Mein Frankreich: Sarah Belhareth

Sarah Belhareth. Foto: privat
Sarah Belhareth in der Drôme provençale bei Nyons. Foto : Sabine Rouillard

“Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal stellt Sarah Belhareth  ihr Frankreich vor.


Wer ich bin und wie ich in der Provence gelandet bin

Ich bin geboren und aufgewachsen im schönen Aurich in Ostfriesland. Seit 2014 lebe ich nun im wunderschönen Süden Frankreichs. Genauer gesagt in der Provence, im Ort Pernes-les-Fontaines im Département Vaucluse.

Tatsächlich ist meine Mutter, seit ich denken kann, ein riesiger Fan der Provence und hat mich mit ihrer Liebe für diesen Flecken Erde schon vor Jahren neugierig gemacht. Wie ich hier letztendlich gelandet bin? Ich würde sagen: Zufall und eine Riesenportion Glück!

Im Jahre 2013 habe ich meinen Partner Romain auf Reisen am anderen Ende der Welt kennengelernt. Ich bin ihm dann kurzerhand in seine Heimat gefolgt und bin geblieben. Nicht der schlechteste Deal, finde ich !

Brantes Foto: Sarah Belhareth
Das Dorf Brantes am Fuße des Mont Ventoux. Foto: Sarah Belhareth

Auswandern nach Frankreich – Aller Anfang ist schwer

Aber aller Anfang ist dennoch schwer. Als ich zu Anfang mit 26 Jahren in der Region ankam, war die Umstellung von Stadt- auf Landleben gewöhnungsbedürftig. Um Karriere zu machen oder auf dem Laufenden der neuesten Fast-Fashion Trends zu sein, ist dies nicht der richtige Ort.

Auch sprachtechnisch waren die ersten 1,5 bis 2 Jahre kein Zuckerschlecken. Und das, obwohl ich einen geduldigen und des Englischen mächtigen Partner habe. Und dazu noch seine sehr herzliche Familie und Freunde, durch die ich natürlich 24 Stunden am Tag in die französische Sprache und Kultur eintauchen durfte.

Zwar hatte ich Französisch in der Schule gelernt, aber im Alltag ist das Ganze eine ganz andere Hausnummer. Und insbesondere, wenn es darum geht einen Job zu finden. Und das auch noch ganz frisch nach dem Studium… Aber ich war fest entschlossen, in der Provence zu bleiben.

In Avignon währen des Theaterfestivals. Foto: Sarah Belhareth
In Avignon währen des Theaterfestivals. Foto: Sarah Belhareth

Zu Anfang habe ich mich mit Nebenjobs im Verkauf über Wasser gehalten. Ein Wunder, dass man mich so auf die Kunden losgelassen hat, muss ich im Nachhinein sagen. Ich erinnere mich noch zu gut an Situationen, in denen ich kein Wort davon verstand, was die Kunden von mir wollten.

Hier muss man klar sagen, dass die Franzosen sehr geduldig und wohlwollend sind, wenn sie merken, dass man sich bemüht. Und bemüht habe ich mich. Wenn auch nicht immer mit Erfolg. So manches Mal bin ich nur knapp an einer sprachlichen Katastrophe vorbei geschlittert. Man sollte beispielsweise niemals sagen „ Le client n’est pas fini “. Was so viel heißt wie „Der Kunde hat nicht mehr alle Tassen im Schrank“ anstelle von „Der Kunde ist noch nicht fertig.”

Aber nach und nach wurde es immer besser. Nach ca. 1,5 – 2 Jahren hatte ich es, mit der „ins kalte Wasser springen Methode“ geschafft, fließend Französisch zu sprechen. Lustigerweise sagt man mir oft, ich hätte neben meinem deutschen Akzent auch einen accent du sud!

Leben wie Gott in Frankreich

Wir lieben es zu reisen, und ich komme gerne zurück nach Deutschland. Wenn ich dies tue, merke ich, wie unberührt und beschützt wir in der Provence leben. Relativ wenig Trubel, Trends wechseln nicht alle zwei Wochen, und wir sind der Natur und dem einfachen Leben irgendwie nah. Instagram, Uber und Co. kommen nur ganz langsam und schleppend in der Provence an. Aber in Zeiten von Burn-Out, Epidemien, Umweltproblemen und Lebensmittelskandalen merke ich, wie wertvoll es ist, noch so beschützt zu leben.

