Das Rathaus von Saint-Denis. Foto: Hilke Maunder
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Saint-Denis neu entdecken!

Frankreichs jüngste Großstadt Saint-Denis hat viele Facetten: multikulturell, zukunftsorientiert und doch tief in der Geschichte Frankreichs verwurzelt. In der Kathedrale von Saint-Denis ruhen Frankreichs Könige, auf seinem Wochenmarkt trifft sich die Welt, seine Cité du Cinéma ist eine Drehscheibe der Filmindustrie, sein Stade de France Heimat der Bleus und Nationalstadion.

Im Mittelalter war Saint-Denis ein bedeutendes Pilgerziel und Handelszentrum, das im 12. Jahrhundert wichtige Privilegien erhielt, die zu seinem wirtschaftlichen Aufschwung beitrugen. Während der Französischen Revolution wurde die Stadt von 1793 bis 1803 in Franciade umbenannt – und die königliche Nekropole geplündert und zerstört. Die sterblichen Überreste der Könige wurden aus den Gräbern entfernt und zusammengeworfen. Ob die Knochen wieder korrekt vereint wurden …. wer weiß.

Der Friedhof der Könige, wie Saint-Denis einst genannt wurde, war lang ein typischer Ort in der Banlieue von Paris. Eine hohe Arbeitslosigkeit und mehr als 30 Prozent Migranten sorgen für einen schlechten Ruf. Der erste schnelle Blick bestätigt die Klischees.

Vor dem Bahnhof, Station der RER-Linien D und H, stehen wie einst die Stricher, Hehler und Dealer, und Mamadous genannte Straßenhändler verkaufen Souvenirs auf Decken, die sie mit einer Kordel schnell zusammenziehen und flüchten könnten, wenn die Polizei zur Kontrolle vorbeikommt. Andere halten Malboro-Zigarettenpackungen verhalten hin. Oder kleine Päckchen.

Auf den ersten Blick hat sich nichts verändert in Saint-Denis. Doch das täuscht. Frankreichs jüngste Großstadt steckt mitten in einem tiefgreifenden Strukturwandel.

Besonders das Viertel Pleyel im Süden ist heute ein Hotspot für Architektur und Innovation, gekrönt durch den neuen Super-Bahnhof Saint-Denis Pleyel, der das Viertel seit 2024 über die verlängerte Linie 14 in nur 15 Minuten mit dem Zentrum von Paris verbindet.

Am Ufer des Canal Saint-Denis wandeln sich immer mehr alte Häuschen zum pied à terre von bobos, die den multinationalen, post-industriellen Charme zwischen retro und rauh, arabisch und Avantgarde lieben, und immer mehr nachhaltige, neue Wohnviertel entstehen auf einstigen Industriebrachen.

Und auch junge Start-ups von Muslimen der zweiten oder dritten Generation schießen hier aus dem Moden: Brautläden, Öko-Café, digital hub und Halal-Schlachter sind Nachbarn – und machen das Flair von Saint-Denis so besonders. Und am Kai des Canal Saint-Denis zeigt das XXL-Binnenschiff von La Poste und Colissimo : Auch bei der Logistik ist der Wandel angekommen.

Saint-Denis entdecken: das solltet ihr nicht verpassen!

Wer Lust hat, den Großraum Paris jenseits der bekannten Ecken zu entdecken, sollte sich einen Tag lang durch Saint-Denis treiben lassen. Was ihr nicht verpassen sollt? Hier kommen meine Tipps!

Die Basilique Saint-Denis

Es beginnt mit einem Kopf. Mit einem Körper, der ihn trägt. Mit einem Mann, der nach seiner Enthauptung auf dem Montmartre um das Jahr 250 n. Chr. seinen Kopf unter den Arm nahm – und gen Norden lief, zu einer christlichen Gemeinde, die den ersten Bischof von Paris heimlich begrub. Die Legende enthält ein Fünkchen Wahrheit.

Denn dort, wo der Heilige Dionysos angeblich zusammenbrach, gab es im 1. Jahrhundert tatsächlich eine gallorömische Siedlung mit einer Kultstätte. Aus der kleinen Kultstätte wurde eine Abtei, aus der Abtei wurde unter Hugo Capet die Grabkirche der französischen Monarchie. 42 Könige, 32 Königinnen, 63 Prinzen und Prinzessinnen sowie zehn weitere Persönlichkeiten des Hofes sind hier beigesetzt, Krone und königliches Lilienbanner hier verwahrt.

