Radeln an der Seine: von der Metropole zum Meer

Le Havre: Strandvillen der Belle Époque säumen den Kiesstrand. Foto: Hilke Maunder
Le Havre: Strandvillen der Belle Époque säumen den Kiesstrand. Foto: Hilke Maunder

Rauf aufs Rad zur Zeitreise durch 1100 Jahre auf 160 Kilometer! Folgt von Paris aus dem Band der Seine, die sich als blaues Band in weiten Schleifen Richtung Küste windet.

Jahrhunderte lang hat der Strom die Geschichte und Geschicke der Normandie geprägt. Sie hat Maler inspiriert – und mit gefürchteten mascarets, Gezeitenwellen, so manches Leben verschlungen.

Banlieue de Paris: Saint-Germain-en-Laye. Foto: Hilke Maunder
Beim Ausgang der Vorortbahn seht ihr das Schloss von Saint-Germain-en-Laye. Foto: Hilke Maunder

Um dem Verkehrsgefühl der Hauptstadt zu entfliehen, habe ich mein Rad erst einmal in die RER nach St-Germain-en-Laye gehievt. Außerhalb der Spitzenzeiten ist die Radmitnahme gestattet!

Wälder, Felsen und Schlösser

Wer das Schloss von St-Germain-en-Laye mit dem Nationalmuseum der Archäologie und seinen herrlichen Garten von André Le Nôtre schon kennt, kann sich gleich auf den Sattel schwingen und durch den Staatsforst von St-Germain-en-Laye mit seinen Steineichen, Rot-und Weißbuchen, Kiefern, Ahorn und Eschen radeln bis hin nach Poissy.

Überquert dort die Seine und folgt ihrem Lauf bis Vaux-sur-Seine! Danach geht es stundenlang durch die abwechslungsreiche Naturlandschaft des im Jahr 1995 gegründeten Parc naturel régional du Vexin français.

Er schützt auf 710 Quadratkilometern die Kornkammer von Paris. Das ausgedehntes Kalksteinplateau begrenzen im Süden die Seine, im Osten die Oise und im Westen die Epte.

Kurtisane mit grünem Daumen

Wer Kondition hat, sollte nicht schon in Moisson an die Seine zurückkehren, sondern noch weiter radeln bis zur Domaine de Villarceaux, wo im 17. Jahrhundert eine damals legendäre Kurtisane lebte, der fast alle Berühmtheiten ihrer Zeit zu Füße lagen. Dass Anne “Ninon” de Lenclos (10. November 1620 in Paris; † 17. Oktober 1705 ) auch eine begnadete Gärtnerin war, beweist der parkartige Garten, den ihr schmuckes Landhaus umgibt.

Feld an der Epte bei Giverny. Foto: Hilke Maunder
Feld an der Epte bei Giverny. Foto: Hilke Maunder

Danach gehts schnurstracks nach Giverny, wo ein Maler mit grünem Daumen lebte: Claude Monet. Kunst und Natur verschmelzen auf dem Anwesen des Impressionisten zu einem Gesamtkunstwerk, das er immer wieder – wie den Seerosenteich – auf die Leinwand bannte.

Giverny ist weltberühmt. Und daher das ganze Jahr hindurch sehr gut besucht. Wer gleich zu Öffnungsbeginn am Morgen kommt, kann das wunderschöne Anwesen noch vor den Busreisenden erleben.

Der Garten von Monet in Giverny. Foto: Hilke Maunder
Hunderte Geranien blühen im Sommer direkt am Haus. Foto;: Hilke Maunder

Seine Staffelei stellte Monet auch im mittelalterlichen Städtchen Vernon auf, wo die Fachwerkmühle auf einer inzwischen zerstören Seine-Brücke als Motiv diente. Und besucht auch das Château de Bizy – es besitzt einen Pool für Pferde!

Wahrzeichen von Vernon: die Wassermühle, die auch Monet gemalt hat. Foto: Hilke Maunder
Wahrzeichen von Vernon: die Wassermühle, die auch Monet gemalt hat. Foto: Hilke Maunder

Nun ist Fitness gefordert. Hinauf zur Festung von Les Andelys, die Richard Löwenherz auf einem Felsdorn 1196 errichteten ließ, führen viele steile Kehren.

