Taubenhäuser in Frankreich: Macht und Mist
Unterwegs im größten Flächenstadt Europas habe ich immer über die Taubenhäuser in Frankreich gestaunt. Doch wie viel diese Bauten über das Leben von einst verraten, von Macht und Privilegien, Bauern und Adel, ließ mich staunen. Kommt mit auf eine etwas andere Landpartie durchs Hexagon!
Über den Gärten der Abtei von Flaran im Département Gers herrscht ein reges Treiben: Unzählige Tauben umschwirren die obere Etage eines Turms, dessen Ziegeldach in der Sonne warm leuchtet, und fliegen durch kreisrunde Löcher in der Laterne. An allen vier Seiten sind identisch drei Öffnungen breit und fünf Öffnungen hoch ins Holz gesägt. Der Pigeonnier aus dem 18. Jahrhundert erhebt sich am Rand des Klosters und steht seit 1999 unter Denkmalschutz, ebenso wie der historische Garten und das Gebäude der Wasserpumpe. Einst war er essenziell für die Wirtschaft des autarken Klosters.

Der Taubenturm von Kloster Flaran ist einer von Tausenden, die einst die französische Landschaft prägten. Pigeonniers oder colombiers – beide Begriffe bezeichnen dasselbe Bauwerk, wobei der erste seit dem 18. Jahrhundert gebräuchlicher wurde. Sie ragen aus normannischen Fachwerkhöfen, thronen auf Pfeilern in südwestfranzösischen Weinbergen und schmiegen sich an Gutshöfe in der Provence. Jede Region hat ihre Form, jede Epoche ihren Stil. Doch alle erzählen Geschichten von Macht und Privilegien, von Leid und Widerstand.
Vom römischen Erbe zum feudalen Privileg
Die Römer brachten die Taubenzucht nach Gallien. Schon Plinius der Ältere verfasste Anleitungen zum Bau von Columbaria – jenen Türmen, in denen Tausende Vögel nisteten. Im Mittelalter wurde aus praktischer Tierzucht ein Herrschaftszeichen. Karl der Große regelte um 795 in seinem Capitulare de villis die Organisation der Krongüter und reservierte die Taubenzucht für Adel und Klerus. Die königliche Ordonnance von 1368 unter Karl V. kodifizierte das Droit de Colombier landesweit: Nur Hochadlige mit einem vollem Fief de Haubert – einem Lehen, das den Dienst eines gerüsteten Ritters erforderte – durften freistehende Taubenhäuser errichten, deren Nistplätze sich vom Boden bis zum Dach erstreckten.
Regionale Regeln passten den königlichen Erlass den örtlichen Gegebenheiten an. Besonders restriktiv war die 1583 fixierte Coutume de Normandie. Hier durften Adlige einen colombier nur bauen, wenn sie mindestens 50 Arpents, also rund 25 Hektar, Land besaßen. Die Größe signalisierte Reichtum, der Turm wurde zum Statussymbol. Auch der Besatz der Anlagen war geregelt: Üblich war ein boulin (Nistplatz) pro Arpent, pro halbem Hektar. Jedes boulin beherbergte ein Taubenpaar samt Nachwuchs und damit zwei bis vier Tiere.
Im Norden – in der Île-de-France und Paris, in der Normandie und in der Region Hauts-de-France – galt der Arpent Normand als Flächenmaß, im Westen der Journal. Wer Land kaufte, schaute auf die Zahl der boulins eines Taubenhauses und schätzte so die bewirtschaftete Fläche. Wie beeindruckend diese Dimensionen sein konnten, zeigt der Taubenschlag des Manoir d’Ango in Varengeville-sur-Mer an der Alabasterküste: 1.600 boulins besitzt der Renaissancebau – Rekord in der Normandie! Hier wurden Taubenhäuser zum Symbol feudaler Macht wie nirgendwo sonst in Frankreich.
Südlich der Loire galten liberalere Regeln. In der Provence, im Bordelais und rund um Toulouse durfte jeder Tauben halten, der genug Land besaß, damit die Vögel nicht die Felder der Nachbarn plünderten. Doch überall galt: Wer einen pigeonnier besaß, gehörte zur Oberschicht.
Dünger und Delikatesse
Warum dieser Aufwand für die gefiederten Tiere? Die Antwort liegt unter den Nistplätzen. Colombine, der Taubenmist, galt als bester aller Naturdünger. Seine hohe Konzentration an Stickstoff, Phosphor, Kalium und Kalk machte ihn unentbehrlich für Weinberge und Getreidefelder. Bis ins 18. Jahrhundert war er in manchen Regionen der einzige zugelassene Dünger für Reben. Ein Taubenpaar produzierte jährlich zwei bis drei Kilogramm dieser weißen Kostbarkeit.
