Schluchten in Südfrankreich: die schönsten Canyons
Südfrankreich ist Canyon-Land: Nirgendwo sonst im Hexagon gibt es so eindrucksvolle Schluchten – und hat mir so sehr beim Autofahren durch die vielen gorges der Atem gestockt!
Canyon-Land Provence
Die Schluchten der Provence entstanden im Quartär. Damals bedeckten eiszeitliche Gletscher die Provence. Als sie schmolzen, entstanden mächtige Flüsse, die sich tief in den Kalk eingruben. Besonders gewaltig war der Verdon. Tief wie kein anderer eiszeitlicher Schmelzwasserstrom fräste er sich in Frankreich in die Hochebene von Canjuers ein und schuf im Kalk Europas größte Schlucht: die Gorges du Verdon.

Gorges du Verdon: Europas Grand Canyon
Bis zu 700 Meter hoch ragen ihre weißen Felswände auf. Zwischen Castellane und dem Lac de Sainte-Croix bei Moustiers-Sainte-Marie hat sich der Verdon auf 21 Kilometern Länge tief eingegraben. Seit der Vorzeit haben Menschen in diesem riesigen Canyon gelebt. Wie es damals dort ausgesehen hat, verrät das Musée de Préhistoire des Gorges du Verdon. Einer prähistorischen Höhle gleich hat Stararchitekt Lord Norman Foster sein Gebäude gestaltet.
Spuren der Vorzeit
Vor dem Bau der Staudämme in den 1960er-Jahren hatten Forscher vielerorts Ausgrabungen in der Schlucht durchgeführt und Spuren der menschlichen Besiedlung im Verdon gesammelt, vor allem in der Höhle La Baume Bonne. Ihre Exponate und Erkenntnisse lassen die Vorgeschichte der Provence hautnah lebendig werden.
Im Atrium begrüßt euch ein Mammut, umgeben von Säbelzahntiger, Megaloceros-Hirsch, Wollnashorn und Rentier. Die Dauerausstellung erzählt in 20 Sälen von der Entstehung des Verdon bis zur Eroberung durch die Römer. Alle Ausstellungsstücke – Faustkeile, Werkzeuge, Waffen, Keramik und Schmuck – sind Originale. Tafeln stellen sie mit kurzen Texten, Modelle, Karten, Filme und interaktive Konsolen vor.
Panorama-Routen
Zwei Panoramastraßen erschließen die Schlucht. Am Nordufer leitet die D 952 zum Point Sublime und Belvédère de Mayreste. Ab La-Palud-sur-Verdon führt die Route des Crêtes (D 23) als große Runde zu weiteren schwindelerregenden Aussichtspunkten direkt an der Canyonkante.
Die Panoramastraße des Südufers ist die Corniche Sublime (D71) nach Aiguines. Haltet an den Balcons de la Mescla, am Pont de l’Artuby und am Cirque de Vaumale an, um einen Blick in die Tiefe zu riskieren. Wer lieber ein wenig wandern möchte, kann bei Rougon einer Route zum Aussichtspunkt Belvédère du Couloir Samson folgen.

Outdoor mit Kick
Staustufen haben den Verdon gezähmt. Fluor hat seine Fluten smaragdgrün gefärbt. Öffnen die Staustufen bei einem lacher d’eau die Tore, freuen sich Raftingfans und Paddler über weiß schäumendes Wildwasser. Am Pont de l’Artuby springen Bungee-Jumper in die Tiefe. Paraglider schweben über den Felsspitzen.
Direkt am Straßenrand wird für die Kletterpartie abgeseilt. Canyoning, Survival, Wasserwandern: Kaum ein Kick, den der Verdon als Abenteuerspielplatz für Outdoor-Fans heute nicht bereithält. Mit der Suche nach dem besten Ort zum Abseilen beginnt meist jede Klettertour. Die wichtigsten Routen stellt der jährlich aktualisierte Führer der Klettervereinigung Lei Lagramusas vor. Sehr beliebt sind auch Canyoning-Touren.
Die Erkundung der Schlucht
Erst 1905 gelang es dem französischen Höhlenforscher Édouard Alfred Martel, die Schlucht zu bezwingen und den Canyon zu kartieren. Sein Auftrag: auszukundschaften, ob und wie die Schlucht für die Stromerzeugung zu nutzen sei. Drei Tage war er unterwegs. Dann meldete er: Es lohnt sich. Seiner Route folgt heute ein Wanderweg, der mit Seilen und Stegen gesichert ist, aber dennoch Trittsicherheit und Erfahrung fordert.
Wilde Wanderungen
Für den 18 Kilometer langen, anspruchsvollen Sentier Martel vom Chalet de la Maline zum Point Sublime am Nordufer braucht ihr mit Pausen rund sieben Stunden. Von der Berghütte Chalet La Maline geht es Schritt für Schritt hinein in die Erdgeschichte, schmale Gesimspfade entlang und durch den stockdunklen Tunnel du Baou, der an drei Stellen Ausblicke auf den Verdon freigibt. Nehmt für den 700 Meter langen Tunnel eine Taschenlampe mit!