Château de Gaillard ist übrigens ein toller Picknickspot – mit wundervollem Weitblick auf die begrünten Kreidefelsen und Schleifen und der Seine. Auch das kleine Städtchen am Ufer der Seine lohnt unbedingt einen Besuch!

Château Gaillard. Blick durch die Ruinen auf die Seine. Foto: Hilke Maunder
Blickt durch die Ruinen auf die Seine! Foto: Hilke Maunder

Hin zur Hauptstadt!

Rouen, mein nächstes Ziel, gehörte ebenfalls zu den Sujets, die Monet immer wieder malte. 1892/93 hatte er sich im Herzen der Altstadt ein Zimmer gemietet und gemalt, was er gegenüber sah: die Fassade der Kathedrale im wechselnden Licht der Tageszeiten.

Rouen: die Westfassade der Kathedrale. Foto: Hilke Maunder
Die Westfassade der Kathedrale. Foto: Hilke Maunder
Rouen: in der Kathedrale. Foto: Hilke Maunder
Faszinierend: da Gewölbe der Kathedrale von Rouen. Foto: Hike Maunder
Rouen: in der Kathedrale. Foto: Hilke Maunder
Das Kirchenschiff der Kathedrale. Foto: Hilke Maunder

30 Meisterwerke, deren Licht aus der Leinwand tritt, die Fassade zum Glühen bringt – die Hitze der Sonne ist förmlich zu spüren. Mitten in der Altstadt empfiehlt sich ein charmantes wie ruhiges Hotel: Le Vieux Carré, dessen 14 Zimmer rund um einen Baum bestandenen Innenhof gruppiert sind.

Die Abteien der Seine

Im Juli blüht der Lavendel im Klostergarten von Saint-Martin-de-Boscherville... in der Normandie! Foto: Hilke Maunder
Im Juli blüht der Lavendel im Klostergarten von Saint-Martin-de-Boscherville… in der Normandie! Foto: Hilke Maunder

Am nächsten Morgen fahre ich sehr früh, um den Stadtverkehr zu meiden. Erst auf der D 6015, dann der D 982 strample nach Saint-Martin-de-Boscherville mit seiner großen Abbaye Saint-Georges de Boscherville.

Die ausgedehnten Gärten, die die spätromanischen Abteikirche umgeben, wurden von den Mönchen erst 1685 angelegt.

St-Martin-de-Boscherville: Klostergarten. Foto: Hilke Maunder
Im Obsthain wachsen zahlreiche alte Apfel- und Birnensorten. Foto: Hilke Maunder

Die wohl schönste Perle normannischer Sakralkunst an der Seine ist die Abbaye de Jumièges mit ihren 46 Meter hohen Zwillingstürmen. Bereits im Jahr 654 wurde das Kloster gegründet, in dem einst 900 Mönchen und 1500 Laienbrüder lebten und arbeiteten. Am festlichen Akt der Einweihung im Jahr 1067 war der berühmteste Normanne mit dabei: Wilhelm der Eroberer.

Hungrig? Dann picknickt im Schatten der 500 Jahre Eibe, die sich im Inneren des Klosters erhebt! Wer bleiben will, dem kann ich das B&B Relais du Passage de la Roche von Françoise Rose mit gutem Gewissen empfehlen. Mehr zu den Abteien entlang der Seine erfahrt ihr hier.

Jumièges: Was für eine Ruine! Foto: Hilke Maunder
Was für eine Ruine! Die Abteikirche von Jumièges. Foto: Hilke Maunder

Kostenlos schippern!