Hinzu kam die Fleischversorgung. Olivier de Serres nannte den colombier 1600 in seinem Théâtre d’agriculture einen „ewigen Vorratsraum“. Tauben waren äußerst fruchtbar – bis zu zehn Bruten jährlich – und Pigeonneaux, die Jungvögel, galten als Delikatesse. In Zeiten, in denen man vor allem gesalzenes und geräuchertes Fleisch aß, bedeutete frisches Taubenfleisch puren Luxus. Die Tiere ließen sich tauschen, verkaufen und verschenken.
Doch die Rechnung ging auf Kosten der Bauern. Je nach Rasse frisst eine Taube 20 bis 70 Gramm Getreide pro Tag. Bei Taubenhäusern mit 1.000 boulins und damit rund 2.000 Tauben summiert sich dies auf 40 bis 140 Kilogramm täglich – genug, um frisch gesäte Felder zu zerstören. Die Bauern durften die Vögel weder vertreiben noch töten. Wer dagegen verstieß, riskierte Geldstrafen oder sogar Gefängnis. Besonders in der Normandie quellen die Cahiers de doléances vor Klagen über. 1789 heißt es im Beschwerdeheft von Ocqueville im Pays de Caux: „Kaum hat die Egge den Boden verlassen, ist er schon mit Tauben bedeckt, die das Korn verschlingen.“
In der Nacht vom 4. August 1789 fiel das Droit de Colombier. Die Nationalversammlung hob alle feudalen Vorrechte auf. Tauben mussten fortan während jeder Aussaat und Ernte eingesperrt werden. Jeder durfte nun Tauben halten, musste sie jedoch ganzjährig füttern. Damit verloren die pigeonniers ihre Rentabilität. Die Türme verstummten. Aus Palästen voll Flügelschlag wurden leere Hüllen.
Taubenhäuser in Frankreich: Rekorde und Raritäten
Der älteste freistehende Pigeonnier Frankreichs steht am Château d’Assier bei Figeac im Département Lot. Galiot de Genouillac ließ den zylindrischen Ziegelbau im Jahr 1537 elf Meter hoch mit 2.300 boulins errichten, verrät die eingemeißelte Jahreszahl.
Der architektonisch ungewöhnlichste könnte der Pigeonnier du Salin in Saint-Pardon-de-Conques sein: Ein runder Turm mit Kuppel und vier Dachgauben aus dem 17. Jahrhundert, seit 1978 ein monument historique. Oder der Hybrid von Montdragon im Tarn: ein Pied de Mulet auf vier Pfeilern, kombiniert mit Castrais-Arkaden und einem Capel-Glockenturm.
Die Architektur der Taubenhäuser in Frankreich
Die Taubenhäuser Frankreichs sind keine genormten Zweckbauten, sondern spiegeln Geologie, Klima und lokales Bauerbe wider. Im Pays d’Auge dominieren colombiers aus Fachwerk. Auf Sockeln aus Kalksteinblöcken erheben sich achteckige Türme mit filigranen Holzkonstruktionen. Pfosten, Streben und Andreaskreuze gliedern die Fassaden, die Ausfachungen aus Ziegeln oder Bruchstein bilden oft ornamentale Muster.
Im Pays de Caux prägt ein charakteristischer Materialmix das Bild: Backstein in Kombination mit hellem und dunklem Feuerstein. Als besonders eindrucksvoll gilt der pigeonnier des Manoir d’Ango in Varengeville-sur-Mer westlich von Dieppe. Schwarze Feuersteine aus den Kreidefelsen der Alabasterküste sind im Rundbau quadratisch geschnitten und mit Kalkstein und Backstein kombiniert – ein steinernes Mosaik von großer Eleganz.
Andere normannische Taubentürme setzen auf dekorative Backsteine bei Konsolen, Gesimsen und Friesen. Je nach Brenntemperatur changieren die Farben von Orange bis Lachsrosa. Überbrannte Ziegel formen Rauten, Kreuze oder Zickzackmuster. Manche Türme tragen glasierte Steine, die in der Sonne schimmern. Bei Boos nahe Rouen leuchten grüne und braune Glasuren. Sabine Hérouard, Autorin von Colombiers remarquables de Normandie*, schwärmt vom Taubenturm in Cauville-sur-Mer, dessen gestreifter Rundbau aus Feuerstein und Kalkstein direkt aus den Klippen stammt.
Périgord: Vielfalt auf Pfeilern
Im Périgord existieren 16 verschiedene Typen. Dort wurden die Taubenhäuser als troglos in die Felswände gehauen, etwa bei Beynac. Cabanes mit Steinkuppeln nutzen die Trockenmauertechnik. Säulen-Pigeonniers ruhen auf vier bis neun Pfeilern, oft mit pilzförmigen Vorsprüngen, den sogenannten randières oder larmiers, die vor kletternden Raubtieren schützen.

