Roccapina: Tafoni – Fabelwesen aus Fels
Ein Löwe aus Stein, der über das Meer wacht – Roccapina ist einer jener Orte, an denen Korsika wirkt, als träume es laut. Zwischen türkisblauer Bucht, duftender Macchia und uralten Granitformationen erzählen Fels und Legende von Liebe, Trotz und Zeit.
Zwischen Meer und Bergen wacht ein seltsamer Löwe über die Bucht von Roccapina im Süden von Korsika. Unbeweglich starrt er aufs Wasser. Der Legende nach war es ein stolzer, reicher korsischer Herr (Seigneur ), der wegen seiner Tapferkeit und Wildheit im Kampf selbst „Der Löwe“ genannt wurde. Als er eine schöne junge Frau begehrte, diese ihn jedoch abwies und er in seiner Verzweiflung den Tod herbeirief, wurde er an Ort und Stelle in den Granitlöwen verwandelt.
Die Geburt der Tafoni
„Pah, nur eine Legende“, sagen die Wissenschaftler. Der Löwe ist ein waschechter Tafone – ein Granit, geformt von den vier Elementen.Der Libecciu, der heiße, unstete Südwestwind, peitscht die salzige Gischt des Meeres unaufhörlich gegen die Hänge. Das Salzwasser kriecht in die mikroskopisch kleinen Poren des Steins. Sobald die intensive Sommersonne den Granit aufheizt, verdunstet das Wasser im Inneren des Gesteins schlagartig. Zurück bleiben Salzkristalle, die beim Wachsen einen enormen Druck aufbauen.
Dieser unsichtbare Sprengstoff trennt Feldspat, Quarz und Glimmer Korn für Korn. Während die äußere, durch Kieselsäure gehärtete Kruste des Felsens den Angriffen lange standhält, zerbröselt das weichere Innere über Jahrtausende zu feinem Sand. Der Wind bläst das lose Material heraus, bis nur noch ein filigranes, skelettiertes Steingerüst übrig bleibt – durchlöchert, bizarr und von monumentaler Beständigkeit. Hier ein Löwe, dort ein Elefant, weiter hinten ein Nashorn, ein Kamel – lauter fabelhafte Tiere aus Fels.

Vom Tafone zum Oriu
U Tafonu – das Loch, ein Fels, von unten ausgehöhlt: Was rund um Roccapina allerorten in der Macchia zu sehen ist, wurde zum weltweiten Fachbegriff der Geologie. Bereits in der Vorzeit erkannten die frühen Korsen den Wert der Tafoni. Mit Zweigen und Ästen verschlossen sie die Naturhöhlen und nutzten sie als Stall, Schuppen oder Wohnung. Im 19. Jahrhundert wandelte sich der Tafone zum Oriu: Die Höhle erhielt Fenster und Türen und wurde zum Haus mit Bett, Herd und Stuhl. Unzählige dieser Orii birgt bis heute die korsische Macchia.

Zu Gast beim Cantonière
Die Passhöhe von Roccapina ist seit alters her eine Passage zwischen Sartène und Bonifacio. Den Straßenabschnitt zwischen Pianottoli und Coralli hielt ein cantonière instand, der die Löcher im Straßenbelag mit Kieselsteinen füllte – eine Schwerstarbeit. In seinem Haus bot er Schäfern, Reisenden und fahrenden Händlern Unterkunft. Seine Frau versorgte die Gäste mit einem einfachen, aber reichlichen Mahl.
Brot, Käse, Gemüse und Wurst waren die Hauptnahrungsmittel. Die Tomaten, die im Garten wuchsen, kamen getrocknet mit Öl in Weckgläser oder in Ragouts. Im Steinofen wurden jede Woche rund 70 Brote gebacken – die Hälfte zweimal, die so zu knusprigem Zwieback wurden. Die Kinder des Straßenwärters sammelten Alpenveilchen, um sie an Reisende zu verkaufen. Als ich dies bei einer Führung im kleinen Museum hörte, staunte ich nicht schlecht. Alpenveilchen in der Macchia?
Die Führerin lachte. Und erklärte: „Auf Korsika gibt es sogar zwei Arten davon – das Neapolitanische Alpenveilchen (Cyclamen hederifolium) und das Korsische Alpenveilchen (Cyclamen repandum). Letzteres blüht im Frühjahr, das Neapoletanische Alpenveilchem im Herbst, ganz versteckt im feuchten Unterholz der Macchia.“

