Praktika im Nachbarland – die Großregion macht’s vor

Die Fachoberschülerin Rebecca Allen mit der Werbetasche des INTER REG-Projektes. Foto: FagA/CAMT
Die Fachoberschülerin Rebecca Allen mit der Werbetasche des Inter-Reg-Projektes. Foto: FagA/CAMT

Für ein paar Wochen in einem anderen Land bei einem Praktikum neue Menschen und neue Kulturen kennenzulernen ist mit das Schönste, was Ausbildung oder Studium bieten können.

In der Großregion vermittelt das Inter-Reg-Projekt “Fachstelle für grenzüberschreitende Ausbildung (FagA) / Centre d’aide à la mobilité transfrontalière (CAMT) bei der Verbundausbildung Untere Saar e.V. (VAUS) Praktika an Jugendliche und junge Erwachsene aus Deutschland und Frankreich im jeweiligen Nachbarland.

50 Plätze in Deutschland und 30 Plätze in Lothringen ( Lorraine ) warten dort auf Berufsstarter, die Lust haben, einmal über den Tellerrand zu schauen.

Generation Europa: 279 Jugendliche haben seit Projektstart bereits ein solches Praktikum gemacht. Mit dabei waren auch Katharina aus Deutschland und Mélissa aus Frankreich.

v.l.: Ulrike Eisenbarth mit ihrer Tochter Katharina, Foto: FagA/CAMT
v.l.: Ulrike Eisenbarth mit ihrer Tochter Katharina, Foto: FagA/CAMT

Die Deutsche: Katharina Eisenbarth

Katharina Eisenbarth ist eine Auszubildende zur Kauffrau für Büromanagement. Die 18-jährige Jugendliche lernt ihren Beruf im Betrieb der Eltern bei „Genau meine Küche“ in Überherrn.

Den Betrieb im Grenzort Überherrn – nach Frankreich sind es gerade mal drei Kilometer – besuchen auch französische Kunden. „Da ist es gut, wenn man ein bisschen Französisch kann“, meint Katharina.

Daher wurde sie auch hellhörig, als die Fachstelle für grenzüberschreitende Ausbildung (FagA) in ihrer Berufsschule, dem KBBZ in Saarlouis, Praktikumsmöglichkeiten in  Lothringen vorstellte. Diese Infoveranstaltungen finden in allen 20 beruflichen Schulen des Saarlandes statt. Das ermöglicht das saarländische Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes als einer der Projekt-Partner.

Katharinas Mutter und Ausbilderin, Ulrike Eisenbarth, fand die Idee eines Praktikums in Lothringen gleich gut. Beim Beratungsgespräch mit Projektmitarbeiter Patrick Barth äußerten Mutter und Tochter ihre Wünsche zum Praktikum: am liebsten in einem Unternehmen, das Küchen herstellt oder verkauft. Flora Palicot, ebenfalls Projektmitarbeiterin bei FagA, machte sich auf die Suche. Und wurde fündig.

Das Unternehmen Top design cuisines am Stadtrand von Nancy gelegen, fand die Idee, Jugendlichen Praktikumserfahrungen im Nachbarland zu bieten, interessant – denn auch in ihrem Unternehmen gibt es Verflechtungen mit Deutschland.

Nach dem Vorstellungsgespräch im Unternehmen, bei dem Flora Palicot Katharina und ihre Mutter begleitete, wurde auch die Unterkunft besichtigt. Marie-Françoise Mangenot vermietet in Nancy Zimmer an Schüler und Studenten. Zum Betrieb fuhr ein Bus.  Öffentliche Verkehrsmittel im Ausland benutzen – eine weitere Herausforderung für sie! Flora Palicot von der FagA unterstützte Katharina auch hierbei und erfragte für Katharina die Busverbindungen und Uhrzeiten für die Fahrt zur  Arbeitsstelle.

Vier Wochen lang im Oktober 2019 arbeitete Katharina in vielen Bereichen bei Top design cuisines mit, half im Büro bei der Ablage oder beim Erstellen von Auftragslisten, kontrollierte den Wareneingang, begrüßte Kunden oder unterstützte die Erstellung von Prospektmaterial.

Zurück im elterlichen Betrieb, ließ Katharina mit Unterstützung von Alexandra Schwarz vom Projekt FagA ihre im Praktikum erworbenen Kompetenzen im EuroPass Mobilität bestätigen. Wie hat Katharina von ihrem Praktikum in Nancy profitiert?

