Tour de France: das kleine Glück am Straßenrand
Die Tour de France ist nicht nur das härteste Radrennen der Welt. Sie ist ein Land in Bewegung, ein großes Schauspiel, das sich über die Dörfer, Pässe und Alleen erstreckt und Menschen von nah und fern anzieht. Am Straßenrand erleben sie etwas, das weit über sportliche Leistung hinausgeht: ein stilles gemeinsames Glück.
Le Tour de France. Es goss in Strömen, die Radprofis stürzten, und ich bibberte bei einstelligen Temperaturen im Béarn. Doch auf den Gesichtern der Menschen am Straßenrand lag stille Freude. Während der Bergetappen in den Pyrenäen traf ich sie. Menschen, die für le tour ihre letzten sous zusammengekratzt hatten, um einmal hautnah dabei zu sein.
Wie Jean-François aus Poitiers, der sich gesagt hat: „Ich bin über 70. Wer weiß, ob es jemals sonst noch erlebt hätte.“ Oder Christophe und Marie-Claire, die seit 25 Jahren Schlachtenbummler sind.
Eine Woche vor dem Beginn der Tour de France sind sie von Nantes aus gestartet. „Da waren wir schneller als all die anderen!“ Vier Tage vor dem Rennen haben sie ihr Wohnmobil zwischen Fluss und Kreisverkehr in Gère-Bélesten aufgestellt. Und genau so platziert, dass kein anderer Schlachtenbummler ihnen den Paradeblick, auf die Sprintstrecke nehmen kann.
Hinter ihnen hüpft der Gave d’Ossau fröhlich über die glatt geschliffenen Granitbrocken in seinem Bett. „Wir haben alles auf Google Maps vorher gründlich recherchiert. Das wäre doch schrecklich: Da fahren wir so weit, und dann stellt sich jemand noch in letzter Minute vor uns und raubt uns die Sicht!“
Vor Vorfreude zelebrieren die beiden am Vorabend des großen Tages den Apéro, haben Tisch und Stuhl vor dem Wohnwagen aufgeklappt, den Hund angeleint, Wein- und Wasserflasche geöffnet. Eingekauft wurde – mais oui – 100% lokal. „Auf jeder Tour können wir so neue Köstlichkeiten kennenlernen, ist das nicht schön?“
Am Sonntag sausen die Radler direkt vor ihnen vorbei. Nur wenige Sekunden dauerte das Spektakel. „Es war ein großer Moment!“, sagen sie, und ihre Augen strahlen. Im kommenden Jahr wollen sie wieder mit dabei sein. „Die Tour de France gehört zu unserem Leben!“
Die Karawane der Tour de France

Mindestens genauso sehnsüchtig erwartet wird die Karawane, die vor den Sportlern die Strecke in Angriff nimmt und sich mit aufwendig dekorierten Werbewagen und Promotionsbussen über die Berge quält. Am frühen Morgen wird sie in Pau auf dem Großparkplatz des Stade du Hameau zusammengestellt. 200 Marken formieren sich dort vor jeder Tour de France zu einem riesigen Werbe-Tross.
Jedes Jahr wird la caravane ein wenig grüner. Seit 2019 gehören Elektro- und Hybridwagen wie dem Elektro-SUV Skoda Enyaq iV zur offiziellen Flotte der Tour de France. Experten von Biotope berücksichtigen bei der Routenplanung Umwelt- und Naturaspekte. Noch recht übersichtlich sind die Werbe-Artikel aus nachwachsenden Rohstoffen unter den 15 Millionen goodies, die unter das Volk kommen.

