Saint-Gilles: die Hauptstadt der Sardine

Hauptstadt der Sardine: Saint-Gilles an der Vie. Foto: Hilke Maunder
Saint-Gilles am Ufer der Vie. Foto: Hilke Maunder

Der Fischer, seine Frau und elf Kinder: 13 Menschen lebten in diesen beiden kleinen Zimmern. Zu vier schliefen die Kinder quer im großen Bett. Im Innenhof gab es einen einfachen Abort, Wasch- und Trinkwasser holten sie vom Brunnen.

In diesem Bett schliefen vier Kinder. Mit dem Stock wurde das Heu aufgeschüttelt. Foto: Hilke Maunder

Alltag von einst, hautnah nachzuerleben in der Maison du Pêcheur in der Rue Émile Zola. Eng waren die Kopfsteingassen, niedrig die weiß getünchten Katen mit ihren Tonziegeldächern. Hunderte Menschen lebten einst so in La Croix-de-Vie.

Küche und gute Stube zugleich: das zweite Zimmer der Maison du Pêcheur. Foto: Hilke Maunder

Marokko an der Vie

„Le Maroc“ nannten die Reeder, Kapitäne und Kaufleute, die am linken der Vie in stattlichen Stadthäusern residierten, das Fischerviertel am rechten Ufer auf der sumpfigen Petite Île. Denn viele der Fischer waren Mauren, die bei den Kapitänen aus Saint-Gilles angeheuert hatten.

In den Gassen von La Croix -de-Vie versteckt sich dieser malerische Hof. Foto: Hilke Maunder

Sie zeigten ihnen eine neue Technik des Sardinenfischens: mit gerade Netzen. Diese Schleppnetzfischerei revolutionierte den Fischfang in Frankreich. Sie machte Saint-Gilles zur Hauptstadt der Sardine. Aus dem Ballast der Schiffe entstanden die Mauern der Häuser und Gärten: ein buntes Sammelsurium der Geologie Europas und Nordafrikas.

Seemannsbraut… Foto: Hilke Maunder

Ausgezeichneter Genuss

Seit 1967 sind die benachbarten, einst unabhängiger Gemeinden auf beiden Seiten der Vie vereint zu Saint-Gilles-Croix-de-Vie. Seit 1998 ist der Doppelort  – wie Cancale für die Auster – wegen seiner Sardinen ein Site Remarquable du Goût.

Der Sardine verdankt Saint-Gilles die Auszeichnung als bemerkenswerter Ort des Geschmacks. Foto: Hilke Maunder

Wie sie einst – und heute – das Leben am Ufer der Vie prägen, verrät ein Stadtspaziergang vorbei an 14 Stationen. Folgt dem Sardinenschwarm, der auf den Pflaster euch den Weg weist!

Der Stadtrundweg auf den Spuren der Sardine führt auch am Sportboothafen vorbei. Foto: Hilke Maunder

Frühlingsfisch: die Sardine

Alljährlich Anfang Mai erreichen die ersten Frühlingssardinen die Küste von Saint-Gilles-Croix-de-Vie. Morgens um fünf fahren dann die Fischer hinaus.

Die traditionelle Bekleidung der Fischer von Saint-Gilles. Foto: Hilke Maunder

Gegen zehn Uhr kehren sie in den Hafen zurück und versteigern ihren frischen Fang in der „Criée“,  der Fischauktionshalle am Kai der Fischkutter.

Den Auftakt jeder neuen Sardinenfangsaison feiern die Stadt und die Bruderschaft der Confrérie de la Sardine mit dem  „Printemps de la Sardine“.

Lieblingsspeise entdeckt: Eine Möwe stürzt sich auf eine Sardine… Foto: Hilke Maunder

Bis in den Oktober hinein fangen die rund zwei Dutzend örtliche Fischer den kleinen blauen Fisch. Einer von ihnen, Virgile Thomazeau, nimmt euch an Bord seines Kutters „L’Ami du Pêcheur“ mit zum Sardinenfang.

Mit diesen Netzen wird die Sardine gefangen. Foto: Hilke Maunder

Frisch in die Büchse

35 m lang und 15 m tief sind die Schleppnetze, die er  durch den Atlantik zieht. Tonnenweise holt er die einzige Sardine heraus, die das Gütesiegel Label Rouge trägt.

Denn sie wird bis heute frisch verarbeitet – und lagert nicht, wie in der Bretagne, in den großen Kühlschiffen auf Eis.

Beliebt zum Apéro: die Sardine. Foto: Hilke Maunder

Und noch immer sind es die örtlichen Frauen, die sie handverlesen für die Fischkonserven von „La Perle des Dieux“ verarbeiten.