Auf Saumpfaden in Serpentinen und schwindelerregenden Imbert-Leitern erreicht der Sentier Martel dann den Pré d’Issane, einen kleinen Kieselstrand am tiefsten Punkt der Schlucht, und durch zwei Tunnel wieder hinauf. Kiefern und Wacholder klammern sich an den Stein. Rosmarin, Thymian und Currykraut schwängern die Sommerhitze mit ihrem Duft. Hoch oben drehen Bonelli-Adler und Gänsegeier, 1999 erfolgreich ausgewildert, ihre Kreise.

Mitunter kommen den Wanderern Badelustige mit Handtuch und Latschen entgegen: Auch kleine, idyllische Badestrände und Badegumpen hat der Verdon geschaffen. Am Südufer folgt die Weitwanderroute Grande Randonée GR 99 der gesamten Schlucht. Nehmt stets ausreichend Wasser, Proviant und ggf. Sonnen- und Insektenschutz mit!
Baden in Türkis
Am Ausgang der Schlucht hat der Verdon ein Badeparadies in XXL geschaffen: den 22 Quadratkilometer großen Lac de Sainte-Croix. Für den Bau von Frankreichs zweitgrößtem Stausee wurde 1971 das alte Dorf Les Salles-sur-Verdon gesprengt und geflutet. Einzig die Kirchturmuhr, die Dorfglocke und der Dorfbrunnen wurden abgebaut für das neue Dorf, das 400 Meter vom alten Standort neu entstand. Manchen Bewohnern missfiel das rigorose staatliche Durchgreifen. Sie leisteten Widerstand. Und blieben in ihren Häusern, bis das Wasser eindrang.

Heute freuen sie sich, dass der Stausee Geld in die Kassen der Kommunen spült. Wie im Umland, so ist auch in Les Salles der Tourismus, und nicht mehr die Landwirtschaft, längst der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Von Colmars-les-Alpes am Oberlauf des Verdon kommt ihr über den Col des Champs nach Saint-Martin-d’Entraunes – und erreicht die nächste spektakuläre Schlucht!
Die Gorges de Daluis

Auf fast 2.400 Metern Höhe entspringt der Var beim Col de la Cayolle und rauscht nach Saint-Martin d’Entraunes und weiter bis nach Guillaumes, wo er bis Daluis im im Département Alpes-Maritimes einen sechs Kilometer langen Canyon in den roten Stein gefräst hat: die Gorges de Daluis.
Je nach Jahres- und Tageszeit verändert sich das Farbenspiel, flirtet das tiefe Rot des eisenhaltigen Schiefergesteins mit gelben Blütentupfern, herbstbuntem Laub oder weißem Schnee. An der Westseite der Gorges de Daluis verlaufen schwindelerregend die D902/D2202, die auf der Fahrt gen Süden 17 Tunnel im Canyon durchqueren.

Am Pont de la Mariée soll sich einst eine Braut aus Liebeskummer in den Tod gestürzt haben. Heute lassen sich Bungee-Jumper am elastischen Seil 80 Meter dort tief in die Schlucht fallen. Gemeinsam mit den 21 Kilometer langen Gorges de Cians, die nur wenig weiter östlich verlaufen, bilden die beiden Schluchten das Colorado Niçois oder auch „Colorado der Seealpen“.

Die Gorges du Loup
Ein wahres Kleinod sind die Gorges du Loup, die sich ebenfalls im Département Alpes-Maritimes befinden. Steil ragen die grauen Felsen am Fahrbahnrand auf. Mit starkem Gefälle schießt und sprudelt der Loup, der von der Quelle in 1.300 Metern Höhe bis zur Küste keine 50 Kilometer zurücklegt, über die Felsbrocken im Bett der Wolfsschlucht. Am südlichen Ausgang der Schlucht hat sich Tourrettes-sur-Loup zum Schlemmerziel gemausert. Hier versteckt sich das Stammhaus der Confiserie Florian. Ohne ein Gläschen ihrer köstlichen Zitronenkonfitüre verlassen die wenigsten das Hinterland der Côte d’Azur.
Die Schluchten der Ardèche
Kaum ein Wahrzeichen der Ardèche-Schlucht ist so berühmt wie der imposante Natursteinbogen des Pont d’Arc, zu dessen Füßen gepaddelt und gebadet wird. Bereits in der Urzeit fühlten sich die Menschen dort wohl, verrät die Welterbe-Höhle Grotte Chauvet.
54 Meter hoch spannt sich der Bogen des Pont d’Arc aus hellem Kalk über die Ardèche und markiert den Eingang zu den 30 Kilometer langen, spektakulären Schluchten der Ardèche. Infos und Impressionen findet ihr hier.
Canyon-Land Okzitanien
Die Gorges de l’Aveyron
Zwischen Bruniquel und Saint-Antonin-Noble-Val hat sich der Aveyron tief in den Kalk gefräst und eine fast 30 Kilometer lange Schlucht geschaffen, die nicht nur Kanuten, sondern Kletterer und Wanderer begeistert.

