Der Eingang zur Cité des Sciences et de l'Industrie im Parc de la Villette. Foto: Hilke Maunder
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La Villette: der Kulturpark von Paris

Auf dem Gelände des ehemaligen Pariser Schlachthofs, der mit den Großmarkthallen nach Rungis verlegt wurde, entstand ab Mitte der 1980er-Jahre unter Leitung von Bernard Tschumi und Adrian Fainsilber der 55 Hektar große Kultur- und Freizeit- und Wissenspark La Villette.

Sein Herz bildet die Cité des Sciences et de l’Industrie. Die gigantische, glasverhängte Stadt der Wissenschaften und Industrie will nicht schulmeisterlich, sondern mit viel Kreativität und Spaß Wissenschaft und Technik nahebringen. Wasserbecken umgeben das 270 Meter lange, futuristische Gebäude von Adrian Fainsilber aus Beton und Stahl. Gewächshäuser verschiedener Klimazonen rahmen es ein. Kreisrunde Kuppeln holen das Sonnenlicht über ein System beweglicher Spiegel herein.

Cité des Sciences et de l’Industrie: Abenteuer Wissenschaft

Im Inneren kommt ihr zunächst in ein glasüberkuppeltes Atrium. Rolltreppen führen dort vom Foyer hinauf zur Dauerausstellung Explora, die sich auf drei Ebenen Themen wie der Kommunikation, Energie, Medizin, Luftfahrt und Weltraum sowie den Ozeanen, Verkehrsmitteln und den Ressourcen der Erde widmet.

Wer Lust hat, kann sich im Flugsimulator als Pilot versuchen oder sein Gewicht auf der Erde, im All und auf dem Mars messen lassen. Exponate, die sich tatsächlich berühren oder ansehen lassen, gibt es nur wenige. Die Ausstellung verlässt sich auf die Attraktivität der interaktiven Stationen und Exponate. Vor allem ältere Besucher stören sich mitunter an der multimedialen Dominanz, die sie auf Dauer ermüdet. Für die Jüngeren ist die digitale Welt längst Teil des Alltags und genauso real wie echte Exponate.

Unter der 21 Meter hohen Kuppel des Planetariums simulieren Spezialprojektoren die Welt der Sterne und den Lauf der Planeten. Gesundheit und Berufswahl sind Themen im Untergeschoss. Auch ein Erlebnis ist das Aquarium.

Cité des Enfants & Cité des Bébés

Die Cité des Sciences et de l’Industrie richtet sich heute gezielt an drei Altersgruppen. Die allgemeine Dauerausstellung wendet sich an alle, die älter als zehn Jahre alt sind. Drei- bis Zehnjährige können in der 2025 völlig neuem designten Cité des Enfants in fünf Themenwelten – vom „Haus der Rätsel“ bis zu gigantischen „Wasserlandschaften“ – spielerisch die Grundprinzipien der Naturwissenschaften kennenlernen. Völlig plastik- und bildschirmfrei ist die die Cité des Bébés, die auf sinnliches Erleben ausgelegt ist – mit weichen Böden, hölzernen Kletterelemente und Vorleseecken. Hinein geht’s nur ohne Schuhe – und mit ausgeschaltetem Handy.

La Géode : Kino in XXL

Ein Mantel aus poliertem Chromnickelstahl umgibt den futuristischen Kugelbau des Sphärenkinos La Géode. In ihren 6.433 Dreiecken spiegeln sich der Himmel und die Parkanlagen – ein Anblick, der seit der Eröffnung 1985 nichts von seiner Faszination verloren hat. Nachts wird die Metallkugel angestrahlt und synthetisiert ihren eigenen Sternenhimmel über dem Wasserbecken der Cité des Sciences.

Außergewöhnlich wie die Architektur ist auch das Innenleben, das nach mehrjähriger Modernisierung im Frühjahr 2025 in eine neue Ära gestartet ist. Unter der Leitung von Pathé wurde das Kino mit neuester IMAX-Laser-Technologie ausgestattet.