Zudem lieben wir die Natur und diverse Outdoor-Sportarten. Die Region bietet sehr vielfältiges Terrain. Ein absoluter Traum für Natur- und Sportbegeisterte!

Die Monts de Vaucluse, die perfekt zum Mountainbiken und Wandern sind, beginnen direkt hinter unserem Haus. Es gibt diverse Kletterwände, beispielsweise bei Venasque oder an den Dentelles du Montmirail.

Im Sommer, wenn es sehr heiß wird, kann man sich mit einem Bad in der glasklaren Sorgue, die hier aus den Bergen entspringt, erfrischen. Wenn es im Winter genug schneit, können wir Schneeschuhwanderungen auf dem Mont Ventoux machen oder sogar zum Skifahren in die südlichen Alpen fahren.

Zudem ist es nicht weit, um einen Tag am Meer zu verbringen. Perfekt zum Kajak fahren oder Schnorcheln im Mittelmeer. Ich liebe es, an die Côte Bleue oder in die Calanques zu fahren. Bei der Gelegenheit kann man gleich einen Abstecher nach Marseille oder Aix-en-Provence machen.

Street Art in Marseille. Foto: Sarah Belhareth
Street Art in Marseille. Foto: Sarah Belhareth

Zwei Städte, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Aix-en-Provence ist die schicke Provence-Stadt voller eleganter Läden und Restaurants.  Marseille ist die urbane Hafenstadt voller Street Art und Fischmärkten mit Blick auf das glitzernde Mittelmeer.

Auch kulturell und kulinarisch hat die Region viel zu bieten. Im Sommer finden unzählige Festivals statt. Ob Musik, Theater oder Oper, es ist für jeden etwas dabei. Eine sehr inspirierende Atmosphäre. Und natürlich gibt es dann noch die berühmten Brocantes in L’Isle-sur-la-Sorgue und diverse lokale Feste zur Erntezeit von Wein, Trüffeln, Feigen, Melonen, Lavendel…

Romain, seine Familie und auch unsere Freunde aus der Provence sehen ihre Heimat nun auch mit etwas anderen Augen. So manches Mal waren sie erstaunt über meine Begeisterung für scheinbar banale Dinge. Für sie ist die Lebensqualität, wie wir sie hier erleben, eine Selbstverständlichkeit. Deshalb freue ich mich, wenn ich sie mit meinem Enthusiasmus für Ihre Heimat anstecken kann.

Essen, Essen, Essen!

Essen ist ein fester Bestandteil des Lebens in Frankreich, der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Geschichte des Landes. Das merkt man überall. So erinnere ich mich nur zu gut an meine ersten Mittagessen bei meinen Schwiegereltern. Unwissend stürzte ich mich auf den leckeren Aperitif, den es oft zu Beginn einer Mahlzeit gibt.

Ein Drink mit einem Häppchen vor der eigentlichen Mahlzeit: Vorspeise, Hauptspeise, Käse & Salat, Dessert, Café… Diese Zeremonie dauert dann auch schonmal einen ganzen Nachmittag und verlangt eine gute Kenntnis seiner Magen-Kapazitäten. Mittlerweile beherrsche ich diese Kunst und frage mich, wieso wir in Deutschland oft so unglaublich wenig Zeit zu Tisch verbringen.

Mein Partner und unsere Freunde sind wahre Experten der Region.  Dank ihnen habe ich wunderbare Orte und lokale Spezialitäten kennengelernt. In der Region gibt es viele Winzer, Trüffel- und Safranbauern, Confiserien, Biscuiterien, Conserverien, Destillerien, Brauereien und vieles mehr.

Thierry von der Domaine Les Patys. Foto: Guillaume Megevand
Thierry von der Domaine Les Patys. Foto: Guillaume Megevand

Zu Anfang stellte ich zunächst fest, dass ich sehr wenig über ganz einfache Dinge der Lebensmittelproduktion wusste. Wie sieht ein Mandelbaum aus? Wann werden eigentlich Oliven geerntet? Wie stellt es der Imker an, Lavendelhonig zu erhalten? Ist bio immer gleich bio?

So habe ich mit den Jahren viel gelernt und eine ganz besondere Beziehung zu meinen Lebensmitteln entwickelt. Ich kaufe, wenn immer möglich, auf dem Markt oder direkt bei lokalen Erzeugern ein. Es ist toll,  mit den Produzenten sprechen zu können und zu sehen, woher meine Lebensmittel kommen.

