Radeln an der Seine: von der Metropole zum Meer

Strandvilla von Le Havre

Rauf aufs Rad zur Zeitreise durch 1100 Jahre auf 160 Kilometer! Von Paris aus folgte ich dem Band der Seine, die sich als blaues Band in weiten Schleifen Richtung Küste windet. Jahrhunderte lang hat der Strom die Geschichte und Geschicke der Normandie geprägt, Maler inspiriert – und mit gefürchteten „mascaret„, Gezeitenwellen, so manches Leben verschlungen…

Um dem Verkehrsgefühl der Hauptstadt zu entfliehen, habe ich mein Rad erst einmal in die RER nach St-Germain-en-Laye gehievt. Außerhalb der Spitzenzeiten – hier gibt es die Info dazu – ist die Radmitnahme gestattet!

Wälder, Felsen und Schlösser

Wer das Schloss von St-Germain-en-Laye mit dem Nationalmuseum der Archäologie und seinen herrlichen Garten von André Le Nôtre schon kennt, kann sich gleich auf den Sattel schwingen und durch den Staatsforst von St-Germain-en-Laye mit seinen Steineichen, Rot-und Weißbuchen, Kiefern, Ahorn und Eschen radeln bis hin nach Poissy.

Überquert dort die Seine und folgt ihrem Lauf bis Vaux-sur-Seine! Danach geht es stundenlang durch die abwechslungsreiche Naturlandschaft des vor 20 Jahren gegründeten Parc naturel régional du Vexin français.

Kurtisane mit grünem Daumen

Wer Kondition hat, sollte nicht schon in Moisson an die Seine zurückkehren, sondern noch weiter radeln bis zur Domaine de Villarceaux, wo im 17. Jahrhundert eine damals legendäre Kurtisane lebte, der fast alle Berühmtheiten ihrer Zeit zu Füße lagen. Dass Ninon de Lenclos auch eine begnadete Gärtnerin war, beweist der parkartige Garten, den ihr schmuckes Landhaus umgibt.

Danach gehts schnurstracks nach Giverny, wo ein Maler mit grünem Daumen lebte: Claude Monet. Kunst und Natur verschmelzen auf dem Anwesen des Impressionisten zu einem Gesamtkunstwerk, dass er immer wieder – wie den Seerosenteich – auf die Leinwand bannte.

Seine Staffelei stellte Monet auch im mittelalterlichen Städtchen Vernon auf, wo die Fachwerkmühle auf einer Seine-Brücke als Motiv diente. Und besucht auch das Château de Bizy – es besitzt einen Pool für Pferde! Und nun ist Fitness gefordert. Hinauf zur Festung von Les Andelys, die Richard Löwenherz auf einem Felsdorn 1196 errichteten ließ, führen viele steile Kehren. Château de Gaillard ist übrigens ein toller Picknickspot – mit wundervollem Weitblick auf die begrünten Kreidefelsen und Schleifen und der Seine.

Hin zur Hauptstadt!

Rouen, mein nächstes Ziel, gehörte ebenfalls zu den Sujets, die Monet immer wieder malte.  1892/93 hatte er sich im Herzen der Altstadt ein Zimmer gemietet und gemalt, was er gegenüber sah: die Fassade der Kathedrale im wechselnden Licht der Tageszeiten – 30 Meisterwerke, deren Licht aus der Leinwand tritt, die Fassade zum Glühen bringt – die Hitze der Sonne ist förmlich zu spüren. Mitten in der Altstadt entdeckte ich ein charmantes wie ruhiges Hotel: Le Vieux Carré, dessen 14 Zimmer rund um einen Baum bestandenen Innenhof gruppiert sind.

Die Abteien der Seine

Am nächsten Morgen fahre ich sehr früh, um den Stadtverkehr zu meiden, erst auf der D 6015, dann der D 982 zur  Abbaye Saint-Georges de Boscherville. Die ausgedehnten Gärten, die die spätromanischen Abteikirche umgeben, wurden von den Mönchen erst 1685 angelegt.

Die wohl schönste Perle normannischer Sakralkunst an der Seine ist die jedoch die Abbaye de Jumièges mit ihren 46 m hohen Zwillingstürmen. Hungrig? Dann picknickt im Schatten der 500 Jahre Eibe, die sich im Inneren des Klosters erhebt! Wer bleiben will, dem kann ich das B&B Relais du Passage de la Roche von Françoise Rose mit gutem Gewissen empfehlen.

Kostenlos schippern!

