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Vorhang auf: Wie das Theater Frankreich zusammenhält

Das Théâtre Molière in Sète zeigt zum Saisonende, warum Theater in Frankreich seit Jahrzehnten weit mehr ist als Unterhaltung. Ein Blick hinter den Vorhang einer Kultur, die Freiheit nicht predigt, sondern spielt.

Der Vorhang ist längst gefallen. Die letzte Vorstellung der Saison liegt Wochen zurück. Und doch sitzen und stehen an diesem Juniabend Dutzende Menschen vor dem Théâtre Molière in Sète, plaudern, lachen, halten Ecocups mit lokalem Wein in der Hand — Rot, Rosé oder Weiß, ohne Etikette, nur mit einem handgeschriebenen Hinweis auf der Flasche. Auf den Biertischgarnituren vor dem neoklassizistischen Portal liegen Brezeln in Packpapier-Tütchen und Tomaten. Auf den Stufen spielt eine Band, zwei Frauen, zwei Männer. Die Luft ist lau, die Stimmung angeregt.

Der Abend, der alles erklärt

Was das Théâtre Molière hier inszeniert, ist kein Abschied. Es ist eine Einladung. Drinnen, im prachtvollen Innenraum des théâtre à l’italienne mit drei Rängen und Logen, rot und golden, monumentalem Lüster und einem Deckengemälde wie ein kleines Stück Himmel, hat die Theaterleiterin mit ihrem Stab soeben die kommende Saison vorgestellt. Mit Video-Testimonials der Künstlerinnen und Künstler, Ausschnitten aus ihren Produktionen und Live-Auftritten. Am Rand der Bühne übersetzte eine Handzeichen-Übersetzerin das Gesagte in Gebärdensprache.

Das Théâtre Molière gilt als einer der schönsten Theatersäle im gesamten Süden Frankreichs. Sein neoklassizistisches Äußeres mit seinen opulenten Figuren schmückt seit 1904 die Avenue Victor Hugo, die als platanengesäumte Prachtstraße vom Bahnhof hin zur Stadt führt.

Die Saisonvorschau

C’est l’usage en France„, erklärt Olivier Maby, Pressse-Chef des Théâtre Molière – Sète, Scène Nationale Archipel de Thau. Das ist so Brauch.

Es ist mehr als ein Brauch. Das Théâtre Molière – Sète ist eine Scène Nationale — damit unterliegt es öffentlicher Förderung durch den Staat, die Gebietskörperschaften und ein breites Netzwerk von Mäzenen. Und wer öffentliche Mittel empfängt, geht eine Verpflichtung ein: zur Transparenz, zur Einbindung des Publikums, zur kostenlosen présentation de saison — der Saisonvorschau, die hier in Sète nicht erst im September zur Rentrée stattfindet, sondern schon im Juni, vor der Sommerpause. Früher als die meisten. Näher am Publikum als fast alle anderen.

Theater ist Staatspflicht

Als Scène Nationale erhält die Bühne jährlich rund 10.000 Vorschläge von Künstlern und Kompanien — für durchschnittlich 80 bis 180 Aufführungen pro Saison. Aus diesem Meer an Möglichkeiten entsteht ein Programm, das in Sète nicht weniger als fünfzig Aufführungen umfasst und sich über die Stadt hinaus auf vierzehn weitere Gemeinden im Bassin de Thau erstreckt.

Die Grundidee jeder Scène Nationale unterscheidet sich radikal von Theater in anderen Ländern. Frankreich versteht Theater als service public, als öffentlicher Dienst. Nicht als Luxus, nicht als Vergnügen der Bildungsbürger, sondern als demokratisches Grundrecht.

Eine Bühne für alles, was das Leben ist

Was an diesem Juniabend auf der Bühne des Théâtre Molière vorgestellt wird, ist kein kompaktes Angebot für ein homogenes Publikum. Es ist ein Kaleidoskop.

Den Auftakt macht Bonbon Vodou von der Île de la Réunion. Oriane Lacaille, Tochter der Sega-Akkordeon-Legende René Lacaille und Sängerin samt Ukulele, singt mit Jérémie, der sich als Sänger und Gitarrist aka JereM Boucris nennt, ein bulgarisches Lied – nicht folkloristisch, sondern geradezu fremdartig und exotisch.

Auch die Sängerin Yaël Naim steht auf dem Programm — in Tel Aviv geboren, in Paris aufgewachsen, mit einer Stimme, die Grenzen nicht kennt. Die Gruppe Cocanha singt okzitanische Musik, als wäre sie nie vergessen worden. Der Québecer Cirque Alfonse bringt Zirkus auf die Bühne, der jede Vorstellung von Manege und Sägemehl sprengt. Die Choreografin Kelemenis & Cie lässt Körper sprechen, wo Worte versagen. Jean-Luc Lagarce, der wichtigste französische Dramatiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dem die Aids-Krise keine Ruhe ließ, taucht auf dem Spielplan auf, neben dem jungen Guillaume Barbot.

Weltkultur und lokale Verwurzelung

Dahinter steckt eine Haltung, die in der Programmstruktur der Saison 2026/27 sichtbar wird: 50 Prozent Frauen, 50 Prozent Männer auf den Bühnen und hinter den Kulissen. Weltkultur und lokale Verwurzelung nebeneinander. Junges Publikum ernst genommen — das TMS 3 → 20 ans richtet sich explizit an Kinder und Jugendliche. Keine Leitkultur, die aussondert. Vielfalt als künstlerisches Credo.

Seit 2017 leitet Sandrine Mini das TMS, wie das Haus in der Branche heißt. Es ist eine der wenigen Scènes Nationales, die ein eigenes Produktionsbüro besitzen, das zeitgenössische Kreationen und Künstler aktiv unterstützt. Das macht Sète zu einem Ort nicht nur der Darbietung, sondern der Entstehung.

