Sylvia Lott: Die Rosengärtnerin & die Zwangsarbeit

Sylvia Lott beim Salongespräch mit Hilke Maunder und Oliver Sternberg. Foto: Lara Maunder

Französische Fremdarbeiter in Nazi-Deutschland: Worüber wenig berichtet wird, hat Sylvia Lott zum Thema eines Romans gemacht. Die Rosengärtnerin* heißt er. Beim Start im Mai 2019 hielt er sich gleich mehrere Wochen lang auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Seine Heldinnen sind zwei Frauen. Im Mittelpunkt der Vergangenheitshandlung steht Jeanne, mit vier markanten Phasen ihres Lebens – als junges Mädchen unter deutscher Besatzung in den Weinbergen des Bordelais, als Fremdarbeiterin auf einem ostfriesischen Gulfhof während der letzten Kriegsjahre, als Chansonsängerin im Paris der Fünfzigerjahre und als Baronin im Loire-Tal.

Generationenroman zur deutsch-französischen Geschichte

Heldin der Gegenwartshandlung ist die Hamburger Journalistin Ella, die überraschend ein heruntergekommenes Herrenhaus in Frankreich erbt. Die Bedingung: Um das Erbe zu erhalten, muss sie ein Jahr lang vor Ort leben. Ella wagt diesen Schritt. Sie zieht in das Anwesen der ihr unbekannten Frau und taucht immer tiefer in deren Leben. Bis Sylvia Lott am Ende der 592 Seiten auflöst, wie beide Schicksale miteinander verbunden sind.

Die gebürtige Ostfriesin (Jg. 1955) beschäftigt sich seit dem Studium der Publizistik, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte intensiv mit der Nazizeit. Sie promovierte über Zeitschriften im Dritten Reich und verknüpft auch in ihren Generationenromanen Schicksale aus den Jahren des Hitler-Regimes mit denen der Gegenwart. Für „Die Rosengärtnerin“ wählte sie ein Thema, das kaum aufgegriffen wird in Literatur und Forschung.

Zivile Zwangsarbeiter

Rund zwei Prozent der damaligen Bevölkerung Frankreichs waren ab 1942 als zivile Zwangsarbeiter in Deutschland tätig – gut eine Million Franzosen. Das Gros waren Männer, 18 bis 50 Jahre alt. 1944 stellten sie mit 26,3 Prozent die größte Gruppe der zivilen Fremdarbeiter. Bei den Frauen wurden nur ledige Französinnen zwischen 21 und 35 Jahren angeworben. Für sie galt die Auflage, alle Arbeiten durchzuführen, die der Regierung als dem nationalen Interesse förderlich erschienen.

Bis 1942 setzten die deutschen Besatzer in beiden Zonen Frankreichs noch auf die freiwillige Anwerbung. Neben rund 300 Werbestelle (offices de placement allemands) im ganzen Land gab es halboffizielle und private Werber, die Arbeitskräfte gegen Provision nach Deutschland vermittelten. Da in Frankreich damals eine hohe Arbeitslosigkeit herrschte, war anfangs die Anwerbung auf freiwilliger Basis durchaus erfolgreich. Auch Lotts Romanheldin Jeanne ist interessiert.

Kriegsgefangene gegen Fremdarbeiter

Da der Zustrom durch die Reorganisation der Produktion stockte, gleichzeitig jedoch kriegsbedingt der Arbeitskräftebedarf in Deutschland stieg, gab es verstärkt systematische Vorladungen von Arbeitslosen in solchen Vermittlungsbüros. Als schließlich der schnelle Sieg im Osten gescheitert war und der Zweite Weltkrieg zum „totalen Krieg“ wurde, forcierten die Nazis ihre Arbeitskräfterekrutierung.

Generalbevollmächtigter wurde auf deutscher Seite Fritz Sauckel, auf französischer Seite Pierre Laval. Beide schlossen als Kompromiss den Kuhhandel der Relève: Für Fremdarbeiter aus Frankreich sollten  französische Kriegsgefangene in die Freiheit entlassen werden. Vereinbart wurde das Verhältnis 1:3, tatsächlich umgesetzt der Tausch mit 1:7.

Vichy musste die geforderten 250.000 Arbeitskräfte in eigener Regie zu rekrutieren. Deutschland nahm junge, gut ausgebildete Fachkräfte und schickte alte oder kranke Kriegsgefangene in die Heimat.

Sylvia Lott greift in ihrem Roman sowohl die freiwillige wie erzwungene Fremdarbeit von Franzosen auf, zeigt die Spannungen zwischen beiden Gruppen auf und lässt den Arbeitsalltag, „Gastrechte“ und Pflichten, Einschränkungen und Entbehrungen jener Jahre aufleben. Innerhalb des Systems der Zwangsarbeit, auch das zeigt Lott, waren Franzosen besser gestellt

Von der Anwerbung zur Zwangsrekrutierung

Eine offene Versklavung französischer Arbeitskräfte wurde bewusst vermieden. Niederländer, Belgier und Franzosen nahmen in der Rassen-Ideologie der Nazis einen höherer Rang ein als Polen, Tschechen und andere Osteuropäer, die als „Untermenschen“ am Ende der Hierarchie standen. Für die Fremdarbeiter aus Westeuropa gab es bessere Betten, höhere Löhne und weniger Einschränkungen im Umgang mit Deutschen.

