Terrils jumeaux: wilde Kegel mit Weitblick
Aus mehr als 40 Kilometern Entfernung sind sie zu sehen: die Terrils jumeaux von Loos-en-Gohelle, einst einer der führenden Bergbauorte von Nordfrankreich. Die schwarzen Abraumhalden, die der Kohleabbau der Zeche 11/19 hinterlassen hat, sind die höchsten in Europa und bieten aus 186 Metern Höhe atemberaubende Aussichten über das gesamte Bassin Minier.
300 Jahre lang prägte die Steinkohle Landschaft, Kultur und Gesellschaft des Bassin Minier, des „Ruhrgebiets“ von Nordfrankreich. 88 dunkle Kegel bilden dort die Chaîne des Terrils, die Kette der Halden. Doch keiner dieser Hügel ist so vielfältig und spannend wie das Duo, das bei Loos-en-Gohelle in den Himmel ragt: die Terrils Jumeaux, eigentlich ein Trio mit den offiziellen Namen Terril 74, 74 A und 74 B.

Der Terril 74 ist aus Sicherheitsgründen gesperrt. Dort grasen Ziegen an einer Rampe, mit der einst der Abraum hinauf auf den Gipfel befördert wurde. Zum Belvedere des Terril 74 A führt in rund einer Stunde ein Wanderweg, der am Parkplatz Rue Léon Blum wie auch an der Zeche 11/19 von Loos-en-Gohelle beginnt.
Die ersten Meter steigen nur langsam an. Hinauf zu einer ersten Halde, die die schwarzen Giganten voneinander trennt, ist der Weg noch breit und asphaltiert. Am Plateau beginnt der steilere Part des Aufstiegs auf schwarzen Schotter und Stein. Immer steiler wird es. Die letzten Meter nehmen manche Besucher die Hände zur Hilfe, um vorbei an ausgewachsenen Rinnen den Gipfel zu erreichen.
Für die Mühe entschädigt das grandiose 360-Grad-Panorama vom Aussichtspunkt. Das ganze Bassin Minier liegt zu Füßen – ganz nah mit der Zeche 11/19 und dem Stadion Bollaert-Delelis. Dann hebt sich die kanadische Gedenkstätte Vimy mit ihrem strahlend weißen Stein vom Horizont ab. Bei sehr klarer Sicht ist in der Ferne der Louvre-Lens zu sehen.

Europas längster Terril
NIcht als die übliche konische Halde, sondern als langgezogenes, offenes Plateau erhebt sich der Terril de Pihonvalles zwischen Avion, Liévin und Givenchy‑en‑Gohelle aus der Ebene und eröffnet breite Panoramablicke auf das Bassin Minier. Auch Terril 75 genannt, ist der Terril de Pinchonvalles mit 1,75 Kilometern Länge und etwa 500 Metern Breite der längste Terril Europas.
Der markanter Hingucker wurde schon stärker als die Terrils jumeaux von der Natur zurückerobert. Auf dem Halde wurden bereits mehr als 250 verschieden Pflanzen, zahlreiche Pilzarten, sowie eine vielfältige Fauna mit Amphibien, Reptilien, Säugetieren und Vögeln nachgewiesen – darunter mehrere seltene und geschützte Arten. Bereits 1982 wurde der Terril de Pichonvalles auf Beschluss des Präfekten als Biotopschutzgebiet ausgewiesen. Heute gehört dieser schwarze Gigant zu den 64 Espaces Naturels Sensibles (ENS) des Départements Pas-de-Calais.
Drei Wanderwege – Sentier du Traquet (1,6 km), Sentier du Hercheu (2,2 km) und die große Runde um den Terril (3,6 km) – laden ein, das 90 Hektar große Schutzgebiet zu erkunden. Im Sommer könnt ihr auch bei einer Terril thérapie, einer Yoga‑ und Achtsamkeitssession unter freiem Himmel, mitmachen – die bislang ungewöhnliche Nutzung dieser ehemaligen Industriebrache.

Die Natur kehrt zurück
Die Terrils jumeaux bestehen zum Großteil aus Schiefer, der beim Kohleabbau in der Zeche 11/19 als Abfall anfiel. 1986 wurde die Zeche stillgelegt. Seitdem hat die Natur die Terrils jumeaux erobert – und lässt Biologen wie Besucher staunen. Mehr als 260 Arten sind inzwischen dort heimisch: gelber Hornmohn (Glaucium flavum), Schildampfer (Rumex scutatus), Raue Nelke (Dianthus armeria), Zwerg-Baumwolle(Logfia minima), Blaue Vogelmiere(Lysimachia foemina) und seltene Blüher wie die Graue Königskerze (Verbascum pulverulentum) und die Pracht-Königskerze (Verbascum speciosum). Überall krabbelt, kreucht und fleucht es. Libellen schwirren, Grillen zirpen, 90 Arten mischen sich ins Vogelkonzert, in das abends die Frösche und Kröten einfallen, die mit dem neuen Rückhaltebecken auch einen Lebensraum erhalten haben.