Basilika von Saint-Denis: Marmorgrab der Herzöge von Orléans (1502). Foto: Hilke Maunder
Das Marmorgrab der Herzöge von Orléans (1502). Foto: Hilke Maunder

Wer durch die Basilique Saint-Denis geht, bewegt sich durch 14 Jahrhunderte Macht und Vergänglichkeit. Mehr als 70 Marmorsärge und Grabmäler bilden die größte Sammlung der Grabbaukunst in Frankreich. Bis auf Ludwig VII., Philipp I. und Ludwig XI. haben alle Könige des Landes hier ihre letzte Ruhestätte.

Basilika von Saint-Denis. Liegefigur von Bertrand du Guesclin, Connétable de France (1320 - 1380). Foto: Hilke Maunder
Liegefigur von Bertrand du Guesclin, Connétable de France (1320 – 1380). Foto: Hilke Maunder

Die Darstellungen variieren je nach Epoche. Die meisten Herrscher schmücken gisants – liegende Liegefiguren, manchmal barfuß, immer in Stein erstarrt. Heinrich II. († 1559) und Katharina von Medici († 1589) sind sowohl in Bethaltung als auch liegend als gisants, als Leichname, dargestellt.

Die Königsgräber von Saint-Denis. Foto: Hilke Maunder
Karl Martell. Foto: Hilke Maunder

Nur Marie-Antoinette und Ludwig XVI. knien betend in prächtigen Gewändern vor Stehpulten. Als lauschten sie in einer Andacht, aus der sie nie wieder aufstehen werden.

Saint-Denis: Königsgräber. Foto: Hilke Maunder
König Ludwig XVI. (1754 – 1793) und seine Gemahlin Marie Antoinette, Erzherzogin von Österreich (1755- 1793). Foto: Hilke Maunder
Saint-Denis: Königsgräber. Foto: Hilke Maunder
König Ludwig XVI. (1754 – 1793). Foto: Hilke Maunder

Das aufwändigste Monument ist das Renaissancemausoleum Ludwigs XII. und seiner Gemahlin Anne de Bretagne, ein Meisterwerk zarter Steinmetzarbeit aus dem Jahr 1502.

Wenige Schritte weiter: das Grabmal von Franz I. (Franz I. (1494 – 1547) und Claude de France, das Philibert de l’Orme im südlichen Querschiff als prächtigen Triumphbogen entwarf. Heinrich II. und Katharina von Medici liegen nebenan, in zwei Haltungen gezeigt – aufrecht und als gisants, als Leichname, ein letztes Paradoxon aus dem Leben dieser Herrscherpaar.

Basilika Saint-Denis: Mausoleum von Anne de Bretagne und Ludwig XII. Foto: Hilke Maunder
Mausoleum von Anne de Bretagne und Ludwig XII. Foto: Hilke Maunder

Beinhaus & Krypta

Eine Treppe führt hinab zur Krypta, wo das Beinhaus die royalen Gebeine, die während der Französischen Revolution exhumiert wurden, vereint. In der Kapelle der Bourbonen ist das Herz Ludwig XVII. ausgestellt. Im Familiengrab des Königshauses haben Ludwig XVI. und Marie-Antoinette ihre letzte Ruhestätte gefunden. Im zweiten Gemeinschaftsgrab der Krypta ruhen königliche Mitglieder der Merowinger, Kapetinger, Orléans und Valois. Ob die Knochen später wieder korrekt den richtigen Körpern zugeordnet wurden – wer weiß das schon.

Wiege der Gotik

Marmor-Engel in der Basilika von Saint-Denis,, Foto: Hilke Maunder
Marmor-Engel in der Basilika von Saint-Denis,, Foto: Hilke Maunder

Hoch aufstrebende Pfeiler, Kreuzrippengewölbe, Spitzbögen und filigrane Strukturen statt blockhafter Romanik: Was Abt Suger beim Bau der Kathedrale wagte, war ein architektonisches Novum. Und läutete eine gänzlich neue Epoche ein: die Gotik. „Gott ist Licht“ proklamierte Abt Suger, und richtete danach die Architektur der Pfeilerbasilika aus, die Vorbild wurde für die Kathedralen von Paris, Chartres, Laon, Amiens und Reims.

Architektur des Lichts

Die Buntglasfenster der Basilika Saint-Denis sind ein zentrales Element der gotischen Architektur und Symbolik. Sie wurden ursprünglich im 12. Jahrhundert unter Abt Suger eingeführt, der die Basilika in einen „Tempel des Lichts“ verwandeln wollte.