Legt euch in die Schalensitze und genießt auf der 1.000 m² großen Halbkugel-Leinwand Dokumentarfilme in einer Bildschärfe, die fast realer wirkt als die Wirklichkeit. Der 12-Kanal-Stereoton mit gewaltigen 12.000 Watt sorgt dafür, dass ihr das Grollen eines startenden Space Shuttles, das Rauschen der Ozeane oder die Liveübertragungen von Opern und Konzerten bis in die Magengrube spürt

Das Sphärenkino La Géode der Cité des Sciences et de l'Industrie von La Villette. Foto: Hilke Maunder
Das Sphärenkino La Géode der Cité des Sciences et de l’Industrie von La Villette. Foto: Hilke Maunder

L’Argonaute : ab ins U-Boot

Vor dem Museum liegt das 1957 gebaute U-Boot L’Argonaute, das bis 1982 mehr als 10.000 Tage auf See verbracht und mit 250.000 Seemeilen dabei die Erde mehr als zehnmal umrundet hat. Bevor ihr an Bord geht, solltet ihr euch die schiere Logistik vor Augen führen: Um das 400 Tonnen schwere Ungetüm 1989 an seinen heutigen Platz zu bringen, musste es vom Meer über den Canal de l’Ourcq geschleppt werden. Da die Brücken zu niedrig waren, wurde das Boot teilweise demontiert und schließlich mit einem der größten Kräne Europas millimetergenau auf sein Fundament gehoben.

Im Inneren herrscht eine beklemmende Enge. 40 Männer teilten sich den begrenzten Raum, schliefen im Schichtbetrieb in winzigen Kojen und navigierten durch die Tiefen des Ozeans. Ein Audioguide lässt euch in den Alltag der „Ohren“ eintauchen – jener Akustiker, die damals jedes Geräusch im Wasser identifizieren mussten. Blickt durch das Periskop, das noch immer voll funktionsfähig ist, und werft einen Blick auf das Radar. Draußen vor dem Rumpf verrät eine Ausstellung weitere Details zur Technik der Propeller und zur Geschichte der Unterwasser-Kommunikation.

L'Argonaute: Auch das U-Boot von La Villette könnt ihr besichtigen! Foto: Hilke Maunder
Auch das U-Boot L’Argonaute von La Villette könnt ihr besichtigen! Foto: Hilke Maunder

Chansons, Cabaret und Weltmusik

In der einstigen Kantine der Schlachter begeistert Le Hall als Centre National du Patrimoine de la Chanson mit Multimedia-Shows: Barbara, Brassens und Brel – wer sich für das französische Chanson interessiert, sollte hier vorbeischauen. Umgeben von rotem Plüsch, dunklem Holz und tausend Spiegeln speist ihr im Zelttheater des Cabaret Sauvage. Plötzlich schwebt ein Trapezkünstler zur Erde und … lasst euch überraschen!

Ein Labor für junge urbane Kunst ( WIP = Work In Progress ) ist die alte Rotunde der Schlachthof-Veterinäre am Eingang Porte de la Villette. Rockkonzerte, Musicals oder Varietés – der 1983 von Philippe Chaix und Jean-Paul Morel konzipierte Konzertsaal Le Zenith hat Platz für 6.400 Zuschauer. In-Location für Jazz, Blues, Funk und Weltmusik ist die Bühne vonLe Trabendo, das die Finnen Ahonen und Lamberg einrichteten. Den Rolling Stones gefiel es so gut, dass sie hier 2012 einen Clip drehten. Auf der Terrasse servierenFood Trucks beim Konzert Street Food aus aller Welt.

Kunst, Kuriositäten und junges Theater

Was für ein Tempel für 4600 Rinder! Jules de Mérindol entwarf 1865 für Baron Haussmann mit der 18.000 Quadratmetern großen Grande Halle Frankreichs größte Ochsenhalle als elegante Gusseisenkonstruktion. Glas und Eisen prägen sie auch nach dem Umbau von Bernhard Reichen und Philippe Robert.

Das Duo revitalisierte den Bau 2007 für Ausstellungen, Konzerte, Theater und Modenschauen. Dazu teilten sie ihn in die drei Bereiche La Nef, L’espace Charlie Parker und das Auditorium Boris Vian auf.

La Villette: La Grande Halle. Foto: Hilke Maunder
La Villette : La Grande Halle. Foto: Hilke Maunder

Aus weißem Marmor erbaute der Katalane Oscar Tusquets 1991 die Halle Little Villette als Kultur- und Kreativzentrum für junge Besucher. Heute tobt hier am Mittwoch und am Wochenende nachmittags der Nachwuchs, baut mit Lego, entdeckt Holzspielgeräte von einst, staunt im Kuriositätenkabinett, malt, bastelt und liest.

Ein Sprungbrett für neue Autoren und Bühne für junges Theater ist seit mehr als 30 Jahren das von Valérie Dassonville und Adrien de Van geleitete Théâtre Paris-Villette, das mit 300 Plätzen in drei Sälen in der neoklassizistischen Lederbörse residiert.