Eine berufliche Kehrtwende

So ist mit der Zeit auch die Idee zu meinem beruflichen Neuanfang geboren. Die Passion der lokalen Produzenten hat mich unglaublich fasziniert, und ich bin begeistert von der Qualität der Produkte.

Zugleich tappte ich leider auch so manches Mal in Touristenfallen – toll verpackte Produkte auf touristischen Märkten oder in Souvenir-Läden. Die Region birgt viele hochwertige authentische Spezialitäten, aber es ist nicht immer leicht, die echten lokalen Produzenten zu identifizieren und zu wissen, wo man sie finden kann.

Besuch bei Imker Jean-Luc in Graveson. Foto : Sarah Belhareth

Deshalb habe ich mich Ende 2019 entschieden, meinen Job in der Bedarfsplanung eines internationalen Unternehmens aufzugeben, um La Sariette zu gründen. Eine digitale Épicerie Fine, also einen Online-Shop, in dem ich Produkte aus der Provence anbiete. Produkte ausschließlich von kleinen Produzenten, Landwirten und Manufakturen hier aus der Provence.

Damit möchte ich kleine Unternehmen unterstützen. Gleichzeitig möchte ich authentische Produkte anbieten, wie sie so kaum außerhalb der Region erhältlich sind. Für Menschen, die sich ein Stück Provence ins Haus holen möchten und die mehr über die Produkte und deren Produzenten erfahren möchten. Menschen, die genauso begeistert von der Provence sind wie ich. Auf dass diese wundervolle Region ihren ursprünglichen Charme und ihre Traditionen beibehält und so ein echtes kleines Stück Paradies bleibt.

Mehr zu mir erfahrt ihr hier:

Shop & Blog: www.la-sariette.com
Instagram : www.instagram.com/la_sariette
Facebook : www.facebook.com/La.Sariette.Provence
Pinterest: www.pinterest.fr/lasariettecontact


Der Beitrag von Sarah ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert.

Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, schickt mir den Text per Mail – und die Fotos bitte immer in Originalgröße. Sind es viele, sendet sie bitte per WeTransfer.com. Oder hängt sie einzeln an die Mails. Merci ! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht.

Merci fürs Teilen!

5 Kommentare

  1. Schöner Bericht!
    Ich wünschte, ich wäre vor 35 Jahren auch mutiger gewesen und nach Frankreich ausgewandert. Leider wäre das ohne Bezugspunkt – wie Verwandte, Bekannte, o.ä. – nur schwer möglich gewesen.
    Die Grenzen existierten damals ja auch noch. Genau wie DM und Franc…

    Egal – in gut zwei Jahren ziehen wir ins Aveyron.

    Schöne Grüsse,
    Bernhard

    • Hallo Bernard! Es ist nie zu spät – und manchmal hängt auch viel vom Zufall ab (wie bei mir)

      Toll dass ihr ins Aveyron zieht!
      Dort ist es auch unglaublich schön… in Frankreich gibt es einfach so viele schöne Orte!

      Viele Grüsse!

  2. Danke Sarah für den schönen Bericht.
    Wir leben im Norden vom Aveyron, an der Grenze zum Cantal und wissen genau was Sie mit Ihrem Bericht sagen wollen.
    Auch hier ist alles einfach, man muss nicht das und das……sondern man darf einfach so sein wie man ist!
    Das mit der Sprache kenne ich nur zu gut. 😆
    Wollte meiner damaligen Kundin (arbeitete einige Zeit als Aide à domicil) den Arzt zum schlucken geben, weil ich Medizin einfach mit medecin übersetzte statt medicaments…..verständlich dass sie sich mit Händen und Füssen weigerte!
    Ihren Shop habe ich vorhin besucht und bin begeistert!
    Weiterhin viel Glück und Spass, Verena

    • Hallo Verena!

      ja die sprachlichen Schwierigkeiten sind anfangs anstrengend und ärgerlich aber ich finde mit der Zeit geben sie hervorragende lustige Anekdoten ab. So wie bei dir auch! Herrlich einfach mal den Arzt schlucken… 😀

      Danke für den Besuch auf meinem Shop – ich suche permanent nach neuen Produkten und lokalen Produzenten. Es tut sich also viel und sein Gesicht verändert sich laufend.

      Viele Grüsse ins Aveyron!
      Sarah

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