Sommer-Bücher mit Frankreich-Flair

Lesetipps

Der Boom der Frankreich-Krimis ist ungebrochen. Nahezu jeden Monat erscheinen neue Titel. In Frankreich blicken Autoren auf die Lage im Land und sezieren feinsinnig gesellschaftliche Strömungen und Paarbeziehungen. Hochspannung, Herz, Historie und echt gute Küche: Voilà lauter Bücher mit viel Frankreich-Flair.

Andreas Heineke_Fälschung a la ProvenceAndreas Heineke, Fälschung à la Provence

Andreas Heineke lebt als Fernsehmoderator und Filmemacher in Dithmarschen. Seine Schreibstube steht indes in Lourmarin, und dort entstehen ruhige Krimis, die statt Action auf Raffinesse setzen. Und auf das Bauchgefühl von Pascal Chevrier, der seine Tätigkeit bei der Police Nationale eingetauscht hat gegen mehr Lebensqualität im Süden, wo er nun als einfacher Gendarm arbeitet – und immer wieder spektakuläre Fälle aufklärt.

Tatort des dritten Bandes der Krimireihe ist Picassos letzte Wohnstätte, Schloss Vauvenargues. Dort wird die renommierte Picasso-Kennerin und Kunsthistorikerin Donia erstochen aufgefunden. Neben ihr liegt das Bild „Femmes au chat assise dans un fauteuil“ am Boden. Überraschte die junge Frau einen Kunstdieb?  Und welche Rollen spielten die Galeristen bei diesem Mord?

Mit jedem Satz, den Heineke schreibt, reist man lesend mit, erlebt, riecht und genießt die Provence. Sein Krimi entfesselt ein Kopfkino, bei dem die Menschen, die Landschaften und Orte, die Lebensart der Provence so lebendig werden, als sei man selbst vor Ort, mittendrin dabei.

Pierre Martin: Madame le Commissaire und die panische DivaPierre Martin, Madame le Commissaire und die panische Diva*

Zu den beliebtesten Autoren von Provence-Krimis gehört Pierre Martin, der Isabelle Bonnet ermitteln lässt. Die ehemals hochdekorierte Leiterin einer geheimen Antiterroreinheit lässt er  in seinen inzwischen acht Krimis als einfache Madame le Commissaire im provenzalischen Fragolin ermitteln.

Doch diesmal muss Isabelle Bonnet die Provence verlassen und auch in Paris ermitteln. Colette Gaspard, Sängerin und Schauspielerin, werde bedroht, erzählt ihre Zwillingsschwester, die in der Provence lebt. Ein stalker bedrohe die Diva in Paris mit Abrufen, Drohmails und perversen Botschaften.

Spannend, dachte ich… doch anders als bei den Vorgängerbänden baute sich die Spannung erst in der zweiten Hälfte des Buches auf.  Viele Klischees, viele Plattitüden, ins Leere verlaufende Andeutungen und die Aneinanderreihung von Liebschaften der Ermittlerin trüben ein wenig den Lesegenuss. Band acht ist der schwächste Band der Reihe, schade.

Hanjo Ulbrecht_Brandungsrauschen

Hanjo Ulbrecht, Brandungsrauschen*

Betrügerische Machenschaften im Immobiliengeschäft sind das Thema dieses Krimis, den Hanjo Ulbrecht aus Hennef verfasst hat. Ein Makler, der nachhilft, dass gute Objekte frei werden, Geldwäsche und internationale mafiöse Strukturen: Im Plot steckt großes Potenzial.

Doch leider scheitert die Spannung an der Sprache. Die Dialoge sind langatmig. Figuren und Landschaft beruhen auf Klischees, die seitenlangen Erläuterungen aus Wikipedia und Zutatenliste für bretonische Menüs Hemmschuhe im Lesefluss.

Hier steuernd einzugreifen, wäre Aufgabe des Lektorats bei Piper gewesen. Ein gutes Lektorat hätte den Autoren bei der Hand genommen und geholfen, die durchaus guten Ansätze gekonnt auszuformulieren. Hätte die Wohnwagengeschichte, die die eigentliche Krimihandlung oftmals überlagert, eingekürzt…. und schließlich die unzähligen Rechtschreibfehler korrigiert, die besonders bei der persönlichen Ansprache (ihre/Ihre, sie/Sie) auftreten. Kurzum: Überarbeitet und lektoriert, wäre Brandungsrauschen ein Bretagne-Krimi, der das verdient hätte, mit dem die Buchrückseite wirbt: dem Vergleich mit Jean-Luc Bannalec und Sophie Bonnet.

Frederic Beigbeider; Der Mann, der vor Lachen weinteFrédéric Beigbeder, Der Mann, der vor Lachen weinte* (L’homme qui pleure de rire*)

Fréderic Beigbeder gilt als enfant terrible der französischen Literaturszene. Nach 99 Francs und Au secours pardon seziert er mit seinem Alter Ego Octave Parango die Probleme einer Gesellschaft, die in zerfällt  und zusammenbricht. Der Held dieser literarischen soziologischen Analyse arbeitet für die Morgensendung des Radiosenders France Publique. Er ist „der meistgehörte Humorist Frankreichs“, hat jeden Donnerstag eine „lustige“ Kolumne – und wird zum Auftakt des Romans gefeuert. Live. Doch warum.

Octave Parango blickt zurück und erzählt von seinen nächtlichen Streifzügen. Paris wird zum Spiel gesellschaftlicher Trends – von  „fluoreszierenden (Gelb-)Westen“ bis zur #MeToo-Bewegung. Einst ein lebensfroher Dandy, ist Octave Parango nun ein alter, gebrochener Mann, der vor Lachen weint und die Welt zum Gespött macht, um nicht unterzugehen.

