Peter Sloterdijk: Mein Frankreich

Vorfreude ist die schönste, sagt man. So auch hier. Mehr als zwei Monate lang lag Peter Sloterdijks Suhrkamp-Taschenbuch „Mein Frankreich“ auf dem Nachtisch, und erst jetzt, in den letzten Tagen, hatte ich Zeit gefunden, es zu lesen. Wenn ein wortgewandter Philosoph sich zu Frankreich äußert, und dann den sehr persönlichen Titel wählt „Mein Frankreich“, dann werden sicher geistreiche Beobachtungen, Analysen, Aperçus folgen. Und elegante Bögen und Querverweise zu heute in seinen Betrachtungen zur Geschichte und Philosophie Frankreichs seit dem 18. Jahrhundert für kleine Feuerwerke und Ahas beim Lesen sorgen. Nun ja….

Sloterdijk: von erster Liebe enttäuscht?

„Frankreich war kulturell gesehen meine erste Liebe“ … hatte der Karlsruher Professor für Ästhetik und Philosophie mal gesagt, Camus, Sartre und Voltaire als literarisch prägende Vorbilder genannt und mich mit diesen Aussagen neugierig auf sein Werk gemacht.  Den Auftakt der rund zwei Dutzend Essay macht Descartes. Auf fünf Seiten preist Sloterdijk, der sich selbst als philosophierenden Schriftsteller versteht, den Discours de la méthode von Descartes als  Aufbruch in die Neuzeit und Weigerung, den „Dialog mit den Toten“ aufzunehmen. Ooops, da muss ich im Studium völlig auf der Leitung gesessen und alles falsch verstanden haben – damals wurde uns gelehrt, Descartes Hauptwerk von 1637 sei eine Auseinandersetzung mit den Kategorienlehren von Aristoteles und Platon…. Aber Textarbeit ist ja Auslegungssache. Bei Rousseau jedoch gehts dann doch an den historischen Fakten vorbei. 1765 gab es schlichtweg die Schweiz noch nicht – die wurde erst 1848 gegründet. Im 18. Jahrhundert gab es dort nur Geflecht souveräner Kleinstaaten, die sich im losen Staatenbund der Alten Eidgenossenschaft zusammengeschlossen hatten.

Und dann schreibt Sloterdijk weiter: „Längst hatte die Schweiz zu dieser Zeit eine Schlüsselrolle in der Geschichte des erneuerten republikanischen Freiheitsgedankens inne.“ Wie bitte? Rousseau lebte um 1765 in Genf, und da herrschte die kleine, ultrakonservative Oberschicht der „Négatifs“, und damit eine Handvoll alteingesessener Familien, als Patriziat über das rechtlose Volk, „Habitants“ genannt.

Aber tapfer las ich weiter, hoffe, doch irgendwo noch zu spüren, dass Sloterdjiks Gedanken mein Hirn kitzeln. Doch zunehmend begann auch Sprache das Lesevergnügen zu zerstören. Aufgebläht, verfettet und manieriert quält sie sich von Satz zu Satz, von Essay zu Essay, die nicht nur einen roten Faden, sondern nur durch die Hybris des Autors zusammengehalten werden. Sie entlarvt sich im letzten Beitrag, einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel zum Thema Sport. Sloterdijk, der in den letzten Jahren nach eigenen Worten seine Begeisterung für das Radfahren entdeckt hat, war von Freunden das Gelbe Trikot geschenkt worden. Mit „Mein Frankreich“ hat sich Sloterdijk als führender Fahrer auf der geistesgeschichtlichen Landkarte disqualifiziert. Aber vielleicht taugt ein schwerer teutonischer Geist auch nicht zu französischem esprit….

Voilà der erste Verriss meines Lebens.. Hätte nie gedacht, dass es gerade dieses Buch wird, das mich zunächst so angesprochen hatte. Aber ich stehe mich meiner Enttäuschung nicht allein dar, wie Reaktionen im Netz zeigen.

Buchinfo

Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 249 Seiten, 19,90 €. ISBN 978-3-518-46297-3

Hab ihr den Band gelesen? Wie hat euch der Titel gefallen? Schreibt mir!

2 Kommentare

  1. Den Sloterdijk kann man nur quer lesen. Nach drei Seiten folgt garantiert ein origineller Gedanke. Aber das Fußball Religionsersatz ist, wusste ich bereits. Schließlich habe ich schon oft zum Fußballgott gebetet, und das rettende Tor fiel tatsächlich. Sloterdijk war ein paar Jahre Baghwan-Anhänger. Deswegen verkauft sich seine Philosophieshow so gut. Er weiß halt, was die Intellellen kaufen.

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