Roccapina, Tafoni. Foto: Hilke Maunder
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Roccapina: Tafoni – Fabelwesen aus Fels

Ein Löwe aus Stein, der über das Meer wacht – Roccapina ist einer jener Orte, an denen Korsika wirkt, als träume es laut. Zwischen türkisblauer Bucht, duftender Macchia und uralten Granitformationen erzählen Fels und Legende von Liebe, Trotz und Zeit. 

Zwischen Meer und Bergen wacht ein seltsamer Löwe über die Bucht von Roccapina im Süden von Korsika. Unbeweglich starrt er aufs Wasser. Der Legende nach war es ein stolzer, reicher korsischer Herr (Seigneur ), der wegen seiner Tapferkeit und Wildheit im Kampf selbst „Der Löwe“ genannt wurde. Als er eine schöne junge Frau begehrte, diese ihn jedoch abwies und er in seiner Verzweiflung den Tod herbeirief, wurde er an Ort und Stelle in den Granitlöwen verwandelt.

Die Geburt der Tafoni

Die Landschaft bei Roccapina. Foto: Hilke Maunder
Die Landschaft bei Roccapina. Foto: Hilke Maunder

„Pah, nur eine Legende“, sagen die Wissenschaftler. Der Löwe ist ein waschechter Tafone – ein Granit, geformt von den vier Elementen.Der Libecciu, der heiße, unstete Südwestwind, peitscht die salzige Gischt des Meeres unaufhörlich gegen die Hänge. Das Salzwasser kriecht in die mikroskopisch kleinen Poren des Steins. Sobald die intensive Sommersonne den Granit aufheizt, verdunstet das Wasser im Inneren des Gesteins schlagartig. Zurück bleiben Salzkristalle, die beim Wachsen einen enormen Druck aufbauen.

Dieser unsichtbare Sprengstoff trennt Feldspat, Quarz und Glimmer Korn für Korn. Während die äußere, durch Kieselsäure gehärtete Kruste des Felsens den Angriffen lange standhält, zerbröselt das weichere Innere über Jahrtausende zu feinem Sand. Der Wind bläst das lose Material heraus, bis nur noch ein filigranes, skelettiertes Steingerüst übrig bleibt – durchlöchert, bizarr und von monumentaler Beständigkeit.

Hier ein Löwe, dort ein Elefant, weiter hinten ein Nashorn, ein Kamel – lauter fabelhafte Tiere aus Fels.

Vom Tafone zum Oriu

U Tafonu – das Loch, ein Fels, von unten ausgehöhlt: eine korsische Spezialität, die zum weltweit gebrauchten Fachbegriff der Geologie aufstieg. Bereits in der Vorzeit erkannten die frühen Korsen den Wert der Tafoni. Mit Zweigen und Ästen verschlossen sie die Naturhöhlen und nutzten sie als Stall, Schuppen oder Wohnung. Im 19. Jahrhundert wandelte sich der Tafone zum Oriu: Die Höhle erhielt Fenster und Türen und wurde zum Haus mit Bett, Herd und Stuhl. Unzählige dieser Orii birgt bis heute die korsische Macchia.

Zu Gast beim Cantonière

Roccapina. Foto: Hilke Maunder
Die Straßenkneipe von Roccapina. Foto: Hilke Maunder

Die Passhöhe von Roccapina ist seit alters her eine Passage zwischen Sartène und Bonifacio. Den Straßenabschnitt zwischen Pianottoli und Coralli hielt ein cantonière instand, der die Löcher im Straßenbelag mit Kieselsteinen füllte – eine Schwerstarbeit. In seinem Haus bot er Schäfern, Reisenden und fahrenden Händlern Unterkunft. Seine Frau versorgte die Gäste mit einem einfachen, aber reichlichen Mahl.

