Gastbeitrag: Reisen in Gedanken

Gehäkelte Frankreich-HandyhülleFoto: Katharina Kehmer
Fernweh, gehäkelt: die Frankreich-Handyhülle in den Farben der Trikolore. Foto: Katharina Kehmer

Jetzt, wo Corona alle, die außerhalb des Landes sind, am Reisen hindert und alle, die im Land sind, ans eigene Zuhause bindet, ist das Flair Frankreichs für viele unerreichbar. Umso stärker möchte ich in diesen Zeiten den Blog zum Forum des Austausches machen. Und freue mich über den Gastbeitrag von Katharina Kehmer und ihre Reisen in Gedanken. Merci & bonne lecture !


Sonne sammeln, in alten Urlaubserinnerungen schwelgen, neue Reisepläne machen und möglichst viel in französischer Sprache hören, lesen, schreiben, sprechen…. Das ist mein Rezept für diesen Winter.

Eigentlich wäre ich jetzt in Frankreich wie meist in den letzten vier Jahren, in denen ich auf Teufel komm raus bei jeder Gelegenheit mit meinem roten Rollenkoffer in einen Ouigo geklettert bin und ab in den Süden. Von Aachen ist man mit der Bahn schneller in Marseille, als man denken kann.

Katharina Kehmer im November 2019. Foto: privat
Katharina Kehmer im November 2019. Foto: privat

Einmal quer durch Belgien und schwupp, in Lille-Europe um 13 Uhr in den Ouigo und nachmittags gegen vier, halb fünf steht man schon in Marseille Saint-Charles am Fahrkartenschalter für die Métro und verlängert für 15 Euro seinen Transpass für eine Woche.

Ich suche mir immer eine Unterkunft, die nah an einer Métro Station liegt oder mit dem Bus gut erreichbar ist. Ist der Koffer im Zimmer verstaut, geht’s an den Vieux Port, etwas vom Großen Blau schnuppern. Im Sommer abends noch eine Bootsfahrt mit den Navettes vom Vieux-Port nach L’Estaque oder Pointe Rouge und zurück machen – das Ticket ist im Transpass enthalten.

Dann im Bioladen auf der Canebière oder am Cours Julien Lebensmittel einkaufen und nach Hause, um noch ein paar Worte mit der jeweiligen Vermieterin zu wechseln, bei der ich für ein paar Tage wohnen werde. Es ist immer eine andere, aber immer macht es Spaß! Am nächsten Morgen frisches Obst und Gemüse auf dem Markt in Noailles holen, praktischerweise direkt vor dem Ausgang der Métrostation und nah am alten Hafen.

Das war ein kleines Ritual geworden. Und jetzt sitze ich im November 2020 zuhause und habe die vielen schönen Erinnerungen. Meine Wohnung hängt voller Fotos, die ich von Marseille und dem Meer gemacht habe. Bilder mit viel Blau und Weiß.

Der Mimosenbaum vor dem einstigen deutschen Generalkonsulat in der Avenue du Prado von Marseille. Foto: Katharina Kehmer
Der Mimosenbaum vor dem einstigen deutschen Generalkonsulat in der Avenue du Prado von Marseille. Foto: Katharina Kehmer

Oder von einem leuchtend gelb blühenden Mimosenbaum im Vorgarten des deutschen Generalkonsulats auf der Avenue du Prado. Inzwischen ist das Konsulat nach Joliette in Les Docks Village umgezogen, aber der Mimosenbaum steht natürlich immer noch an seiner alten Stelle duftet und leuchtet Ende Januar, Anfang Februar. Oh, comme je l’aime !!

Im November 2018 war ich in einem Pied à terre in La Madrague de Montredon, das auf den Felsen über dem Meer lag. Ich war vermutlich die einzige Touristin im ganzen Viertel, in dem die Anwohner tagsüber vor den Häusern saßen und ohne Pause Sozialkontakte mit viel Stimmung hatten.

Les Goudes von Marseille. Foto: Katharina Kehmer
Les Goudes von Marseille. Foto: Katharina Kehmer

Es war natürlich die Sturm- und Regensaison. Und dazu gehörte auch mal ein kräftiger Südwind mit Regen, der mir unmittelbar in die Küche tropfte. Irgendjemand hat am nächsten Tag die Elektrizität im Haus wieder in Gang gebracht.

So geht Abenteuer, es kommt keine Langeweile auf. Von der Dachterrasse dieses Häuschens gab es einen wunderbaren Blick auf das Meer und Marseille. Abends saß ich in der Dunkelheit draußen auf der Terrasse und lauschte dem Rhythmus des Meeres.

Der starke Wind schlug das Wasser an die Felsen unter mir. Es klang sehr groß und schwer, wie eine Riesin, die sich behäbig drehte und viele Geheimnisse barg.

Die Lavendelfelder von Sault nach der Ernte. Foto: Katharina Kehmer
Die Lavendelfelder von Sault nach der Ernte.
Foto: Katharina Kehmer

Am nächsten Tag gingen die Gilets Jaunes im ganzen Land auf die Straße und blockierten auch in Marseille Kreisverkehre an Verkehrsknotenpunkten.

Obwohl ich den Anlass der Streiks verstehen konnte, war ich doch froh, auf der Terrasse in der Sonne in einem Vorort zu sitzen und mittags zu Fuß ins dörflich anmutende Zentrum von La Madrague, gehen zu können, wo sich samstags morgens Anwohner zu einem Kaffee oder zum Mittagessen im Le Madraguin treffen.