Okzitanien: Castrais oder Maultierfuß?
In Okzitanien prägen zwei Haupttypen die Architektur. Der Castrais-Typ, der besonders rund um Castres sehr verbreitet ist, steht auf vier steinernen Pfeilern. Der Taubenschlag besteht aus Ziegeln oder torchais, einem Lehm-Stroh-Gemisch, darüber ein Pyramidendach mit Glockenturm aus Fischschieferplatten. Dreieckige Ausflugöffnungen auf der Westseite mindern den Wind.
Typisch für das Département Tarn ist der pied de mulet. Dieser Maultierfuß-Taubenschlag ruht auf zwei bis vier gespreizten Pfeilern, stabilisiert durch eine zentrale Steinplatte. Die Kammer darüber trägt ein konisches Dach. Besonders viele Exemplare finden sich bei Réalmont und Lombers. In letzerem Ort führt ein Circuit des Pigeonniers zu 15 Taubenhäusern. Michel Lucien betreibt dort ein privates Museum und erzählt nach Voranmeldung im chai aux pigeonniers ihre Geschichte. In der Nähe züchten Nathalie und Lionel bei Les Pigeons du Mont Royal Fleischtauben für die Gastronomie.

Von Albi aus lassen sich auf der Route des Pigeonniers über 286 Kilometer die Taubenhäuser des Tarn erkunden. Mehr als 1 700 Exemplare säumen die Strecke durch ein Architekturmuseum unter freiem Himmel. Den ältesten Taubenturm im Tal besitzt das Château Lastours. Der 1650 errichtete und 2018 restaurierte Bau ist der einzige mit neun Säulen.
Viele Taubenhäuser finden sich auch in der Lomagne rund um Beaumont-de-Lomagne, Fleurance, Lectoure und Lavit. Ein Circuit des Pigeonniers führt zu den schönsten Exemplaren. Im Quercy wiederum lassen sich Porch-Pigeonniers entdecken – kleine Bauten, die oft als Tor zu Höfen dienten und 50 bis 200 Tauben beherbergten.

