Sartène: die Stadt der Blutrache
Sartène – die „korsischste aller korsischen Städte“, wie Prosper Mérimée sie nannte, ist ein Ort voller Geschichte, Legenden und düsterer Dramen. Hier, zwischen den wehrhaften Granithäusern der Altstadt, tobten einst erbitterte Fehden, die in einer Spirale der Blutrache mündeten. Doch Sartène ist mehr als ein Schauplatz von Vendetta und Banditenruhm – es ist eine Stadt voller Traditionen, von mittelalterlichen Prozessionen bis hin zu polyphonem Gesang. Ein Streifzug durch Sartène ist eine Reise in das wilde, ungezähmte Herz Korsikas.
Was waren das einst für blutige Zeiten in Sartène! Was für Emotionen. Welch ein Hass! Was für Fehden! Wer durch den steinernen Torbogen des Rathauses tritt, verlässt das gleißende Licht des Mittelmeers und taucht ein in ein vertikales Labyrinth aus grauem Granit, engen Passagen und düsteren Hinterhöfen. Hier, im Manighedda-Viertel, scheint die Zeit schwer wie Blei an den Fassaden zu hängen. Die fünf- bis sechsstöckigen Wohnhäuser wirken nicht wie Lebensraum, sie wirken wehrhaft, grimmig, verschlossen. Es sind steinerne Zeugen einer Epoche, in der das Fenster des Nachbarn die Mündung eines Gewehrs bedeuten konnte.
Hier tobte sie, die Vendetta. Eine unerbittliche Spirale aus Blut, Ehre und Hass. Wer durch den steinernen Torbogen des Rathauses tritt, taucht ein in ein vertikales Labyrinth aus grauem Granit, engen Passagen und düsteren Hinterhöfen.
Im Labyrinth des Hasses: das Manighedda-Viertel
Düster wirkt das Manighedda-Viertel, das sich wie die Pitraghju-Zitadelle auf einem Felsvorsprung an den Monte Rosso klammert. Abweisend, grimm und grau. Schwer wie Blei scheint die Zeit bis heute hier an den Fassaden zu hängen. Die fünf- bis sechsstöckigen Wohnhäuser wirken nicht wie eine südlicher, einladender Lebensraum, sondern wehrhaft, grimmig, verschlossen. Es sind steinerne Zeugen einer Epoche, in der das Fenster des Nachbarn die Mündung eines Gewehrs bedeuten konnte. Hier tobte sie, die Vendetta. Eine unerbittliche Spirale aus Blut, Ehre und Hass.
Kugelspuren im Granit
Einige Häuser wirken heute verwaist, andere warten dringend auf eine Sanierung. Wer sich Sartène ausschließlich malerisch vorgestellt hat, wird von der feuchten, fast gespenstischen Atmosphäre überrascht. Doch genau dieses ungeschönte, graue, kalte Ambiente braucht es, um die Vehemenz und Leidenschaft der historischen Vendetta zu begreifen. Eine unerbittliche Spirale aus Blut, Ehre und Vergeltung.
Der kleine Lebensmittelhändler U Maggiu hat seine Körbe und Kisten auf das Kopfsteinpflaster gestellt: Coppa, Lonzu und Figatelli werden hier zum Einheitspreis angeboten, flankiert von handgeflochtenen Körben und süßer korsischer Konfitüre – es ist der letzte leuchtende Farbfleck in der schmalen Gasse. Immer höher werden die Häuserfassaden, immer enger scheinen die Mauern zusammenzurücken, während die Rue du Purgatoire, die Straße des Fegefeuers, ihrem Namen alle Ehre macht.
Tödlicher Teufelskreis: die Jahrhundertfehde von Fozzano
Hier die Paoli und Durazzo, dort die Carabelli, Bernadini und Bartoli: Seit Jahrhunderten waren die beiden Familien aus Fozzano verfeindet. Anführerin der partitu suttanu der Carabelli, Bernardini und Bartoli war eine damals 64-jährige, eiskalte wiestrategische Matriarchin, die den Hass im Clan über Jahrzehnte frisch hielt: Colomba Bartoli. Zwar hatten beide Clans auf Druck des Präfekten und des Gouverneurs 1802 offiziell schriftlich ihre Streitigkeiten beigelegt, doch 28 Jahre später flammte auf Korsika der Krieg zwischen den Familien wieder auf.
Am 6. Juni 1830 schossen die Bartolis auf dem Kirchplatz von Fozzano auf die partitu suprana der Paoli und Durazzo. Zwei Männer der Paoli starben im Kugelhagel. Am 24. Oktober 1830 folgte die prompte Rache: Einen Toten und einen Verletzten beklagten die Bartoli nach einer blutigen Auseinandersetzung auf der Straße nach Arbellara.
