Salins-les-Bains: mit Salz zum Welterbe
Tief im französischen Jura, wo die Furieuse sich durch ein schmales S-förmiges Tal schlängelt, liegt eine Stadt, die dem Salz ihre Existenz verdankt: Salins-les-Bains. Einst eine der mächtigsten Städte der Franche-Comté, erzählt die Kleinstadt eine spannende Geschichte von Reichtum und Niedergang, von technischen Innovationen und menschlicher Gier. Was sie aus ihrer großen Zeit bewahrt hat, ist ein architektonisches Juwel, das UNESCO-Welterbe wurde und euch in eine Zeit entführt, als Salz kostbarer war als Gold.
Salins-les-Bains duckt sich zwischen felsige Hänge, die so steil sind, dass Landwirtschaft nur auf dem südlichen Hochplateau Bracon möglich ist. Lang streckt es sich entlang des Talgrunds, erschlossen von einem Netzwerk paralleler Straßen, die durch die Höhenunterschiede hier und da spitzwinklig aufeinandertreffen. Mächtige Festungen bewachen die einst strategisch wichtige Salzstadt. Das Fort Saint-André thront 600 Meter über der Stadt auf einem Berg im Westen, das Fort Belin wacht im Osten. Insgesamt bewachten einst 32 Türme und fünf Festungen den Ort, den die Militärs als Place de guerre bezeichneten.

Aus dem Häusermeer erhebt sich die Chapelle Notre-Dame-Libératrice de Salins mit ihrem riesigen glasierten Kuppeldach. Mit dem Kirchenbau wollen die Einheimischen der Jungfrau Maria danken, die sie vor Epidemien und Opfern des Dreißigjährigen Krieges geschützt haben soll. Auf der Kuppel hockt ein Kupfer-Wetterhahn, der mit 700 Kilogramm das größte Exemplar der Franche-Comté ist. Damals war Salins-les-Bains mit 5.700 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Freigrafschaft.
Das unterirdische Salzbergwerk

210 Millionen Jahre ist es her, dass ein salzhaltiges Meer diese Region bedeckte. Im späten Trias lagerten sich in warmen, flachen Lagunen durch intensive Verdunstung dicke Evaporitschichten ab – Salz und Gips, gebunden in Ton und Mergel. Diese geologischen Salzlager sind 450 Meter dick und liegen heute in 246 Metern Tiefe. Nur 13 Prozent der Sole wurden bislang genutzt. Ein riesiger Schatz schlummert noch immer im Untergrund.
Schon in keltischer Zeit wussten Menschen um diesen Reichtum. Erste urkundliche Erwähnungen des salinarum ( von lat. salinae – Salzwerk ) datieren auf das Jahr 523. Im Mittelalter entwickelte sich daraus eine geteilte Stadt: Der Nordteil gehörte dem Grafen von Burgund, der Südteil dem Sire de Salins. Doch das eigentliche Herz war die Saline selbst – eine befestigte Stadt in der Stadt.
Die Große Saline: eine Stadt in der Stadt

Wer das monumentale Torhaus der Grande Saline mit ihrem griechischen Portikus durchschreitet, betritt eine andere Welt. Auf zwei Hektar erstreckt sich hinter hohen Mauern eine komplette Infrastruktur: Siedehäuser, Werkstätten, Wohngebäude für Arbeiter und Verwaltungsgebäude. Diese Organisation machte eine effiziente Produktion möglich – und gleichzeitig die strenge Kontrolle.
Salz war damals im wahrsten Sinne des Wortes „weißes Gold“ und hoch besteuert mit der gabelle, der Salzsteuer, die jeder Franzose zu entrichten hatte.
La gabelle
Philipp IV. hatte die Salzsteuer im Jahr 1286 eingeführt, Karl V. (ab 1356) zu einer dauerhaften staatlichen Steuer gemacht. Sie bestand mit wechselnden Bedingungen, Reformen und regionalen Ausnahmen bis zur Französischen Revolution und wurde am 21. März 1790 durch ein Dekret der Nationalversammlung offiziell abgeschafft – nur, um unter Napoleon nochmals eingeführt zu werden.
Salzdiebstahl und Schmuggel blühten, trotz drakonischer Strafen. Wer erwischt wurde, dem drohte die Todesstrafe. In Salins-les-Bains gab es sogar ein eigenes Gefängnis für Salzdiebe. Die Verbrecher wurden mit der Ziffer 6 gebrandmarkt – ein lebenslanger Schandfleck.
Das Gradierwerk im Untergrund