Provence: Superlativ in Stein
Doch keines der Taubenhäuser in Frankreich ist so grandios wie der Pigeonnier de Brue-Auriac im Département Var der Provence. Mit 8.100 boulins bei 12,43 Meter Durchmesser steht der 2,5 Meter hohe Turm seit 1996 als größtes Taubenhaus Europasim Guinness-Buch der Rekorde. Der Marseiller Reeder Georges Roux de Corse, im Jahr 1750 frischgebackener Eigentümer der Ländereien von Brue, hatte ihn noch im selben Jahr errichten lassen – als steinernes Manifest seiner seigneurialen Macht.
Regionen ohne Taubenhäuser
Wo Böden karg waren, blieben Pigeonniers selten. In den Hochalpen, den Pyrenäen und in der Bretagne fehlte oftmals die nötige landwirtschaftliche Basis. Die bretonischen Cahiers de doléances klagten zwar heftig über feudale Unterdrückung, doch die Zahl der Taubenhäuser blieb gering , denn auch das Klima machte die Taubenzucht unrentabel.

Innenleben: Technik im Dienst der Zucht
Die Taubenhäuser in Frankreich folgen im Innern strengen funktionalen Regeln. Olivier de Serres empfahl im Jahr 1600 in Band 5 seines Standardwerks Théâtre d’Agriculture et mesnage des champs Standorte auf trockenem, leicht erhöhtem Gelände zu wählen. Als Schutz vor Winden sollten die Ausflugöffnungen möglichst nach Süden oder Osten zeigen, „denn die Sonne ist das Leben der Tauben“. Maximal zehn Zentimeter groß, mussten die Öffnungen die Tauben durchlassen, aber Krähen und Raubvögel fernhalten.
Die boulins bedecken die gesamte Innenwand. Aus Terrakotta, umgedrehten Ziegeln oder direkt aus Mauerwerk geformt, bieten sie jedem Taubenpaar einen Nistplatz. Manche wurden mit Flechtwerk und Lehm auf Holzgerüsten modelliert. Die Nester müssen eher groß als klein sein, damit Männchen und Weibchen aufrecht stehen können, erläutern Traktate des 18. Jahrhunderts.
Eine drehbare Leiter im Zentrum – gerade oder nach oben gebogen – ermöglicht den Zugang zu allen Nischtplätzen. So konnten die Taubenwärter die Jungvögel entnehmen, Eier sammeln und Colombine aufschaufeln. Der Boden war geglättet oder gefliest, damit sich der Dünger leicht zusammenkehren ließ.

Glatte Außenwände und vorstehende Gesimse verhinderten, dass Marder, Wiesel oder Ratten hochkletterten. Die Türen der Taubenhäuser in Frankreich lagen oft einen bis eineinhalb Meter über dem Boden und waren oft nur erreichbar mit einer Leiter. Bei den auf Säulen stehenden colombiers-sur-piliers wurde der Raum unter der Taubenkammer zusätzlich als Hühnerstall, Getreidespeicher oder Colombine-Lager genutzt.
Die Dächer variierten je nach Material und Region: flache Ziegel (Tuiles canal ) im Süden und Stroh ( Chaume ) in der Normandie. Schiefer ( Ardoise ) aus dem Cotentin, dick und schwer, trotzte jedem Sturm.Tonnendächer ohne Kanten und Kanten umhüllten runde Türme harmonisch.
Im Bessin und auf der Plaine de Caen endeten nicht wenige Türme in einer Halbkuppel mit offenem Oculus – so konnte das Himmelslicht eindringen – und die Tauben durch die Öffnung aus und einfliegen. Ungeheuer eindrucksvoll sind auch die Dachstühle, die große Türme überspannten. Eiche oder Kastanie, kunstvoll verzapft und verzinkt, trugen tonnenschwere Lasten.
Im Château du Troncq im normannischen Département Eure öffnet sich die Konstruktion zum Lanternon, einem Dachreiter, der wie eine Laterne Licht spendet. Im Château de Carel im Département Calvados ruht der Dachstuhl auf einer zentralen Säule – majestätisch wie der Stamm eines steinernen Baums.

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