„Ich bin immer sicherer mit der französischen Sprache geworden, kann mich an Unterhaltungen beteiligen und habe küchenspezifische Fachbegriffe gelernt. Mein Vokabelheft aus der Zeit des Praktikums benutze ich immer noch!“

Ihre Mutter Ulrike Eisenbarth hat selbst schon drei Mal einen lothringischen Praktikanten aufgenommen. Sie bietet neben einem Praktikumsplatz sogar eine Unterkunft an.

Mélissa Ladwein. Foto: privat
Mélissa Ladwein. Foto: privat

Die Französin: Mélissa Ladwein

Mélissa ist Französin. Nach ihrem Baccalauréat hatte sie am Lycée Jean de Pange in Sarreguemines einen zweijährigen Ausbildungsgang zum Brevet de technicien supérieur (BTS) in der Fachrichtung Commerce International angefangen. Zwölf Wochen Praktikum gehören dazu – dazu, und gleich als erstes, ein sechswöchiges Praktikum im Ausland.

Mélissas Thema hieß prospection des clients, zu deutsch:  Kundenakquise und Vertrieb. Wie gewinne ich neue Kunden, wie besuche ich Kunden, wie läuft die Nachverfolgung – und wie wird eine Messepräsenz vorbereitet?

Keine leichte Aufgabe für ein nur sechswöchiges Praktikum, setzt  eine Vertriebstätigkeit doch eine gute Kenntnis der Produkte oder Dienstleistungen des Unternehmens voraus.

Die 21-Jährige hatte daher auch bislang keinen Erfolg bei der Praktikumssuche gehabt, als sie die Infoveranstaltung zum Stage en Sarre der Fachstelle für grenzüberschreitende Ausbildung besuchte. In einem ersten Schritt sahen sich die Mitarbeiter der Fachstelle die Bewerbungsunterlagen an – und machten Verbesserungs- und Ergänzungsvorschläge. Anschließend kontaktierten sie diverse Firmen. Schließlich erteilte die W. & L. Jordan GmbH in Saarbrücken, die Wohntextilien vertreibt, der lothringischen Studentin eine Zusage.

Beim Vorstellungsgespräch war Mélissas Vater mit dabei. Er leitet mit Fico-Filtration ein Unternehmen in Saargemünd, das Filter produziert.  Als Dank für die tatkräftige Unterstützung bei der Praktikumssuche seiner Tochter bot er im Gegenzug an, einen Praktikanten aus dem Saarland aufnehmen. Im Februar 2020 kam eine Fachoberschülerin darauf zurück.

Während des Praktikums teilte sich Mélissa mit zwei Studienkolleginnen eine kleine Wohnung in Saarbrücken. Das Praktikumsunternehmen war rund 40 Kilometer von ihrem Wohnort in Lothringen entfernt. „Das CAMT hat für mich eine Wohnung während des Praktikums gesucht. Ich wohnte dort mit zwei anderen Studenten in der Wohnung – und habe für die Miete und mein Essen von der CAMT ein Stipendium in Höhe von  1000 Euro erhalten.“

Die finanzielle Unterstützung der Praktika ist wichtiger Bestandteil des Projekts. Ohne die Unterstützung könnte ein großer Teil der Praktika nicht stattfinden. Die jungen Franzosen begleitet Projektpartner David Sarrado vom Rektorat der Académie Nancy Metz. Er bearbeitet die Anträge, hilft den Bewerbern bei der Praktikumssuche in Lothringen und kümmert sich bei den lothringischen Schulen um die Anträge für die Stipendien.

Die junge Französin begleitete während ihres Praktikums in Deutschland einen Kundendienstmitarbeiter bei seinen Fahrten zu Kunden und sammelte viele Erfahrungen in kultureller und sprachlicher Hinsicht. Der Erfolg ermutigte sie. Auch ihr zweites Praktikum leistete Mélissa im Saarland ab.

Für dieses Praktikum im Bereich Import/Export konnte die Projektmitarbeiterin bei FagA/CAMT das Unternehmen LAKAL in Saarlouis gewinnen, das Rollladen- und Tortechnik, sowie Sonnen- und Insektenschutzsysteme produziert.

„Hier habe ich im Versand gearbeitet und Lieferungen organisiert. Manchmal hatte ich sogar Gelegenheit Französisch zu sprechen und meine Kollegen zu unterstützen, da ca. 80 % der Kunden des Unternehmens aus Frankreich kommen“, berichtet Mélissa von ihrem zweiten Praktikum im Saarland.