Die Rentrée théâtrale

Was in Sète im Juni gefeiert wird, entfaltet sich im September millionenfach. Die Rentrée théâtrale ist in Frankreich kein Begriff, sie ist ein Ereignis, ein kollektives Erwachen nach den Sommermonaten, in denen die großen Häuser geschlossen bleiben und die Festivals die Kultur übernehmen — in Avignon, in Aix-en-Provence, Carcassonne, Montpellier und selbst kleinen Orten wie Maury.

Jahrhundertelang begann die Theatersaison in Frankreich nach Ostern — im 17. und 18. Jahrhundert richtete sie sich am Kirchenkalender aus, im 19. Jahrhundert kannte sie bereits die Sommerpause, öffnete aber weiterhin im Frühling. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg verschob sich der Vorhang auf September. Seitdem ist die Rentrée für Theater und Schulen dasselbe: ein Neuanfang, ein kollektiver Aufbruch. Nur vereinzelt starten Häuser im Oktober — September ist der Takt, den das Land kennt.

In der Tradition der Theatersprecher

Der Juni ist heute der Monat der Saisonpräsentationen in den Theatern Frankreichs, nicht nur in Sète, sondern auch an der Comédie-Française in Paris, wo Generaldirektor Clément Hervieu-Léger das Wort ergriff. Im 18. Jahrhundert kam der Theatersprecher, um dem Publikum die guten Absichten der Kompanie anzukündigen — in Form eines Lobes, bei dem Schmeichelei erlaubt war, um ein launisches Publikum zu gewinnen. Die Form hat sich verändert. Das Ritual ist geblieben.

Frankreich besitzt dafür eine Infrastruktur, die in Europa einmalig ist. 78 anerkannte Scènes Nationales spannen ein Netz über das ganze Land, ergänzt durch 38 Centres Dramatiques Nationaux ( CDN ) und fünf Théâtres Nationaux in Paris sowie in Straßburg. Zusammen mit den kommunalen Theatern und den rund 2.000 bis 2.500 privaten Spielstätten ergibt sich ein Ökosystem im darstellenden Spiel, das einzigartig ist. Alljährlich im Herbst erfindet es sich neu. Alle ziehen im Herbst ihren Vorhang hoch.

Dezentralisierung als Kulturrevolution

Die lebendige, vielfältige französische Theaterlandschaft ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis einer politischen Entscheidung, die nach 1945 getroffen wurde und bis heute nachwirkt. Die Décentralisation théâtrale — die Theaterdezentralisierung — war der Versuch, Kultur aus Paris herauszulösen und ins ganze Land zu tragen.

Roland Piétri in Colmar, Jean Dasté in Saint-Étienne, Jeanne Laurent im Kulturministerium: Sie und weitere Gleichgesinnte, begriffen Theater als demokratisches Werkzeug. Der 1972 formalisierte Contrat de décentralisation dramatique verpflichtete die geförderten Häuser zu einer mission de création théâtrale d’intérêt public — einer Mission im öffentlichen Interesse.

In Sète bedeutet das heute: Das TMS bespielt nicht nur das Théâtre Molière, sondern ist in allen 14 Gemeinden des Bassin de Thau präsent — als kulturelles Zentrum einer ganzen Region, nicht einer einzigen Stadt. Theater reist zu den Menschen, nicht umgekehrt.

Die Finanzierung folgt diesem Prinzip. Rund 50 Prozent der Mittel für eine Scène Nationale kommen aus kommunalen und regionalen Quellen, etwa 24 Prozent vom Staat, der Rest aus Eigeneinnahmen. Träger des Théâtre Molière sind der französische Staat, die Region Okzitanien, das Département Hérault und die Stadt Sète — und ein club d’entreprises mécènes, ein Kreis von Mäzenen der Wirtschaft, der privates Engagement in öffentliche Kultur verwandelt.

Theater als letzter freier Raum

Draußen in der Welt schließen sich Grenzen. Mauern werden gebaut, Tore verriegelt, Debatten verengt. Nur noch 6,6 Prozent der Weltbevölkerung leben heute in einem als demokratisch geltenden Regime — halb so viele wie noch 2014, als der Anteil bei 12,5 Prozent lag. Das französische Kulturministerium formuliert es so: Es reicht nicht mehr, Kultur als bloßes Vehikel für Wissen, Emotion oder Unterhaltung zu verteidigen. Das kulturelle Leben eines Territoriums muss als Ferment demokratischer Resilienz und als Schutzwall gegen Manipulation begriffen werden.

Das Theater kann das leisten. Es kann es — weil es Menschen zusammenbringt, die sich sonst nicht begegnen würden. Weil es Empathie trainiert: Wer eine Figur auf der Bühne versteht, die ihm fremd ist, hat etwas gelernt, das kein Algorithmus lehrt. Weil es Widerspruch möglich macht. Weil es Fragen stellt, ohne Antworten zu erzwingen.

Die Philosophin Hannah Arendt hat das Theater als „die politische Kunst par excellence“ bezeichnet — als den Ort, an dem das Handeln sichtbar wird, weil es vor anderen geschieht. Im Dunkeln des Zuschauerraums entsteht eine temporäre Gemeinschaft. Sie dauert so lange wie die Aufführung. Und manchmal länger.

In Sète, auf dem Vorplatz des Théâtre Molière, endet dieser Juniabend mit Musik, Wein ohne Etikette und Gesprächen, die sich über Tische hinweg entspinnen zwischen Menschen, die sich nicht kannten. Die Bühne ist leer. Das Theater arbeitet dennoch. Draußen vor der Tür. An einem lauen Sommerabend spürt Sète die Freude der Freiheit.