Sardine schön verziert: die Jahrgangsedition. Foto: Hilke Maunder

Sammlerstücke

Nur die allerfeinsten Sardine kommen als „Millésime“ in die Büchse und erhalten von den Künstlerinnen Delphine Cossais und Coralie Joulin eine so kunstvolle Verpackung, dass die Dosen der Jahrgangs-Editionen längst Sammlerstücke sind.

Sammlerstücke: die Jahrgangseditionen der Sardinen. Foto: Hilke Maunder

Hausbesuch bei der Sardine

Hinter die Kulissen der Sardinenverarbeitung könnt ihr bei der Conserverie Gendreau gucken. Die letzte Fischkonservenfabrik der Vendée bietet 90-minütige Führungen an (Buchung: Office de Tourisme)!

Das Atelier de la Sardine. Foto: Hilke Maunder

Ebenfalls zur Fischfabrik gehört am östlichen Osteingang das Atelier de la Sardine als Fabrikverkauf mit angeschlossenem Museum, das kompakt und anschaulich die Geschichte der 1887 gegründeten Fischfabrik und ihrer Marke La Perle des Dieux erzählt.

Auch vor dem Atelier de la Sardine ist der Fisch der Hingucker. Foto: Hilke Maunder

Saint-Gilles-Croix-de-Vie: meine Reiseinfos

Hinkommen

Auto

A 87 bis La Roche sur Yon, dann D 948 und D 6 bis nach Saint-Gilles-Croix-de-Vie.

Bahn

TGV-Bahnhof in Les Sables d’Olonne, Lokalzug der SNCF bis Saint-Gilles-Croix-de-Vie.

Rad

Saint-Gilles-Croix-de-Vie ist Etappenort der Vélodyssée. 1200 km lang folgt der Radwanderweg dem Atlantik,

Schiff

Großer, geschützter Sportboothafen mit rund 1200 Liegeplätzen an der Vie.

Der Sportboothafen an der Vie. Jenseits des Knies folgen weitere Liegeplätze. Foto: Hilke Maunder

Erleben

Sardinha Cup

Seit 2019 hat auch Saint-Gilles sein Regatta! Diese Zweihandsegel-Veranstaltung ist Teil der französischen Elite-Offshore-Racing-Meisterschaft und findet an Bord der Figaro Bénéteau 3-Boote statt, der neuen Generation von „foils“ ausgestatteten One-Design-Booten. Zur Premiere 2019 mit dabei waren Pascal Bidégorry, Conrad Colman, Loïck Peyron, Jeremie Beyou… und viele andere bekannte Skipper.
• März/April, https://sardinhacup.com

Festival La 7ème Vague

Rock und Pop open-air im Frühling – vom Buena Vista Social Club bis Amadou & Mariam, von Yann Thiersen bis Alha Bonday:
• Ende Mai / Anfang Juni, Parc des Morinières, https://7vague.com

Sardine, Krebs und Krabbe: Die frische Meeresküche des Casier ist tief verwurzelt in der Region und ihren kulinarischen Traditionen. Foto: Hilke Maunder

Schlemmen

Le Casier

Nur einen Steinwurf von den Kais von Saint-Gilles entfernt, direkt am Kirchplatz, serviert dieses typisch französischeBistro in einem alten Feinkostladen ein bodenständige, ehrliche wie köstliche Meeresküche.

Trouspinette heißt der Aperitif der Vendée. Er schmeckt wie Portwein mit Früchten und Gewürzen. Foto: Hilke Maunder

Der Besitzer – ein ehemaliger Fischer in St. Gilles-Croix-de-Vie – und sein Küchenchef verwöhnen den Gaumen mit Gerichten, die einfach glücklich machen.
• 15, Place du Vieux Port, 85800 Saint-Gilles-Croix-de-Vie, http://lecasier.com

Rillettes von der Sardine. Foto: Hilke Maunder

Noch mehr lokale Genüsse

Les Brasseurs de la Vie

Caroline und Antoine Thomas fertigen seit Oktober 2018 fünf Sorten Craft Beer ganz bio – auch das „Trou de Diable“ gibt es als Gerstensaft. Wer mag, kann bei Führungen beim Brauen zusehen.
• 50 rue des Couvreurs Tel. 02 51 55 04 75, www.lesbrasseursdelavie.com

DIe Markthalle von Saint-Gilles-Croix-de-Vie. Foto: Hilke Maunder

Shopping

Droles de Filles

Der Concept Store der vier Schwestern  – die Malerin Corinne Groisard, Kürschnerin Anne-Laure Bouthemy, Bildhauerin Marie-Hélènne Cordonnier und Modeschöpferin Hélène Dies – ist eine Fundgrube für schöne Unikate und ausgefallene Geschenke.
• 21B, Quai du Port-Fidèle, 85800 Saint-Gilles-Croix-de-Vie, www.facebook.com/drolesdefilles

