Sorèze: schwimmen für den König
Sie liegt versteckt am Fuße der Montagne Noire, zwischen Toulouse und Carcassonne: die Abbaye-école de Sorèze. Was heute als Cité de Sorèze zu den Grands Sites d’Occitanie gehört, war einst Schauplatz eines revolutionären Bildungsexperiments – und das ausgerechnet unter Ludwig XVI., dem letzten König des Ancien Régime.
1776, drei Jahre vor der Amerikanischen Revolution, geschah etwas Ungewöhnliches in der alten Benediktinerabtei von Sorèze: König Ludwig XVI. erhob sie zu einer seiner zwölf Écoles royales militaires. Was nach staubiger Kasernenpädagogik klingt, entpuppte sich als pädagogische Sensation. Denn Sorèze besaß etwas, was keine andere Militärschule Frankreichs hatte: ein Schwimmbad.
Sein bassin de natation war ursprünglich ein Fischteich der Mönche gewesen – heute gilt es als ältestes Schulschwimmbad Europas. Hier lernten künftige Marineoffiziere das Schwimmen, gespeist von frischem Wasser aus der Montagne Noire. Eine Rarität in einer Zeit, in der selbst Admiräle oft nicht schwimmen konnten.
Aufklärung zwischen Klostermauern

Die Benediktiner der Kongregation von Saint-Maur, die seit 1638 in Sorèze wirkten, hatten längst bewiesen, dass sie mehr als nur Gebete kannten. Sie entwickelten ein Curriculum, das seiner Zeit weit voraus war.
„Sorèze ist eine Schule, in der man nicht nur Wissen, sondern auch Charakter formt“, sollte der berühmte Prediger Henri Lacordaire später über die Einrichtung sagen. Tatsächlich war die Schule revolutionär – nicht nur in ihrer Pädagogik, sondern auch in ihrer Sozialpolitik.
Adel und Bürgersöhne

Das Schulgeld für Sorèze orientierte sich am Status: Je reicher oder adeliger die Familie, desto höher war der Tribut für die Bildung. Waren die Mittel eher bescheiden, gab es ein reduziertes Schulgeld – oder Stipendien. Während andere Militärschulen strikt dem Hochadel vorbehalten blieben, öffnete Sorèze seine Türen auch für gentilshommes pauvres – verarmte Adelige – und sogar für begabte Bürgersöhne. Jungen aus dem Dorf konnten als Externe am Unterricht teilnehmen – ein Novum im ständischen Frankreich des 18. Jahrhunderts.
Die blaue Uniform mit den Schulabzeichen machte alle gleich, egal ob Herzogssohn oder Handwerkerkind. Diese inklusive Schulpolitik war über Jahrhunderte ein erklärtes Ziel der Leitung von Sorèze, um talentierten Jungen unabhängig von ihrer Herkunft eine Ausbildung zu ermöglichen.
Die Schüler, zwischen acht und achtzehn Jahre alt, teilten sich die großen Schlafsäle. 40 bis 80 Betten standen in jedem dieser dortoirs. Heute residiert das Musée Dom Robert in den ehemaligen Schlafsälen der Klosterschule – erfahrt hier mehr.
Ganzheitlicher Lehrplan

Um 5.30 Uhr begann der streng getaktete Tag: Gebet, Unterricht, Sport, Studium. Was die Schüler erwartete, war weit mehr als bloßer Kasernen-Drill. Ihr Curriculum war die Quintessenz des Humanismus: Literatur und Rhetorik standen neben Mathematik und Astronomie, Latein ergänzte moderne Fremdsprachen wie Englisch, Deutsch und Italienisch.
Die militärischen Fächer – Fortifikation, Topografie, Taktik – wurden mit Physik und Naturgeschichte vertieft. Während andere Schulen nur den Geist drillten, setzte Sorèze auf den antiken römischen Leitsatz Mens sana in corpore sano est und sorgte auch für körperliche Ertüchtigung.
Reiten und Fechten gehörten ebenso zum Alltag wie Schwimmen im eigenen Bassin und – für damalige Verhältnisse ungewöhnlich – Tanzunterricht. Selbst die moralische Erziehung folgte einem durchdachten Plan: Die Benediktiner webten Gebet und Meditation geschickt in den Stundenplan ein, ohne den Forschergeist zu ersticken.

