Kleiner Fischereihafen, große Marina der Segler: der Hafen von Saint-Valery-en-Caux. Foto: Hilke Maunder

Saint-Valery-en-Caux: Perle der Côte d’Albâtre

Es gibt Orte wie Saint-Valery-en-Caux, die erzählen ihre Geschichte allein schon durch ihre Lage. Hier, wo sich einst ein Bach tief in die Kreideklippen der Alabasterküste grub, öffnet sich heute eine valleuse – ein hängendes Trockental – zum Ärmelkanal. Ein Hafen in einem Tal ohne Fluss: Das klingt wie ein Widerspruch, ist aber die typisch normannische Geologie der Alabasterküste und wurde zur perfekten Kulisse für einen der malerischsten Häfen der Côte d’Albâtre.

Bereits 1540 erkannten kluge Seefahrer die Vorteile dieser natürlichen Bucht. Versteckt zwischen hohen hellen Kreideklippen, geschützt vor den Stürmen des Ärmelkanals, legten sie hier einen Hafen an. Damals war Saint-Valery-en-Caux eine Hochburg des Heringsfangs – die silbernen Schwärme machten Fischer reich und den Ort bekannt. Heute sind es moderne Jachten, Kabinenkreuzer und Segelboote, die den Hafen mit seinen 640 Liegeplätzen für Boote bis zu 13 Meter Länge beleben. Aber zwischen all den eindrucksvollen Seglern liegen noch immer ein paar Fischerboote vertäut und halten die maritime Tradition lebendig.

Viel älter als sein Hafen sind die Wurzeln der kleinen Stadt, die bis ins Jahr 990 zurückreichen – damals wurde Saint-Valery-en-Caux erstmals urkundlich erwähnt. 1940 spielte Saint-Valery-en-Caux spielte eine zentrale Rolle bei den Kämpfen um die Normandie. Nach dem Fall von Paris versuchte die britische 51st Highland Division zusammen mit französischen Truppen verzweifelt, über Saint-Valery-en-Caux zu entkommen. Da der Rückzug über Le Havre bereits abgeschnitten war, versuchte General Fortune die Evakuierung über diesen kleinen Hafen – doch die deutsche 7. Panzerdivision und mehrere Infanteriedivisionen hatten die Stadt bereits am 10. Juni umzingelt.

Zwei Tage tobten erbitterte Kämpfe. Immer wieder versuchte die britische Marine den Rückzug, kämpfe gegen den Nebel, Koordinationsproblemen und Luftangriffe. Am 12. Juni 1940 schließich kapitulierte General Fortune angesichts der aussichtslosen Lage – es fehlte nicht nur an Wasser und Nahrung für die Soldaten, sondern auch an Munition, Wasser. Rund 8.000 bis 10.000 britische Soldaten, die Schätzungen schwanken, gerieten in deutsche Gefangenschaft.

Die Kapitulation bei Saint-Valery-en-Caux wird oft als „das andere Dünkirchen“ bezeichnet – ein gescheiterter Versuch, dem Schicksal zu entfliehen. Heute erinnern Denkmäler, Gedenkstätten und das Stadtmuseum an diese bedeutende Episode der Normandie-Geschichte.

Architektonische Zeitreise

Die turbulente Vergangenheit – Kriege, Kämpfe, Wiederaufbau – hat ihre Spuren hinterlassen. Das bauliche Erbe von Saint-Valery-en-Caux ist überschaubar, aber umso reizvoller in seiner Vielfalt: Belle-Époque-Villen stehen neben Betonbauten der Nachkriegszeit, dazwischen haben einige charmante Fachwerkhäuser die Zeitläufte überdauert. Besonders gut erhalten – und wunderschön – ist die Maison Henri IV aus dem Jahr 1540, die heute das Stadtmuseum birgt. Die Schifferkirche Notre Dame du Bon Port entstand in den 1960er Jahren auf den Fundamenten einer älteren Kirche, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Tor zur Alabasterküste

Saint-Valery-en-Caux ist das perfekte Tor zur legendären Côte d’Albâtre, gut gelegen und längst nicht so überlaufen wie andere Orte. Die majestätischen weißen Kreideklippen, die hier bis zu 100 Meter hoch aus dem Ärmelkanal ragen, haben schon Impressionisten wie Claude Monet, Gustave Courbet und den holländischen Maler Johan Jongkind verzaubert. Letzterer entdeckte Saint-Valery-en-Caux 1845 an der Seite seines Meisters Jean-Baptiste Isabey.

