Die Pyrenäen – was für wilde Berge!
Die Pyrenäen sind ein alpines Märchenland. Es gurgelt und rauscht im tiefen Wald. Dann plötzlich blitzt zwischen Jahrhunderte alten Weißtannen wildes Wasser auf, auf dem Sonnenstrahlen wie Sterne tanzen: unterwegs am Pont d’Espagne im Herzen des Pyrenäen-Nationalparks.
100 Kilometer lang und rund zehn Kilometer breit, schützt der Nationalpark m Süden Frankreichs nur einen kleinen Teil des mächtigen Gebirges, das Frankreich im Süden zu Frankreich abgrenzt. Wild, ursprünglich und völlig anders als die Alpen sind sie, die Pyrenäen – und insgesamt 430 Kilometer lang und bis zu 140 Kilometer breit, im Osten indes nur 50 Kilometer breit.
Die Pyrenäen sind ein echter Grenzfall: Hier endet Europa – und beginnt Afrika. Zumindest für die Geologen – denn hier knallt unsere Kontinental-Platte an das afrikanische Schild. Das Urgestein wurde hochgeschoben, geknickt, gefaltet – schroff und steil zum Felsriegel der Pyrenäen. Bei Saint-Martin-de-Fenouillet könnt ihr auf dem erdgeschichtlichen Wanderpfad Sentier géologique des Hauts de Taïchac direkt an der Bruchkante entlanglaufen. Mehr zu dieser Wanderung erfahrt ihr hier im Blog.
Weiche Knie im Welterbe
„Unbezwingbar“, denke ich, und ein wenig werden die Beine weich. Zwei schmale Bänder halten eiförmige Gitter aus rotem Plastik an meinen Füßen fest. Die Hände klammern sich an Skistöcke. Im Rucksack ist ein Picknick vorbereitet. Ein eisiger Wind bläst aus Südwest.
Breitbeinig folge ich Bernard Josué und stapfe die steile Flanke des Pic du Taillon (3.144 Meter) entlang, während sich mein klappender Schneeschuh im Schnee verkrallt. Stundenlang wandern wir so durch den Gebirgskessel Cirque de Gavarnie. Meterhoch glitzert die weiße Pracht.
42 Wasserfälle bilden klirrende Kaskaden aus Eis, einige fast 500 Meter hoch. Bricht eine Spitze, halt ihr Echo wie ein Donner. Unser Ziel ist die Brèche de Roland (2.807 Meter).
Dort, wo das Schwert des sterbenden Roland diese markante Scharte in die kilometerlange Kalkmauer geschlagen haben soll, hält Josué inne, öffnet den Rucksack und bereitet im Windschatten eines Felsblocks ein goûter vor, ein kleines Picknick mit Bergkäse, Hartwurst, Tee und Brot.
Dann holt er ein zerfleddertes Büchlein heraus und reicht es mir. „Die Felswände stehen in einem gigantischen Halbkreis, oben liegt etwas Schnee, und das Ganze ist schön anzusehen …“ schrieb Kurt Tucholsky 1927 in seinem „Pyrenäenbuch“.
Orchideen und Gänsegeier
Gen Westen ragt die Eisspitze des Vignemale 3.298 m hoch in den Himmel – Rekord im Nationalpark. Von Osten weht sanft und mild das Mittelmeer hinüber, von Westen kommt kühlere Atlantikluft. Auch das Klima ist ein Grenzfall. Es ändert sich von Tal zu Tal und sorgt für eine einzigartige Vielfalt.
Pflanzen, anderswo ausgestorben, haben hier überlebt. Pyrenäen-Lilie, Pyrenäen-Baldrian und der Pyrenäen-Steinbrech ist nur hier daheim. Steinadler, Lämmer- und Gänsegeier kreisen am hohen Himmel, Gämsen klettern über zerfurchten Fels, Fischotter leben an Flüssen und Seen. In den tiefen Wäldern ist wieder der Braunbär heimisch.
2004 war mit Cannelle die letzte Bärin Frankreichs von der angeblich verirrten Kugel eines Wildschwein-Jägers getötet worden. Der Nachschub kam aus Slowenien. Die fünf Tiere aus dem Osten, genetisch dem Pyrenäenbär sehr ähnlich, haben sich so gut eingelebt, dass heute rund 80 Bären in den Départements Pyrénées-Atlantiques, Hautes-Pyrénées, Haute-Garonne und Ariège leben.
