Tante Arlette (r.) mit Tochter und Enkeltochter. Foto: Hilke Maunder
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Tante Arlette: unverfälschte Kreolen-Küche

Zwischen Meer und Regenwald, dort, wo Martinique in türkis und grün zerfließt, pilgern die Einheimischen zu einem einfachen Lokal, das Legende ist: Tante Arlette in Grand’Rivière. Seit 1949 feiert hier jedes Gericht die kreolische Familienküche: Fischfrikadellen aus Titiris, würziger Boudin und Languste mit Roucou-Butter – wer bei Tante Arlette einkehrt, spürt: Hier schlägt das Herz der Karibik am Esstisch.

Schroff ist die Küste im äußersten Norden von Martinique. Dunkel endet der Fels am schmalen Strand. Eine breite Mole schützt einen kleinen Hafen, in dem die Fischer riesige Thunfische an Land bringen. Im Dunst lassen sich die Umrisse des Inselstaates Dominica erkennen. Hinter mir steigen die grünen Flanken steil zur 1.397 Meter hohen Montagne Pêlée empor.

Heute versteckt der Stratovulkan seinen schlafenden Krater hinter dicken Wolkenbergen. Am 8. Mai 1902 hatte sein letzter Ausbruch um acht Uhr morgens fast 30.000 Menschen getötet. Saint-Pierre war damals die größte und schönste Stadt der Insel und wurde von der Glutwolke völlig ausgelöscht – innerhalb weniger Minuten verschwand das „Paris der Karibik“von der Landkarte.

Martiniques Seele auf dem Teller

Dichter Urwald prägt den Norden von Martinique. Für Tante Arlette müssen wir dort hindurch. Foto: Hilke Maunder
Dichter Urwald prägt den Norden von Martinique. Foto: Hilke Maunder

Durch einen grünen Dschungel sind wir gekurvt, vorbei an Lianen und Baumveteranen, um im nördlichsten Teil der Insel  bei einer legendären Dame zu speisen: bei Tante Arlette, der Kreolenköchin von Grand’Rivière. An diesem eher trüben Tag lässt es sich nur schwer ahnen, wie schön der Ort bei Sonnenschein sein muss. Heute wälzt sich sein Fluss im kanalisierten Bett träge Richtung Meer, und auch die sonst so schmucke Église Sainte-Catherine wirkt traurig.

Doch bei Tante Arlette bebt und brummt das pralle Leben. Die beiden Speisesäle mit ihren leuchtend gelben Wänden sind bis auf den letzten Platz besetzt. Am Tresen diskutieren die Männer beim obligatorischen Ti Punch (Rum-Mix) den Tag. Gesprächsfetzen und Geschirrgeklapper füllen den Raum.

Nicht schick, aber ehrlich gut: Tante Arlette in Trois-Rivières. Foto: Hilke Maunder
Nicht schick, aber ehrlich gut: Tante Arlette in Grand’Rivière. Foto: Hilke Maunder

Grand’Rivière ist das sprichwörtliche Ende der Welt auf Martinique; hier endet die Départementsstraße D 10. vWeiter geht es nur zu Fuß – oder per Boot. Weil dieser Ort historisch extrem isoliert lag und bis heute schwer erreichbar ist, hat sich die Küche dort viel autarker entwickelt als im touristischen Süden der Insel – und das schmeckt ihr bei jedem Bissen.

Tante Arlette ist keine Touristenfalle mit kreolischem Anstrich. Es ist ein kulinarisches Institutution, enorm geschätzt bei den Einheimischen der Insel. Wer hier isst, schmeckt die echte Kultur der Antillen – scharf, würzig, ungeschönt und tief verwurzelt in der Erde und dem Meer des Nordens. Die Gerichte bei Tante Arlette spiegeln die historisch gewachsene kreolische Überlebensküche wider, die aus der Notwendigkeit heraus entstand, das zu nutzen, was der raue Norden bot.

Ehrlich und bodenständig

Den Gästen schmeckt es bei Tante Arlette. Für die Langustengerichte gibt es immer ein Lätzchen. Foto: Hilke Maunder
Den Gästen schmeckt es bei Tante Arlette. Für die Langustengerichte gibt es immer ein Lätzchen. Foto: Hilke Maunder

Dazu gehört die die Roucou-Butter. Roucou kennt ihr vielleicht besser als Annatto. Die Samen der herzförmigen Kapselfrucht werden auf Martinique zerstoßen und als Gewürz verwendet, das zugleich die Gerichte intensiv rot-orange färbt. Die Verwendung der Roucou-Samen als natürliches Färbe- und Gewürzmittel gab es in der karibischen Küche schon lange, bevor künstliche Hilfsmittel existierten. Sie wurde direkt von den indigenen Kariben übernommen.

Aus der Küche trägt Carine Charpentier Teller mit kleinen, frittierten Küchlein als Vorspeise hinaus: Accras. Einige dieser Mini-Frikadellen enthalten Titiris, winzigen Fischlarven, die an der Flussmündung gefangen werden. Man findet sie kaum in den Touristenhochburgen im Süden. Für andere dieser knusprigen Bällchen wurden Stockfisch, die Lambi-Muschel oder Fechterschnecke, auch conch genannt, in Bierteig ausgebacken.