Die Philharmonie von Paris. Foto: Hilke Maunder
Architektur-Ikone von La Villette : die Philharmonie de Paris. Foto: Hilke Maunder

Cité de la Musique • Philharmonie de Paris

Jean Nouvel, der für Paris auch das Institut du Monde Arabe und das Musée du Quai Branly entworfen hat, erbaute mit den Akustikspezialisten Harold Marschall und Yasuhisa Toyota die Philharmonie de Paris.

Als Sitz des Pariser Orchesters begeistert sie seit 2015 mit einem hochklassigen wie überraschenden Konzertprogramm. Das futuristische Gebäude aus Beton und geschwungenem Aluminium besitzt einen großen Konzertsaal mit 2400 Plätzen und einer Bühne mitten im Saal. Kein Sitzplatz ist mehr als 30 Meter von den Musikern entfernt!

Teil der Philharmonie: die Cité de la Musique im Park von La Villette. Foto: Hilke Maunder
Die Cité de la Musique im Park von La Villette. Foto: Hilke Maunder

Christian de Portzamparc entwarf für die Cité de la Musique • Philharmonie de Paris zwei Konzertsäle mit 900 bzw. 250 Plätzen. Mehr als 4500 Instrumente aus aller Welt, darunter ein Klavier von Chopin, die Gitarre von Georges Brassens und sechs Violinen von Stradivari, zeigt das Musée de la Musique und lässt sie bei Nachmittagskonzerten von 14 bis 17 Uhr erklingen.

Schönstes der vier Lokale der Musikstadt ist Le Balcon in der sechsten Etage der Philharmonie mit Traumaussicht von der Terrasse. Kostenlose Fernblicke eröffnet das begehbare Dach in 37 Meter Höhe. Die Aussicht vom Dach ist wahrhaft atemberaubend, kann aber wetterbedingt gesperrt sein.

Zeitgenössische Musik präsentieren die Konzerte im angrenzenden Centre de documentation de la musique contemporaine, das in seiner Mediathek Zugriff auf 16.000 Werke des zeitgenössischen Musikschaffens bietet.

Die Philharmonie von Paris. Foto: Hilke Maunder
Aussichtsreicher Panoramapfad: der Sentier du Belvédère. Foto: Hilke Maunder

Die Folies von La Villette

Aufs gesamte Areal von La Villette setzt Bernard Schumi auch 26 knallrote Folies, futuristische Pavillons, immer im Abstand von genau 120 Metern. Der Architekt ließ sich dabei von den „Verrücktheiten“ ( folies ) barocker Schlossgärten inspirieren – jener Zierbauten, die oft keinen anderen Zweck hatten, als das Auge zu erfreuen.

Doch hier sind sie mehr als reine Dekoration. Tschumi entwarf sie nach dem Baukastenprinzip: Jede Folie basiert auf einem Kubus mit einer Kantenlänge von 10,80 Metern, der jedoch individuell zerlegt, ergänzt oder variiert wurde. Mal wächst eine Wendeltreppe aus dem Würfel, mal ein schräges Dach oder eine Aussichtsplattform. In einer findet ihr ein gemütliches Café, in einer anderen ein Informationszentrum, ein Kindertheater oder sogar ein Labor für digitale Künste.

Besonders abends, wenn die roten Konstruktionen beleuchtet werden, entfalten sie eine fast grafische Wirkung und bilden den perfekten Kontrast zum satten Grün der Wiesen und dem grauen Stahl der großen Hallen. Sie sind die „roten Fäden“, die das riesige Kulturareal zusammenhalten.

Eine der folies im Park von La Villette. Foto: Hilke Maunder
Eine der folies im Park von La Villette. Foto: Hilke Maunder

Überraschende Gärten

Wände aus beweglichen Segeln, Wellen aus Luftkissen und Schiffsrümpfe – der Jardin des Dunes ist einer der zehn Themengärten, die verspielt, nostalgisch, natürlich oder avantgardistisch La Villette begrünen – und überraschen. Denn wer im Jardin des Miroirs auf die 28 Monolithen aus Beton zurückblickt, sieht plötzlich eine Landschaft mit Kiefern und Buchen in 28 Spiegeln reflektiert.

Auf den Wiesen, prairies genannt, könnt ihr spielen, picknicken und im Sommer beim Freilichtkino Filme in Originalfassung oder das Jazzfestival genießen. Dann werden Liegestühle vermietet. Sonntags könnt ihr im Juli und August um 17.30 Uhr am Musikpavillon zu Livemusik das Tanzbein schwingen.

