Die Kreolenküche von Tante Arlette

Tante Arlette in Grand'Riviere mit Tochter Carine und Enkeltochter

Schroff ist die Ostküste im äußersten Norden von Martinique, dunkel endet der Fels am schmalen Strand. Eine breite Mole schützt einen kleinen Hafen, in dem die Fischer riesige Thunfische an Land bringen. Im Dunst lassen sich die Umrisse des Inselstaates Dominica erkennen. Hinter mir steigen die grünen Flanken steil zur 1.397 m hohen Montagne Pêlée empor. Heute versteckt der Stratovulkan seinen nur schlafenden Krater hinter dicken Wolkenbergen. 1802 hatte sein letzter Ausbruch die alte Hauptstadt Saint-Pierre zerstört.

Spitze an der Ostküste

Durch einen grünen Dschungel sind wir gekurvt, vorbei an Lianen und Baumveteranen, um im nördlichste der Insel  bei einer legendären Dame zu speisen: bei Tante Arlette, der Kreolenköchin von Grand’Rivière. An diesem eher  trüben Tag lässt es sich nur schwer ahnen, wie schön der Ort bei Sonnenschein sein muss. Heute wälzt sich sein Fluss im kanalisierten Bett träge Richtung Meer, und auch die sonst so schmucke  Église Saint-Catherine wirkt traurig.

Doch bei Tante Arlette bebt und brummt das pralle Leben. Die beiden Speisesäle mit ihren leuchten gelben Wänden sind bis auf den letzten Platz besetzt. Am Tresen diskutieren die Männer beim Ti Punch den Tag. Gesprächsfetzen und Geschirrgeklapper füllen den Raum.

Ehrlich und bodenständig

Aus der Küche trägt Carine Charpentier (41) Teller mit Acrasa als Vorspeise hinaus: kleine, frittierte Küchlein mit Stockfisch, Titiris (Fischlarven) und Thymian. Für andere dieser knusprigen Bällchen wurde die Lambi-Muschel oder Fechterschnecke, auch „conch“ genannt, in Bierteigt ausgebacken.

Die 41-Jährige hat 2009 das Restaurant in dritter Generation übernommen, das ihr Großvater Louisin vor 60 Jahren gegründet hat. Am Herd steht seit dem 16. Lebensjahr Tante Arlette. Kunterbunte Kleidung, gerne auch eng, ist das Markenzeichen der Kreolenköchin, die noch lange nicht ans Aufhören denkt.

Schlafen bei Tante Arlette

Zumal Carine, längst selbst auch Mutter einer Tochter, große Pläne hegt. Und schon viel davon umgesetzt hat. So birgt die alte Familienpension, die früher nur drei Zimmer hat, seit 2015 zehn Doppelzimmer in zwei Kategorien. Die einfachsten Zimmer kosten ab 70 Euro die Nacht; die größeren Komfortzimmer ab 90 Euro. Neu hinzu gekommen sind auch Whirlpool und Solarium auf der kleinen Dachterrasse.

Schlemmen bei Tante Arlette

Schmausen könnt ihr bei Tante Arlette nur mittags; abends öffnen sie nur für Hotelgäste; Montag ist Ruhetag. Dann könnt ihr zum Beispiel solche Traditionsgerichte kosten.

Gegrillte Langusten mit Roucou, Reis und Brotfrucht

Roucou kennt ihr vielleicht besser Annatto. Die Samen der herzförmigen Kapselfrucht werden auf Martinique zerstoßen und als Gewürz verwendet, das zugleich die Gerichte intensiv rot-orange färbt.

 

Warmes, weiche Süsskartoffel-Küchlein auf Vanillespiegel mit Schokosoße

Noch ein café, fertig. Nein! Denn nur kam Tante Arlette aus der Küche an unseren Tisch und stellte diese Flaschen auf unseren Tisch. Lauter Liköre aus einheimischen Früchten, handgesamt und hausgemacht nach alten Familienrezepten. Mango, Maracuja, Ingwer. Exotisch – und garantiert hochprozentig.

 

Grande Rivière: meine Reise-Infos

Schlafen und schlemmen

Tante Arlette

Beliebtes kreolisches Restaurant mit zehn Gästezimmern.
• rue de Lucy de Fossarieu, 97218 Grand-Rivière, Tel. +596 (0) 5 96 55 75 75,  www.tantearlette.com

Erleben

Vorab: In Grand’Rivière endet die D 10. Auf einigen Landkarten umrundet die Straße die Inselspitze – das ist falsch!

Wandern

Wunderschön ist die 18 km lange Küstenwanderung vorbei an unberührte Buchten bis nach Prêcheur, die – mit Blick auf das Meer! – das 510 ha große Naturschutzgebiet Domaine de Prêcheur durchquert. Die Anse de Couleuvre säumt ein schwarzer Vulkanstrand.