Aufklärung in Aktion
Was Sorèze von anderen Militärschulen unterschied, war der Geist der Aufklärung, der jeden Aspekt des Lehrplans durchdrang. Die Benediktiner entwickelten ein pädagogisches Konzept, das als „avantgardistisch“ und „modernistisch“ galt – eine gewagte Mischung aus klassischer Bildung und körperlicher Ertüchtigung, wie sie die Philosophen der Zeit forderten.

Statt nur zu pauken und zu exerzieren, sollten die Schüler zu denkenden Menschen geformt werden. Naturwissenschaften standen gleichberechtigt neben Literatur, Mathematik ergänzte die Moral, und das Schwimmen im schuleigenen Bassin war genauso wichtig wie das Studium der Fortifikation. Ein ganzheitlicher Ansatz, der Körper, Geist und Charakter gleichermaßen bilden wollte – revolutionär für eine Zeit, in der Bildung meist einseitig und ständisch geprägt war.

Aus den Klassenzimmern von Sorèze gingen Männer hervor, die Frankreichs Geschichte prägten: Jean-François de La Pérouse, der berühmte Entdecker, der im Pazifik verscholl. Henri de La Rochejaquelein, der charismatische Anführer der Vendée-Aufständischen. Die Brüder Caffarelli, Napoleons Generäle. Und Jahrhunderte später: der Chansonnier Claude Nougaro, der noch in den 1940er-Jahren als Internatsschüler die Bänke drückte.

In der Salle des Illustres, dem Festsaal der Schule, blicken heute 48 Büsten berühmter Absolventen von den Wänden – ein steinernes Pantheon französischer Geschichte. Die Holzdecke in Blau, Weiß und Rot erinnert an die Trikolore, die mit ihren republikanischen Idealen das Ancien Régime hinweg fegte.

Überleben in stürmischen Zeiten
1793 schloss die Revolution die Militärschule. Doch Sorèze überlebte – dank des ehemaligen Mönchs François Ferlus, der das Gebäude vor dem Abriss rettete. Im 19. Jahrhundert erlebte die Schule unter Père Lacordaire eine neue Blüte. Bis zu 400 Schüler drängten sich in den Klassenzimmern und Schlafsälen.
1893 wagte Sorèze den nächsten Sprung in die Moderne: Als eines der ersten Lycées Frankreichs nahm es Mädchen auf – zunächst in einer separaten Sektion. Erst 1969 wurden die Geschlechter in einer koedukativen Schule vereint.
Vom Internat zum Museum

1991 schloss die letzte Schule in den Klostermauern ihre Pforten. Doch das war nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang. Seit 2015 beherbergt das historische Ensemble die Cité de Sorèze – ein Museumskomplex, der als Grand Site d’Occitanie ausgezeichnet ist.
Ein kleines Schulmuseum dokumentiert die Geschichte der Schule, zeigt restaurierte Klassenzimmer, Schlafsäle und zahlreiche Exponate aus dem Alltag der Schüler – von Uniformen bis zu Unterrichtsmaterialien. Wer sie in Ruhe betrachtet, kann das Leben der Internatsschüler vom 18. bis zum 20. Jahrhundert nachvollziehen und einen Einblick in die innovativen pädagogischen Ansätze der Schule gewinnen.
Die imposante Anlage erstreckt sich über zwölf Hektar. Drei Hektar nimmt das Schulgelände ein mit monumentalen Bauten aus klassizistischem Stein, die Unterrichtsräume, Internat, Kapelle und Festsäle beherbergen.