Carine Charpentier führt seit 2009 in dritter Generation das Restaurant,, das ihr Großvater Louis kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet hatte. Am Herd steht seit dem 16. Lebensjahr Tante Arlette. Kunterbunte Kleidung, gerne auch eng, ist das Markenzeichen der Kreolenköchin, die noch lange nicht ans Aufhören denkt.

Schlemmen bei Tante Arlette

Tante Arltette ist für ihre Langusten auf der ganzen Insel berühmt Foto: Hilke Maunder
Tante Arlette ist für ihre Langusten auf der ganzen Insel berühmt  Hier: gegrillte Langusten mit Roucou, Reis und Brotfrucht. Foto: Hilke Maunder Foto: Hilke Maunder

Schmausen könnt ihr bei Tante Arlette nur mittags; abends öffnen sie nur für Hotelgäste; Montag ist Ruhetag. Dann könnt ihr zum Beispiel auch Langusten kosten. Die Langusten werden hier nicht filigran filetiert serviert, sondern rustikal im Ganzen mit einer schweren, aromatischen Sauce. Für jeden Gast gibt es bei diesem Gericht ein Lätzchen: Hier geht es um ehrliches Handwerk und den puren Geschmack, nicht um fine dining.

Das zeigt sich auch beim Matoutou de Crabe. Dabei handelt es sich um ein intensiv gewürztes Reisgericht mit Landkrabben, das traditionell rund um Ostern und Pfingsten gegessen wird. Die Krabben werden wochenlang vorab mit Blättern, Früchten und Gewürzen gefüttert, um ihr Fleisch zu aromatisieren. Ihr mögt lieber Fleisch? Dann kostet den boudin créole, eine traditionelle, intensiv mit Nelken und Zimt gewürzte Blutwurst.

Tante Arlette: Warmes, weiche Süsskartoffel-Küchlein auf Vanillespiegel mit Schokosoße. Foto: Hilke Maunder
Das warme, weiche Süßkartoffel-Küchlein auf Vanillespiegel mit Schokosoße von Tante Arlette. Foto: Hilke Maunder

Noch ein café, fertig. Nein! Denn nun kam Tante Arlette aus der Küche an unseren Tisch und stellte diese Flaschen auf unseren Tisch. Lauter Liköre aus einheimischen Früchten, handgesammelt und hausgemacht nach alten Familienrezepten. Mango, Maracuja, Ingwer. Exotisch – und garantiert hochprozentig.

Schlafen bei Tante Arlette

Detail eines Gästezimmers bei Tante Arlette. Foto: Hilke Maunder
Detail eines Gästezimmers bei Tante Arlette. Foto: Hilke Maunder

Wer nach dem üppigen Mahl nicht mehr reisen und lieber vor Ort logieren möchte, kann sich bei Tante Arlette einquartieren. Carine hat die alte Familienpension, die früher nur drei Zimmer bot, auf zehn Doppelzimmer in zwei Kategorien erweitert. Die Zimmer selbst sind bewusst bodenständig und funktional gehalten – sie spiegeln den ehrlichen Charakter des Fischerdorfes wider.

Die private Veranda der Gäste von Tante Arlette. Foto: Hilke Maunder
Die private Veranda der Gäste von Tante Arlette. Foto: Hilke Maunder

Auf der kleinen Dachterrasse laden Whirlpool und Solarium zur Entspanung. Wer im sprudelnden Wasser liegt, blickt auf der einen Seite auf die dramatischen, wolkenverhangenen Hänge der Montagne Pelée. Auf der anderen Seite schweift der Blick über die endlosen Weiten des Atlantiks. An klaren Tagen zeichnen sich am Horizont sogar die Klippen der Nachbarinsel La Dominica ab.

Ein Bad im Whirlpool von Tante Arlette eröffnet Weiblicke auf den Norden von Martinique. Foto: Hilke Maunder
Ein Bad im Whirlpool von Tante Arlette eröffnet Weitblicke auf den Norden von Martinique. Foto: Hilke Maunder

Grande Rivière: meine Reise-Infos

Vorab: In Grand’Rivière endet die D 10. Auf einigen Landkarten umrundet die Straße die Inselspitze – das ist falsch!

Erleben

Wandern

Wunderschön ist die 18 Kilometer lange Küstenwanderung vorbei an unberührten Buchten bis nach Le Prêcheur, die – mit Blick auf das Meer! – das 510 Hektar große Naturschutzgebiet Domaine de Prêcheur durchquert. Die Anse de Couleuvre säumt ein schwarzer Vulkanstrand. Le Prêcheur selbst gehört zu den ältesten Orten der Insel. Warum ihn viele Franzosen kennen? Françoise d’Aubigné,  ab 1688 Marquise de Maintenon und letzte Mätresse des Sonnenkönigs Ludwig XIV., verbrachte dort einige Jahre ihrer Kindheit.

