So begrüßt euch Saulieu als Etappe an der Ferienstraße Nationale 6. Foto: Hilke Maunder
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Route Nationale 6: von Paris nach Italien

Die Route Nationale 6 ( RN6 ) ist die unbekanntere Schwester der berühmten Nationale 7 und schlängelt sich durch Burgund wie eine Zeitreise in die Trente Glorieuses. Die legendäre Ferienstraße verbindet Paris mit dem Mittelmeer und Italien und war in den 1950er- und 1960er-Jahren die Hauptverkehrsader für den Sommerurlaub. Heute führt sie als D 906 durch Landstriche, die aus der Zeit gefallen scheinen – und gerade deshalb verzaubern.

Bis 2006 gehörte die Route Nationale 6 zu den größten französischen Nationalstraßen und verband Paris via Lyon und Savoyen mit dem Col du Mont Cenis auf 2.081 Metern Höhe, wo sie in die italienische Strada Statale 25 überging. Ihre ursprüngliche – von den Kaiserstraßen übernommene – Bezeichnung lautete de Paris à Milan par Turin, von Paris über Turin nach Mailand.

Ursprünglich begann die Nationalstraße 6 in Sens, wo sie von der Nationalstraße 5 Paris-Dijon-Genf abzweigte. Ende der 1970er-Jahre wurde aus Kohärenzgründen beschlossen, die Strecke zwischen Paris und Sens als Route Nationale 6 zu nummerieren. Die RN 6 ging fortan wie ihre Schwester, die Nationale 7, von Paris aus.

Vor der Eröffnung der Autobahn A6 bis in die Nähe von Corbeil-Essonnes im April 1960 teilten sich die Nationalstraßen 6 und 7 den Straßenverkehr zwischen Paris und Lyon. Trotz der Durchquerung der Hügelketten des Morvan wurde die Route Nationale 6 bevorzugt, da die Nationale 7 zwischen Roanne und Lyon ein schwierigeres Profil aufwies.

Wiederentdeckung einer Legende

Mit dem Aufkommen der Autobahnen verlor die Route Nationale 6 an Bedeutung. Doch in den letzten Jahren erlebt sie eine Renaissance als nostalgische Reiseroute. Slow travel à la française – mitten durch die schönsten Landstriche der Bourgogne. Die legendäre Ferienstraße durchquert Burgund von Nord nach Süd und passiert dabei Dörfer und Städte, die ursprünglich geblieben sind, hier und da Patina tragen und mitunter wirken, als sei die Zeit stehen geblieben. Und sich auf den zweiten Blick als quicklebendig und äußerst charmant erweisen!

Nummern-Wirrwarr mit Charme

Das burgundische Teilstück beginnt in Sens mit seiner erstaunlichen Markthalle gegenüber der berühmten Kathedrale. Unter vielen wechselnden Namen wie D 660, D 15, D 659 und D 944 durchquert die legendäre Ferienstraße das Département Yonne vorbei an Joigny, Auxerre und Avallon.

Bei Rouvray taucht sie in das Département Côte-d’Or ein und erhält ihren Namen Vintage Route Nationale 6. Als D 906 führt sie 86 Kilometer lang mit einheitlicher Beschilderung zu Bilderbuchorten wie Saulieu und Arnay-le-Duc am Oberlauf des Arroux.

In Chagny beginnt wieder das Nummern-Wirrwarr. Dort steht mit Éric Pras in der Maison Lameloise Burgunds einziger Dreisternekoch am Herd. Im Département Saône-et-Loire wechselt die Beschilderung der ältesten französischen Straße nach nahezu jedem Ort erneut.

Tankstelle Bel-Air: Zeitreise in die Fifties

Ein Hauch der Fifties liegt bis heute über der legendären Ferienstraße. Besonders intensiv weht er an der Tankstelle von Bel-Air bei La Rochepot. Die Station, wo sich früher eine Gaststätte namens Relairoute befand, erlebte in den 1970er-Jahren ihre Sternstunde mit einer mythischen Szene aus Jean-Pierre Melvilles Film Le Cercle Rouge* mit Alain Delon und Bourvil.

Die Lage machte La Rochepot strategisch bedeutsam: 300 Kilometer von Paris entfernt entsprach dies der Benzin-Reichweite der Autos der 1960er-Jahre. Kaum eine Tankstelle in Europa verkaufte in den 1950er- bis 1970er-Jahren mehr Kraftstoff als die Garage de Bel-Air auf dem Gipfel der berühmten montée von La Rochepot zwischen Chagny und Arnay-le-Duc.