Diese Fenster revolutionierten die Architektur. Waren die Vorläuferkirchen noch dunkle Höhlen gewesen, flutete jetzt das Licht auf ungeahnte Weise in das 108 Meter lange und fast 30 Meter hohe Kirchenschiff. Die gotische Architektur ermöglichte größere Fenster durch Rippengewölbe und Strebebögen, wodurch die Wände fast „unsichtbar“ wurden.

Dies war ein radikaler Bruch mit der dunklen romanischen Bauweise. Die Basilika wurde daher bis ins 18. Jahrhundert auch Lucerna (Laterne) genannt, da ihre Helligkeit außergewöhnlich war. Die Fenster sollten das göttliche Licht symbolisieren und eine Verbindung zwischen Himmel und Erde schaffen. Das durch die Glasmalereien gefilterte Licht hatte eine mystische Bedeutung und wurde als Manifestation des Göttlichen interpretiert.

37 Buntglasfenster, jedes zehn Meter hoch, lassen den Mittelpunkt des Chores in himmlischem Licht erstrahlen, wo sich der Altar befindet. Die ersten Buntglasfenster wurden vor 1144 installiert, viele davon auf Anordnung von Abt Suger. Diese Fenster waren für ihre intensiven Farben, besonders das berühmte Bleu de Saint-Denis, bekannt

Die frühesten Fenster illustrierten biblische Szenen, wie den Jessebaum oder die Kindheit Christi, und verbanden das Alte und Neue Testament durch Christus als zentrale Figur. Während der Französischen Revolution wurden viele Fenster zerstört, um das Blei zu recyceln. Unter den Architekten François Debret und Viollet-le-Duc wurden im 19. Jahrhundert zahlreiche Fenster rekonstruiert. Diese zeigen Szenen aus dem Leben von Saint Denis sowie Episoden aus der Geschichte der Basilika. Die 37 Buntglasfenster sind heute größtenteils Kopien – die Originale des 12. Jahrhunderts wurden 1997 zur Restaurierung entnommen. Die beeindruckende Südrosette wurde 2021 fertig restauriert.

Die Rückkehr der flèche

Fast 180 Jahre war die Basilika asymmetrisch. 1837 traf Blitz die Turmspitze auf der Nordseite. Reparaturversuche scheiterten an weiteren Stürmen. 1846 wurde die flèche – die schlanke Turmspitze, die einst 90 Meter in den Île-de-France-Himmel ragte – Stein für Stein abgetragen. Die Steine wurden nummeriert, die Pläne sorgfältig archiviert. Und dann: nichts. Mehr als anderthalb Jahrhunderte lang.

Am 14. März 2025 war Schluss damit. In Anwesenheit der Kulturministerin Rachida Dati wurde der erste von insgesamt 15.228 handgeschlagenen Kalksteinen gesetzt. Stéphane Bern ist offizieller Schirmherr des Projekts. Bis 2029 soll die Turmspitze wieder auf 90 Meter Höhe thronen – nach Originalzeichnungen von François Debret und Eugène Viollet-le-Duc. Stein für Stein, wie die alten Meister. Das Gesamtbudget beläuft sich auf 38 Millionen Euro, finanziert durch öffentliche Mittel, unter anderem 20 Millionen Euro vom Fonds de solidarité interdépartemental, und privates Mäzenatentum.

Seit dem 17. Oktober 2025 ist der Bauplatz als La Fabrique de la flèche öffentlich zugänglich. Im Jardin Pierre de Montreuil arbeiten Steinmetze und Schmiede unter freiem Himmel – und Besucher können ihnen dabei zusehen. Eine Ausstellung, ein Kino mit 360°-Projektion, eine VR-Saal und Workshops für Kinder ab drei Jahren ergänzen das Angebot. Der Abschluss des Großprojekts ist für die Journées du Patrimoine 2029 geplant: die Krönung des Turms mit dem coq, dem Wetterhahn.
www.saint-denis-basilique.fr

Der Marché de Saint-Denis

Wer verstehen will, was Saint-Denis heute ist, muss auf den Markt der Place Victor Hugo. Mehr als 300 Stände birgt die Markthalle aus dem 19. Jahrhundert, die an die Pavillons von Baltard erinnert. Hier riecht es nach Gewürzen aus drei Kontinenten, stapeln sich Stoffe aus Westafrika neben Oliven aus der Provence, rufen Händler auf Arabisch, Wolof, Portugiesisch und Französisch ihre Ware aus und lassen hier und da auch probieren. Am Sonntag ist der Marktbesuch am schönsten – aber auch dienstags und freitags könnt ihr das bunte Markttreiben erleben!