Die Tarn-Schlucht
Nordöstlich von Millau hat sich der Tarn bis zu 500 Meter tief auf 80 Kilometern Länge in die Karstebenen der Causses hineingegraben und einen grandiosen Canyon geschaffen, der zu den schönsten Flusslandschaften Frankreichs gehört. Entdeckt ihn hier.

Die Schluchten der Pyrenäen
Die Gorges du Verdouble
Der Verdouble ist ein wilder Fluss, der die Felsen der Devèze-Klippen zwischen Tautavel und Vingrau gemeißelt hat. Nicht einmal 50 Kilometer lang ist er– und hat doch gleich zwei tolle Schluchten geschaffen. In den Gorges de Gouleyrou lebte der älteste Europäer in der Caune de l’Arago. In dieser Höhle wurde das Skelett des Mannes von Tautavel, der vor mehr als 450 000 Jahren lebte, gefunden. Bei Duilhac fräste sich der Verdouble erneut durch den Fels und schuf eine der schönsten Wildbadestellen der Corbières am Moulin de Ribaute !

Die Gorges de Galamus
Toll sind auch die Schluchten, die ihr in den Pyrenäen findet. Am Übergang der Départements Aude und Pyrénées-Orientales hat Agly-Fluss die Gorges de Galamus geschaffen. Als tiefer, schmaler Canyon mit smaragdfarbenen Gumpen, Gänsesgeiern und der Ermitage Saint-Antoine gehört die Schlucht zu den Top-Highlights des 2021 gegründeten Parc Naturel Régional Corbières-Fenouillèdes.
Die Gorges de la Carança
Adrenalinkicks beim Wandern gibt es auch in den Gorges de la Carança der Ostpyrenäen. Fünf Kilometer westlich von Olette sorgen sie mit Hangwegen und Hängebrücken für Nervenkitzel. Mehrere ausgeschilderte Wanderwege erschließen die Schlucht. Auch der Aufstieg zum 2.264 Meter hohen Lac de la Carança führt durch den grandiosen Canyon im Tal der Têt. Hier gibt es Infos und Impressionen!
Die Signatur der Erde
Südfrankreichs gorges sind offene Spiegel der Erdgeschichte. Jede Schlucht besitzt ihre eigene Architektur, ihr eigenes Licht und eine unverwechselbare geologische Signatur.
Das Rot der Seealpen
In den Gorges de Daluis und den benachbarten Gorges de Cians hat sich der Fluss Var durch die Pélite gefressen – jenen feinkörnigen, extrem eisenhaltigen Schiefer aus dem Perm, der vor rund 2,5 Millionen Jahren entstand. Der tief zerfurchte, weiche Fels leuchtet im Sonnenlicht als wildes, fast schon aggressives Rot, das im Winter monumental mit dem weißen Schnee der Gipfel kontrastiert.
Das Weiß der Provence
Ein völlig anderes Bild zeichnen die Gorges du Verdon. Hier dominiert der monumentale Jurakalk, der einst als Sediment in einem tropischen Urmeer abgelagert wurde. Hart, abweisend und makellos weiß ragen die Felswände hunderte Meter senkrecht in den Himmel. Der helle Kalkstein wirkt wie ein riesiger Hohlspiegel für das Sonnenlicht. Er reflektiert die Strahlen und bringt das smaragdgrüne Band des Verdon in der Tiefe zum Leuchten.

Das Sonnengold der Cevennen
Weiter westlich, im Canyon-Land Okzitaniens, hat der Tarn die gigantischen Hochplateaus der Causses gespalten und die Gorges du Tarn geschaffen. Ihre Steilwände bestehen aus geschichtetem Dolomitgestein. Dieser poröse, magnesiumreiche Kalkstein schimmert nicht weiß, sondern in warmen Ocker-, Gelb- und Goldtönen. Im Abendlicht scheint der zerklüftete Fels von innen heraus zu glühen.
Das Grau der Ostpyrenäen
In den Ostpyrenäen schließlich haben sich die Flüsse am Fuß der Corbières durch grauen, extrem verdichteten Urzeitkalk und metamorphes Gestein gebohrt. In den Gorges de Galamus stehen die düsteren, aschgrauen Felswände so dicht beieinander, dass kaum ein Sonnenstrahl den Grund des Canyons erreicht. Das fahle Grau des Steins wirft das tiefe Türkis der kühlen Badegumpen fast unnatürlich scharf aus dem Schatten heraus.
Vom tiefen Zinnoberrot des Schiefers über das gleißende Weiß und warme Gold des Kalks bis zum monolithischen Grau der Pyrenäen: Jede Schlucht erzählt ihre eigene Schöpfungsgeschichte durch die Farbe ihrer Wände.

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