Saint-Denis: Könige, Kino & Kicker

Das Rathaus von Saint-Denis. Foto: Hilke Maunder
Das Rathaus von Saint-Denis. Foto: Hilke Maunder

Frankreichs jüngste Großstadt hat viele Facetten: multikulturell, zukunftsorientiert und doch tief in der Geschichte Frankreichs verwurzelt. In der Kathedrale von Saint-Denis ruhen Frankreichs Könige, auf seinem Markt trifft sich die Welt, seine Cité du Cinéma ist eine Drehscheibe der Filmindustrie, sein Stade de France Heimat der „Bleus“ und Nationalstadium.

Der Friedhof der Könige, wie Saint-Denis im Mittelalter genannt wurde, ist heute ein typischer Ort in der Banlieue von Paris. Eine hohe Arbeitslosigkeit und 30 Prozent Migranten sorgen für einen schlechten Ruf und überdecken, wie Saint-Denis Zukunft gestaltet – besonders im Süden, für Immobilieninvestoren der Hotspot im Großraum Paris.

Wer Lust hat, den Großraum Paris jenseits der bekannten Ecken zu entdecken, sollte sich einen Tag lang durch Saint-Denis treiben lassen. Was ihr nicht verpassen sollt? Hier kommen meine Tipps!

Cité du Cinema

Das hat auch Luc Besson erkannt, der mit „Im Rausch der Tiefe“ oder „Arthur und die Minimoys“ weltweit Erfolge feiert. Für 160 Millionen Euro verwandelte der Filmregisseur ein stillgelegtes E-Werk in die Cité du Cinéma Saint-Denis – mit neun Studios, Kino, Kantine für tausend Esser und Räumen einer Filmhochschule. 62.000 qm groß ist das Hollywood an der Seine, das nicht nur Illusionen auf der Leinwand inszeniert, sondern handfest Arbeits- und Ausbildungsplätze schafft.
➡ 20 Rue Ampère, www.citeducinema.org; Führungen: nur nach Voranmeldung auf www.cultival.fr/visites/les-coulisses-de-la-cite-du-cinema/public_particulier

Stade de France

Mit 81 336 Zuschauern ist das Stade de France Frankreichs größtes Stadion. Im Nationalstadion werden fast alle Heimspiele der französische Nationalmannschaft ausgetragen, bei der EURO 2016 Eröffnung, Finale und fünf weitere Matches statt. Der nachts blau leuchtende Kessel ist die Heimstätte der Rugby-Teams Stade Français und Racing Métro 92; bei Spielen der Rugby-Union-Nationalmannschaft verwandelt es sich in einen Hexenkessel. Den Besucherrekord jedoch hält ein Konzert: 93.000 Menschen pilgerten zu U2 ins Stade de France.

➡ Führungen (90 Min.) : ab Eingang E, Anmeldung: Stade de France

Marmorgrab der Herzöge von Orléans (1502). Foto: Hilke Maunder

Basilique Saint-Denis

Die Basilika ist Frankreichs Grabeskirche der Könige. Nachdem der heilige Dionysius um 250 n. Chr. auf Montmartre enthauptet wurde, nahm er den Kopf unter den Arm und lief gen Norden zu einer christlichen Gemeinde, die den ersten Bischof von Paris heimlich begrub.

Die Legende enthält ein Fünkchen Wahrheit. Denn dort, wo der Märtyrer angeblich zusammenbrach, gab es im 1. Jh. tatsächlich eine gallorömische Siedlung mit einer Kultstätte. Ausgebaut zur Abtei, wurde sie  unter Hugo Capet Grabstätte der französischen Monarchie. 42 Könige, 32 Königinnen, 63 Prinzen und Prinzessinnen sowie zehn Persönlichkeiten sind hier begraben; Krone und königlicher Lilienbanner hier verwahrt.

