Musenfrachter: die Seine Musicale von Paris

Ein "Frachter" der Musik: die Seine Musicale. Foto: Hilke Maunder
Ein "Frachter" der Musik: die Seine Musicale. Foto: Hilke Maunder

Im April 2017 hatte das Warten ein Ende. Fast 70 Jahre lang war die Seine im Westen von Paris mit ihren Inseln und dem Ufer von Boulogne-Billancourt fest in der Hand der Autobauer gewesen. Wo Citroën einst seine Wagen zusammenschraubte, erstreckt sich seit 1992 der Parc André Citroën – der einzige Pariser Park mit Seine-Zugang!

Auf dem Renault-Gelände der Île Seguin in Boulogne-Billancourt, von 1992 bis 1992 Standort  eines großen Werkes, eröffnete am 21. April 2017 eine neues kulturelles Wahrzeichen der Kapitale: die Seine Musicale.

Sino-französisches Architekten-Tandem

Bevor Shigeru Ban 2013 als Gewinner eines internationalen Wettbewerbes den Zuschlag für den Bau eines Musikzentrums mit zwei Konzerthallen, Aufnahmestudios sowie Proben- und Unterrichtsräume gewonnen hatte, hatte es bereits andere Pläne zur Transformation der Industriebrache in eine Kultur-Insel gegeben.

Die Fondation Pinault hatte dort ein Kunstmuseum nach Plänen von Andos im Visier (jetzt residiert es in der Punta Dogana von Venedig). Auch der Masterplan von Jean Nouvel scheiterte acht Jahre später. Pinault jedoch kommt dennoch nach Paris. Und zieht 2019 mit seiner Kunstsammlung in die ehemalige Getreidebörse im Hallenviertel.

Erbaut von franco-japanischem Team

Doch jetzt ist der Bau, für den der japanische Architekt Ban den Franzosen Jean de Gastines mit ins Boot holte, vollendet. Shigeru Ban kennt ihr vielleicht noch von der EXPO 2000 in Hannover. Dort hatte er mit Kartonröhren gezeigt, was man aus Papier alles bauen kann. Für seine papiergestützten Notbauten in Katastrophengebieten hat 60-Jährige aus Kobe 2014 den Pritzker-Preis erhalten.

Jean de Gastines, ebenfalls 1957 geboren,  hat mit Ban bereits 2005 bei der Cité Manifeste von Mulhouse zusammengearbeitet sowie 2012 beim Umbau des Musée du Luxembourg in Paris.

Eine Brücke führt von beiden Seiten des Seine-Ufers zur Seine Musicale. Foto: Hilke Maunder

La Seine Musicale

Am 21. September 2016 verriet der Präsident des Conseil Départemental des Hauts-de-Seine, Patrick Devedjian, voller Freude den offiziellen Namen für das neue Musik-Mekka: La Seine Musicale.  Möglich wurde der 170-Millionen-Bau durch eine Public-Private-Partnership: 120 Millionen Euro übernahm das Département Hauts-de-Seine, die restliche Summe deckten private Investoren.

Ursprünglich war die Eröffnung für Ende 2016 geplant. Tatsächlich wurde am 21. April 2017 gefeiert – im Frühling als Zeichen des Aufbruchs. Denn seit Brexit brummt die Kapitale, ist La Defense wieder enorm gefragt, explodieren die Mieten. Und die Gründungen neuer Unternehmen, für die Paris zahlreiche Start-Up-Center eingerichtet hat.Auch in Boulogne-Billancourt wird allerorten gebaut, erfindet sich die Stadt neu.

Ihr könnt die Seine Musicale umrunden auf einer Promenade. Foto: Hilke Maunder

Musikfrachter mit Ei

Von außen erinnert er mich der Komplex, den ich bislang leider nur von Entwürfen und Visualisierungen kenne, an eine Megajacht oder einen Frachter mit 45 m hohem, gold-grünen Ei. Je nach Tageszeit schimmert es in unterschiedlichen Farben – denn seine Betonschale ist auf 800 qm mit Solarpanelen überzogen.