Am 11. Dezember 1832 erreichten die offenen Kampfhandlungen schließlich das Zentrum von Sartène. Während der wilden Schießereien mitten in den Gassen verschanzte sich die verängstigte Bevölkerung in ihren hohen Festungshäusern. Die Männer der Paoli rannten um ihr Leben durch das steinerne Labyrinth des Manighedda-Viertels. Vergeblich. 1833 folgte die Rache der Paoli und Durazzo im Baracci-Tal. Wieder gab es Tote. Weiter drehte sich die Spirale der Blutrache.
Das Vermächtnis der Colomba
Als der französische Schriftsteller Prosper Mérimée 1839 als Inspektor für historische Denkmäler die Insel besuchte, stieß er in Fozzano auf die Spuren dieser unerbittlichen Vendetta. Er beschloss, die legendäre Colomba persönlich aufzusuchen. Die Begegnung hinterließ tiefen Eindruck: Noch am selben Abend griff er zur Feder und schrieb wie im Rausch die Geschichte des Familienduells nieder. 1841 wurde seine Novelle „Colomba“ veröffentlich. Sie wurde ein Riesenerfolg. Und sorgt bis heute für Touristenströmen in den Gassen von Sartène, das für Mérimée „die korsischste aller korsischen Städte“ war.
Ehren-Banditen
Auch Männer wie Matteo Falcone, der sich vor der Polizei in der Macchia versteckte, waren auf Korsika einst echte Helden – und inspirierten Prosper Mérimée. „Ehrenbanditen“ nannte sie das Volk. Was in der Literatur romantisch verklärt wurde, war in der Realität ein brutaler Krieg gegen die Staatsmacht: Zwischen 1818 und 1852 terrorisierten die Gesetzlosen Verwaltung und Bürger gleichermaßen; rund 4.500 Korsen verloren in dieser Ära ihr Leben. Erst 1935 wurde nach einer Großrazzia der letzte Bandit mit der Guillotine vor dem Gefängnis in Bastia öffentlich hingerichtet: André Spada.
Herz des alten Sartène: Place Porta
Der beste Ort, um die Geister der Vergangenheit abzuschütteln und im heutigen Sartène anzukommen, ist die Place Porta. Den offiziellen Namen Place de la Libération nehmen die Einheimischen bis heute kaum in den Mund. Hier beginnt auch die Fremdenführerin Valérie-Anne Bulliard ihren Rundgang.
Vor der Église Sainte-Marie bauen Mönche aus Costa Rica einen Tisch mit Arbeiten auf, die die Gemeindemitglieder in ihrer Heimat gefertigt haben, um mit den Erlösen aus dem Verkauf die Reise der Geistlichen finanziell zu unterstützen.
Die 1593 an der Ostseite des Platzes vollendete Kirche stürzte 1765 ein und wurde bis Anfang des 19. Jahrhunderts aus Granitquadern wieder aufgebaut. Ein Blick ins Innere lohnt sich: Es birgt einen barocken Hochaltar aus farbigem Marmor sowie die Ketten und das Kreuz der Catenacciu-Prozession. Am anderen Ende des Platzes blickt Pasquale Paoli von der Büste. Im Café de la Paix trinken Touristen bunte Cocktails.
Das freundliche Borgu
Südlich des zentralen Altstadtplatzes zeigt die Ville d’Art et d’Histoire sich weniger abweisend und verschlossen. Lila und rosa blühende Bougainvillea sorgt hier für Farbtupfer auf dem grauen Granit, Treppenwege und Vorgärten sind gepflegter. Auf schmiedeeisernen Balkonen stehen Teakholzstühle, die Ränder der Treppenwege schmücken Blumentöpfe.
Schaurig und gespenstisch: U Catenacciu
Eingelassen in das Pflaster sind immer wieder kreisrunde Messingplaketten, die den Weg des Chemin de Croix du Catenacciu weisen. Alljährlich zu Karfreitag folgt ihm ein unbekannter Büßer bei der U Catenacciu-Prozession. 31,5 Kilogramm schwer ist das Kreuz, das der „Große Büßer“, den Kopf unter einer roten Kappe versteckt, bei der Altstadtrunde tragen muss. Erschwert wird der Gang zum Sündenablass durch eine Eisenkette, die er am rechten Fuß mit sich zieht. Bei jedem Schritt klirren die Ketten, klappert die 14 kg schwere Eisenkugel am Ende der Kette. Ein mittelalterliches Spektakel, schaurig wie der Gesang, der seinen Gang begleitet.