Der enthauptete Dionysios – eine Statue in der Krypta erinnert an ihn. Foto: Hilke Maunder

Wiege der Gotik

Hoch aufstrebende Pfeiler, Kreuzrippengewölbe, Spitzbögen und filigrane Strukturen statt blockhafter Romanik: Was Abt Suger beim Bau der Kathedrale wagte, war ein architektonisches Novum. Und läutete eine gänzlich neue Epoche ein: die Gotik. „Gott ist Licht“ proklamierte Abt Suger, und richtete danach die Architektur der Pfeilerbasilika aus, die Vorbild wurde für die Kathedralen von Paris, Chartres, Laon, Amiens und Reims.

Architektur des Lichts

Waren die Vorläuferkirchen noch dunkle Höhlen gewesen, flutete jetzt das Licht auf ungeahnte Weise in das 108 m lange und fast 30 m hohe Kirchenschiff. 37 Buntglasfenster, jedes zehn Meter hoch, lassen den Mittelpunkt des Chores in himmlischem Licht erstrahlen, wo sich der Altar befindet.

Königsgräber

Mit mehr als 70 Marmorsärgen und Gräbern birgt die Basilika von Saint-Denis die größte französische Sammlung der Graubaukunst. Bis auf Ludwig VII., Philipp I. und Ludwig XI. sind alle Könige Frankreichs mit ihren Gattinnen in der Basilika beigesetzt worden. Die meisten Gräber schmücken Liegefiguren, einige Herrscher werden barfuß gezeigt.

Nur Marie Antoinette und König Ludwig XVI. knien betend und in prächtigen Gewändern vor Stehpulten. Architektonisch auffällig wie aufwändig ist das Renaissancemausoleum Ludwigs XII. († 1515) und seiner Gemahlin Anne de Bretagne († 1514).

Daneben ruhen Heinrich II. († 1559) und Katharina von Medici († 1589), die in Bethaltung und liegend als Gisants, als Leichname, dargestellt sind. Als prachtvollen Triumphbogen entwarf Philibert de l’Orme das Grabmal für Franz I. (1494 – 1547) und Claude de France im südlichen Querschiff.

Liegefigur von Bertrand du Guesclin, Connétable de France (1320 – 1380). Foto: Hilke Maunder

Beinhaus & Krypta

Eine Treppe führt hinab zur Krypta, wo das Beinhaus die royalen Gebeine, die während der Revolution exhumiert wurden, vereint. In der Kapelle der Bourbonen ist das Herz Ludwig XVII. ausgestellt, im Familiengrab des Königshauses haben Ludwig XVI. und Marie-Antoinette ihre letzte Ruhestätte gefunden. Im zweiten Gemeinschaftsgrab der Krypta ruhen königliche Mitglieder der Merowinger, Kapetinger, Orléans und Valois.

➡Apr. – Sept. Mo. – Sa. 10.00 – 18.15, So. 12.00 – 18.15, Okt. – März Mo. – Sa. 10.00 – 17.15, So. 12.00 – 17.15; http://saint-denis.monuments-nationaux.fr

Karl Martell. Foto: Hilke Maunder

Marché de Saint-Denis

Mit mehr als 300 Ständen gehört der Markt auf der Place Victor Hugo zu den wichtigsten der Île-de-France. Seine Markthalle aus dem 19. Jahrhundert erinnert an die Pavillons von Baltard. Tipp: Am Sonntag ist der Marktbesuch am schönsten!

Parc de la Légion d’Honneur

Jenseits der Basilika erstreckt sich der Park der Ehrenlegion. Im Frühling inszeniert er bei der Fête des Tulipes einen wahren Blütentraum tausender Tulpen!
• Eingang: Rue Pinel, Avenue Paul Vaillant-Couturier

Parc Georges-Valbon

Mit 410 Hektar größer als New Yorks Central Park (340 ha) ist der Park Georges-Valbon, der sich über insgesamt fünf Kommunen erstreckt, darunter auch Saint-Denis. Seine großen Rasenflächen unterhalten – ganz nachhaltig – die Herden der Bergers Urbains. Transhumanz in der Großstadt: Das müsst ihr erleben!
• Boulevard Maxim Gorki

Die Festivals

Ausgezeichnet sich auch die Akustik der Kirche. Erlebt sakrale Klänge und Symphonien, Kammermusik und Rezitale alljährlich im Juni beim Festival Saint-Denis, das im Chor der Basilika und der Maison d’éducation de la Légion d’Honneur gastiert. Einige Konzerte werde auf die riesige Leinwand vor der Kirche übertragen!