Brot, Käse, Gemüse und Wurst waren die Hauptnahrungsmittel. Die Tomaten, die im Garten wuchsen, kamen getrocknet mit Öl in Weckgläser oder in Ragouts. Im Steinofen wurden jede Woche rund 70 Brote gebacken – die Hälfte zweimal, die so zu knusprigem Zwieback wurden. Die Kinder des Straßenwärters sammelten Alpenveilchen, um sie an Reisende zu verkaufen

Die Mythen der Macchia

Das alte Haus des Straßenwächters barg viele Jahre lang ein Museum, mittlerweile ist es geschlossen. Erhalten wurde jedoch U caminu de l’oriu. Der Wanderweg führt als 20 Minuten-Runde zu weiteren Tafoni bei Roccapina. U camino di a punta taucht in die korsische Macchia ein und führt 45 Minuten lang zu Orten, die dort verborgen sind: eine Grotte unter einem Elefanten, aber auch ein Belvedere, das weite Aussichten bis an den Horizont eröffnet.

Roccapina, Glocke. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Liebe & Blutrache

1923 drehte René Norbert in Roccapina den Stummfilm Amour et vendetta (1923). Der Schwarz-Weiß-Streifen, der auf der Novelle Colomba von Prosper Mérimée basiert, vereint die Schauspielstars der damaligen Zeit: Luc Dartagnan, Gaston Norès, José Davert, Jean Sarté, Jane Duverger und Liane de Beauvais. 1981 wurde der Film in einem Keller von Sartène gefunden und elf Jahre später auf Initiative der Cinémathèque de Corse restauriert. Wie schön konnten damals beide Geschlechter ihre Augen rollen. Und was für ein Temperament … ganz und gar korsisch!

Roccapina: meine Infos

Schlemmen und genießen

L’Oasis du Lion

Das einzige Lokal ist eine Bar mit Terrasse – die Aussicht bezahlt man mit einem satten Aufschlag auf die Preise. Auf der Karte stehen typisch korsische Gerichte. Über der Gastwirtschaft könnt ihr in rustikal-gemütlichen, einfachen Zimmern nächtigen.
• T 40, auf der Passhöhe, Tel. 04 95 73 49 89, www.aubergedulion-sartene.fr

Hier könnt ihr schlafen*

 

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Im Buch

Jenny Hoch: Gebrauchsanweisung für Korsika*

Cover: Jenny Hoch, Gebrauchsanweisung für Korsika. Foto: Hilke Maunder33 Sommer hatte Jenny Hoch auf der Insel verbracht. Doch erst, seitdem sie quasi lebt, wird sie langsam von den Einheimischen ins Herz geschlossen und integriert, erzählt die Journalistin und Buchautorin, die heute mit ihrer Familie die Tradition ihrer Eltern fortsetzt. Seit sie vier Jahre alt war, sei sie jedes Jahr auf Korsika gewesen, als Kind, als Teenager, als Erwachsene. Immer am selben Ort, immer glücklich, gerade dort zu sein. „Ich weiß, wo am Strand der Rutschfelsen ist, wie die Wellen sich brechen”, erzählte sie bei einer Lesung im Feriendorf zum Störrischen Esel.

Ihre persönlichen Erfahrungen machen den Reiz dieses Bandes der insgesamt sehr zu empfehlenden  Taschenbuchreihe im Piper-Verlag aus. Jenny Hoch hat sie hintergründig wie humorvoll zu Papier gebracht. Dazu noch ein paar Daten und Fakten: ein perfekter Einstieg, um sich mit der Insel zu beschäftigen. Besser kann keine Reiseplanung beginnen! Wer mag, kann das Werk hier* online bestellen.

Zum Träumen: Das Haus auf Korsika*

Die Hauptfigur, fast 30, lebt seit zehn Jahren mit ihrem Freund zusammen, jobbt in der Pizzeria ihres Schwiegervaters, überlebt im belgischen Charleroi. Ein eigenes Leben nach ihren Vorstellungen? Das ist ein Luxus, den sie sich nicht leisten kann. Und mit der Erbschaft doch wagt. Sie macht auf den Weg in den Süden. Und verliebt sich – in die geerbte Bruchbude, die Insel, einen neuen Mann. Wer mag, kann den Film hier* online bestellen.

Mit wenig Geld und Aufwand hat Pierre Duculot 2011 einen meiner Lieblingsfilme gedreht, die Geschichte eines Ausbruchs, Sich-Finden, die Rückkehr zu den Wurzeln. Und eine Geschichte des Mutes. Ausgelöst durch die Erbschaft eines Hauses, das Christina erbt.t bestellen.

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