Die Bären sind los!
Geist der Ahnen und Gottheit: Bis weit ins Mittelalter hinein wurde der Bär dort so verehrt. Legenden und Mythen ranken um das Zotteltier. Und wilde Spektakel wie die Fêtes de l’Ours, die Bärenfeste des Haut-Vallespir.
Im Hochtal des Tech soll einst ein Bär, völlig ausgehungert, eine Schäferin geraubt haben. Holzfäller, die in der Nähe arbeiteten, hörten die Hilferufe des Mädchens und befreiten sie – ein Ereignis, das alljährlich im Februar wieder auflebt. Auch in Prats-de-Mollo-La-Preste.
Drei Männer, die Gesichter rußgeschwärzt, den Körper mit Schafsfellen behängt, rennen durch die Gassen des befestigten Städtchens, die Schäferin in ihren Fängen, Dörfler und Besucher hinterher. Wer sich ihnen in den Weg stellt, wird mit Ruß beschmiert. Und danach? Wird getafelt und getanzt. Und in Strömen fließt … Bärenbier der Brasserie de l’Ours.

Die Piraten-Radios der Pyrenäen
Jahrzehntelang schallte aus den kargen Gipfeln nicht nur das Pfeifen des Windes, sondern eine Welle der Freiheit. Die Pyrenäen waren die Wiege des europäischen Piratenradios. In den 1960er- und 1970er-Jahren nutzten freie Sender die topografische Gunst des Hochgebirges und das politische Vakuum im neutralen Zwergstaat Andorra.
Von gigantischen Masten, die direkt an der Grenze auf fast 2.000 Metern Höhe im Fels verankert waren, dröhnte die Musik ungefiltert über die Kämme hinweg bis weit ins französische Unterland und nach Spanien hinein. Während in Paris und Madrid staatliche Radio-Monopole streng zensierten, brachten Sender wie Radio Andorra , Sud Radio oder das legendäre Radio des Vallées den Rock ’n’ Roll, verbotene politische Debatten und das Lebensgefühl der Gegenkultur in die Täler. Ein kühnes Kapitel Äther-Geschichte, gesendet aus dem Ministaat zwischen zwei machtvollen Ländern.
Einzigartig in den Pyrenäen
Gipfelnacht
Auf dem 2877 m hohen Kegel des Pic du Midi seid ihr dem Himmel ganz nah: Schwebt per Gondel zum Planetarium, entdeckt per Teleskop den Sternenhimmel, lasst euch von Marc Berger kulinarisch verwöhnen und erlebt, wie die Pyrenäenkette in der Dämmerung wie Purpur leuchtet.
• Pic du Midi, rue Pierre Lamy de la Chapelle, 65200 La Mongie, Tel. 05 62 56 70 00, https://picdumidi.com; rechtzeitig reservieren, ist sehr gefragt! 12 DZ. 3 EZ
Heiße Gänge
Oben: 13 gletscherglänzende Dreitausender, die über Belle-Époque-Prachtbauten funkeln. Unten: Große Gänge in Felswänden, in denen Thermalwasser, 38 – 42 Grad, euch schwitzen lässt. Das Vaporarium von Luchon – ein einzigartiger Natur-Hammam, der die Spionin Mata Hari begeisterte.
• Thermes de Luchon, Cours des Quinconces, 31110 Bagnères-de-Luchon, Tel. 05 61 79 22 97, www.luchon.com
Gorges de la Fou
Sie gilt als schmalste Schlucht der Welt: die Gorges de la Fou unterhalb des Mont Canigou (2784 m), des heiligen Berges der Katalanen. Bis auf 70 Zentimeter rücken die Felswände der „Schlucht der Verrückten“, in der Geister und Hexen hausen sollen. Sie versteckt sich zwei Kilometer flussaufwärts von Arles-sur-Tech – und ist nach einem riesigen Bergsturz seit 2018 dauerhaft geschlossen. In den Jahren davor konnte man die Klamm noch auf Gitterrosten erwandern, die zu einem aussichtsreichen Plateau führten. Bis auf einen Meter rücken die mehr als 200 Meter hohen, ausgewaschenen Felswände heran.
Topographische Karte
IGN 2249 ET Font-Romeu, blaue Serie, Maßstab 1: 25.000, EAN: 3282112249530. Wer mag, kann sie hier* online bestellen.
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