst!

Treppensteigen ist eine Erleichterung dagegen. Leider ist nicht viel übrig von der Mittelalter-Herrlichkeit, die der Anblick von Dorf und Burg von außen verspricht. Ein Wehrturm lässt sich mit 64 Stufen erklimmen und bietet einen schönen Rundumblick, den ich abgekämpft umso mehr genieße. Ich sehe meinen Heimweg, aber ich lasse mich jetzt vom Navi auf den kürzesten Weg leiten. Die meisten Steigungen gehen nur im ersten Gang, und ich bleibe trotz großer Anstrengung dabei: Das ist die beste Art, sich durch Bergland zu bewegen. Die Gerüche, der Sonnenschein, der Schatten, die Ausblicke, die Einblicke, die gemächlichen 20 km/h, alles das geht mit dem Auto nicht. Und mit dem Motorrad schon gar nicht.

Sarlat-le-Canéda

Wenn man via Turenne La Gare über die weidegrünen Berge und durch die moosbraunen Wälder eine Stunde lang über einspurige Bauernwege durchs schwarze Perigord nach Salignac fährt und dort vor den Gärten von Eyrignac die Mädels entlässt, sind es nur noch zwanzig Minuten bis zum Mittelalterstädtchen Sarlat. Das besondere an seinem historisch erhaltenen Zentrum ist, dass im 15. Jahrhundert nach dem Hundertjährigen Krieg auf viele gotische Mittelalterhäuser Renaissance-Stockwerke gesetzt wurden, ein goldenes Zeitalter wie heute.

Hier im Périgord sieht man selten moderne Architektur, lediglich die Église Sainte-Marie ist von Jean Nouvel mit gigantisch modisch grauen Toren versehen worden, sie dient jetzt als Markthalle. Auch im schönsten Teil des autofreien Sarlat ist Markttag, kein Vergleich zu Brive oder gar unserem authentischen Dorf Meyssac. Eine solche weihnachtsmarkt-ähnliche Ansammlung von Souvenir-Fressalien in Dosen habe ich noch nicht erlebt. So allmählich bekomme ich es satt, es wird Zeit, dass wieder Zwieback gereicht wird.

Périgueux

Der Sommer ist auf seinem Höhepunkt. In Beauregard ist es bis auf vereinzelte Treckergeräusche ruhig, Monsieur Gilles sammelt das Heu von seinen Feldern zu kreisrunden Paketen. In den Städten soll es zu Streiks und Demonstrationen gegen die Wirtschaftspolitik Hollandes gekommen sein. Ich stehe mit einem Audioguide bewaffnet auf den Überresten einer römischen Villa aus dem 2. Jahrhundert. Die ganze Dordogneschleife von Périgueux war damals eine Colonia mit herrlichen Atriumhäusern.

Die Römer wussten, wie sie ein Weltreich regieren: Jede Kolonie durfte ihre eigene Gottheit behalten. Hier war Vesunna die Chefin, sie wurde insgeheim zur Juno gemacht, nur die römischen Kaiser mussten mitangebetet werden. Die doofen Christen wollten das nicht, weswegen sie auch schon mal im hiesigen Amphitheater nördlich der Stadt mit ran mussten. Heute kopulieren hier zwei afrikanischstämmige Franzosen auf einer Parkbank, wo einst 20.000 Zuschauer den Heimatgladiator anfeuerten. Schon damals gab es Fan-Ausschreitungen, aus Pompeji weiß man, dass die von den reichen Familien finanzierten Spiele deswegen jahrelang abgesagt werden mussten.

Auf den Spuren von Vesunna

Die alte Villa von Vesunna ist mit einem hohen Glasgebäude von Jean Nouvel überdacht, es erinnert an unseren Hamburger Bahnhof Schlump, und der ist von Le Corbusier! Natürlich sind nichts als Grundmauern zu sehen, aber dank des Audioguides kann ich die Lage der Fußbodenheizung, den Veranstaltungssaal, das Speisezimmer, den Säulengang um den zentralen Atriumgarten erkennen. In Vitrinen liegen Fundstücke: Bleigefasste Fenster, Tür- und Schrankscharniere aus Eisen und Hirschgeweih, Webstuhlteile, Wasserleitungen, hastenichgesehen…

Vieles, was mit Neo anfängt ist Kitsch. Neobyzantismus, das erinnert mich an das neogotische Neorenaissance-Rathaus Hamburgs. Abadie, der Baumeister der Pariser Edelkitschkirche Sacre Coeur, hat die Kathedrale von Perigueux, die wohl tatsächlich einmal als Kuppelkirche in Form eines griechischen Kreuzes erbaut worden war, in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zu einer Zuckerbäckertorte weiterrestauriert. In ihrem Schatten gibt es eine sehenswerte Altstadt, die im Gegensatz zu Sarlat nicht ocker, sondern kalkgrau ist. In seinen Ausläufern wirkt Périgueux allerdings wie Greifswald 1990.

Cahors

Auch Cahors hat mich nicht umgehauen. Die Stadt war mittelalterliches Bankenzentrum Europas und wurde von Dante mit Sodom verglichen. Im Hundertjährigen Krieg blieb die Stadt in der Lot-Schleife uneinnehmbar, wir fahren mit dem Ausflugsbötchen einen Halbkreis, aber auch von außen ist nichts Besonderes zu entdecken. Es ist grau und kühl geworden, Nordfrankreich ist seit Wochen regnerisch kalt, den Süden streifen immer mal wieder Ausläufer. Und wir sind immer dann in den Städten, wenn der Franzose abbaut: die Märkte, die Auslagen, den Mittagstisch.