Setzt dann mit einer kleinen, kostenlosen (!) Autofähre ans andere Ufer über und radelt durch den königlichen Jagdwald Forêt de Brotonne nach La Mailleraye-sur-Seine. Die Brücke Pont de Brotonne bringt euch wieder zurück ans rechte Ufer. Als einzige der drei Seine-Brücken besitzt diese Brücke einen ziemlich breiten Radweg. Sie ist die kürzeste und am besten mit dem Fahrrad “befahrbare” Brücke. Der Pont de Tancarville ist für Fahrräder verboten; der Pont de Normandie mit seiner schmalen Radspur eine gefährliche wie anstrengende Herausforderung.

Die Brücke – und die auf ihr verlaufende D 490  – bringen euch direkt nach Caudebec-en-Caux. Die spätgotische Kathedrale Notre-Dame des Städtchen (2200 Einw.) war für Heinrich IV. die „schönste Kapelle meines Königreiches“. Sehenswert sind die Portale der Westfassade, die große Orgel aus geschnitzter Eiche und das Taufbecken in der Kapelle St-Jean-Baptiste.

Caudebec-en-Caux: das Seine-Museum liegt direkt am Kai. Foto: Hilke Maunder
Von tödlichen mascarets und anderen Besonderheiten der Seine berichtet in Caudebec-en-Caux das Seine-Museum. Foto: Hilke Maunder

In Villequier, 5 km westlich an der D 81, erinnert das Musée Victor Hugo an den Dichter von Les Misérables und an dessen Tochter Léopoldine, die 1843 frisch vermählt in der Seine ertrank.

Die letzte Schleife der Seine schmückt das Château d’Ételan, das als Burg um 1050 erbaut und im 15. Jahrhundert in eine Residenz im Stil der Flammengotik umgebaut wurde. Mit einer Autofähre wechselt ihr in Port-Jérôme wieder ans linke Flussufer nach Quillebeuf-sur-Seine.

Kunstsinnig: die Kühe von Schloss Ételan. Foto: Hilke Maunder

Durchquert jetzt auf der D 103, der Route du Marais, dann im Schatten der Autobahn A131 auf Landwegen das Schwemmland im Mündungsgebiet der Seine. Vorbei an alten Gehöften, Weizenfeldern und Kuhweiden erreicht ihr die Auffahrt zum Pont de Tancarville.

St-Martin-de-Boscherville: First einer Chaumière. Foto: Hilke Maunder
Auf dem First der alten Chaumières werden traditionell Iris gepflanzt. Foto: Hilke Maunder

Für den vielen Schweiß bei der steilen Querung entschädigt eine atemberaubende Aussicht! Achtung: Es gibt KEINEN separaten Radweg!  Ein paar Impressionen vermittelt dieses Youtube-Video von Normandie Cycling. Alternativ könnt ihr weiterradeln bis zum Pont de Normandie und so direkt nach Le Havre gelangen. Jene Brücke besitzt einen schmalen Radweg. Allerdings ist sie auch die höchste der drei Seine-Brücken.

Poesie in Beton

Wer sich für die Brücke und das Biotop der Seinemündung interessiert, sollte das Maison de l’Estuaire aufsuchen, an dem auch sechs Rundwege durch das Schutzgebiet beginnen. Und dann seit ihr endlich in Le Havre, und am Meer.

Le Havre. Foto: Hilke Maunder
Blick auf Le Havre von der Seine aus. Über dem Sportboothafen und dem Häusermeer der Quartier Perret ergebt sich die Église Saint-Joseph. Foto: Hilke Maunder

Bei den Bombardements der Briten versank das alte Le Havre am 5./6 September 1944 in Schutt und Asche. Auferstanden ist es als Vision eines Mannes, dessen architektonische Zeugnisse der Hafenstadt heute UNESCO-Welterbe-Status verleihen: August Perret.

Le Havre: Die Place Général de Gaulle. Foto: Hilke Maunder
Die Place Général de Gaulle von Le Havre. Foto: Hilke Maunder

Mitten im Welterbe-Viertel könnt ihr im Hôtel Le Vent d’Ouest ganz komfortabel maritimen Ambiente schlummern. Oder ganz im Stil der jener Jahre im Hôtel Oscar.