Auf die Frage, was sie anderen Jugendlichen raten würde, meint Mélissa: „Es ist gut, dass es solche Projekte wie das CAMT gibt. Ich hatte viel Unterstützung bei der Organisation, und alles, was ich fürs Praktikum brauchte, wurde finanziert. Früher hatte ich Probleme mit der deutschen Sprache. Nach den beiden Praktika schaue ich mittlerweile sogar Serien auf Deutsch.“

Auch beruflich brachten die Praktika Mélissa voran. Stolz erzählt sie: “Ich arbeite jetzt bei Petit Vegannein Sarralbe und verwalte das internationale professionelle Kundenportfolio. Ohne meine Praktika, die mir CAMT vermittelt hatte, hätte ich nie meine Deutschkenntnisse so entwickeln können, dass ich jetzt  professionell auch deutsche Kunden verwalte. Nur dankt meiner Praktika wurde ich eingestellt!”

Eine Infoveranstaltung im Lycée Simon Lazard. Foto: FagA/CAMT
Eine Infoveranstaltung im Lycée Lazard. Foto: FagA/CAMT

Hintergrund: das Programm INTERREG Großregion

Das Programm fördert grenzüberschreitende Kooperationen zwischen lokalen und regionalen Partnern  der Großregion.

Die Großregion

Zur  Großregion gehören in

11,4 Millionen Menschen leben dort auf  einer Fläche von 65 401 Quadratkilometern. Sie sprechen drei Sprachen: Deutsch, Französisch und Luxemburgisch.

Gelebtes Europa statt Grenzen ist das Ziel. Grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei Wirtschaft und Politik, Bildung, Soziales, Sport, Kultur, Umweltschutz und Wissenschaft prägt schon heute immer stärker den Alltag.

Inter-Reg-Großregion-Projekte

Wesentliches Merkmal eines jeden Inter-Reg-Großregion-Projektes ist sein grenzüberschreitender Charakter: Um förderfähig zu sein, muss ein Projekt von mindestens zwei Projektpartnern aus mindestens zwei verschiedenen Mitgliedstaaten im Kooperationsraum der Großregion entwickelt und umgesetzt werden.

Beim Interreg-Projekt Fachstelle für grenzüberschreitende Ausbildung (FagA)/ Centre d’aide à la mobilité transfrontalière (CAMT) sind es vier Partner, die zusammen arbeiten:

  • Verbundausbildung Untere Saar e.V. (VAUS),
  • GIP Formation tout au long de la vie
  • Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes
  • Eurodistrict SaarMoselle

Kofinanzierende Partner sind das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Verkehr des Saarlandes und das Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz.

Seit 1. Juli 2016 – und noch bis 31. Dezember 2022 – fördert das Projekt bei jungen Erwachsenen praktische Berufserfahrungen im Nachbarland. Dazu gehören neben Praktika auch Betriebsbesichtigungen. Zur Vorbereitung der Praktika bietet das Projekt interkulturelle Trainings an.

Dass nicht nur im eigenen Land berufliche Chancen auf Berufsstarter warten, zeigen Infoveranstaltungen in Berufsschulen und lycées professionnels.

Projektmitarbeiter auf der foire internationale. Foto: CMA 57
Projektmitarbeiter auf der foire internationale in Metz. Foto: CMA 57

Hier gibt es mehr Infos!

Fachstelle für grenzüberschreitende Ausbildung (FagA)
Centre d’aide à la mobilité transfrontalière (CAMT)

Projektpartner Verbundausbildung Untere Saar e.V. (VAUS)

Am Markt 11 66763 Dillingen, www.vausnet.de

Ansprechpartner

• Alexandra Schwarz, Tel. +49 6831 764 63 41, alexandra.schwarz@vausnet.de

Projektpartner Rectorat de la Région académique Grand Est et de l’académie de Nancy-Metz

2, rue Philippe de Gueldres, 54000 Nancy, www4.ac-nancy-metz.fr/camt

Ansprechpartner

• David Sarrado, Tel. +33 383 86 23 55, david.sarrado@ac-nancy-metz.fr

Europass Mobilität

Seit 2005 könnt ihr eure Lernerfahrungen im Ausland im Europass Mobilität dokumentieren lassen – sei es ein Praktikum, eine berufliche Aus- und Weiterbildung oder ein Studium.
https://europa.eu/europass/de

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Im Blog

Wie viel Frankreich steckt im Saarland? Das könnt ihr in diesen beiden Beiträgen erfahren:

Saarbrücken

Saarlouis

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