Weitere neun Hektar gehören zum weitläufigen Park, der neben dem historischen Schwimmbad, der alten Reitbahn, einem Heilpflanzengarten und dem geheimnisvollen Kosmografen auch den stillen Mönchsfriedhof der einstigen Klosterschule birgt.
Diese Anlage erzählt heute die Geschichte eines pädagogischen Experiments, das seiner Zeit immer einen Schritt voraus war. Von der Aufklärung bis zur Koedukation, von der Ständegesellschaft bis zur Moderne – Sorèze war bei aller Strenge dennoch stets ein Vorreiter. Und ein Ort, der beweist: Manchmal entstehen die kühnsten Ideen dort, wo man sie am wenigsten erwartet – zwischen den Mauern einer alten Abtei, am Fuße der schwarzen Berge Südfrankreichs.
Hintergrund: die königlichen Militärschulen Frankreichs

Im Jahr 1776 ordnete König Ludwig XVI. die Gründung von zwölf „Königlichen Militärschulen“ ( Écoles royales militaires ) an. Ziel war es, begabten Jungen aus dem Adel und insbesondere verarmten Adelsfamilien ( gentilshommes pauvres ) eine hochwertige militärische und allgemeine Ausbildung zu ermöglichen – als Vorbereitung für eine Offizierslaufbahn und als Vorstufe zur Pariser Militärschule am Champ de Mars.
Die Schulen waren über ganz Frankreich verteilt und wurden meist in bestehenden Klöstern eingerichtet. Sie sollten gleiche Bildungschancen für den Landadel schaffen und die Modernisierung der französischen Armee unterstützen. Jede Schule hatte ein eigenes pädagogisches Profil, oft geprägt durch die Ordensgemeinschaft, die sie leitete.
Die zwölf Standorte waren:
- Auxerre (Yonne)
- Beaumont-en-Auge (Calvados)
- Brienne (Aube)
- Effiat (Puy-de-Dôme)
- La Flèche (Sarthe)
- Pont-à-Mousson (Meurthe-et-Moselle)
- Pontlevoy (Loir-et-Cher)
- Rebais (Seine-et-Marne)
- Sorèze (Tarn)
- Tiron (Eure-et-Loir)
- Tournon (Ardèche)
- Vendôme (Loir-et-Cher)
Die Reform war Teil der Bestrebungen des Kriegsministers Comte de Saint-Germain, das französische Militär zu modernisieren und soziale Schranken im Offizierskorps abzubauen. Mit der Französischen Revolution wurden die königlichen Militärschulen 1793 abgeschafft.

Cité de Sorèze: meine Reisetipps
Hinkommen
Schlemmen und genießen
Pub Saint-Martin
• 8, rue Saint-Martin, 81540 Sorèze, Tel. 05 63 50 85 93
Café des Promenades
• 1, allée de la Libération, 81540 Sorèze, Tel. 09 85 10 12 64
L’îlot Bleu
• 5, place Dom Devic, 81540 Sorèze, Tel. 07 81 40 11 32
Le Petit Mekong
• 13 Ter, allée de la Libération, 81540 Sorèze, Tel. 07 85 94 11 86, auf Facebook zu finden
Nicht verpassen
Das Musée Dom Robert
Im Süden des Départements Tarn wurde ein Adelssohn als Benediktinermönch zu einem der einflussreichsten Wandteppichkünstler des 20. Jahrhunderts . Seine Geschichte ist ein Zeugnis dafür, wie aus radikalen Entscheidungen zeitlose Schönheit entstehen kann – pure Naturpoesie, gewebt in farbenprächtigen Tapisserien. Davon erzählt in der Cité de Sorèze dieser Beitrag – und das Musée Dom Robert.
Das Musée du Verre Yves Blaquière
Im ehemaligen Hospiz von Sorèze gründete der Lehrer und Glasliebhaber Yves Blaquière 1995/1996 ein Glasmuseum, das heute mehr als 3.000 Glasobjekte von der Antike bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts birgt. Einen Schwerpunkt der Sammlungen bilden Gläser und Glaswaren aus dem Languedoc aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert im charakteristischen Blau-Grün der Languedoc-Verrerie. Das Languedoc war damals für seine zahlreichen Waldglashütten bekannt, in denen Glasbläser mit traditionellen Techniken Trinkgläser, Flaschen, Fensterglas und dekorative Objekte fertigten.
• 42, allée de la Libération, 81540 Sorèze, Tel. 05 63 37 52 66, https://musee-du-verre.fr
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