Jazz, Blues, Weltmusik, Funk und R &B erklingen im März fünf Wochen lang bei den Banlieues Bleues. Weltmusik hört ihr bei den Villes du Musique du Monde, das im Herbst an vielen Orten des Départements Seine-Saint-Denis gastiert.

Saint-Denis: noch mehr Tipps

La Ferme Ouverte

Früher erstreckte sich rund um Saint-Denis eines der größten Gemüseanbaugebiete Frankreichs. Heute hält der Stadtbauernhof von Saint-Denis das bäuerliche Erbe der Plaine des Vertus lebendig. Die landschaftliche Produktion von Kichererbsen, Rettich, Fenchel, Wassermelonen und anderen Erzeugnisse ergänzt ein vielseitiges Kulturprogramm mit Kochkursen, Ausstellungen und Führungen, bei denen ihr mit eurer Nase den Gerüchen und Düften folgt.
• 114, avenue de Stalingrad, https://fermeouvertedesaintdenis.com

Chapiteau Raj’ganawak

Yogakurse, Boxunterricht, Akrobatik für Erwachsene, Kabarettshows, Bälle und viele andere Angebote von Kultur und Unterhaltung: Die Truppe von Raj’ganawak belebt dem Jahr 2000 das Kulturangebot von Saint-Denis. Ihr Zirkuszelt findet ihr wenige Schritte von der RER-Station der Linie D entfernt.
• 3, rue Ferdinand Gambon, www.facebook.com

L’Academie Fratellini

Ausgebildet wird der Zirkusnachwuchs in Akrobatik, Tanz und Jonglieren beispielsweise unter den beiden Zirkuskuppeln der Academie Fratellini . Das eine gleicht einer  30 m hohen Kathedrale aus Holz, das zweite eher einer Jurte. Mehrmals im Monat zeigen die jungen Artisten ihre Künste bei den Apéro-Cirque.
• 1-9, rue des Cheminots, www.academie-fratellini.com

Le 6 B

Mehr als 170 Künstler haben seit 2010 ein sechsstöckiges Bürohaus in ein vibrierendes Hothouse der Kreation verwandelt. Fotografen, Bildhauer, Stylisten, Architekten und Designer arbeiten in ihren Ateliers, Regelmäßig stehen Konzerte, Ausstellungen und Vorträge auf dem Programm. Ein wahrer Künstler am Herd ist Nicolas Simarik, der in Le Cerveau Montag bis Freitag ein Menü komponiert, das 100% bio ist. Jeden Sommer wird feinster Sand für den Beach Club aufgeschüttet.
• 6-10, quai de Seine, www.le6b.fr

Le Soixante AdaDa

Ausstellungen, Kinoabende, Performances oder Livekonzerte: Le Soixante AdaDa liebt künstlerische Experimente – und das seit 2009. Auch anders: Alle Einnahmen fließen direkt den Künstlern zu, es gibt keine Kommission für die Vermittlung.
• www.60adada.org

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Der Roman

Zwei Brüder*

Mit „Grand Frère“ verfasste Mahir Guven einen Roman aus der Banlieue, der in Frankreich Furore machte. Sein Autor, 1986 in Nantes mit türkisch-kurdischen Wurzeln geboren, erhielt für sein Erstlingswerk u.a. den Prix Goncourt du premier roman ausgezeichnet, der wichtigsten literarischen Ehrung für Nachwuchsautoren. Am 19. März erscheint sein Werk unter dem Titel „Zwei Brüder“ in der Übersetzung von André Hansen im Aufbau-Verlag.