T-Shirts und Kappen sind nicht mehr eingeschweißt, Schlüsselanhänger aus Holz, Werbekulis mit Bambuskorpus. Christian Prudhomme führte 2019 das längst überfällige Recycling bei der Tour de France ein. Gelb, Grün und Schwarz säumt eine Parade aus Wertstofftonnen die Strecke.
Zu den Werbetreibenden von le tour gehören Frankreichs bekannteste Marken und Unternehmen. E. Leclerc stapelte Kappen, Taschen und T-Shirts in seinen Fahrzeugen, Vittel seine Wasserflaschen mit Tour-Logo. Hölzerne Schlüsselanhänger mit dem Wappen des Béarn wollte das Tourismusamt des Béarn später ins Volk werfen.
Zu schmissiger Musik aus Lautsprechern startet die Karawane. Vive la caravane du tour steht schwarz auf weiß auf einem handgemalten Pappschild, das Mutter und Tochter hochhalten auf dem Trottoir. Vom Balkon wird gewunken. Ein sichtlich nicht mehr ganz nüchterner Franzose weist auf seine geöffnete Einkaufstasche hin. Warenproben von Würstchen, Keksen. Seife und Olivenöl fliegen hinein.
„1997 Zabel“ steht auf dem Pflaster in Pau. Mit zwei Etappensiegen löste Erik Zabel in jenem Jahr seinen Mannschaftskollegen Olaf Ludwig als besten Sprinter im Team Telekom ab. 1997 gewann Jan Ullrich als erster und bislang einziger Deutscher die Tour de France. Doch sein Name ist auf dem Pflaster der Rennstrecke, die von der Oberstadt hinab zum Bahnhof führt, nicht verewigt.
Es steht im Säulenwäldchen, das sich leuchtend gelb vom grünen Rasen desStade Philippe-Tissié erhebt.Tour des Géants nennt sich Frankreichs erstes Freilichtmuseum, das sich der Tour de France und ihren Helden widmet. Jede Säule würdigt die Leistungen der einzelnen Sieger des Radrennens der Tour de France. Gelb wie die Farbe des Trikots, das der Sieger der Tour jeden Tag trägt.
Genau dort, wo einst das Vélodrome der Stadt stand, stellen die Multimediasäulen mit Fotos, Tönen und Texten die Fahrer vor. Im Juli 2015 weihte François Bayrou, damals der Bürgermeister von Pau, die Gedenkstätte ein.
76 Mal hat die Tour de France in Pau Station gemacht, war die Hauptstadt der Béarn die ville de départ. Pau. Capitale du Tour informiert Schwarz auf Gelb der Schriftzug auf dem Banner im Startbereich.

Zwei Stunden nach der Werbekarawane startet das Wettrennen durch die Berge. In Kehren geht es hinauf zum Col de la Hourcère. Tief wabert der Nebel. Drei Grad zeigt das Thermometer. Marc Hirschi setzt sich ab, sprintet als erster der heute 166 Fahrer über den 1440 Meter hohen Pyrenäen-Pass.

Auf dem Werbewagen des Béarn greift König Henri IV. alias Bernard Monforte wieder zum Mikrofon. „Bonjour, mes amis…! “ Die Leuten winken, lachen, grüßen „ihren“ König, der als einziges lebendes Maskottchen der Tour de France das Radrennen begleitet und für einen Urlaub im Béarn wirbt.

Über sein gelbgoldenes Kostüm mit weißem Kragen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen hat le bon roi einen knallroten Poncho gezogen. Das gelockte Haupt ist in der Nässe noch lockiger geworden. Doch der König steht aufrecht, angeleint und gesichert, lächelt unter der Maske, die sein Mikro versteckt, und verspricht allerschönste Momente, 100 % béarnais.
Nur kurz können die Fahrer die Räder laufen lassen. Dann fließt trotz der Kälte wieder der Schweiß. 8,5 Prozent Steigung hinauf zum Col du Soudet. Auf 1.540 m stehen die Fans im Nebel, klatschen mit riesigen Plastikhänden, winken und strahlen.
Steil führt die Passstraße hinab, hin nach Arette, wo auf 334 m Höhe die Sprintstrecke der Tagesetappe beginnt. Schilder am Straßenrand warnen die Fahrer vor den Bodenschwellen der Tempo-30-Zonen im Dorf. Am linken Straßenrand hat ein Gastwirt den Grill nach draußen gestellt.
Rot leuchten zwei Rinder auf dem gelben Banner des Béarn. Bei Kilometer 111 geht es wieder bergauf. 4,2 Kilometer ist der Anstieg zum Col d’Ichère, 7 Prozent steil. Doch auch hier: kein Fleckchen, in dem nicht ein Fan campiert, im Poncho steht oder unter Bäumen Schutz sucht.
Hinab nach Escot auf 333 Meter. Hier haben sich die Wappentiere des Béarn zu leibhaftigen Rindern gestellt. Die Menschen haben ihr Dorf herausgeputzt für die Tour de France. Eine neue Straße musste her.
Am Vortag noch nicht fertig asphaltiert, sausen die Wasser jetzt über den schwarzen Asphalt, der mit seinen leuchtend weißen Markierungen extraterrestrisch wirkt inmitten der alten Natursteinhäuser.

