Das Wiedererwachen von Saint-Paul-de-Fenouillet

Saint-Paul-de-Fenouillet. Foto: Hilke Maunder
Saint-Paul-de-Fenouillet mit der Chaîne de Lesquerde. Foto: Hilke Maunder

Saint-Paul-de-Fenouillet hat alles, um ein Touristenmagnet zu sein. Die Strände des Roussillon und die Skihänge der Pyrenäen sind nur eine Autostunde entfernt, die Berge der Corbières, die Katharer-Burgen und die AOC-Weingärten der Côtes-du-Roussillon vor der Haustür. Und doch schläft die Kleinstadt am südlichen Ausgang der Gorges du Galamus einen Dornröschenschlaf.

Zugegeben: Auf den ersten Blick sieht der 1800-Seelen-Ort vielleicht nicht so einladend aus. Geschlossene Geschäfte, leere Schaufenster, bröckelnde Fassaden. Noch in den 1980er-Jahren blühte die Stadt.

Doch dann kam Carrefour und sorgte dafür, dass die kleinen Läden der meist betagten Einheimischen keine Kundschaft mehr hatten. Einige Jahre später schloss das Granitwerk. Das Leben erlahmte, die Jugend zog fort, das langsame Sterben begann.

Saint-Paul-de-Fenouilet: Darius in der Rue Arago. Foto: Hilke Maunder

Wind schafft Zukunft

Saint-Paul ist kein Einzelfall. Und auch nicht, was jetzt hier passiert: die rurale Renaissance. Möglich machen es die Windräder. Ihre Erträge füllen das Loch, das die ständige sinkenden Zuwendungen der Präfektur in die Gemeindekassen reißen.

So heftig die neun Windräder, die seit 2017 im Agly-Tal aufragen, auch umstritten sind: Für sie wurde eine moderne Infrastruktur gebraucht.

Ordentliche Straßen, um die Anlagen zum Standort zu transportieren. Verlässliche Stromnetze, um ihre Energie zu transportieren. Und intelligente Netze, um die Anlagen fernzusteuern. Der Nutzen für die Bevölkerung: stabile Stromleitungen und raketenschnelles Internet.

Saint-Paul-de-Fenouillet. Auch die Place de la République erhält neues Pflaster. Die D7 führt direkt daran vorbei. Foto: Hilke Maunder

Auf dem Weg zum Naturpark

Das zweite Zauberwort für Stabilität und Wachstum heißt: sanfter Tourismus. Während der Gemeindeverband die Einrichtung eines regionalen Naturparks Corbières-Fenouillèdes voran treibt, plant Saint-Paul einen umgreifenden Stadtumbau im Herzen der alten Bourg.

Im September 2018 legte dazu die Agence d’Urbanisme Catalane (AURCA) eine Studie vor, wie das historische Zentrum der alten Hauptstadt des Fenouillèdes aufgewertet werden könnte. Ob sie umgesetzt werden kann, entscheidet sich im März 2020. Dann stehen die Kommunalwahlen an.

So könnte die städtebauliche Aufwertung von Saint-Paul-de-Fenouillet aussehen. Foto: Hilke Maunder. Copyright: AURCA

Die Renaissance des Chapître

In Saint-Paul wurde mit dem Châpitre in den letzten Jahre unter Bürgermeister Bayona eines der wichtigsten kulturhistorischen Bauten der Pyrénées-Orientales instand gesetzt und saniert. Die Wurzeln der einstigen Benediktinerabtei reichen bis ins Jahr 985 zurück.

Papst Johannes XII. wandelte sie 1318 in ein Chorherrenstift um. Die Säkularisierung im Zuge der Französischen Revolution zerstörte viel von der einstigen Pracht. Die Kirche wurde Wohnhaus. Bei ihrer Restaurierung legten die Denkmalpfleger opulente Relief und Gypserien (Stuck) frei.

Saint-Paul-de-Fenouillet: Stuckschmuck des Chapître. Foto: Hilke Maunder
Saint-Paul-de-Fenouillet: die Kunstgalerie des Heimatmuseums findet ihr im Gewölbe des Chapître. Foto: Hilke Maunder

Sobald ein neuer Standort für das Heimatmuseum gefunden ist, soll auch die Zwischendecke entfernt werden, die heute den Blick auf das Gewölbe verdeckt. Doch das Schönste am Chapître ist sein siebeneckiger Glockenturm: Genießt von oben den Panoramablick auf die Galamusschluchten, den Clue de la Fou, das Tal des Agly und die vielen Weinberge!

Saint-Paul-de-Fenouillet: Der Blick vom siebeneckigen Glockenturm des Chapître gen Norden, hin zu den Gorges de Galamus. Foto: Hilke Maunder

Drinnen und oben ist das Chapître bereits ein Schmuckstück. Von außen soll es jetzt eines werden. Dazu will die Kommune ein leerstehende Haus kaufen, abreißen und einen neuen Zugang zum Chorherrenstift schaffen. Rasenflächen, Pflanzen und Bänke sollen es künftig zum schmucken Mittelpunkt der vieille bourg machen.

Noch eine Vision: das neue historische Herz von Saint-Paul-de-Fenouillet. Studie: AURCA

Lebensart unter Platanen

Auch für die benachbarte Place de la République hat Bürgermeister Jacques Bayona große Pläne. Das Kriegerdenkmal soll einen neuen Standort erhalten, die parkenden Autos neue Stellplätze dort erhalten, wo heute eine verlassene Villa und ein aufgebener Bäcker sich erheben.