Der geänderte Titel legt den Fokus damit stärker als das französische Original den Fokus auf die Erzähler. Nicht nur der „große Bruder“, der in Paris sich nach der Karriere als Haschischkurier nun als Fahrer für Uber durchschlägt, sondern auch der kleine Bruder, in Paris Krankenpfleger, in Syrien Arzt im Kampfgebiet, erzählen ihre Lebensgeschichte.  In Syrien jedoch ist der kleine Bruder in die  Fänge des Dschihad, die ihn zum Attentäter ausbilden. Plötzlich steht er bei der Familie, die ihn für verschollen hielt, wieder vor der Tür. Und bringt die gesamte Familie in Gefahr…

Ich habe das Buch mit Zögern zu lesen begonnen. Die Sprache der Banlieue war fremd. Ungewohnt. Doch nach wenigen Seiten war das Fremdeln mit dem Jargon, der Lebenswelt der Brüder, einer Leselust gewichen, die mich immer tiefer hinein zog. Wie gebannt las ich das Buch in einer Nacht. Lernte über das Leben in der Banlieue, über den Krieg in Syrien, über die Situation von Migranten, von Muslimen. Ein Crashkurs in Kulturbegegnung, der mich fesselte, staunen ließ. Und dabei zugleich eine universelle Fabel über das Leben und Miteinander von Menschen ist.

Wer mag, kann den Roman hier* bestellen.

Mein Reiseführer

Baedeker Paris 2018Monatelang habe ich ihn neu getextet, mit Dr. Madeleine Reincke als Redakteurin im Verlag an ihm gefeilt: Am 2. Januar 2018 ist „mein“ Baedeker „Paris“ ist der ersten Staffel des völlig neu konzipierten Reiseführer-Klassikers erschienen.

„Tango unter freiem Himmel: Die Stadt der Liebe: Der neue Reiseführer ‚Paris‘ zeigt – neben Sehenswürdigkeiten – besondere Orte für Höhenflüge, romantische Momente wie ‚Tango unter freiem Himmel‘ und unvergessliche Dinners. Dazu gibt’s viele Kulturtipps…“ schrieb die Hamburger Morgenpost über den Band. Merci!

Neben dem Sehenswerten legt mein Baedeker jetzt ganz besonderen Wert legt auf besondere Augenblicke und Erlebnisse. Wer mag, kann meinen Paris-Reiseführer hier* bestellen.

Hilke Maunder, Dr. Madeleine Reincke: Paris. Baedeker Verlag: Ostfildern 2018. ISBN: 978-3-8297-4619-9.

Paris in Biographien

Jede große Metropole wird nicht nur von ihren Gebäuden, Straßenzügen und Plätzen geprägt, sondern in erster Linie von den Menschen, die in ihren Mauern leben und arbeiten. Dieses Konzept steht hinter der erfolgreichen Reisebuchreihe MERIAN porträts. Die Bremerin Marina Bohlmann-Moderson, Enkelin des Worpsweder Malers, hat für die Reihe das sehr lesenswerten Paris-Büchlein verfasst.

Auf jeweils acht bis zehn Seiten portraitiert sie Abélard & Héloïse, Henri IV, Louis XIV, Voltaire, Marie Antoinette, Napoléon, Honoré de Balzac, Victor Hugo, Claude Monet, Auguste Rodin, Auguste Escoffier, Marie Curie, Sidonie-Gabrielle Colette, Pablo Picasso, Coco Chanel, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Edith Piaf, Boris Vian, Francois Truffaut und Yves Saint Laurent…

Und das nicht nicht nur anhand nüchterner Fakten. Sondern zieht Verbindungen zum heutigen Paris, erwähnt humorvoll Anekdoten und führt den Leser mit Esprit und schwungvoller Feder durch die Stadtgeschichte. Dank ihrer Portraits verankert sie sich viel tiefer im eigenen Wissen  als die kompakte Faktenflut, die andere Reiseführer liefern. Wer Paris ein wenig kennt, wird das Bändchen schätzen!Und kann es  hier* gleich bestellen.

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