Grüne Oasen

Le Parc de la Légion d’Honneur

Jenseits der Basilika erstreckt sich der Parc de la Légion d’Honneur, der Park der Ehrenlegion, die hier in Saint-Denis eine Mädchenschule betreibt. Im Frühling inszeniert er bei der Fête des Tulipes einen wahren Blütentraum tausender Tulpen!
• Eingang: Rue Pinel, Avenue Paul Vaillant-Couturier

Le Parc Georges-Valbon

Mit 410 Hektar größer als New Yorks Central Park (340 ha) ist der Parc Georges-Valbon, der sich über insgesamt fünf Kommunen erstreckt, darunter auch Saint-Denis. Seine großen Rasenflächen unterhalten – ganz nachhaltig – die Herden der Bergers Urbains. Transhumanz in der Großstadt: Das müsst ihr erleben!
• Boulevard Maxim Gorki

La Ferme Ouverte

Früher erstreckte sich rund um Saint-Denis eines der größten Gemüseanbaugebiete Frankreichs. Heute hält der Stadtbauernhof von Saint-Denis das bäuerliche Erbe der Plaine des Vertus lebendig. Die landwirtschaftliche Produktion von Kichererbsen, Rettich, Fenchel, Wassermelonen und anderen Erzeugnissen ergänzt ein vielseitiges Kulturprogramm mit Kochkursen, Ausstellungen und Führungen, bei denen ihr mit eurer Nase den Gerüchen und Düften folgt.
• 114, avenue de Stalingrad, 93000 Saint-Denis, Tel. 01 84 03 98 95, https://fermeouvertedesaintdenis.com

Am Canal Saint-Denis

Lange Zeit war der Canal Saint-Denis eine rein industrielle Wasserstraße, gesäumt von Schrottplätzen und grauen Lagerhallen. Doch seit den Olympischen Spielen 2024 hat sich das Ufer in eine Flaniermeile verwandelt. Wo früher Schwerlastkähne dominierten, prägen heute begrünte Uferwege, moderne Wohngebiete und urbane Kunst das Bild. Zu den wenigen Industriebauten, die den Wandel überlebten, gehört die einstige Silberschmiede von Christofle.

1877 im Stadtteil La Plaine angelegt, erweckte Romain Gazzola sie 2021 zu neuem Leben als Manufaktur für 18 Kunsthandwerker, die hier vor Ort arbeiten: Tischler, Glasverzierer, Restauratoren, Maler und andere Gewerke. Sie haben dafür gesorgt, dass die alte Fabrik heute das staatliche Label als Unternehmen des lebendigen Kulturerbes trägt.

Mein Tipp

Radelt vom Bassin de la Villette in weniger als 20 Minuten direkt bis vor die Tore des Stade de France – immer am Wasser entlang, fernab vom Pariser Autoverkehr!

Stade de France

Mit 81 336 Zuschauern ist das Stade de France Frankreichs größtes Stadion. Im Nationalstadion, das Michel Macary, Aymeric Zubléna, Michel Regembal und Claude Costantini entwarfen, werden fast alle Heimspiele der französischen Nationalmannschaft ausgetragen. Bei der EURO 2016 fanden die Eröffnung, das Finale und fünf weitere Matches dieser Fußballmeisterschaft statt. Und auch bei den Olympischen Sommerspielen 2024 war das Nationalstadion die Bühne für sportliche Wettkämpfe und Großevents. Der nachts blau leuchtende Kessel ist die Heimstätte der Rugby-Teams Stade Français und Racing Métro 92. Bei Spielen der Rugby-Union-Nationalmannschaft verwandelt es sich in einen Hexenkessel. Den Besucherrekord jedoch hält ein Konzert: 93.000 Menschen pilgerten zu U2 ins Stade de France.
• Führungen (90 Min.) : ab Eingang E

Das Viertel Pleyel: Aufbruch mit Anlauf

Wer sich fragt, wie Stadt gebaut wird, wenn Geld und Wille zusammenkommen, bekommt in Pleyel die Antwort. Das Viertel im Süden von Saint-Denis war lange eingeschlossen: die Seine im Westen, die Autobahn A86 im Norden, eines der meistbefahrenen Eisenbahnnetze der Welt im Osten. 48 Gleise, mehr als in Chicago oder Tokio. Eine Insel, von der Stadtentwicklung vergessen. Die Olympischen Spiele 2024 haben das geändert. Gleich drei neue Bauwerke definieren heute Pleyel neu.