Das bisher beste Essen haben wir im Relais de Quercy von Meyssac genossen. Natürlich waren wir die ersten Gäste. Wir sind ja auch die ersten beim Frühstück. Die Bedienung stammt sichtbar vom Lande, und so knallt sie uns auch die Speisekarten hin. Menü für 27 Euro in fünf Gängen, bitte. Paté mit Foie Gras. Zackig ausgehöhlte halbe Honigmelone mit Nusswein. Schmalziges Confit de Canard mit Bratkartoffeln, was sonst?Inzwischen hat sich das Lokal gefüllt, die Bedienung hebelt die Teller nur so auf die Tische, sie leistet ganz allein Außerordentliches.

Ruhetage in Beauregard

Zwei Wochen lang bin ich im Kreis geschwommen. Das Haupt gecremt. Die Schwimmbrille beschlagen. Auf dem weißen Boden des Pools bildete die südliche Sonne Hockneybilder. Vor meinem Augenhintergrund entstanden Schlieren. In meinen Ohren ein gegröhltes gebrochenes Versprechen. „Throw it aaall awayyy…“ Lass deine Sehnsucht fahren. Lebe. Ich lasse die anderen allein nach Lascaux, zu den Felsendörfern der Vezère und zu den Bastiden fahren. Ich bin angekommen. Glück ist für mich ein Zustand, egal wo. Ich will nichts mehr als Schwimmen und Sommerwärme, Vogelzwitschern und Grillenzirpen, Lesen und Schreiben.

So komme ich endlich auch zum Kochen. Einfach und deutsch: Spaghetti Bolognese. Salat und Erdbeeren. Ich lasse mir vom Fleischer ein Kilo Beefsteak zum Sonderpreis hacken und suche jeden Gang nach meiner Liste ab, die ich im Telefon eingegeben habe und die ich jetzt Gegenstand für Gegenstand lösche. Besonders bei der Auswahl der Weine, der Käse und des Obstes lasse ich mir Zeit. An der Kasse geht es üblicherweise noch gelassener zu. Viele ältere Leute zahlen mit Karte und brauchen endlos lange, um den Vorgang abzuschließen und ihre Waren vom Band zu räumen. Dazwischen beantwortet der Kassierer Telefonanrufe. Auch ich schaue in mein Offline-Smartphone, eine ganze Partie Schach geht zu Ende.

Dann stelle ich das Auto im Schatten unter der Eiche ab und beginne zu schnibbeln. Zwiebeln, Schalotten und Knoblauchzehen werden im Entenschmalz vom Confit de Canard angeschwitzt, das wir sparsamerweise aufbewahrt haben. Dann brate ich das Hack und füge schließlich die kleingehackten Tomaten und das Kräuterpaket hinzu. Auch ein Rest brandsalziges Hühnerbrühen-Konzentrat muss dran glauben, weiß ja keiner! Für die Salatsoße nehme ich Zitrone zum Olivenöl, Essig ist nicht da, nur leider hat die Majonnaise auch Zitrone drin. Aber der wiedermal irrtümlich gekaufte Süßwein von Bergerac ist genau richtig für einen würzigen süß-sauren Goût. Nun können die Gäste kommen!

Series of songs

Bine sitzt im Pool und liest. Der südfranzösische Sommer hat die 30 Grad erreicht. Selbst den Feldmäusen wird es warm, heute morgen schwamm eine mit hängenden Pfoten im Abflusssieb. Ich habe sie mit einem Löffel rausgekratzt und mit einem beherzten Wurf den Bussarden zur Verfügung gestellt, die Beauregard umkreisen.

Ich kraule meine Runden und bade in Rockmusik-Geschichte, die mir mein Leben erzählt. Dylan hat sich in allen Jahrzehnten immer wieder andere Rhythmusgruppen gesucht. Seine vertrauten Nasalmelodien ändern sich nicht mehr, aber die Klänge der Bands. Da ist dann zum Beispiel das spannungsreiche Getrommel auf den dunklen Toms, synkopiert mit Knacken am Snare-Rand und treibenden Beckenschlägen. Darunter schiebt ein Bass auf einem Ton. Immer wieder erstaunlich sind die Ingenieursleistungen der Gitarrenelektriker. Zwei, drei solcher Riffgeräte und ihre Solisten scheinen einen ganzen Musik-Kosmos auszumachen. Ding ding…, dang dang…, dongdongdong deng deng…, krch dadada, ding ding… Dann der Dylans Krächzgesang „Series of dreams“ und sein Mundharmonikasolo. Aaaaaach!

La vie continue

Daschan Ding, Dossenheim dicht! Fast 1.000 Kilometer sind wir schon wieder heimwärts gefahren, denn was ein Ende hat, muss auch zu Ende gebracht werden. Es konnte ja nicht so weitergehen. Zeit spielte keine Rolle mehr. Geld auch nicht. Weder Wetterbericht noch Tagestemen interessierten, es fehlte noch, dass Bob Dylan gestorben wäre… Die Bussarde jagen weiter Hasen, während Mäuse und Grashüpfer ersaufen. Gänse werden gestopft, Enten gesotten, Ziegen gemolken, Kälber geschlachtet, Baguettes gebacken. La vie continue.

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