Die Lichtspiele auf den Klippen, das Changieren zwischen Weiß, Grau und Gold – je nach Sonnenstand und Wolkenstimmung –, das schäumende Meer unten und der weite Himmel darüber: Das ist pure normannische Magie. Und mittendrin dieser Hafen im Tal, wo die Klippen sich öffnen wie zwei schützende Arme.

Saint-Valery-en-Caux: meine Reise-Tipps

Hinkommen

Hinkommen

ÖPNV

Saint-Valery-en-Caux hat keinen eigenen Bahnhof. Der nächstgelegene Bahnhof ist Yvetot (etwa 25 km entfernt). Von Paris Saint-Lazare fährt ein TER-Zug mit Fahrradmitnahme nach Rouen und weiter nach Yvetot (Fahrtzeit ab Paris: ca. 2-3 Stunden)

Von Yvetot fahren Regionalbusse ( Nomad Car , Linie 525 ) mehrmals täglich direkt nach Saint-Valery-en-Caux (Fahrtzeit: ca. 30-40 Minuten). Wichtig: Der Busverkehr ist am Wochenende reduziert. Aktuelle Fahrpläne unter: https://nomad.normandie.fr

Wandern auf dem GR21

Der Küstenwanderweg Grande Randonnée GR21 wurde 2020 zum beliebtesten Wanderweg Frankreichs gewählt – und führt direkt durch Saint-Valery-en-Caux! Der 190 Kilometer lange Pfad verbindet Le Tréport im Osten mit Le Havre im Westen und eröffnet herrliche Ausblicke auf die Alabasterküste.

Nach Osten Richtung Veules-les-Roses und Quiberville lauft ihr etwa 15-20 km durch valleuses und entlang der Kreideklippen. Da es reichlich auf und ab geht, gilt dieser Abschnitt als mittelschwer. Direkt an der Route liegt Veules-les-Roses, eines der schönsten Dörfer Frankreichs.

Nach Westen in Richtung Fécamp verläuft die Route rund 25 Kilometer lang über Plateaus und entlang der Küste. Auch dieser Abschnitt ist rechts anspruchsvoll wegen mehrerer steiler Anstiege. Als Belohnung locken atemberaubende Panoramen und das Flair des historischen Fischerhafens Fécamp

Radfahren

Véloroute du Lin (Leinenroute)

  • 75 Kilometer lange, familienfreundliche Radroute, davon mehr als 50 Kilometer auf grünen Wegen und ehemaligen Bahntrassen.
  • Verbindet Pourville-sur-Mer (bei Dieppe) mit Fécamp durchs normannische Hinterland
  • Sanfte Alternative zur anspruchsvollen Küstenroute
  • Im Juni blühen die Flachsfelder Pays de Caux zartblau – ein Erlebnis!
  • Infos und Impressionen: https://meinfrankreich.com/la-veloroute-du-lin-radeln-im-flachs-land

La Vélomaritime / EuroVelo 4

  • Die sportlichere Variante entlang der Küste zwischen Fécamp und Dieppe direkt durch Saint-Valery-en-Caux
  • spektakuläre Meerblicke
  • Achtung: Steile Anstiege (bis zu 100 Höhenmeter) zwischen Plateau und Küste!
  • Für E-Bikes oder trainierte Radfahrer empfohlen
  • Unterwegs: Veules-les-Roses, Varengeville-sur-Mer, fantastische Felsformationen

Schlemmen und genießen

Mamie Les Mouettes

Austern,Crevetten, Gambas, Taschenkrebse und anderes Getier aus dem Meer: miam ! Ebenso köstlich sind die traditionelle Gerichte mit lokalen Produkten.
• 15, rue du Havre, 76460 Saint-Valery-en-Caux, Tel. mobil 06 62 95 62 93,

L’Annexe

Sympathische Brasserie mit Schwerpunkt auf normannischer Küche, traditionell und kreativ zugleich. Auch vegetarische Optionen!
• 4, rue des Bains, 76460 Saint-Valery-en-Caux, Tel. 02 35 57 29 50

Quai 23

Modern und kreativ schlemmen in einem hellen, freundlichen Lokal an der Strandpromenade. Die Nudeln sind handgemacht!
• 23, rue des Remparts, 76460 Saint-Valery-en-Caux, Tel. 09 53 30 41 45, auf Facebook zu finden

Le Relais Fleuri

 Traditionsreiches Restaurant mit typischer französischer Küche in bodenständigem, gemütlichem Ambiente – der Saal gleich einem Schlauch.
• 42, avenue Foch, 76460 Saint-Valery-en-Caux, Tel. 02 35 97 15 06