Baden

Die Einheimischen zieht es zum Wildbaden zum Fond Lottière. Sein Wasser ist klar und kühl.

Canyoning

Mit Guy und Sophie könnt ihr die Schlucht des Fond Lottière beim Canyoning entdecken. Sieben nasse Seilstrecken über Kaskaden, acht bis 20 Meter hoch, warten auf euch.
www.bureau-rando-martinique.com

In der Nähe

Auf der Fahrt nach Grand’Rivière empfiehlt sich ein Abstecher zur Rumdestillerie J. M. Mehr zum rhum agricole, der als einziger der Welt als AOP geschützt ist, erfahrt ihr in diesem Blogbeitrag.

Schlafen und schlemmen

Tante Arlette*

Beliebtes kreolisches Restaurant mit zehn Gästezimmern.
• rue Lucy de Fossarieu, 97218 Grand-Rivière, Tel. +596 (0) 5 96 55 75 75, www.tantearlette.com; online buchbar hier*.

Noch mehr Betten*

 
Rum von Martinique: Aurelia Bapte, Führerin von Rhum J.M. Foto: Hilke Maunder
Aurelia Bapté, Führerin von Rhum J.M. Foto: Hilke Maunder

Weiterlesen

Im Buch

Die Lektüre ist gerade richtig pikant, würzig und deftig, wie ein frittiertes karibisches Stockfischbällchen mit dem Mord als Zugabe.

LE POINT, Paris, 2.3.2011

Raphaël Confiant, Unbescholtene Bürger*

Cover Raphael Confiant, Unbescholtene Buerger

Haitianische Gangster, Voodoo, illegale Borlette-Lotterien, hispanophone Huren, syrische Händler, französische Gaullisten und dubiose Polizisten: Was für ein tropisches Wespennetz, in dem Privatdetektiv Jacky Teddyson bei seinem ersten Fall sticht!Eigentlich heißt der drahtige Ermittler aus der Hauptstadt Fort-de-France Raymond Vauban, aber für den Job muss ein englischer Name her. Doch auf der Karibikinsel, auf der jeder jeden kennt, gibt es wenig zu tun.

Dies ändert sich, als er Besuch von Madame Irmine Ferdinand erhält. Ihr Mann, ein bedeutender Unternehmer, wurde im Zimmer einer Prostituierten ermordet aufgefunden, die Polizei ist ratlos. Handelt es sich um einen Mord aus Eifersucht oder stecken politische Intrigen, illegales Glücksspiel oder sonstige dunkle Geschäfte dahinter? Drogenhandel? Oder reinste Gier? So bunt wie die Gesellschaft, in der Jacky Teddyson ermittelt, ist auch die Sprache, mit der Raphaël Confiant die Handlung voranpreschen lässt. Sprache und Stereotypen knallen aufeinander. Gosse und Fabulierlust, Philosophie und Parodie: Raymond Chandler à la Karibik.

Verfasst hat ihn Raphaël Confiant. Der Martiniquais (Jahrgang 1951) lehrt als Dekan der philosophischen Fakultät an der Université des Antilles – und schreibt. Zusammen mit Patrick Chamoiseau und Jean Bernabé ist er Mitbegründer der literarischen Bewegung der créolité, die sich von Aimé Césaires Konzept der négritude absetzt. Raphaël Confiant erhielt zahlreiche Preise, darunter den Prix Antigone, den Preis der Casa de las Americas, den Prix RFO und den Prix des Amériques insulaireset de la Guyane. Unbescholtene Bürger*, der erste Krimi um Privatdetektiv Jack Teddyson, erschien unter dem Titel Citoyens au-dessus de tout soupçon* bei Caraibéditions auf Martinique und wurde von Gallimard in Paris als Taschenbuch veröffentlicht.

Peter Tier hat den Roman ins Deutsche übersetzt. Trier steht hinter dem kleinen, feinen Verlag Literadukt*. Der Verlag hat sich auf Literatur der frankofonen Karibik spezialisiert hat und verlegt als einziger Verlag im deutschsprachigen Raum auch Literatur aus Haiti. Wer mag, kann den Band hier* online bestellen.

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Offenlegung

Die Karibikinsel Martinique entdeckte ich auf einer Pressereise, die das staatliche französische Fremdenverkehrsamt ATOUT France, das CMT FRANCE-EUROPE und das COMITÉ MARTINIQUAIS DU TOURISME veranstaltet haben. Den Hotels und andren Unterkünften, in denen ich wohnen durfte, den Restaurants und besuchten Orten und Stätten sagte ich herzlichen Dank für ihre Unterstützung.

Unglaublich kenntnisreich nicht nur beim Thema Rum, hilfsbereit und herzlich war auch die Fremdenführerin Veronika Kuster Kudrna, die uns die gesamte Reise über begleitet hat. Auch ihr sage ich merci und herzlichen Dank. Einfluss auf meine Blogberichte hat die Unterstützung meiner Reise nicht. Ich berichte subjektiv, wie ich es erlebt habe, mache kein Merchandising und werde erst recht nicht für meine Posts bezahlt.