Die Abtei von Ganagobie. Foto: Katharina Kehmer
Die Abtei von Ganagobie. Foto: Katharina Kehmer

Ende November mittags draußen in der Sonne sitzen, einfach und schön, dann eine Runde zum kleinen Fischerhafen. Keine riesig aufgemotzten Kulissen, sondern der Charme der kleinen Vorortviertel verzaubert einen Tag.

Später gingen am Vieux-Port bei den Demos ein paar Weihnachtsbäume in Flammen auf, von Paris ganz zu schweigen. Das ist natürlich aufregend, wenn man mitten in der Zeitgeschichte sitzt, die gerade in einem Land gemacht wird.

Die Schlossruine von Montbrun-les-Bains. Foto: Katharina Kehmer
Die Schlossruine von Montbrun-les-Bains. Foto: Katharina Kehmer

Es ist aber das Licht, damals das Winterlicht, das von der niedrig stehenden Sonne direkt in die Häuser oder ins Herz scheint und die bleibenden Erinnerungen hinterlässt.

Am Mittelmeer ist das Licht natürlich großes Kino, dieses magische Licht bleibt für immer in der Erinnerung haften und leuchtet in meinen höhlenhaften Corona-Herbst, in dem ich jeden Sonnenstrahl hier zuhause einsammle, und manchmal fühlt es sich fast wie im Var an.

Das Leuchten des Herbstes. Foto: Katharina Kehmer
Das Leuchten des Herbstes. Foto: Katharina Kehmer

Man kann in Deutschland die französischen Nachrichtensendungen im Replay empfangen und sich so seine Lieblingslandschaft virtuell für eine Stunde in den Alltag holen, die Bilder der schönen Landschaften, der Städte und Dörfer, des Meeres und die geliebte Sprache hören, in die sich manchmal ein provenzalisch breiter Akzent mischt. Es ist alles noch da, und die schwierige Zeit wird vorüber gehen.

Getreu Hilke Maunders Motto „Wieviel Frankreich steckt in…?“ bin ich durch mein Haus gegangen und habe bemerkt, dass jedes Zimmer seine eigenen Frankreichteilchen hat. Außer den vielen Reisefotos an den Wänden bietet im Wohnzimmer ein großes Regal mit Reiseführern und französischsprachiger Literatur kleine abendliche Zeitreisen an.

Die Kathedrale von Carpentras. Foto: Katharina Kehmer
Die Kathedrale von Carpentras. Foto: Katharina Kehmer

Besonderen Spaß hatte ich bei den drei Bänden von Virginie Despentes‘ Vernon Subutex*, die in Frankreich schon als Serie verfilmt worden sind.

Silvain Tessons Sur les chemins noirs* nahm mich mit auf eine Wanderung von Menton quer durch ganz Frankreich bis in den Nordwesten des Landes. Und mit Jean Giono bin ich so manches Mal in den bäuerlichen Alltag der Provence vor fast hundert Jahren eingetaucht.

Le Casot in Elne - die Weinbar ist auch eine Kleinkunstbühne. Foto: Katharina Kehmer
Le Casot in Elne – die Weinbar ist auch eine erlebenswerte Kleinkunstbühne. Foto: Katharina Kehmer

Von jeder meiner Provence-Reisen habe ich ein paar Meter Baumwollstoff mit provenzalischen Motiven mitgebracht und mir Bettbezüge und Gardinen daraus genäht. Die Stoffreste dienten mir in diesem Jahr für Atemmasken mit Lavendel und Olivenmustern.

Auf der Terrasse steht eine Mimose mit prallen Knospen, die ich vor zwei Jahren in der Bahn aus Cannes mitbrachte. Sie wächst rasant schnell und hat im letzten Jahr von Mitte Dezember bis Januar duftend südliches Flair ins Haus gebracht.

Ich freue mich jetzt schon auf seine nächste Blüte, die mir die Erinnerung an die Fête de la Croix des gardes auf den Hügeln über Cannes zurückbringt.

Die Chapelle Sainte-Marguerite von Beaumont-du Ventoux. Foto: Katharina Kehmer
Die Chapelle Sainte-Marguerite von Beaumont-du Ventoux. Foto: Katharina Kehmer

Und nicht zu vergessen die Musik von Zaz, die mich sogar im Auto auf dem Weg zur Arbeit mit französischen Flair begleitet. Und immer neue Reisepläne schmieden, ans Meer, in die Bretagne, in die eiszeitlichen Bilderhöhlen der Dordogne.

Bleibt alle gesund und stärkt euch an den schönen Reiseerinnerungen! Der nächste Sommer kommt bestimmt.

Die Mimose aus Frankreich fühlt sich wohl in Deutschland.Foto: Katharina Kehmer
Die Mimose aus Frankreich fühlt sich wohl in Deutschland. Foto: Katharina Kehmer
Merci fürs Teilen!

6 Kommentare

  1. Danke. Toller Beitrag.
    …Dieses Papier für Frankreich ist ausgedruckt und morgen möchte ich damit einen Sprung ins Elsass wagen. Irgendwie kommt es einem illegal vor, doch ich habe die Coronaverordnung ausgedruckt dabei. Als Mensch aus RLP dürfte ich 72 Stunden nach F. Ich werde wohl nach einer Stunde zurück sein. Etwas aufgeregt und in Vorreude…

  2. Tolle Impressionen und Bilder, die die Sehnsucht wachsen lassen – Danke. Hoffe nach Weihnachten ist wieder eine Reise ins Herault möglich.

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