Drinnen birgt der 36.500 Quadratmeter großer Komplexer ein Auditorium (1.150 Plätze) und einen Großen Saal (4.000 Sitz- bzw. 6.000 Stehplätze), der flexibel umgebaut werden kann dadurch für Veranstaltungen aller Art umgebaut werden. Nagata Acoustics und Jean-Paul Lamoureux tüffelten die perfekte Akustik beider Säle aus.

Harte und weiche Formen, verbunden in Harmonie: Detail der Seine Musicale. Foto: Hilke Maunder

Vielfalt für alle

Eine Frankreich-Premiere: Nur hier, in der Seine Musicale, können künftig sechs Veranstaltungen innerhalb von 48 Stunden stattfinden. Ähnlich Hamburger  Elbphilharmonie will die Seine Musicale  allen Menschen den Zugang ermöglichen und die Facetten der Musik in ihrer gesamten Bandbreite aufrollen. Für Kinder und Erwachsene, für Amateure und Profis,. Mit Klassik, Pop und allen anderen Genres, die klingen.

Für das Kulturprogramm der Seine Musicale zeichnet Jean-Luc Choplin verantwortlich, der für die neue Aufgabe im Dezember 2016 dem Théâtre du Châtelet adieu gesagt hatte, das er seit 2004 geleitet hatte.

Diese Vielfalt spiegelte auch das Eröffnungsprogramm wieder. Mit „Portes Ouvertes“:, einem Tag der Offenen Tür mit Führungen durch das Bauwerk, Showcases und Konzert der Maîtrise des Hauts-de-Seine  unter Leitung von Gaël Darche.

Das Dach der Seine Musicale. Foto: Hilke Maunder

Als Vorpremiere gab es ein Bob Dylan-Konzert, am 22./23. April das offizielle Einweihungskonzert mit dem Insula Orchestra als Residenzorchester unter Leitung der Dirigentin Laurence Equilbey, Gastsolisten waren die Sopranistin Sandrine Piau, die Mezzo-Sopranistin Anaïk Morel, derTenor Stanislas de Barbeyrac, der Baritonsänger Florian Sempey und der Piani

Tipp: Verpasst nicht den 7.200 qm großen Dachgarten. Der Blick auf Boulogne, Sèvres, Meudon, die Seine und den fernen Westen von Paris ist fantastisch! Hinauf kommt ihr per Fahrstuhl (5. Stock) oder der breiten Freitreppe, die eine Skulptur von Rodin schmückt.

Die Freitreppe zur Dachterrasse der Seine Musicale. Foto: Hilke Maunder

Auch Kunst zieht auf die Insel!

Der jungen französischen Kunstszene will sich ein neues Museum widmen, das 2021 eröffnen will. Gezeigt werden sollen die Sammlung des Baulöwen Laurent Dumas (Emerige) mit Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und zeitgenössische Installationen sowie die Kunstsammlung Renault mit 350 Werken – Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen. Höhepunkt der fotografischen Sammlung sind 200 Originalaufnahmen von Robert Doisneau.

„La Défense“ (1879) von August Rodin schmückt die Freitreppe der Seine Musicale. Foto: Hilke Maunder

Dritte im Bunde ist die Fondation Giacometti, die vor allem das Programm des Kunstzentrums mitgestalten will. Geplant ist ferner ein Kunst-Hotel, das in jedem seiner 220 Zimmer Kunst zeigt. Auch hier könnt ihr künftig vom Dach – mit Pool Bar und Panoramaterrasse – neue atemberaubenden Ansichten von Paris genießen.

Über die Kunst und Musik hinaus erhält die revitalisierte Île Seguin auch eine Einkaufspassage mit Restaurants, Bars, Geschäften, acht Kinos und einen Erholungspark.