53 Stufen führen vor dem heutigen Kasino hinab in die Unterwelt der Salzgewinnung. Bei konstanten zwölf Grad Celsius wurde in einem riesigen Stollen unter Tage Salz gewonnen.: Die 165 Meter lange, gewölbte Galerie aus dem 13. Jahrhundert wurde wie eine Kathedrale erbaut – acht Meter hoch, in Stein gemeißelt von Zisterziensermönchen.
Das romanische Gewölbe vermittelt mehr den Eindruck einer Kirche als einer Fabrikanlage. In dieser unterirdischen Welt schlug das Herz der Salzproduktion und sammelten sich die salzigen Wasser in zwei Zisternen: die größere aus Stein fasste 600 Liter Sole, die kleinere aus Holz 200 Liter.

Zurück an der Oberfläche führt der Rundgang in das Herzstück der Salzproduktion: die Salle des Poêles, die Verdampfungshalle, wo die sauniers, die Salzarbeiter, in einer unerträglichen Hitze schufteten. Während gewaltige Feuer unter den großen, flachen Pfannen brannten, schöpften die Salzarbeiter bei mehr als 40 Grad Hitze Tag für Tag das sich bildende Salz ab.
Rußgeschwärzt sind die Wände, auf denen einige Schwarzweißfotografien das Handwerk eingefangen haben. In hölzernen Schubkarren lässt sich das Salz fühlen, das in den historischen Verdampfungsanlagen aus der salzigen Sole durch pure Menschenkraft entstand. Durch dünne, staubige Fenster fällt etwas Sonnenlicht und lässt die Kristalle funkeln.

Die Evolution der Fördertechnik
Das integrierte Salzmuseum erzählt die Geschichte der Salzgewinnung vom Neolithikum bis in die Gegenwart. Zwölf Jahrhunderte Salzgeschichte werden lebendig – von den römischen Legionen, die bereits um das kostbare Gut wussten, bis zur industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts.
Interaktive Stationen erklären die geologische Entstehung der Salzlager, zeigen Werkzeuge der sauniers und veranschaulichen die verschiedenen Verwendungszwecke des Salzes. Besonders faszinierend: die Entwicklung der Fördertechniken. Zunächst schöpften Menschen die Sole mit reiner Muskelkraft – das Ergebnis: magere 40 Gramm Salz pro Liter.
Im 14. Jahrhundert revolutionierte eine Noria, ein hydraulisch angetriebenes Schöpfrad, die Produktion. Die Fließkraft der Furieuse bewegte eine lange Schwinge, die wiederum eine Pumpe antrieb. Das Salzwasser aus 246 Metern Tiefe ergab nun 80 Gramm Salz pro Liter.

Ab dem 18. Jahrhundert sorgte ein größeres Wasserrad mit einer 32 Meter langen Schwinge für den Quantensprung: 330 Gramm Salz pro Liter konnten nun geerntet werden, und damit deutlich mehr, als das Tote Meer mit seinen 280 Gramm bietet. Diese technische Innovation funktionierte bis zur Schließung der Saline im Jahr 1962.
Die Pipeline
Doch der Erfolg trug bereits den Keim des Niedergangs in sich. Die Salzproduktion verschlang ungeheure Mengen Holz zum Verdampfen der Sole. Die umliegenden Wälder waren abgeholzt, die Produktion wurde unrentabel. König Ludwig XV. fand eine geniale Lösung: Auf Vorschlag des Architekten Claude-Nicolas Ledoux entstand von 1775 bis 1779 die Königliche Saline von Arc-et-Senans. Dort gab es ausgedehnte Wälder.