Kartonik

Céline Morit besitzt eine geradezu überbordende Fantasie – und lässt ihr in Bildern und Skulpturen freien Lauf.
• 4 Bis, Rue Achard, 85800 Saint-Gilles-Croix-de-Vie, www.kartonik-artistecreateur.com

Le Reve

Matthieu und Gwenaëlle Berthomé haben eine Badevilla von 1901 in eine Bar à Thé und Lifestyle-Boutique verwandelt: Bei einer Teepause könnt ihr hier trendige Teile für Haus und Garten entdecken oder in der kleinen Buchhandlung stöbern.
• 4, Avenue Notre Dame, 85800 Saint-Gilles-Croix-de-Vie, Tel. 06 87 22 56 91, www.facebook.com

Zimmer 43 des Hôtel La Sterne im Herzen von La Croix-de-Vie. Foto: Hilke Maunder

Schlafen

Hôtel La Sterne*

Das grundsolide Zweisternehaus trägt das Label „accueil vélo“ – und ist damit auf Radfahrer sehr gut eingestellt. Eure Räder (oder anderes Fahrzeug) kann sicher in der hauseigenen Garage untergebracht werden. Die Zimmer sind klein, aber komfortabel, die Küche ist bodenständig, und der Empfang ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Von Zimmer 43 aus blickt ihr auf den Marktplatz mit der Kirche – und über die Stadt.
• 2, Place Kergoustin, 85800 Saint-Gilles-Croix-de-Vie, Tel. 02 51 55 09 50, www.hotellasterne.com

Der Kirchplatz von La Croix-de-Vie bei Nacht. Foto: Hilke Maunder

Noch mehr Betten*
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Die Strandhütten von Saint-Gilles an der Plage de Boisvinet. Foto: Hilke Maunder

In der Nähe

La Plage de Boisvinet

Nördlich der Mündung der Vie beginnt die Corniche Vendéenne mit einigen zauberhaften Badevillen der Belle Époque und einer kleinen, rotsandigen Bucht, die nicht nur perfekt zum Baden ist, sondern auch für einen aussichtsreichen Apéro!

Nostalgisch: eine Badevilla an der Plage de Boisvinet. Foto: Hilke Maunder

Le Dolmen des Pierres Folles

Der rund zehn Meter lange Dolmen bei Commequiers gehört zu den wichtigsten Megalithstandorten der Vendée, auch, wenn er weitgehendzusammengebrochen ist. Er entstand am Ende des 4. Jahrtausend. Auf einem der Steine sind zwei Zeichnungen eingraviert, die eine schwarz, die andere weiß. Sie sollen – schwarz –  die Hand oder den Fuß des Teufels. Und weiß den linken Fuß der Jungfrau, die ihn jagt…

Le Trou du Diable

Das „Loch des Teufels“ findet ihr an der Corniche Vendéennes Richtung Saint-Hilaire-de-Riez: die Felsgrotte, durch das (nur bei) bei richtig hohem Wellengang Wasserfontänen hoch aufspritzen.

Le Trou du Diable an der Corniche Vendéenne. Foto: Hilke Maunder

Les Marais Salants de la Vie

Ebenfalls in Saint-Hilaire-de-Riez liegen die Salzpfannen. Die Anlage, deren Wurzeln bis in die Antike zurück reichen, hat die Kommune heute als lebendiges Salzmuseum restauriert und verrät bei Führungen, wie aus Meerwasser und Sonnenwärme das weiße Gold des Mittelalters gewonnen wird. Der Betrieb läuft so erfolgreich, dass ein zweiter Salzgärtner einen alten Salzgarten wieder bewirtschaftet.
www.sainthilairederiez.fr/les-marais-salants-de-la-vie

Die Marais Salants de la Vie. Foto: Hilke Maunder

Weiterreisen

Das ganze Land: MARCO POLO Frankreich*

MARCO POLO Frankreich: praktisch und kompakt, bearbeitet von Hilke Maunder.Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreichhabe ich gemeinsam mit Barbara Markert verfasst. Gleich zu Beginn geben wir unsere  Insider-Tipps für Frankreich preis: vom größten Flohmarkt Europas in Lille bis zur Schwimmen in der Piscine Olympique in Montpellier.

Das Kapitel „Im Trend“ verrät, was es Neues zu erleben gibt im Hexagon: vom Skijöring in den Skigebieten bis zum Übernachten im Baumhaushotel. Alle Hintergrundinformationen zu Frankreich und seinen Menschen findet ihr unter Fakten, Menschen & News. Es folgen: Tipps für Bars und Boutiquen, Erlebnissen für  Familien, Paare oder Alleinreisende. Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

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Fischerin beim Reinigen und Prüfen der Netze. Copyright: Collection Boutain.
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