Skulpturenwege in Frankreich bescheren immer wieder Überraschungen am Wegesrand - wie hier am Ufer der Charente in Gondeville. Foto: Hilke Maunder
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Die schönsten Skulpturenwege in Frankreich

Wo Kunst und Natur verschmelzen, entsteht etwas Magisches. Rund ein Dutzend Skulpturenwege in Frankreich laden inzwischen zum Wandern und Entdecken – und es werden immer mehr! Von monumentalen Kalksteinskulpturen in der Charente über restaurierte Schutzhütten in der Haute-Provence bis hin zu naiven Holzfiguren im Lot – überall im Land verbinden sich zeitgenössische Kunst und Landschaft zu einzigartigen Erlebnissen.

Die Projekte könnten unterschiedlicher nicht sein: Manche entstanden aus Visionen internationaler Künstler, andere wurzeln in kleinen lokalen Initiativen. Was die Skulpturenwege in Frankreich eint: Sie alle verwandeln das Wandern in eine Begegnung mit Kunst, die ihr rund um die Uhr und das ganze Jahr hindurch kostenlos erleben könnt.

Die schönsten Skulpturenwege in Frankreich

Julienne: Monumente aus 155 Millionen Jahre altem Stein

Alle zwei Jahre transportieren Sattelschlepper in XXL tonnenschwere Kalksteinblöcke aus Tervoux nach Julienne. 155 Millionen Jahre alt ist der Stein, der in Chasseneuil-du-Poitou im Département Vienne in der Nähe von Poitiers gewonnen wird, hellbeige und schön weich.

Anfangs jährlich, seit 2007 nun alle zwei Jahre, schlagen, brechen, ritzen und feilen daraus Künstler aus aller Welt zwölf Tage lang monumentale Werke. Stets wechselt das Thema des Internationalen Symposiums für zeitgenössische Bildhauerei. 80 Werke sind so seit 2002 entstanden. Gemeinsam bilden sie einen faszinierenden „Weg der zeitgenössischen Skulptur“.

Besonders berührend ist eine Skulptur, die sich vor der alten Pfarrkirche Notre-Dame de Gondeville erhebt. Trotz der Nähe zu Jarnac ist Gondeville bis heute ein stiller Ort, wie aus der Zeit gefallen mit dem einstigen Schloss, das heute als Rathaus dient, seinem Totendenkmal und seinem verschlossenen Brunnenhäuschen.

Es ist genau das richtige Umfeld für die Éliette von Claudine Brusorio. Gleich der französischen Freiheitsikone Marianne steht sie als Statue in klassisch griechischer Anmutung 1,40 Meter groß auf der Place de l’Église. Welch ein Kontrast zum Thema! Denn dieses lautete beim dritten Internationalen Bildhauer-Symposium im Jahr 2004 „Die Comicfiguren von Angoulême“.

Angoulême ist Frankreichs Comic-Hauptstadt und veranstaltet alljährlich ein großes internationales Comic-Festival im Januar. Seine Strahlkraft beeinflusst auch die bildende Kunst. Die junge Künstlerin aus Châteaugiron wählte damals für ihr Werk die gleichnamige Comic-Heldin von Tibource Oger.

Auch Harut Yekmalyan aus Armenien nahm die Éliette als Sujet. Doch bei ihm ist die Heldin kopflos, reduziert auf ihren Torso voller Weiblichkeit. Bei Claudine Brusorio indes strahlt die Skulptur eine stille Kraft aus, die sich auf den Besucher überträgt und ihn nach dem Fortgehen noch begleitet – und dies seit inzwischen mehr als zwei Jahrzehnten.

Nur 520 Einwohner zählt das Dorf, rund neun Kilometer östlich von Cognac gelegen. Doch 2002 machte die Initiative von Michel Feuillâtre es zum Zentrum zeitgenössischer Bildhauerei. Als Vizepräsident der Association Julienne, Métiers d’Art & Tourisme organisierte der Grafiker und Kommunalpolitiker Feuillâtre die ersten Symposien auf der nach ihm benannten Place Michel Feuillâtre. Er mobilisierte Künstler, Bürger und Behörden, transportierte Kalksteinblöcke und schuf die Grundlage für den „Weg der zeitgenössischen Skulptur“.