„Daumen hoch“ für die Seine Musicale sagt auch César mit „Pouce“, einer Bronze aus dem Jahr 1994. Foto: Hilke Maunder

Weiterlesen

Mein Reiseführer

Baedeker Paris 2018Monatelang habe ich recherchiert und gewühlt, ehe ich zur Feder griff.  Und danach mit Dr. Madeleine Reincke als Redakteurin im Verlag an ihm feilte. Am 2. Januar 2018 ist „mein“ Baedeker „Paris“ in der ersten Staffel des völlig neu konzipierten Reiseführer-Klassikers erschienen.
„Tango unter freiem Himmel: Die Stadt der Liebe: Der neue Reiseführer ‚Paris‘ zeigt – neben Sehenswürdigkeiten – besondere Orte für Höhenflüge, romantische Momente wie ‚Tango unter freiem Himmel‘ und unvergessliche Dinners. Dazu gibt’s viele Kulturtipps…“  schrieb die Hamburger Morgenpost über meinen Paris-Führer, der viele neue Elemente enthält.

Zu den Fakten, neu und unterhaltsamer präsentiert, gibt es jetzt auch Anekdoten und Ungewöhnliches, was ihr nur im Baedeker findet. Und natürlich ganz besondere Augenblicke und Erlebnisse, die euren Paris-Aufenthalt einzigartig und unvergesslich machen.

Wer mag, kann meinen Paris-Reiseführer hier* bestellen.

Paris in Biographien

Merian: Paris - eine Stadt in Biografien.

Jede große Metropole wird nicht nur von ihren Gebäuden, Straßenzügen und Plätzen geprägt, sondern in erster Linie von den Menschen, die in ihren Mauern leben und arbeiten. Dieses Konzept steht hinter der erfolgreichen Reisebuchreihe MERIAN porträts. Die Bremerin Marina Bohlmann-Moderson, Enkelin des Worpsweder Malers, hat für die Reihe das sehr lesenswerten Paris-Büchlein verfasst.

Auf jeweils acht bis zehn Seiten portraitiert sie Abélard & Héloïse, Henri IV, Louis XIV, Voltaire, Marie Antoinette, Napoléon, Honoré de Balzac, Victor Hugo, Claude Monet, Auguste Rodin, Auguste Escoffier, Marie Curie, Sidonie-Gabrielle Colette, Pablo Picasso, Coco Chanel, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Edith Piaf, Boris Vian, Francois Truffaut und Yves Saint Laurent…

Und das nicht nicht nur anhand nüchterner Fakten. Sondern zieht Verbindungen zum heutigen Paris, erwähnt humorvoll Anekdoten und führt den Leser mit Esprit und schwungvoller Feder durch die Stadtgeschichte. Dank ihrer Portraits verankert sie sich viel tiefer im eigenen Wissen  als die kompakte Faktenflut, die andere Reiseführer liefern. Wer Paris ein wenig kennt, wird das Bändchen schätzen!Und kann es  hier* gleich bestellen.

* Durch den Kauf über den Referral Link, den ein Sternchen markiert, kannst Du diesen Blog unterstützen und werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci!

Die große Multimedialeinwand der Seine Musicale. Foto: Hilke Maunder
Merci für's Teilen!

5 Kommentare

      • Oh, das freut mich, liebe Hilke. Das klingt nach Aufbruchsstimmung. Hier wurde – vor den Wahlen – doch häufig berichtet, dass die Franzosen angesichts der wirtschaftlichen und politischen Lage recht deprimiert seien. Bleibt zu hoffen, dass das Vorschussvertrauen, das die die Franzosen mit ihrer Wahentscheidung zum Ausdruck gebracht haben, nicht enttäuscht wird.
        Meilleurs voeux,
        Elisabeth

  1. Salut Hilke, vielen Dank für die ausführlichen und interessanten Tipps zur neuen Kultstätte “ La Seine Musicale“ in Paris. Das werde ich mir sofort für den nächsten Paris-Besuch fest einplanen. In der Hoffnung, dass die Ticketsituation etwas entspannter ist als in der Hamburger Elbphilharmonie. Paris ist und bleibt eben eine Reise wert. Salut, Claudine

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.