Prêcheur selbst gehört zu den ältesten Orten der Insel. Warum ihn viele Franzosen kennen? Madama Maintenon, die spätere Frau des Sonnenkönigs Ludwig XIV., verbrachte dort einige Jahre ihrer Kindheit.

Baden

Die Einheimischen zieht es zum Wildbaden zum Fond Lottière – sein Wasser ist klar und kühl.

Canyoning

Mit Guy und Sophie könnt ihr die Schlucht des Fond Lotière beim Canyoning entdecken – sieben nasse Seilstrecken durch Kaskaden, acht bis 20 m hoch, warten auf euch; http://bureau-rando-martinique.com

In der Nähe

Auf der Fahrt nach Grand’Rivière empfiehlt sich ein Abstecher zum Rumdestillerie J. M. Mehr zum „rhum agricole“, der als einziger der Welt als AOC geschützt ist, erfahrt ihr in diesem Blogbeitrag.

Lese-Zeit! Mein Krimitipp

Die Lektüre ist gerade richtig pikant, würzig und deftig, wie ein frittiertes karibisches Stockfischbällchen mit dem Mord als Zugabe. (LE POINT, Paris, 2.3.2011)

Haitianische Gangster, Voodoo, illegale Borlette-Lotterien, hispanophone Huren, syrische Händler, französische Gaullisten und dubiose Polizisten: Was für ein tropisches Wespennetz, in dem Privatdetektiv Jacky Teddyson bei seinem ersten Fall sticht!

Eigentlich heißt der drahtige Ermittler aus der Hauptstadt Fort-de-France Raymond Vauban, aber für den Job muss ein englischer Name her. Doch auf der Karibikinsel, auf der jeder jeden kennt, gibt es wenig zu tun. Dies ändert sich, als er Besuch von Madame Irmine Ferdinand erhält.  Ihr Mann, ein bedeutender Unternehmer, wurde im Zimmer einer Prostituierten ermordet aufgefunden, die Polizei ist ratlos.Handelt es sich um einen Mord aus Eifersucht oder stecken politische Intrigen, illegales Glücksspiel oder sonstige dunkle Geschäfte dahinter? Drogenhandel? Oder reinste Gier?

So bunt wie die Gesellschaft, in der Jacky Teddyson ermittelt, ist auch die Sprache, mit der Raphaël Confiant die Handlung voranpreschen lässt. Sprache und Stereotypen knallen aufeinander, Gosse und Fabulierlust, Philosophie und Parodie: Raymond Chandler à la Karibik.

Raphaël Confiant. Foto: privat

Verfasst hat ihn Raphaël Confiant. Der Martiniquais (Jahrgang 1951) lehrt als Dekan der philosophischen Fakultät an der Université des Antilles et de la Guyanege – und schreibt. Zusammen mit Patrick Chamoiseau und Jean Bernabé ist er Mitbegründer der literarischen Bewegung der créolité, die sich von Aimé Césaires Konzept der négritude absetzt.

Raphaël Confiant erhielt zahlreiche Preise, darunter den Prix Antigone, den Preis der Casa de las Americas, den Prix RFO und den Prix des Amériques insulaireset de la Guyane.

Unbescholtene Bürger, der erste Krimi um Privatdetektiv Jack Teddyson, erschien im Original 2010 unter dem Titel Citoyens au-dessus de tout soupçon bei Caraibéditions auf Martinique und wurde 2014 von Gallimard in Paris als Taschenbuch veröffentlicht.

Jetzt hat ihn Peter Tier ins Deutsche übersetzt. Trier steht hinter dem kleinen, feinen Verlag Literadukt, der sich auf Literatur der frankophonen Karibik spezialisiert hat – und wohl als einziger Verlag im deutschsprachigen Raum auch Literatur aus Haiti verlegt.

Raphaël Confiant: Unbescholtene Bürger. Aus dem Französischen von Peter Trier. Literadukt-Verlag: Trier 2018. 196 S. ISBN 978-3-940435-21-7. Wer mag, kann den Band hier *  online bestellen.

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Offenlegung

Die Karibikinsel Martinique entdeckte ich auf einer Pressereise, die das staatliche französische Fremdenverkehrsamt ATOUT France, das CMT FRANCE-EUROPE und das COMITÉ MARTINIQUAIS DU TOURISME veranstaltet haben. Den Hotels und andren Unterkünften, in denen ich wohnen durfte, den Restaurants und besuchten Orten und Stätten sagte ich herzlichen Dank für ihre Unterstützung.

Unglaublich kenntnisreich nicht nur beim Thema Rum, hilfsbereit und herzlich war auch die Fremdenführerin Veronika Kuster Kudrna, die uns die gesamte Reise über begleitetet hat. Auch ihr sage ich „merci“ und herzlichen Dank. Einfluss auf meine Blogberichte hat die Unterstützung meiner Reise nicht. Ich berichte subjektiv, wie ich es erlebt habe, mache kein Merchandising und werde erst recht nicht für meine Posts bezahlt.

 

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