Sechs Künstler verschiedener Nationalitäten arbeiten heute im September alle zwei Jahren in einem offenen Atelier auf der Place Michel Feuillâtre vor der Mairie. Während des Symposiums organisiert dieAssociation Julienne, Métiers d’Art & Tourisme kostenlose Workshops. Das Motto des Bildhauer-Festivals ändert sich jedes Jahr. Mit Themen wie La Liberté (2014), L’Harmonie (2019), Métamorphose (2022) oder Équilibre (2026) ist es so inspirierend, dass immer wieder erstaunliche Arbeiten entstehen.
www.sculpture-julienne.fr

Refuge d’Art: Andy Goldsworthys Lebenswerk (Haute-Provence)

Der britische Land Art-Künstler Andy Goldsworthy schuf rund um Digne-les-Bains die weltweit größte Sammlung seiner Werke an einem Ort. Was Ende der 1990er-Jahre als Einladung des Musée Gassendi und der Réserve Géologique de Haute-Provence begann, entwickelte sich zu einem der schönsten Skulpturenwege in Frankreich:. „Es ist ein Projekt fürs Leben, es wird mein wichtigstes Werk sein, aber es wird immer unvollendet bleiben“, sagt Goldsworthy über seine Land-Art in XXL.

Ein 150 Kilometer langer Wanderweg verbindet auf acht bis zehn Tagesetappen durch den UNESCO-Geopark Haute-Provence drei Sentinelles – monumentale Trockensteinmauern, die als „Wächter“ in drei verschiedenen Tälern die Wanderer begleiten. Entlang dieser alten Pfade, die Zeugnis ablegen von dem einst intensiven landwirtschaftlichen Lebens, restaurierte Goldsworthy seit 1995 verfallene und verlassene Lebensräume: Bauernhöfe, Schafställe und Kapellen. Diese Refuges d’Art sind nicht nur Schutzhütten für Wanderer, sondern selbst Kunstwerke, die sich harmonisch in die Landschaft einfügen.

Das erste Refuge d’Art entstand 1999 im Musée Gassendi: der River of Earth. Als monumentale, mehr als 50 Quadratmeter große Wand aus Lehm, durch die ein geritzter Fluss mäandriert, stellt Andy Goldsworthy den Fluss der Erde dar. Vor diesem Symbol für die Kraft der Erde im vierten Stock des Museums beginnt und endet die Rundwanderung. Drei der Refuges d’ArtLa Forest, Vieil Esclangon und Ferme du Belon – könnt ihr für eure Übernachtung unterwegs buchen – und nur so besichtigen und erleben. Die übrigen Installationen und Sentinelles sind frei zugänglich.

Goldsworthy nutzte die geologischen Schichten der Haute-Provence als künstlerische Inspiration. Die Haute-Provence wurde zu seinem „Labor im Süden“. 2023 schenkte er dem Musée Gassendi mehr als 40 Zeichnungen unvollendeter Projekte sowie Fotografien vergänglicher Werke, Videos und Performances aus seinen zahlreichen Aufenthalten in den Alpes de Haute-Provence.

Ihr könnt die Refuges d’Art individuell oder in geführten Touren erwandern. Die kostenlose App Ambulo führt euch zu den Werken. Eine IGN-Karte zeigt euch die Gesamtstrecke sowie Tageswanderungen.
www.refugedart.fr

Vent des Forêts: Kunst an der Maas

Im Herzen des Département Meuse laden seit 1997 sechs Walddörfer – Dompcevrin, Fresnes-au-Mont, Lahaymeix, Nicey-sur-Aire, Pierrefitte-sur-Aire und Ville-devant-Belrain – internationale Künstler ein, Werke zu schaffen, die den genius loci widerspiegeln.

Die Idee des Bildhauer François Davin in Lahaymeix fiel auf fruchtbaren Boden – und entwickelte sich zu einem Projekt, dass das französische Kulturministerium inzwischen als centre d’art contemporain d’intérêt national anerkannte. Mehr als 5.000 Hektar Gemeinde- und Staatswald bilden die Kulisse für mehr als 250 geschaffene Werke, von denen ihr inzwischen rund 150 Werke entlang markierter Waldwege entdecken könnt.

Die sieben Rundwege – gekennzeichnet durch ein grünes V – dauern zwischen einer und vier Stunden. Sie führen zu Skulpturen wie Par erreur (1997) von Maciej Albrzykowski oder Miss Panoramique, die Elsa Sahal im Jahr 2009 an den Circuit des Trois Fontaines (ca. 4 km Rundweg) setzte – als hybrides, verspieltes Werk aus Keramik und Malerei, das auf den ersten Blick nur aus blauen Brüsten besteht, die giftige Pflanzen wie Belladonna und Maiglöckchen einrahmen.

Alle Künstler von Vent des Forêts haben wochen- oder monatelang vor Ort gelebt und gearbeitet, unterstützt von Bauern Schülern und Handwerkern.. Mehr als 120 Freiwillige engagieren sich ganzjährig, leihen landwirtschaftliches Gerät und helfen mit Rat und Tat bei technischen Fragen.