Siebter und letzter Pass der Bergetappe von Pau nach Laruns ist der legendäre Col de Marie-Blanque. 7,7 Kilometer ist der Anstieg, fordernde 8,6 Prozent steil. 135 Kilometer haben die Fahrer bereits hinter sich, die jetzt durch den Buchenwald bergauf strampeln, die Gesichter angestrengt. Die Menschen am Straßenrand nehmen sie nicht wahr.
Chouchou, je t’aime. Épouse-moi ! (Chouchou, ich liebe Dich. Heirate mich!) hält eine junge Frau ein Schild mit Herz hoch. Das Rendezvous am Straßenrand dauert nicht mal eine Sekunde.
Schon ist Besagter fort, sprintet jenseits des Passes vorbei an mehr als 200 Wohnwagen, Campern und Zelten, die seit fast einer Woche auf dem Hochplateau ausharren. Die Faszination der Tour lässt sie Regen und Kälte vergessen. Mit Maske und Abstand stehen sie am Straßenrand. Und machen die Welle, als die Fahrer vorbei rasen.

Hin nach Laruns, dem Tagesziel im Val d’Ossau des Béarn. Gelb, Grün und rot-weiß kariert hängen die Trikots der Tour de France vor den Fassaden der Häuser. Auf dem LED-Bildschirm nähern sich die Fahrer dem Tagesziel: Laruns.
Ein Schluck aus der Trinkflasche, das Handtuch kurz über das Gesicht, eine warme Jacke angezogen, dann sind die Fahrer verschwunden. Am nächsten Morgen ist Laruns blitzblank geputzt. Die Karawane ist weitergezogen, der Tourwimpel eingerollt in Laruns. Dreimal war das 1200-Einwohner-Dorf bereits Gastgeber des härtesten Radrennens der Welt. Was bleibt, ist die Hoffnung auf die nächste Tour de France.
Nachtrag
Ich sehe viele Aspekte der Tour de France durchaus kritisch. Die Unmengen an goodies aus Plastik, die unter das Volk gebracht werden. Die Tatsache, dass es ein rein männliches Rennen ist – und es für Frauen eine kleinere, viel weniger beachtete und umworbene zweite Tour gibt. Die Art, wie die Sportler optimiert werden für Höchstleistungen. Doch alles überstrahlt hat das Glück, das ich auf den Gesichtern der Menschen gesehen habe. Diese Gesichter haben mich sehr berührt. Ich werde sie nicht vergessen. Genau davon erzählt dieser Beitrag.
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Im Blog
Wo ihr selbst auf den Spuren der Tour de France radeln und ein Diplom erhalten könnt, erfahrt ihr hier.
Euren Reiseplan mit Infos und Impressionen für ein unvergessliches Wochenende in Pau findet ihr hier.
Im Buch
Klaus Simon, Hilke Maunder, Roadtrips Frankreich*
Das zweite gemeinsame Werk mit Klaus Simon stellt euch die schönsten Traumstraßen zwischen Normandie und Côte d’Azur vor. 14 Strecken sind es – berühmte wie die Route Napoléon durch die Alpen oder die Route des Cols durch die Pyrenäen, aber auch echte Entdeckerreisen wie die Rundtour durch meine Wahlheimat, dem Fenouillèdes.
Von der Normandie zur Auvergne, vom Baskenland hin zu den Stränden der Bretagne und dem wunderschönen Loiretal laden unsere Tourenpläne ein, Frankreich mobil zu entdecken – per Motorrad, im Auto, Caravan oder Wohnmobil. Hier* gibt es das Fahrtenbuch für Frankreich!
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