Saint-Paul-de-Fenouillet: Bänke im Bayadère-Streifenmuster – eine Hommage an den katalanischen Stofffabrikanten Toiles du Soileil. Foto: Hilke Maunder

Wer die Galamus-Schlucht gen Süden verlässt, kommt dann automatisch zu diesem Platanenplatz.  Thierry Poux freut sich. Sein Poux Café, das in der Hauptsaison als Bistrot du Pays kaum alle Gäste unterbringen kann, darf sich dann auf dem gesamten Platz ausdehnen.

Direkt am zentralen Platz der Altstadt findet gleich neben der Maison de la Presse die kleine Boutique von Guy. Drinnen duftet es köstlich. Doch da hat Guy schon eine Metallschachtel genommen, öffnet sie und sagt: „Probieren Sie“.

Jeden Morgen ab sechs Uhr früh steht er in der Backstube und fertigt aus Mandeln, Mutter, Mehl und Gewürzen einen knusprig harten Keks, den die Einheimischen traditionell zum kräftigen Roten beim Apéro genießen: den Croquant de Saint-Paul.

70 Jahre Foyer Rural

Als ich 2014 Saint-Paul zur Wahlheimat machte, erinnerte mich das Foyer Rural an ländliche Veranstaltungshallen der ehemaligen DDR: in die Jahre gekommen, voller sozialistischer Patina. Doch der erste Eindruck täuschte, merkte ich rasch.


Saint-Paul-de-Fenouillet: das frisch renovierte Foyer Rural. Foto: Hilke Maunder
Filigraner Schmuck am Foyer Rural. Foto: Hilke Maunder

Donnerstag bis Sonntag werden Filme gezeigt, die auch in Paris laufen. 5 Euro kostet der Filmbesuch, kaum mehr die Pizza, die in der Bar des Foyer Rural ein Pariser backt, der in Saint-Paul mit Mitte 50 noch einmal ein neues Leben begonnen hat. Frisch geschieden und weit weg von all den Problemen der alten Heimat.

Saint-Paul-de-Fenouillet: das renovierte Foyer Rural von innen. Foto: HIlke Maunder

Im Foyer Rural holen Messen esoterischen Lifestyle in die Provinz, fachsimpeln Männer über Münzen und Waffen, tanzen die Alten beim nachmittäglichen Sonntagstee, wird Bingo gespielt und das neue Jahr mit dem Bürgermeister mit Reden, Wein und Knabbereien begrüßt.

Auf dem Vorplatz flackern zu Saint-Jordi die Flammen. Mittwochs und Sonnabends trifft man sich zum Dorfklatsch beim Markttag. Am Pfingstsonnabend wird auch gefeiert. Das Foyer Rural hat zum 70. Geburtstag eine Komplettsanierung erhalten. Am Sonnabend lädt daher Saint-Paul zu Apéro Dansant und Live-Konzert von Hallyday, am Pfingstsonntag zum Konzert von Cali.

Saint-Paul-de-Fenouillet: das Pfingstprogramm 2019. Foto: Hilke Maunder

Das Chapître von José

Die Aufbruchsstimmung in der Kommune hat auch die Einheimischen erfasst. Dort, wo einst das Granitwerk stand, errichtet jetzt ein Privateigentümer direkt am östlichen Ortseingang ein großes Solarfeld. Immer häufiger schmücken Schilder mit dem Hinweis „vendu“ (verkauft) die alten Stadthäuser. Stolz wird auf Instagram gepostet, wie die Renovierung läuft.

Saint-Paul-de-Fenouillet: José Quesada. Foto: Hilke Maunder

Auch der Place Saint-Pierre dröhnt der Baulärm. José Quesada haucht einem Lokal, das jahrelang geschlossen war, neues Leben ein. Zusammen mit einer Handvoll Männer aus dem Dorf reißt der gelernte Patissier alles, was alt ist, heraus. Und macht selbst vor den Fußböden und Decken nicht halt. Noch staubt es und mag ich kaum glauben, was mir José verrät.

Bereits im August 2019 will er sein „Petit Chapître“ eröffnen – als genussvolle Antwort auf das Wahrzeichen. Und dessen kleinen Bruders in Stein. Denn in St-Paul gibt es nicht nur das Chapître. Sondern auch dads Petit Chapître.

Saint-Paul-de-Fenouillet: der Glockenturm des Chapître. Foto: Hilke Maunder
Das Petit Chapître von Saint-Paul-de-Fenouillet. Foto: Hilke Maunder

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Seit 2017 informiert die Kommune digital über alle wichtigen Ereignisse und Termine. Foto: Hilke Maunder
Saint-Paul-de-Fenouillet: Der örtliche Heimatverein hat einen markierten Rundgang am den Spuren des Bauerbes angelegt. In der Rue Arago lebte sogar ein Prinz! Foto: Hilke Maunder
Saint-Paul-de-Fenouillet: Bereits 2017 gab es die ersten Ladestationen für e-Autos. Foto: Hilke Maunder
Die einstigen Thermen von Saint-Paul-de-Fenouillet saniert der belgische Künstler Patric Marquet auf eigene Faust. Foto: Hilke Maunder
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3 Kommentare

  1. Ich kenne das auch aus Burgund. Wunderschöne Dörfer und kaum Menschen. Daraus sind meine ersten Reiseideen entstanden, das ländliche Frankreich mit Nachhaltigkeit und sanftem Tourismus aus dem Dornröschenschlaf wecken. Ich freue mich über jede Idee in diese Richtung!

  2. „Mein“ Canet d´Aude war in den 80er Jahren auf knapp 1100 Einwohner geschrumpft. Schuld waren wohl die wegbrechenden Arbeitsplätze im Weinbau. Seit einigen Jahren dreht sich der Trend. Inzwischen wohnen wieder über 1600 Menschen im Dorf. Das liegt sicher auch an jungen Familien, die statt in einer Wohnung in Narbonne lieber in einem Haus mit Garten leben.

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