Die Gare Saint-Denis Pleyel, entworfen vom japanischen Architekten Kengo Kuma, liegt 26 Meter unter der Erde. Sie verbindet seit dem 24. Juni 2024 über die verlängerte Linie 14 in nur 15 Minuten mit dem Pariser Stadtzentrum. Bis 2030, wenn alle vier Grand Paris Express-Linien (14, 15, 16 und 17) in Betrieb sind, werden täglich 250.000 Fahrgäste hier umsteigen – damit wird sie zur größten Umsteigestation des gesamten Netzes.

Der Franchissement Urbain Pleyel (FUP), 300 Meter lang und 20 Meter breit, überquert das Gleisfeld als Fußgänger- und Radwegbrücke. Entworfen von Marc Mimram, ist sie kein bloßer Übergang, sondern ein Aufenthaltsort: mit Holzterrassen, Grünstrukturen und Blick auf den Horizont. Seit dem 24. Juni 2024 verbindet sie La Plaine mit Pleyel.

Die Tour Pleyel, der charakteristische Büroturm aus den 1970er-Jahren, ist seit Juni 2024 ein Vier-Sterne-Hotel: das H4 Hotel Wyndham Paris Pleyel mit 697 Zimmern auf 40 Stockwerken. Im 40. Stock: eine Skybar mit Panoramablick auf Paris. Im 38. Stockwerk: ein Fitness- und Yogastudio. Das Interieur, von Axel Schoenert Architectes gestaltet, zitiert die Industriegeschichte des Viertels – Metall, Stahl, Holz, Glas.

Ab 2027 folgen erste Baugenehmigungen für neue Wohn- und Mischnutzungsprojekte. Pleyel soll zum ersten metropolitanen Tourismuspol der Île-de-France werden – mit Hotellerie, Freizeitangeboten und Kultureinrichtungen. 2.200 neue Wohnungen entstehen auf dem Gelände des ehemaligen Olympischen Dorfes, davon etwa 800 in Saint-Denis selbst.

Cité du Cinema

Luc Besson feierte mit „Im Rausch der Tiefe“ oder „Arthur und die Minimoys“ weltweit Erfolge. Für 160 Millionen Euro verwandelte der Filmregisseur ein stillgelegtes E-Werk in die Cité du Cinéma Saint-Denis – mit neun Studios, Kino, Kantine für tausend Esser und Räumen einer Filmhochschule. 62.000 Quadratmeter groß ist das Hollywood an der Seine, das nicht nur Illusionen auf der Leinwand inszeniert, sondern handfest Arbeits- und Ausbildungsplätze schafft.
• 20, Rue Ampère, https://laciteducinema.fr

Saint-Denis: meine Reisetipps

Hinkommen

Die Linie 13 der Pariser Métro endet direkt an der Basilika. Seit dem 24. Juni 2024 verbindet die verlängerte Linie 14 den Bahnhof Saint-Denis Pleyel in rund 15 Minuten mit dem Stadtzentrum. Mit dem Rad empfiehlt sich der Weg entlang des Canal Saint-Denis ab dem Bassin de la Villette.

Erleben

Chapiteau Raj’ganawak

Yogakurse, Boxunterricht, Akrobatik für Erwachsene, Kabarettshows, Bälle und viele andere Angebote von Kultur und Unterhaltung: Die Truppe von Raj’ganawak belebt seit dem Jahr 2000 das Kulturangebot von Saint-Denis. Ihr Zirkuszelt findet ihr wenige Schritte von der RER-Station der Linie D entfernt.
• 3, rue Ferdinand Gambon, 93200 Saint-Denis, auf Facebook und Instagram zu finden

L’Académie Fratellini

Ausgebildet wird der Zirkusnachwuchs in Akrobatik, Tanz und Jonglieren beispielsweise unter den beiden Zirkuskuppeln der Académie Fratellini. Die eine gleicht einer 30 Meter hohen Kathedrale aus Holz, die zweite eher einer Jurte. Mehrmals im Monat zeigen die jungen Artisten ihre Künste beim Apéro-Cirque.
• 1-9, rue des Cheminots, 93210 Saint-Denis, Tel. 01 49 46 00 00, www.academie-fratellini.com

Le 6 B

Rund 200 Künstler haben seit 2010 ein einst von Alstom genutztes sechsstöckiges Bürohaus in ein vibrierendes Hothouse der Kreation verwandelt. Fotografen, Bildhauer, Stylisten, Architekten und Designer arbeiten in ihren Ateliers.