Die Mythen der Macchia
Das alte Haus des Straßenwächters barg viele Jahre lang ein Museum, mittlerweile ist es geschlossen. Erhalten wurde jedoch U caminu de l’oriu. Der Wanderweg führt als 20 Minuten-Runde zu weiteren Tafoni bei Roccapina. U camino di a punta taucht in die korsische Macchia ein und führt 45 Minuten lang zu Orten, die dort verborgen sind: eine Grotte unter einem Elefanten, aber auch ein Belvedere, das weite Aussichten bis an den Horizont eröffnet.
Liebe & Blutrache
1923 drehte René Norbert in Roccapina den Stummfilm Amour et vendetta (1923). Der Schwarz-Weiß-Streifen, der auf der Novelle Colomba von Prosper Mérimée basiert, vereint die Schauspielstars der damaligen Zeit: Luc Dartagnan, Gaston Norès, José Davert, Jean Sarté, Jane Duverger und Liane de Beauvais. 1981 wurde der Film in einem Keller von Sartène gefunden und elf Jahre später auf Initiative der Cinémathèque de Corse restauriert. Wie schön konnten damals beide Geschlechter ihre Augen rollen. Und was für ein Temperament … ganz und gar korsisch!
Roccapina: meine Infos
Schlemmen und genießen
L’Oasis du Lion
Das einzige Lokal ist eine Bar mit Terrasse – die Aussicht bezahlt man mit einem satten Aufschlag auf die Preise. Auf der Karte stehen typisch korsische Gerichte. Über der Gastwirtschaft könnt ihr in rustikal-gemütlichen, einfachen Zimmern nächtigen.
• T 40, auf der Passhöhe, Tel. 04 95 73 49 89, www.aubergedulion-sartene.fr
Auberge Coralli
Typische korsische Küche drinnen und auf der Terrasse direkt an der Schotterstraße zum Strand. Wer mag, kann bei Viola und Christophe auchn in einem der zwölf einfachen, aber geräumigen und sauberen Zimmern. nächtigen.
• Route de Bonifacio, Roccapina, 20100 Sartène, Tel. 04 95 77 05 94, www.hotel-coralli-roccapina.com
Der Strand von Roccapina
An der Auberge Coralli nördlich von Roccapina beginnt die Zufahrt zur Plage de Roccapina. Die Schotterpiste zum Strand ist unbefestig, extrem holprig, voller tiefer Schlaglöcher, Rillen (nid-de-poule) und herausstehender Steine. Im Sommer könnt ihr es unter Umständen ohne Schäden am Unterboden oder an der Ölwanne schaffen, sicherer unterwegs seid ihr mit einem Allradwagen oder einem anderen Fahrzeug mit erhöhter Bodenfreiheit.
Achtung bei Leihwagen: In den AGBs der meisten Mietwagenverleiher ist das Befahren unbefestigter Wege (pistes) verboten. Macht ihr es trotzdem, verliert ihr den Versicherungsschutz – sprich, kommt es zu einem Schaden, zahlt ihn ihr.

Hier könnt ihr schlafen
Domaine de Murtoli
Agrotourismus ganz edel: 17 Natursteinhäuser mit Fünfsternestandard verteilen sich auf dem 2000 Hektar großen Bio-Landgut, und jedes Haus ist ein Idyll, fernab von der Hektik des Alltags und mitten in der Natur. Olivenhaine und Gemüsegärten versorgen die Küche des Anwesens; ein 20 Meter-Pool sorgt für aktive Entspannung, Massagen im Freien für tiefstes Wohlbefinden.
• Vallée de l’Ortolo, 20100 Sartène, Tel. 04 95 71 69 24, www.murtoli.com
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33 Sommer hatte Jenny Hoch auf der Insel verbracht. Doch erst, seitdem sie quasi lebt, wird sie langsam von den Einheimischen ins Herz geschlossen und integriert, erzählt die Journalistin und Buchautorin, die heute mit ihrer Familie die Tradition ihrer Eltern fortsetzt. Seit sie vier Jahre alt war, sei sie jedes Jahr auf Korsika gewesen, als Kind, als Teenager, als Erwachsene. Immer am selben Ort, immer glücklich, gerade dort zu sein. „Ich weiß, wo am Strand der Rutschfelsen ist, wie die Wellen sich brechen”, erzählte sie bei einer Lesung im Feriendorf zum Störrischen Esel.
Ihre persönlichen Erfahrungen machen den Reiz dieses Bandes der insgesamt sehr zu empfehlenden Taschenbuchreihe im Piper-Verlag aus. Jenny Hoch hat sie hintergründig wie humorvoll zu Papier gebracht. Dazu noch ein paar Daten und Fakten: ein perfekter Einstieg, um sich mit der Insel zu beschäftigen. Besser kann keine Reiseplanung beginnen! Wer mag, kann das Werk hier* online bestellen.
Zum Träumen: Das Haus auf Korsika*
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