La Villette: Badespaß im Kanal. Foto: Hilke Maunder
La Villette: Badespaß im Kanal. Foto: Hilke Maunder

Die Ferme de la Villette

 Im Südosten von La Vilette eröffnete 2026 die erweiterte Ferme de la Villette bei der Halle de Rouvray. Nach ihrer Fertigstellung und einem Umbau im Jahr 1934 diente der Industriebau dem staatlichen Kanalservice ( Service des Canaux ) jahrzehntelang als Werkstätten. Bis zum Jahr 1994 waren in der Halle eine Metallschlosserei( métallerie ) und eine Schreinerei( menuiserie ) untergebracht, die Bauteile für die Instandhaltung der Pariser Kanäle – Schleusentore oder Geländer – fertigten.

Auf den grandes pâtures der Ferme de la Villette grasen Esel, Schafe, Ziegen und andere Nutztiere, auf dem Beton der einstigen Schafmärkte zeigen diejardins passagers einen Mix aus Nutzpflanzen, Wildkräutern und mediterraner Flora in Hochbeeten und am Boden. Zum „Feld der Vögel“ gehören ein Getreidefeld, wo zwischen Gerste, Hafer oder Weizen Kornblumen und Klatschmohn blühen, eine Wildblumenwiese und Waldstücke als Rückzugsort für die Pariser Spatzen, Meisen und Rotkehlchen.

Der Kulturpark von La Villette endet am 108 Kilometer langen Canal de l’Ourcq, der am Bassin de la Villette in den Canal Saint-Martin übergeht – einer wunderschönen Bummelstrecke zurück ins Stadtzentrum. Packt im Sommer das Badezeug ein. Denn heute ist das Bassin de la Villette so sauber, dass ihr dort ins Wasser springen könnt!

Eine Institution am Kai ist die BarOurcq. Genießt im Liegestuhl einen Kaffee oder Cocktail oder spielt eine Runde Boule. Leihkugeln gibt es am Bartresen. Im Juli und August verkehren während des Festivals Été du Canal zwischen Paris und Seine-Saint-Denis Ausflugsschiffe.

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Im Blog

Wer von La Villette Richtung Stadt bummeln möchte, folgt vom Bassin de la Villette dem Band des Canal Saint-Martin.

Alle Beiträge zu Paris vereint diese Kategorie. Sämtliche Ziele und Themen, die ich in meinem Online-Magazin nach Départements und Regionen vorstelle, findet ihr zentral vereint auf dieser zoombaren Karte.

Im Buch

Hilke Maunder, Baedeker Paris*

1975 kam ich dank Interrail zum ersten Mal nach Paris und übernachtete in einem einfachen Sleep-in in der Rue de Turenne. Damals ahnte ich noch nicht, dass diese Stadt mich ein Leben lang begleiten würde. In den Jahren danach verbrachte ich fast jedes Jahr viel Zeit in der Kapitale: als junge Frau, die im 18e Arrondissement als Kellnerin jobbte, später mit Partner, schließlich mit meiner Tochter. Und bis heute fehlt mir etwas, wenn ich Paris nicht immer wieder neu erlaufen, erradeln oder durch das Labyrinth der Métro durchstreifen kann.

Aus dieser langjährigen, sehr persönlichen Beziehung zur Stadt ist mein Baedeker Paris* entstanden. Er versteht Paris nicht nur als Ansammlung berühmter Sehenswürdigkeiten, sondern als lebendige, vielschichtige Metropole, die sich mit jeder Reise neu erschließt. Natürlich findet ihr darin die großen Klassiker – vom Louvre über die Île de la Cité bis zum Eiffelturm –, doch ebenso wichtig sind mir die besonderen Orte, die leisen Viertel, die kleinen Entdeckungen abseits der Postkartenmotive.

Neben verlässlichen Fakten, übersichtlich aufbereiteten Karten und praxisnahen Tipps erzähle ich von ungewöhnlichen Details, kleinen Anekdoten und Momenten, die man nicht planen kann, die aber oft die schönsten Erinnerungen hinterlassen: ein Tanz unter freiem Himmel, ein unerwarteter Blick von oben, ein Abendessen, das länger dauert als gedacht. Genau diese Mischung aus Orientierung und Inspiration soll euch dabei helfen, Paris auf eure ganz eigene Weise zu erleben. Wer mag, kann meinen Paris-Reiseführer hier* bestellen.

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