Eine 21 Kilometer lange Pipeline aus ausgehöhlten Tannenstämmen transportierte fortan die Sole von Salins-les-Bains nach Arc-et-Senans. Dort wurde das Salzwasser zentral hydraulisch aufbereitet, während Salins-les-Bains nut nur noch als Solequelle diente.
1840 endete das staatliche Salzmonopol – ein Schlag für Salins-les-Bains. Die Stadt verlor ihre privilegierte Monopolstellung, billige Meersalze drängten auf den Markt. Als 1857 die Eisenbahn Salins-les-Bains erreichte, besiegelte sie paradoxerweise das Schicksal der lokalen Salzindustrie: Günstigeres Salz aus dem Mittelmeerraum überschwemmte den Markt.
Von der Fabrik zum Museum

1962 endete die Salzproduktion in Salins-les-Bains nach mehr als 1.400 Jahren. 1966 kaufte die Stadt die Anlage und öffnete sie als Museum. Die Transformation gelang: 2009 wurde die Große Saline zusammen mit Arc-et-Senans als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt.
Die Architekten Malcotti-Roussey und Thierry Gheza verwandelten die Industrieanlage behutsam in ein Museum, das die Geschichte des Salzes lebendig macht. Heute betreibt eine Gesellschaft, die auch das Kasino und das Thermalbad führt, die ehemalige Salzproduktionsstätte. Stolz prästentiert die kleine cité de caractère ihr Erbe.
Bereits 1854 hatte Salins-les-Bains begonnen, sich neu zu erfinden. Ein Thermalbad nutzte die salzigen Quellen für Wellness statt für die Salzproduktion. 18 Grad kühl sprudeln sie heute in die Therma Salina, werden fürs Badebecken auf 32 °C erhitzt, sprudeln aus Hydrojets – und begleiten Massagen bei Kuren und Spa-Angeboten.
Via Salina: Auf den Spuren des weißen Goldes

Wer die Geschichte des Salzhandels vollständig erleben möchte, folgt der Via Salina. Diese 300 Kilometer lange Route führt von der Königlichen Saline in Arc-et-Senans bis nach Bern in der Schweiz. Bern war bis ins 19. ein Jahrhundert eine wichtige Drehscheibbe im damaligen Salzversorgungsnetz. Erst mit der Eröffnung der Schweizer Saline „Schweizerhalle“ (1837) wurde die direkte Abhängigkeit vom Import französischen Salzes geringer.
Die Via Salina erzählt mit Salzproduktionsstätten, Festungen, Zollposten und historische Herbergen die Geschichte des Salzhandels zwischen Frankreich und der Schweiz. Entlang der gut ausgeschilderten Route liegen weitere Highlights: Kurstädte mit heilenden Salzwasserquellen, und Schlösser wie Château de Cléron und Château de Joux, die alle ihre Rolle in der Salzgeschichte spielten. Auf Wanderungen, per Rad oder im eigenen Gefährt lässt sich die Route ganz entspannt entdecken.

Salins-les-Bains: meine Reise-Tipps
Mit der Bahn
Salins-les-Bains hat keinen eigenen Bahnhof mehr. Nächste Bahnstation ist Mouchard (8 km entfernt). Von dort verkehren TER-Züge nach Lons-le-Saunier, Besançon, Bourg-en-Bresse, Lyon Perrache und Belfort. Auch der TGV Lyria von Paris nach Lausanne hält in Mouchard. Von Mouchard gibt es eine Buslinie nach Salins-les-Bains.
Mit dem Fahrrad
Die Via Salina verbindet als 300 Kilometer lange Route die wichtigsten Salzproduktionsstätten im Juragebirge..
Schlemmen und genießen
Le Petit Blanc
Traditionelle, gutbürgerliche Regionalküche im Gewölbe des historischen Wehrspeichers, nur wenige Schritte von der Saline entfernt.
• 14, rue de la République, 39110 Salins-les-Bains, Tel. 03 84 37 13 45, www.restaurantlepetitblanc.com
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