Archaischer Vielklang: die Paghjella
Mittelalterlich und wunderschön ist auch das alte korsische Liedgut, das Jean-Paul Poletti Anfang der 1970er-Jahre wiederbelebt hat. Mit seinem Männerchor trägt der gebürtige Sartenais die polyphonen Gesänge der Insel wie die Paghjella durch Europa bis nach Fernost und in die USA.
Meine Reisetipps: Sartène
Schlemmen und genießen
Markt
In der Saison täglich, von September bis Juni nur am Sonnabend Vormittag auf der Place Porta.
La Cantinetta
Die winzige Weinstube ist seit den 1920er-Jahren ein beliebter Treffpunkt. Heute führt Marie-Dominique die Tradition ihrer Familie fort und bietet eine Auswahl an lokalen Weinen sowie Platten mit regionaler charcuterie und Käse an. Die Atmosphäre ist so gemütlich, dass man gerne auch noch ein zweites Glas bestellt.
• 29, rue Médecin-Capitaine Louis Benedetti, 20100 Sartène, Tel. 04 95 77 08 7
A Cave Sartenaise
In der Altstadt betreibt Guy Ceccarelli eine wahre Schatzkammer für Gourmets. Neben charakterstarken Weinen der AOP Sartène findet ihr hier hier authentische, traditionell gereifte Bauerncharcuterie von freilaufenden Schweinen sowie exzellenten Schaf- und Ziegenkäse, die gleich vor Ort genossen werden können.
• 2, rue Borgo, 20100 Sartène, Tel. 04 95 77 10 17, www.lacavesartenaise.com
La Bergerie d‘Acciola
Auch, wenn er etwas stinkt: Der Bauernkäse casgiu casanu, den die Käserei auf einem kleinen
Mittagstisch serviert, ist köstlich.
Oder genießt eine Käseterrine mit Kräutern oder herzhafte Kastanienmehl-Pfannkuchen zum Wein der Region.
• Route de Bonifacio, Tel. 04 95 77 14 00, www.instagram.com/bergerie.acciola; an der Straße Sartène-Bonifacio, 8 km außerhalb, nur Mitte Juni – Mitte Sept.
U Santu Pultru
Nur wenige Kilometer von Sartène entfernt könnt ihr in diesem Reitzentrum authentische korsische Traditionsküche genießen. Fürs passende Flair sorgt das rustikale Ambiente mit Natursteinmauern, Holzbalken und einem Bauerngarten mit weißen Schmiedeeisentischen
In der Küche stehen regionale Zutaten im Mittelpunkt. Das Bio-Kalb- und Rindfleisch stammt aus eigener Aufzucht, Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten oder von lokalen Produzenten. Serviert werden deftige Gerichte: herzhafte Suppen und Eintöpfe, zartes Lamm, hausgemachte Cannelloni mit Brousse-Käse und ein erfrischender Erdbeersalat mit Kräutern – ein kulinarischer Genuss inmitten der Natur.
• D48, 20100 Sartène, Tel. mobil 06 82 33 61 28, www.randochevalcorse.fr
Erleben
Führungen
Mich hat die Korsin Valérie-Anne Bulliard kenntnisreich wie charmant durch Sartène geführt. Sie bietet auch begleitete Touren durch die Megalithstätten von Cauria an!
• Tel. 06 18 04 46 97, E-Mail: locu.logos@gmail.com
Zeitreise durch die Vorzeit
300.000 Jahre Menschheitsgeschichte in einem Flachbau oberhalb der Stadt: Nicht nur die Sammlung von der Vorzeit bis zum Erbe der Römer lohnt einen Besuch, auch die Aussicht ist einmalig! Ausgestellt sind Waffen, Schmuck, Vasen, steinernes Werkzeug, Menhire und Mosaiken – eine perfekte Ergänzung zu den Ausgrabungen von Filitosa und Cauria!
• Musée d’archéologie de la Corse, Boulevard Jacques Nicolaï, 20100 Sartène, Tel. 04 95 77 01 09, www.isula.corsica
Hier könnt ihr schlafen
Hôtel des Roches*
Die Zimmer sind klein, sauber und ordentlich, im Restaurant genießen die Einheimischen mit den Gästen typisch korsische Küche bei einem Ausblick, der einfach nur eines ist: wow! Wer mag, bucht hier*.
• Avenue Jean Jaurès, 20100 Sartène, Tel. 04 95 77 07 61, https://les-roches-sartene.com
Heidis Escape
Naturcamping mit kleinem Strand am Ortolo; nur für kleine Camper und Zelte geeignet. Sanitärblock am Dusche, WC; ohne Strom und Wasser am Stellplatz.