Regelmäßig stehen Konzerte, Ausstellungen und Vorträge auf dem Programm. Im Mai locken die Portes Ouvertes der JEMA Journée Européenes des Métiers d’Arts. Im hauseigenenen Restaurant Ciboulette wird eine lokale, frische Küche serviert, die 100% bio ist. Jeden Sommer wird feinster Sand für den Beach Club aufgeschüttet.

Einer der Künstler, der hier arbeitet, ist Délivrance Makingson. Im Hauptberuf Steinmetz, hat er in drei Jahrzehnten für Monuments historiques de France schon die Arenen von Arles, Notre-Dame de Paris und die Kathedrale von Amiens restauriert. In seiner Freizeit malt er mit Kreide, Tusche und Öl – sein Atelier ist bis unter die Decke ein Archiv seiner Arbeiten.

Auch Schneiderinnen, Architekten, Fotografinnen und Cross-Media-Künstlerinnen haben hier ihr Atelier, und auf fast allen Etagen haben sich auch die Flure und Vorflächen am Aufzug in ein bunten Universum voller Kunst verwandelt.
• 6-10, quai de Seine, 93200 Saint-Denis, Tel. 01 42 43 23 34, www.le6b.fr

Le Soixante AdaDa

Ausstellungen, Kinoabende, Performances oder Livekonzerte: Le Soixante AdaDa liebt künstlerische Experimente – und das seit 2009. Auch anders: Alle Einnahmen fließen direkt den Künstlern zu, es gibt keine Kommission für die Vermittlung.
• 60, rue Gabriel Péri, 93200 Saint-Denis, Tel. 01 42 43 72 64 www.60adada.org

Lôcal Saint-Denis

Nur am Wochenende geöffnet ist diese Boutique von drei lokalen Künstlern: dem Siebdrucker Antoine, der mit Textilien arbeitet, Djura Chona vom Atelier Pousse de Coton sowie von Marc Guillermin, der seine Techniken und Werkzeuge als dinandier, Kupferschmied, vorstellt.
• 34, rue de la Boulangerie, 93200 Saint-Denis, auf Facebook zu finden

La Briche

Auf einem ehemaligen Schrottplatz für Gussmetall findet ihr La Briche, eine selbstverwaltetes Kulturzentrum und eine Künstlerkommune in Saint-Denis, in dem seit 1996 rund 50–80 Künstler leben und arbeiten in zehn kollektiven Ateliern – von Bildhauern über Kostümbildner bis zum Siebdrucker. Seit 2012 organisieren sie mit La Briche Foraine jedes Jahr ein alternatives wie extravagantes Kunst- und Handwerksfest.
• 65, rue Paul Eluard, 93200 Saint-Denis, https://labriche.fr

Atelier Prométhée

Das Atelier Prométhée in La Plaine gilt als Frankreichs Spezialist für Kunstguss und Reproduktionen  – kaum jemand schafft es, so gut wie dieses Entreprise du Patrimoine Vivant Skulpturen des 17.–19. Jahrhunderts so präzise nachzubilden – Bustes, Statuen, Vasen, Fontänen für Museen wie Louvre oder Versailles. Die Manufaktur beherrscht nicht nur antike Techniken ( moules à creux perdu, élastomères) sondern auch alle modernen Techniken für Dekore, Emaillefliesse und zeitgenössische Projekte wie funktionale Skulpturen.
• 25, rue du Landy, 93200 Saint-Denis, Tel. 01 49 98 00 36, https://atelierpromethee.com

Studio des Arts Céramiques

• 6, place du Square Pierre de Geyter, 93200 Saint-Denis, Tel. mobil 06 50 89 22 77

Le Toit du Mot

Mit Worten Isolation überwinden – und dabei gleich an der Basis beginnen: mit Lesen und Schreiben lernen. Und dann die Lust an der Sprache fördern mit Schreibspielen, Literaturevents und anderen Angeboten rund ums Wort: In diesem tiers-lieu im Herzen von Saint-Denis organisiert die Association Mots et Regards regelmäßig Ateliers, Schreibabende, Festivals, Poetry Slams, Schreibworkshops – und hilft auch bei Behördengängen.
• 2, rue Courte, 93200 Saint-Denis, Tel. 09 72 43 50 38, www.motsetregards.org