Der Charbonnay der Terrils jumeaux
Doch die Terrils jumeaux von Loos-en-Gohelle haben mehr zu bieten als Aussicht und Artenvielfalt. Direkt an ihren Hängen reift vollendeter Weingenuss. 2011 begannen Olivier Pucek und Henri Jammet, zwei Winzer aus dem Département Charente, mit der Pflanzung von Chardonnay-Stöcken auf dem Terril 74 B. Auf seiner extrem steilen Südflanke finden seitdem ihre Vignes des Terrils perfekte Bedingungen. Die Hangneigung von bis zu 80 Prozent sorgt für eine maximale Sonneneinstrahlung; der schwarze, nährstoffarme Schieferboden speichert Wärme tagsüber und gibt sie nachts ab, was den kühlen, feuchten Klimabedingungen des Nordens entgegenwirkt.

Die Reben wurzeln tief und produzieren kleine Beeren voller Geschmack. In Edelstahltanks und Barriquekellern werden sie von Kellermeister Johann Cordonnier vinifiziert. Als Charbonnay kam der Weißwein von der Halde im Jahr 2018 erstmals in den Handel: vollmundig mit viel Struktur, geringer Säure, buttrigen Noten und Eichenfassaromen. Die Produktion ist klein und fein, jährlich kommen – je nach Lese – rund 800 bis 1.300 Flaschen in den Verkauf. Der Erfolg des ersten Bergbautropfens rief längst Nachahmer auf den Plan. Im nahen Olhain könnt ihr bei Cotolhain ebenfalls Wein vom Terril kosten – dort mit einem Hauch Chablis.
Von der Halde zur Zeche: die Grube 11/19

Direkt am Fuße der Terrils jumeaux liegt die Zeche 11/19. Sie war einst mit den Gruben Arenberg in Wallers, Delloye in Lewarde und 9/9bis in Oignies eine der vier größten Bergbaubetriebe des Bassin Minier, das heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Die von der Société des Mines de Lens gegründete Zeche war von 1894 bis 1986 in Betrieb. Die Zahlen 11 und 19 beziehen sich auf die Nummern der ehemaligen Schächte: Die 11 steht für den metallischen Förderturm aus den 1920er-Jahren, der heute noch das Bild prägt.

Als der Schacht 11 im Jahr 1891 abgeteuft wurde, arbeiteten hier rund 1.500 Bergleute. 1903 förderten diese gueules noires 358.450 Tonnen Kohle – und stellten damit den damaligen Jahresrekord auf. Die 19 markiert den benachbarten Betonturm aus den 1960er-Jahren, als bereits 5.000 Kumpels unter Tage schufteten und täglich 6.000 Tonnen Kohle förderten. Doch als dieser Schacht in Betrieb ging, begann gleichzeitig der Niedergang des Kohlebergbaus. Am 31. Januar 1986 wurde die Zeche stillgelegt.
Heute ist die Grube 11/19 kein Ort der Schwerstarbeit mehr, sondern ein Symbol für Wandel und Neuanfang. Die alten Industriegebäude beherbergen nun Co-Working-Spaces, Start-ups, Kulturprojekte und Büros. Eine Timescope-Säule auf dem Gelände lässt euch in die Vergangenheit eintauchen und zeigt, wie anders hier einst gearbeitet wurde. Gemeinsam erzählen die Terrils jumeaux und die Zeche 11/19 die Geschichte einer Region, die sich neu erfindet – zwischen Erinnerung und Zukunft.

Wedeln auf der Halde
Wie kreativ anderenorts die Abraumhalden neu genutzt werden, zeigt sich 20 Kilometer von Loos-en-Gohelle entfernt in Noeux-les-Mines. Dort wandelte sich bereits Mitte der 1990er‑Jahre der Terril 85 in ein 10.000 Quadrameter großes Wintersportgebiet, das seit 2016 als stade de glisse Loisinord ganzjährig mit Wedelspaß lockt. Hier könnt ihrauf Kunstbelag, der zum besseren Gleiten mit Wassernebel besprüht wird, mit Ski und Snowboard über die Halde schwingen, auf mehreren Pisten zu Tal sausen, Buckelspaß genießen oder die Halbpipe testen. Hinauf auf den 70 Meter hohen Hügel geht es im Lift. Im Sommer erkunden Mountainbiker und Wanderer die Halde.

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Im Blog
Alle Beiträge aus dem Dépargement Pas-de-Calais vereint diese Kategorie. Das UNESCO-Welterbe Bassin Minier stelle ich euch hier vor. Welche Ziele ihr in der Region Hauts-de-France auf keinen Fall verpassen solltet, erfahrt ihr hier.
Sämtliche Ziele, in meinem Online-Magazin nach Départements und Regionen vorgestellt, findet ihr zentral vereint auf dieser zoombaren Karte.
Im Buch
Georg Renöckl, 111 Orte, die man in Nordfrankreich gesehen haben muss*

Wisst ihr, wo Banksy an Nordfrankreichs Küste seine Stencils hinterlassen hat? Wo ihr am besten salicornes sammeln könnt? Oder wo bis heute die Zeitung im Bleisatz gesetzt wird? Georg Renöckel kennt die ungewöhnlichsten, überraschendsten und außergewöhnlichsten Orte im Norden von Frankreich.
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Wer ausgiebig darin stöbert, erfährt auch, warum ein Zwerg die einst mächtigste Ritterburg der Welt zerstörte. Auf der Suche nach historischen, kulturellen und legendären Orten hat Georg Renöckl nicht nur die Picardie, das französische Flandern, den Hennegau und den Artois besucht, sondern auch die Île-de-France.
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