• Ranfonu, Barrage de l’Ortolo, 20100 Sartène, mobil 06 10 39 14 29, GPS: N 41°33’29.8692” E 8°58’58.1196”
Noch mehr Betten*
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Im Buch
Jenny Hoch: Gebrauchsanweisung für Korsika*
33 Sommer hatte Jenny Hoch auf der Insel verbracht. Doch erst seitdem sie quasi hier lebt, wird sie langsam von den Einheimischen ins Herz geschlossen und integriert, erzählt die Journalistin und Buchautorin, die heute mit ihrer Familie die Tradition ihrer Eltern fortsetzt. Seit sie vier Jahre alt war, sei sie jedes Jahr auf Korsika gewesen, als Kind, als Teenager, als Erwachsene. Immer am selben Ort, immer glücklich, gerade dort zu sein. „Ich weiß, wo am Strand der Rutschfelsen ist, wie die Wellen sich brechen”, erzählte sich bei einer Lesung im Feriendorf zum Störrischen Esel.
Ihre persönlichen Erfahrungen machen den Reiz dieses Bandes der insgesamt sehr zu empfehlenden Taschenbuchreihe im Piper-Verlag aus. Jenny Hoch hat sie hintergründig wie humorvoll zu Papier gebracht. Dazu noch ein paar Daten und Fakten: ein perfekter Einstieg, um sich mit der Insel zu beschäftigen. Besser kann keine Reiseplanung beginnen! Wer mag, kann das Werk hier* online bestellen.
Zum Träumen: Das Haus auf Korsika*
Mit wenig Geld und Aufwand hat Pierre Duculot 2011 einen meiner Lieblingsfilme gedreht, die Geschichte eines Ausbruchs, Sich-Findens, der Rückkehr zu den Wurzeln. Und eine Geschichte des Mutes. Ausgelöst durch die Erbschaft eines Hauses, das Christina erbt.
Die Hauptfigur, fast 30, lebt seit zehn Jahren mit ihrem Freund zusammen, jobbt in der Pizzeria ihres Schwiegervaters, überlebt im belgischen Charleroi. Ein eigenes Leben nach ihren Vorstellungen? Das ist ein Luxus, den sie sich nicht leisten kann. Und mit der Erbschaft doch wagt. Sie macht auf den Weg in den Süden. Und verliebt sich – in die geerbte Bruchbude, die Insel, einen neuen Mann. Wer mag, kann den Film hier* online bestellen.
Jean Renard, Der Kopf des Korsen*

Der Klappentext hatte mich neugierig gemacht: „Die Polizisten Andreotti und Lefevre haben nicht viel gemeinsam. Nur das Kopfgeld, das der Pate von Paris auf sie ausgesetzt hat, und die Versetzung nach Korsika, die ihren Hals retten soll. Auf der ‚Insel der Schönheit‘ wartet jedoch bereits die nächste Blutrache. Schon bald stehen die ungleichen Sonderermittler im Kreuzfeuer zweier verfeindeter Clans. Doch hinter den bizarren Morden dieser Vendetta steckt mehr, als es den Anschein hat – und ein Trio Psychopathen ist bereits unterwegs, um sich das Kopfgeld zu verdienen.“
Klingt gut, dachte ich, begann zu lesen. Und wartete auf den Moment, dass der Krimi mich so fesseln würde, das ich ihn nicht mehr als der Hand legen würde. Was der Münchner Journalist Hans Fuchs unter dem Pseudonym Jean Renard verfasst hat, wäre ein tolles Drehbuch für einen Action-Thriller gewesen, mit schnellen Cuts, Szenen, die an Grenzen gehen, tollen Landschaften.
Aber ein Buch braucht mehr. Tiefgang, Dialoge, fesselnde Übergänge, Sprache, die fasziniert, Kopfbilder freisetzt. Manchmal ist das Jean Renard gelungen. Und mitunter habe ich schallend gelacht. „Frag die Alten und verprügele die Jungen“: herrlich, wie der „Fuchs“ (denn nichts anderes heißt renard) das Resümee aus dem „Asterix auf Korsika“-Comic als Klischee für die Insel aufgegriffen hat.
Ein letzter Wermutstropfen: Schade, dass das Titelbild, das Bonifacio zeigt, so gar nichts mit dem Ort der Handlung zu tun hat. Ein Motiv vom Norden Korsikas hätte besser gepasst. Und dann bleibt die Fragen, ob manche Fehler Absicht sind: Ajaccio hat als Kennzeichen 2A und nicht 1A. Und soll die Kneipe wirklich Montaigne (=frz. Philosoph) oder nicht doch: Montagne (=Berge) & Mer heißen? Wer mag, kann den Band hier* direkt bestellen.
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