Festivals

Ausgezeichnet ist auch die Akustik der Kirche. Erlebt sakrale Klänge und Symphonien, Kammermusik und Rezitale alljährlich im Juni beim Festival de Saint-Denis, das im Chor der Basilika und der Maison d’éducation de la Légion d’Honneur gastiert. Einige Konzerte werden auf die riesige Leinwand vor der Kirche übertragen!

Jazz, Blues, Weltmusik, Funk und R &B erklingen im März fünf Wochen lang bei den Banlieues Bleues. Weltmusik hört ihr bei den Villes du Musique du Monde, das im Herbst an vielen Orten des Départements Seine-Saint-Denis gastiert.

Schlemmen und genießen

Kura Café

Der Inhaber ist aus Westafrika, die Chefin von Ort aus Marokko – und gemeinsam haben sie ein Café auf die Beine gestellt, das globale vibes von heute und französisches Savoir-vivre mit den Wurzeln ihrer Kulturen verbindet. Köstlich: African Breakfast-Tee.
• 103, rue Gabriel Péri, 93200 Saint-Denis, https://kuragroupe.com

Rose de Tunis

In dieser tunesischen Bäckerei findet ihr orientalische und nordafrikanische Süßigkeiten. Typische Spezialitäten umfassen Baklawas mit Mandeln, Pistazien oder Walnüssen, Cornes de Gazelle (Gazellenhörnchen mit Mandelfüllung), Makroud, Dattelfüllung mit Honig, Mlabes aus gemahlenen Mandeln, Pistazien oder Haselnüssen, Zucker, Eiweiß und oft Rosenwasser und Cigares libanais, knusprige „Zigarren“ mit einer Füllung aus gemahlenen Mandeln oder Haselnüssen mit Zucker, Zimt und Orangenblütenwasser, die in hauchdünne Filoteigblätter gerollt, frittiert und in Honig- oder Zuckersirup getaucht werden.
• 91, rue de la République, 93200 Saint-Denis, Tel. 01 48 20 27 26, https://larosedetunis.com

O‘ Grand Breton

Rachel und Marc betreiben dieses charmante Bistro und servierten drinnen und draußen auf seiner kleinen Terrasse Hausmannskost wie Salade de Cervelas, Kabeljau-Brandade oder Gerichte inspiriert vom Einkauf auf dem Markt.
• 18, rue de la Légion d’Honneur, 93200 Saint-Denis, Tel. 01 48 20 11 58, https://ograndbreton.com

Le Majâz

Beliebtes modernes marokkanische Lokal mit Tajines, Couscous und anderen Spezialitäten aus diesem nordafrikanischen Land.
• 2, pass.. de l’Aqueduc, 93200 Saint-Denis, Tel. 01 48 09 50 69, auf Instagram zu finden

Les Arts

Grundsolide marokkanisch-mediterrane Küche nahe der Basilika – mit Terrasse.
• 6, rue de la Boulangerie, 93200 Saint-Denis, Tel. 01 42 43 22 40, auf Facebook zu finden

Hier könnt ihr schlafen*

 

Weiterlesen

Im Blog

Alle Beiträge aus dem Département Seine-Saint-Denis vereint diese Kategorie. Sämtliche Ziele und Themen, die ich in meinem Online-Magazin nach Départements und Regionen vorstelle, findet ihr zentral vereint auf dieser zoombaren Karte.

Im Roman

Paul Besson, Paris Saint-Denis*

Paris Saint-Denis* ist ein poetisches Erstlingswerk, das den Initiationsweg eines jungen Mannes Mitte 20 schildert, der zwischen dem pulsierenden Paris und dem Vorort Saint-Denis pendelt. Der Protagonist navigiert durch ein präkäres Stadtleben voller nächtlicher Streifzüge, welchselnder, schlecht bezahlter Jobs und unerwarteter Begegnungen, die ihm Weisheit vermitteln – vom Dealer, der Leben rettet, bis zur geduldigen Kassiererin, die mit Humor die Monotonie durchbricht. Besson kennt Saint-Denis und die Banlieue bestens. 1987 geboren, arbeitete er dort in Billigjobs als Kellner, Zigarettenverkäufer, Supermarkt-Host und Animateur), streifte nachts durch die Stadt und fotografierte sie. Diese persönlichen Erfahrungen fließen authentisch in den Roman, der so ein Gegenportrait der Vororte webt, ein sensibles Porträt der Banlieue, das mit den Klischees bricht. Wer mag, kann das Taschenbuch hier* bestellen.