Je mehr jedoch die Zwangsrekrutierung Raum gewann, desto weniger Rücksicht wurde genommen. Die Löhne der Zwangsarbeiter entsprachen zwar nominell den Löhnen deutscher Arbeiter. Doch nach dem Abzug für Kost und Logis blieb kaum etwas im Portemonnaie.

Auf dem freien Markt gab es kaum etwas zu kaufen. Bezugskarten für Kleidung oder Schuhe erhielten französische Fremdarbeiter nicht. Wer vor der Abreise nicht ausreichend gepackt hatte, konnte sich nur über den Schwarzmarkt versorgen. Oder auf Päckchen von daheim hoffen.

Je stärker sich die Situation kriegsbedingt verschlechterte, umso weniger kehrten die Franzosen nach ihrem Heimaturlaub – drei Wochen pro Jahr – wieder zurück an ihren Arbeitsplatz in Deutschland. 40 Prozent betrug im Sommer  1943 die Fehlquote.

Ab Herbst 1943 galt eine generelle Urlaubssperre. Am 16. Februar 1943 endete die „freiwillige“ Anwerbung mit der Einführung des Service du Travail obligatoire (STO). Wer sich widersetzte, riskierte drei Monate bis fünf Jahre Gefängnis und Geldbußen von 200 bis 10.000 Francs.

Résistance & Razzien

Viele junge Männer tauchten damals ab, versteckten sich und wurden dadurch der Résistance in die Arme getrieben. Die Deutschen reagierten mit Razzien vor Kinos oder in Cafés, nahmen junge Franzosen der ausgeschriebenen Jahrgänge gefangen und transportierten sie nach Deutschland weiter.

Nach dem damals geltenden Recht hätten auch junge Französinnen eine zweijährige Dienstverpflichtung in Deutschland ableisten müssen. In der Praxis blieb es bei prozentual wenigen und nur freiwilligen Einsätzen von Frauen, meist im Unterhaltungsgewerbe.

Nach dem Krieg gab es in Frankreich lange Streit zwischen „richtigen“ Zwangsarbeitern und sogenannten freiwilligen Arbeitsdienstleistenden – Moral, Patriotismus, Kollaboration, Scham spielten dabei eine große Rolle. Erst 1957 wurden sie juristisch gleichgestellt.

Quellen: www.deuframat.de, www.historikerkommission-reichsarbeitsministerium.de

Mehr zur Autorin Sylvia Lott

Mehr zu den Romanen von Sylvia Lott findet ihr auf dieser Webseite: www.romane-von-sylvia-lott.de

Die einstige Ressortleiterin der „Petra“ und Textchefin der „Maxi“ ist nicht nur eine erfolgreiche Schriftstellerin, sondern arbeitet bis heute auch noch journalistisch. Auf www.sylvia-lott.de stellt sie ihr Portfolio vor.

Das Video-Interview

https://youtu.be/eNCl1BSIQVU

Lesetipps: Der Roman – und seine Quellen

Die Rosengärtnerin*

Der Klappentext zum Generationenroman

Frankreich 1958: Jeanne verzaubert in den Fünfzigerjahren ganz Paris mit ihren Chansons. Nun lebt sie mit ihrem Mann in einem Château im malerischen Loire-Tal und widmet sich leidenschaftlich ihrer großen Liebe, der Rosenzucht. Doch ein Schatten liegt über ihrem Glück, denn Jahre zuvor musste sie das, was sie am meisten liebte, zurücklassen, um zu überleben …

Hamburg 2017: Die Journalistin Ella erbt ein verfallenes Anwesen in Frankreich. Sie ahnt nicht, dass das Vermächtnis ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen wird. Und dass es ein Geheimnis birgt, das zu Ellas Wurzeln an der ostfriesischen Küste zurückreicht …

Wer mag, kann den Roman hier* direkt online bestellen.

Ich war Pierre, Peter, Pjotr*

Yves Bertho war von Anfang September 1943 bis zum größten Luftangriff der britischen Royal Air Force in der Nacht vom 18. auf den 19. August 1944 französischer ziviler Zwangsarbeiter in Bremen. Sein Alter Ego ist der 20-jährige Jurastudent Pierre. Der Bürgersohn aus Versailles ist als Zwangsarbeiter in den Francke-Werken der Bremer Neustadt. Seine Wege durch die Stadt, Abende im Lokal »Zu den sieben Faulen«, die ungewohnte Arbeit im Werk mit Zwangsarbeitern aus ganz Europa unter deutschen Vorgesetzten, das Lager und seine Hierarchien, bilden den Hintergrund für die Beziehung zu Madame Blanche und der Annäherung an Ingrid, eine deutsche Offiziersgattin aus dem Bürgerparkviertel.

Bertho erhielt für seine Autobiografie zwei Literaturpreise. Jean-Luc Godard war so ergriffen, dass er eine Verfilmung des Buches ernsthaft erwogt. Dazu kam es jedoch nicht. Wer  mag, kann das Buch hier* online bestellen.

Wein & Krieg*

Im Juni 1940 kapitulierte Frankreich. Hitler fordert, die besten Weine, Champagner, Cognacs und andere alkoholische Spezialitäten nach Deutschland zu liefern.

Wie die Franzosen ihre Preziosen vor den Nazis retteten, mit Asche Flaschen altern ließ und billigen Wein für teure Tropfen ausgaben, verrät dieses sehr lesenswerte Büchlein, von dem sich auch Sylvia Lott inspirieren ließ. Oder wusstet ihr, dass die wertvollsten Weine sogar eingemauert wurden?

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