Mit seinem Titel zitiert Beigbeder Frankreichs Nationaldichter. 1869 hatte Victor Hugo mit „Der lachende Mann“ ( L’Homme qui rit ) veröffentlicht, und damit nach dem Glöckner von Notre-Dame einen weiteren Roman um ein Außenseiter-Paar. Ein Außenseiter ist auch Beigbeders Held –  und sein Lebensrückblick ein unterhaltsamer Streifzug durch das letzte Jahrzehnt.

Yasmin Reza: Glücklich die GlücklichenYasmin Reza, Glücklich die Glücklichen* ( Heureux les heureux* )

Bereits 2015 erschien Yasmin Rezas 175 Seiten dicke Erzählung, die mir jüngst eine Freundin schenkte. Was ist Glück? Und wo findet man es?

Die Antwort gibt eine Sequenz von verschiedenen Leben, die mehr oder weniger miteinander verbunden sind: Paare in der Krise, Einzelgänger, Freunde. Vincent, Marguerite und ihre anderen Figuren lässt Yasmin Reza in Monologen von ihren Beziehungen erzählen, und lässt diese Monologe interagieren.

Wie in einem Spiegel vervielfachen sich die Sichtweisen auf ein und dieselbe Situation. Wahrheiten und Wutausbrüche, Horror und Harmonie: 175 Seiten lang ist die Nabelschau von Paarbeziehungen nicht nur desillusionierend. Sondern vor allem: sehr amüsant.

Anke Feuchter_Geschichte vom Verlieren, Suchen, FindenAnke Feuchter, Geschichten vom Verlieren, Suchen, Finden*

Anke Feuchter reiste als Kind in den 1970er-Jahren mit der Familie nach Frankreich. Später studierte sie Germanistik und Romanistik, erhielt 1993 eine Lektoratsstelle in Paris – und lebt heute mit ihrem deutschen Mann in der Perche im Süden der Normandie. 2017 nahm sie ein Sabbatjahr, um ihren ersten Roman zu schreiben. Als Protagonistin wählt sie Karin, die per Zufall ein Métroticket mit einer Pariser Telefonnummer findet. Spontan ruft sie an, reist in die Hauptstadt – und freundet sich mit der 20 Jahre älteren Colette an.

Ihr Zusammentreffen wird zum Wendepunkt vieler Leben. Aus lebensnahen Texten, mit vielen Orts- und Personenwechseln, fügt Anke Feuchter ein Puzzle zusammen, das Bruchstücke aus der Vergangenheit mit Visionen eines neuen Lebens verknüpft.

Heraus kommt ein Roman, dessen sperriger Titel die Lebensfreude nicht ahnen lässt, die Anke Feuchter zwischen die Seiten gepackt hat, gepaart mit Einblicken in den heutigen Lebensalltag der Franzosen und jene  Jahre der deutschen Besetzung Frankreichs, in denen die Résistance Verfolgte versteckte.

Murielle Rousseau_Bretagne

Murielle Rousseau, Bretagne. Das Kochbuch*

Bereits beim Blättern weckt das Buch die Sehnsucht: Die Fotos von Ulrike Kirmse und Marie Preaud sind eine einzige Hommage an Frankreichs größte Halbinsel.

Wie lecker dort genossen wird, stellt Murielle Rousseau mit 70 Rezepten vor. Ihre Auswahl wurzelt in der cuisine du terroir, der echten, unverfälschten Küche vom Land und Meer. Kurze, amüsante wie informative Texte gewähren Einblicke in die bretonische Geschichte und stellen Land und Leute der Bretagne vor.

Murielle R. Rousseau wurde 1966 bei Paris geboren, wuchs in Saint-Germain-en-Laye auf und ging mit 19 Jahren nach Deutschland, wo sie heute mit ihrer Familie in Freiburg lebt.

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4 Kommentare

  1. Oh ja, den Rezensionen von „Pierre Martin, Madame le Commissaire und die panische Diva“ und „Hanjo Ulbrecht, Brandungsrauschen“ stimme ich wirklich zu. Über ‚Brandungsrauschen‘ habe ich mich direkt geärgert. Die weiteren Tipps werde ich mir näher ansehen.
    Mein neuer Lieblingsautor ist zur Zeit Michel Bussi (geb. 1965, Politologe und Geograph, lehrt an der Universität in Rouen. Laut Verlag einer der drei erfolgreichsten Autoren Frankreichs). Selten so raffinierte Bücher gelesen. Voller Spannung bis zur allerletzten Seite. Selbst ganz kurz vorm Ende muss man noch mit einer Wendung rechnen, und bis dahin bleibt man ohne Unterlass gespannt. Es fällt schwer, die Bücher aus der Hand zu legen. Keine Längen, die stören würden, da laufend neue Aspekte hinzukommen. Man stellt beim Lesen immer neue Thesen auf und kann sich doch nie die Lösung des Ganzen vorstellen. Und man ist dabei in Gedanken in Frankreich.
    Ich empfehle also „Das Mädchen mit den blauen Augen“, „Die Frau mit dem roten Schal“, „Beim Leben meiner Tochter“, „Das verlorene Kind“, „Fremde Tochter“, „Nächte des Schweigens“ und „Tage des Zorns“ … Viel Vergnügen.

    • Liebe Christiane, ich liebe Michel Bussi!! Ich komme nur nicht beim Lesen hinterher – er hat ein unglaubliches Schreibtempo! Und schreibt so schön und spannend, dass man nichts anderes als lesen könnte… Viele Grüße! Hilke

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