Am S(t)eine-Strand von Le Havre. Foto: Hilke Maunder
Am S(t)eine-Strand von Le Havre. Foto: Hilke Maunder

Und dann: das Meer! Die Kiesel unter den nackten Füßen spüren, sich in die kühlen Fluten stürzen – und ein Abschiedsdrink im Bout du Monde, der schönsten Strandbar an der Seine!

Lieblingsbar in Le Havre: Au Bout du Monde. Foto: Hilke Maunder
Le Bout du Monde… am Ende der Welt: die Sunset-Location! Foto: Hilke Maunder

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Radeln an der Seine: die Infos

La Seine à Vélo

Seit 2020 folgt die 430 Kilometer lange Radwanderroute La Seine à vélo Paris dem Lauf der Seine bis nach Le Havre oder alternativ via Honfleur bis nach Deauville. Auf  Fahrradwegen und voies vertes, verkehrsberuhigten Landstraßen, geht es mit nur wenigen Steigungen durch eine der schönsten Kulturlandschaften Frankreichs.

Durch direkte Zugverbindungen von Paris nach Rouen, Le Havre und Deauville könnt ihr frei entscheiden, ob ihr  die gesamte Strecke oder nur einen Teilabschnitt fahren wollt.
www.laseineavelo.fr

Accueil Vélo

Unterkünfte, die sich verpflichtet haben, radfahrende Gäste freundlich aufzunehmen und entsprechenden Service – Werkzeuge, Abstellplätze, Radreise-Infos – zu bieten, tragen in Frankreich das staatliche Qualitätssiegel  accueil vélo.

Webseiten für Radwanderer

Offizielles Radtourismusportal Frankreichs: www.francevelotourisme.com

Fahrradportal der französischen Bahngesellschaft SNCF: www.sncf.com/fr/services/sncf-velo 

Portal des Verbandes für Fahrradrouten und voies  vertes (grüne, verkehrsfreie Wege): http://af3v.org

Weiterlesen

Im Blog

Den Unterlauf der Seine habe ich euch hier vorgestellt.

Mehr zu der Straße der normannischen Abteien erfahrt ihr hier.

Ein wahre Bilderflut vom Seinetal findet ihr bei der Bilderreise durch die Normandie vom Vielweib Tanja Neumann.

Welche anderen tollen Radrouten Frankreich noch bietet, habe ich hier verraten.

Im Buch

Marco Polo Frankreichs Flüsse*

Marco Polo_Französische FlüsseSeine, Loire, Rhône und Saône heißt das Quartett, das Flusskreuzfahrer träumen lässt. Die schönsten Erlebnisse und Zielorte habe ich – gemeinsam mit anderen Autoren – im Marco Polo Frankreichs Flüssevorgestellt. Natürlich kommen neben Aktiv- und Ausflugstipps auch die kulinarischen Hinweise nicht zur kurz.

Das Kapitel How to cruise verrät euch, was ihr bei einer Kreuzfahrt alles beachten sollten. Dazu noch praktische Tipps und Karten: So seid ihr kompakt informiert. Oder lasst euch einfach inspirieren.

Wer mag, kann den Reiseführer hier* bestellen.

Das ganze Land: MARCO POLO Frankreich*

Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreich* habe ich vor vielen Jahren von Barbara Markert übernommen und seitdem umfassend aktualisiert und erweitert.

Freut euch auf neue Insidertipps und Reiseziele, frischen Hintergrund und viele Erlebnisvorschläge für Aktive und Entdecker – von Lichterkunst in Bordeaux’ U-Boot-Basis bis zum Wanderungen unter Wasser.

Damit ihr Frankreich noch besser versteht, gibt es natürlich auch viel Hintergrund zu Frankreich und seinen Menschen. Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

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2 Kommentare

    • Hallo Anton,
      es gibt leider keine spezielle Radkarte, sondern nur die guten IGN-Karten für die Strecke. Die Wege sind meistens “voies vertes”, autofreie Wege, Waldwege oder Radelpisten im alten Gleisbett der Bahn, nur selten Land- (RD) oder Bundesstraßen (RN).
      Viele Grüße, Hilke Maunder

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