Auf Initiative der Communauté d’Agglomération Beaune Côte et Sud und der Stadt Saulieu erwachte die Garage de Bel-Air 2013 zu neuem Leben. Möbel, Ausrüstung und Architektur wurden ganz und gar dem Stil der Trente Glorieuses (1945–1975) angepasst. Die Wände ziert gemalte Werbung großer Marken dieser Zeit, Retro-Schilder sorgen für Fifties-Flair, und jeden zweiten Samstag von April bis Oktober organisiert die AOC Automobiles d’Origine et de Collection Beaune, die hier ihren Stammsitz hat, Oldtimer-Treffen auf dem großen Parkplatz.

La Petite Maison de la Nationale 6

Ebenfalls zu Oldtimer-Treffen lädt am ersten Samstag im Monat die Association des Jeunes Pilotes Arnaytois. Bei Arnay-le-Duc hat der Verein im ehemaligen Haus des Schrankenwärters an der Route Nationale 6 ein kleines Museum zur legendären Ferienstraße eingerichtet. Umringt von automobilen Veteranen, Zapfsäulen und Abschleppkränen birgt die Petite Maison de la Nationale 6 eine bunte Sammlung von Reminiszenzen: Werbeplakate, Ölkanister, Emailleschilder und Fotos.

Und wenn ihr schon einmal in Arnay-le-Duc seid, verpasst auch nicht die Maison Régionale des Arts de la Table. Direkt an der Route Nationale 6 zeigt das Museum jährlich wechselnde und immer wieder erstaunliche Ausstellungen über die Tischkunst.

La Grande Vadrouille

Da bis in die frühen 1970er-Jahre noch ganz Frankreich zur gleichen Zeit, und stets am 1. Juli, in die Grandes Vacances, und damit den jährlichen Sommerurlaub startete, wurde das Verkehrschaos auf der Ferienstraße gerne auch schon mal spöttisch La Grande Vadrouille genannt, ganz in Anlehnung an eine Komödie, die damals Kult war in Frankreich und bis heute als eine der erfolgreichsten Komödien der französischen Filmgeschichte gilt. 17 Millionen Franzosen sahen den Streifen, der typisch ist für das Filmschaffen der Trente Glorieuses mit Nostalgie, Humor und Alltagsheldentum.

La Grande Vadrouille* (Die große Sause*), 1966, von Gérard Oury gedreht, spielt während der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Zwei gegensätzliche Franzosen – der Dirigent Stanislas Lefort (Louis de Funès) und der Maler Augustin Bouvet (Bourvil) – geraten durch Zufall in die Flucht britischer RAF-Piloten und helfen diesen, über Paris bis in die unbesetzte Zone zu entkommen. Unterwegs entstehen absurde Verfolgungsjagden mit der Wehrmacht, gefüllt mit Slapstick und Satire auf die Okkupation.

Gedreht wurden die zentralen Fluchtszenen entlang oder nahe der Route Nationale 6. So ist im Film beispielsweise der fourgon postal (Postwagen) auf der RN6-Trasse bei La Rochepot zu sehen, wo das Château de La Rochepot im Hintergrund erscheint. Weitere Szenen spielen auf einer Brücke bei Meursault nahe der Route Nationale 6, in der Umgebung von Vézelay sowie in Drémont, wo an der D 958 eine Panne inszeniert wurde – mit einem falschen Kilometerstein der Route Nationale 6. Diese bornes markierten seit dem frühen 18. Jahrhundert die Nationalstraßen in Frankreich.

Eine Reise auf der Route Nationale 6 in Bildern

Route Nationale 6: meine Reisetipps

Gesamtlänge und Dauer

Rund 750 Kilometer lang ist die Route Nationale 6 von Paris bis Modane, und wer sie ganz entspannt genießen will, mit viel Zeit für Besichtigungen, Ausflüge, Verkostungen und Wanderungen, plant am besten eine Woche für diese Retroreise ein, mindestens aber drei Tage.

Beste Reisezeit

Mai–Juni/September–Oktober. Vermeidet in der Hochsaison Juli/August unbedingt die samedis noirs. Bei den „schwarzen Samstagen“ wird die Route Nationale 6 bei Staus auf der Autobahn gerne als Ausweichstrecke genommen.

Oldtimer-Treffe

Bel-Air-Tankstelle: Jeder 2. Samstag April–Oktober; Petite Maison Arnay-le-Duc: 1. Samstag im Monat – lässt sich perfekt mit dem Samstagsmarkt von Arnay-le-Duc kombinieren!

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Im Blog

Alle Beiträge rund ums Autofahren in Frankreich vereint diese Kategorie. Mehr über die Nationale 7 erfahrt ihr hier.

Sämtliche Ziele und Themen, die ich in meinem Online-Magazin nach Départements und Regionen vorstelle, findet ihr zentral vereint auf dieser zoombaren Karte.

Im Buch

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Roadtrips Frankreich

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