Mahir Guven, Zwei Brüder*

Mahir Guven: Zwei Brüder.

Mit Grand Frère verfasste Mahir Guven einen Roman aus der Banlieue, der in Frankreich Furore machte. Sein Autor, 1986 in Nantes mit türkisch-kurdischen Wurzeln geboren, erhielt für sein Erstlingswerk u.a. den Prix Goncourt du premier roman, die wichtigste literarischen Ehrung für Nachwuchsautoren. Am 19. März 2019 erschien sein Werk unter dem Titel „Zwei Brüder“ in der Übersetzung von André Hansen im Aufbau-Verlag.

Der geänderte Titel legt damit stärker als das französische Original den Fokus auf die Erzähler. Nicht nur der „große Bruder“, der in Paris sich nach der Karriere als Haschischkurier nun als Fahrer für Uber durchschlägt, sondern auch der kleine Bruder, in Paris Krankenpfleger, in Syrien Arzt im Kampfgebiet, erzählen ihre Lebensgeschichte.  In Syrien jedoch gerät der kleine Bruder in die  Fänge des Dschihad, die ihn zum Attentäter ausbilden. Plötzlich steht er bei der Familie, die ihn für verschollen hielt, wieder vor der Tür. Und bringt die gesamte Familie in Gefahr…

Ich habe das Buch mit Zögern zu lesen begonnen. Die Sprache der Banlieue war fremd. Ungewohnt. Doch nach wenigen Seiten war das Fremdeln mit dem Jargon, der Lebenswelt der Brüder, einer Leselust gewichen, die mich immer tiefer hinein zog. Wie gebannt las ich das Buch in einer Nacht. Lernte über das Leben in der Banlieue, über den Krieg in Syrien, über die Situation von Migranten, von Muslimen. Ein Crashkurs in Kulturbegegnung, der mich fesselte, staunen ließ. Und dabei zugleich eine universelle Fabel über das Leben und Miteinander von Menschen ist. Wer mag, kann den Roman hier* bestellen.

Mahir Guven habe ich in einem Salongespräch interviewt. Ihr findet es auf Youtube auf dem Kanal von Mein Frankreich!

Im Reiseführer

Hilke Maunder, Baedeker Paris*

1975 kam ich dank Interrail zum ersten Mal nach Paris und übernachtete in einem einfachen Sleep-in in der Rue de Turenne. Damals ahnte ich noch nicht, dass diese Stadt mich ein Leben lang begleiten würde. In den Jahren danach verbrachte ich fast jedes Jahr viel Zeit in der Kapitale: als junge Frau, die im 18e Arrondissement als Kellnerin jobbte, später mit Partner, schließlich mit meiner Tochter. Und bis heute fehlt mir etwas, wenn ich Paris nicht immer wieder neu erlaufen, erradeln oder durch das Labyrinth der Métro durchstreifen kann.

Aus dieser langjährigen, sehr persönlichen Beziehung zur Stadt ist mein Baedeker Paris* entstanden. Er versteht Paris nicht nur als Ansammlung berühmter Sehenswürdigkeiten, sondern als lebendige, vielschichtige Metropole, die sich mit jeder Reise neu erschließt. Natürlich findet ihr darin die großen Klassiker – vom Louvre über die Île de la Cité bis zum Eiffelturm –, doch ebenso wichtig sind mir die besonderen Orte, die leisen Viertel, die kleinen Entdeckungen abseits der Postkartenmotive.

Neben verlässlichen Fakten, übersichtlich aufbereiteten Karten und praxisnahen Tipps erzähle ich von ungewöhnlichen Details, kleinen Anekdoten und Momenten, die man nicht planen kann, die aber oft die schönsten Erinnerungen hinterlassen: ein Tanz unter freiem Himmel, ein unerwarteter Blick von oben, ein Abendessen, das länger dauert als gedacht. Genau diese Mischung aus Orientierung und Inspiration soll euch dabei helfen, Paris auf eure ganz eigene Weise zu erleben. Wer mag, kann meinen Paris-Reiseführer hier* bestellen.

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