Vent des Forêts versteht sich nicht als Land Art im klassischen Sinne, sondern als espace rural d’art contemporain. Die Kunst soll sich in das ländliche terroir einfügen und Teil des Lebens werden. Die Einheimischen sollen die Skulpturen beim Spazierengehen mitten auf Feldern oder in Lichtungen entdecken könnten, als wäre es das Normalste der Welt.

Für Besucher entwarf die Designerin Matali Crasset zwei Maisons SylvestresLa Noisette und Le Nichoir – , in denen ihr seit 2013 übernachten könnt: minimalistisch und immersiv, mitten in der Natur. 2020 kaufte Vent des Forêts das Café von Madame Simon in Lahaymeix und verwandelte es in ein Kulturzentrum.

Das Kunstprojekt Vent des Fôrets könnt ihr das ganze Jahr hindurch kostenlos entdecken. Am sichersten ist das Kunstwandern im Wald von März bis September, sprich, außerhalb der Jagdsaison. Wer mag, kann die Kunstwerke auch beim Geocaching finden. Die App Vents des Forêts begleitet euch auf den sieben Rundwegen.
• www.ventdesforets.com

Sentier des Arts: Bürgerkunst im Lot

Autoire und Loubressac sind als schönste Dörfer Frankreichs im Département Lot ausgezeichnet. Ganz in der Nähe führt ein 1,6 Kilometer langer Rundweg durch ein Gehölz mit 60 naiven und spontan gestalteten Skulpturen. Mit diesem Sentier des Arts wollte die A.P.P.E.L Association pour la Protection du Patrimoine et de l’Environnement de Latouille-Lentillac ihr Dorf neu beleben und sein lokales Erbe schützen.

Drei Skulpturen lokaler Künstler markierten 1998 den Anfang. Seitdem erwirbt der Kulturverein jährlich Werke von Künstlern aus dem Lot, fügt sie dem Weg hinzu und ergänzt ihn mit Kreationen, die Schulkindern und Dorfbewohnern für Feste geschaffen haben – aus Holz, Stein oder recycelten Materialien.

Der mit gelben Markierungen versehene Weg beginnt am Dorfplatz von Latouille-Lentillac in der Vallée de la Dordogne. Die Kunstrunde im Wald dauert rund eine Stunde, überwindet 77 Höhenmeter und erweist sich als ein sehr einfacher, familienfreundlicher Weg, den ein kleiner Bach begleitet.

Der Sentier des Arts von Latouille-Lentillac ist ein Gegenentwurf zu der sonst vorherrschenden, monumentalen Land Art. Er repräsentiert einen volkstümlichen, dezentralen Ansatz. Seine Werke haben keine kommerziellen Ambitionen, sondern sinde Ausdruck volkstümlicher, lokaler Kreativität.
• https://cdt46.media.tourinsoft.eu

Weitere Skulpturenwege in Frankreich

Domaine de Chaumont-sur-Loire (Loir-et-Cher)

Das Schloss von Chaumont im Loire-Tal ist weltberühmt für sein F estival International des Jardins. Kaum bekannt ist hingegen sein Parcours de Sculptures, der seit 2007 als ein jährlich wechselnder, drei bis fünf Kilometer langer Rundweg dazu einlädt, Installationen internationaler Künstler wie Miquel Barceló, Eva Jospin oder Christian Lapie zu entdecken.
https://domaine-chaumont.fr

Musée promenade (Loir-et-Cher)

Rund 15 Autominuten von Blois entfernt erhebt sich in Cellettes (Loir-et-Cher) seit dem 13. Jahrhundert das Château de Conon. In seinem fünf Hektar großen Landschaftspark könnt ihr beim Spazieren auf der Musée-Promenade Louis Derbré die monumentalen Werke des französischen Bildhauers Louis Derbré (1916–1994) entdecken, der sie, inspiriert von Giacometti, aus Bronze, Gips, Granit und Marmor schuf. 47 seiner Werke zu den Themen Bewegung und Frieden, darunter auch eine Hiroshima-Gedenkskulptur, könnt ihr im Freien entdecken, weitere 80 Werke drinnen im Museum.
• www.musee-louis-derbre.com

Diese Skulpturenpfade in Frankreich zeigen eine erstaunliche Bandbreite, die ihr beim Wandern entdecken könnt: von international renommiert bis bürgernah, von monumentaler Land Art bis zu spontanen Gemeinschaftsprojekten. Allen gemeinsam ist die Verbindung von Kunst, Natur und Wandern – ein Erlebnis, das zum Entdecken, Verweilen und Nachdenken einlädt.

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