Hôtel-Restaurant Les Bains

Leckere Brasserie-Küche mit Fisch, Meeresfrüchten und Fleischspezialitäten vom Grill im liebevoll dekorierten Speisesaal, im Sommer mit Terrasse.
• 15, place du Marché, 76460 Saint-Valery-en-Caux, Tel. 02 35 97 04 32, www.lesbains76.com

Hier könnt ihr schlafen

Hôtel du Casino*

76 noderne, geschmackvoll renovierte Zimmer, einige mit herrlichem Blick auf den Jachthafen. Im Haus findet ihr den großen Speisesaal des Restaurants Côté Sud, der Pool wird mit dem Nachbarhotel geteilt. Hier* könnt ihr es buchen.
• 14, avenue Clemenceau, 76460 Saint-Valery-en-Caux, Tel. 02 35 57 88 00, www.hotel-casino-saintvalery.com

Hôtel Les Bains*

15 Zimmer und eine Suite, geschmackvoll und komfortabel eingerichtet – und nur fünf Minuten zum Strand! Wunderbar: die Brasserie – von der Küche wie vom Ambiente. Hier* könnt ihr es buchen.
• 15, place du Marché, 76460 Saint-Valery-en-Caux, Tel. 02 35 97 04 32, www.lesbains76.com

Hôtel Henri IV*

Geräumige Zimmer voller Nostalgie verbergen sich hinter der völlig von Efeu überwucherten Fassade dieses traditionsreichen Familienhotels. Hier* könnt ihr es buchen.
• 16, rue du Havre, 76460 Saint-Valery-en-Caux, Tel. 02 35 97 19 62, https://hotelhenri4.com

Hôtel Les Remparts

Kleine Zweisterne-Pension mit Restaurant und Bar.
• 4, rue des Bains, 76460 Saint-Valery-en-Caux, Tel. 02 35 57 29 50

Bar-Hôtel-Restaurant L’Eden

Sieben familiär-gemütliche Zimmer m Herzen von Saint-Valery-en-Caux, fünf Minuten zu Fuß zum Strand. Die Bar serviert moules-frites, Miesmuscheln.
• 21, place du Marché, 76460 Saint-Valery-en-Caux, Tel. 02 35 97 11 44

Noch mehr Betten

 

Weiterlesen

Im Blog

Welche Ziele noch an der Alabasterküste locken, verrät dieser einführende Beitrag. Alle Beiträge aus dem Département Seine-Maritime vereint diese Kategorie.

Im Buch

Glücksorte in der Normandie*

Steile Klippen und weite Sandstrände, bizarre Felslandschaften und verwunschene Wälder, romantische Fachwerkstädtchen und moderne Architektur – die Normandie hat unzählige Glücksorte zu bieten.

Gemeinsam mit meiner Freundin Barbara Kettl-Römer stelle ich sie euch in diesem Taschenbuch vor. Wir verraten, wo die schönste Strandbar an der Seine liegt, für welche Brioches es sich lohnt, ins Tal der Saire zu fahren, und wo noch echter Camembert aus Rohmilch hergestellt wird. Und natürlich sind auch gleich mehrere Tipps für die Côte d’Albâtre mit dabei!

Unser Gemeinschaftswerk stellt euch insgesamt 80 einzigartige Orte vor, die oftmals abseits der eingetretenen Pfade liegen. Wer mag, kann es hier* bestellen.

Normandie: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Hilke Maunder_Normandie_Abseits

Die Netflix-Serie „Lupin“ hat die Normandie zu einem touristischen Hotspot gemacht. Garantiert keine Massen trefft ihr bei meinen 50 Tipps. Sie sind allesamt insolite, wie die Franzosen sagen – ursprünglich, authentisch und wunderschön.

Die Landpartie durch die andere Normandie beginnt im steten Auf und Ab der Vélomaritime, führt zu den Leinenfeldern der Vallée du Dun, zu zottigen Bisons und tief hinein ins Bauernland des Pays de Bray, Heimat des ältesten Käses der Normandie.

Im Tal der Seine schmücken Irisblüten auf hellem Reet die Giebel alter chaumières, und Störche brüten im Marais Vernier. Von den Höhen des Perche geht es hin zur Normannischen Schweiz und bis zur Mündung des Couesnan an der Grenze zur Bretagne. Hier* könnt ihr den handlichen Führer bestellen.

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