Setzt dann mit einer kleinen, kostenlosen! Autofähre ans andere Ufer über und radelt durch den königlichen Jagdwald Forêt de Brotonne nach La Mailleraye-sur-Seine und auf der D 490 weiter nach Caudebec-en-Caux, das die spätgotische Église Notre-Dame dominiert – für Heinrich IV. die „schönste Kapelle meines Königreiches“. In Villequier, 5 km westlich an der D 81, erinnert das Musée Victor Hugo an den Dichter von „Les Misérables“ und an dessen Tochter Léopoldine, die 1843 frisch vermählt in der Seine ertrank.

Die letzte Schleife der Seine schmückt das Château d’´Ételan, das als Burg um 1050 erbaut und im 15. Jh. in eine Residenz im Stil der Flammengotik umgebaut wurde. Mit einer Autofähre wechselt ihr in Port-Jérôme wieder ans linke Flussufer nach Quillebeuf-sur-Seine.

Durchquert jetzt auf der D 103, der Route du Marais, dann im Schatten der Autobahn A131 auf Landwegen das Schwemmland im Mündungsgebiet der Seine. Vorbei an alten Gehöften, Weizenfeldern und Kuhweiden erreicht ihr die Auffahrt zur Pont de Tancarville.

Für den vielen Schweiß bei der steilen Querung entschädigt eine atemberaubende Aussicht! Achtung: Es gibt KEINEN separaten Radweg!  Ein paar Impressionen vermittelt dieses Youtube-Video von Normandie Cycling

Poesie in Beton

Wer sich für die Brücke und das Biotop der Seinemündung interessiert, sollte das Maison de l’Estuaire aufsuchen, an dem auch sechs Rundwege durch das Schutzgebiet beginnen. Und dann seit ihr endlich in Le Havre, und am Meer. Bei den Bombardements der Briten versank das alte Le Havre am 5./6 September 1944 in Schutt und Asche. Auferstanden ist es als Vision eines Mannes, dessen architektonische Zeugnisse der Hafenstadt heute UNESCO-Welterbe-Status verleihen: August Perret. Mitten im Welterbe-Viertel könnt ihr im Le Vent d’Ouest ganz komfortabel maritimen Ambiente schlummern. Oder ganz im Stil der jener Jahre im Hôtel Oscar.

Und dann: das Meer! Die Kiesel unter den nackten Füßen spüren, sich in die kühlen Fluten stürzen – und ein Abschiedsdrink im Bout du Monde, der schönsten Strandbar an der Seine!

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Ein wahre Bilderflut vom Seinetal findet ihr bei der Bilderreise durch die Normandie vom Vielweib Tanja Neumann.

Zur Einstimmung: Marco Polo Frankreichs Flüsse*

Seine, Loire, Rhône und Saône heißt das Quartett, das Flusskreuzfahrer träumen lässt. Die schönsten Erlebnisse und Zielorte habe ich – gemeinsam mit anderen Autoren – im Marco Polo Frankreichs Flüssevorgestellt. Natürlich kommen neben Aktiv- und Ausflugstipps auch die kulinarischen Hinweise nicht zur kurz.

How to cruise verrät euch, was ihr bei einer Kreuzfahrt alles beachten sollten. Dazu noch praktische Tipps und Karten: So seid ihr kompakt informiert. Oder lasst euch einfach inspirieren.

Wer mag, kann den Reiseführer hier* bestellen.

Das ganze Land: MARCO POLO Frankreich*

MARCO POLO Frankreich: praktisch und kompakt, bearbeitet von Hilke Maunder.Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreichhabe ich gemeinsam mit Barbara Markert verfasst. Gleich zu Beginn geben wir unsere  Insider-Tipps für Frankreich preis: vom größten Flohmarkt Europas in Lille bis zur Schwimmen in der Piscine Olympique in Montpellier.

Das Kapitel „Im Trend“ verrät, was es Neues zu erleben gibt im Hexagon: vom Skijöring in den Skigebieten bis zum Übernachten im Baumhaushotel. Alle Hintergrundinformationen zu Frankreich und seinen Menschen findet ihr unter Fakten, Menschen & News. Es folgen: Tipps für Bars und Boutiquen, Erlebnissen für  Familien, Paare oder Alleinreisende. Wer mag, kann ihn hier direkt bestellen.

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2 Kommentare

    • Hallo Anton,
      es gibt leider keine spezielle Radkarte, sondern nur die guten IGN-Karten für die Strecke. Die Wege sind meistens „voies vertes“, autofreie Wege, Waldwege oder Radelpisten im alten Gleisbett der Bahn, nur selten Land- (RD) oder Bundesstraßen (RN).
      Viele Grüße, Hilke Maunder

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