Die Abteikirche von Tournus. Foto: Hilke Maunder

Tournus: Wo der Heilige den Kopf in den Brunnen warf

Wehrhaft und kantig erheben sich zwei spitze Türme über den Dächern von Tournus. Erbaut wurden sie mit einem ganz besonderen Stein: Die Pierre de Préty verfärbt sich je nach Tageszeit und Luftfeuchtigkeit von blassgelb über rosacé bis zu einem satten Ocker-Rot., dann immer röter, fast wie die Farbe des Blutes, mit dem die Abtei Saint-Philibert verbunden ist. Das drittgrößte romanische Bauwerk Burgunds gehört zu den am besten erhaltenen romanischen Klosterensembles Europas.

Tournus liegt auf halbem Weg zwischen Chalon und Mâcon am rechten Ufer der Saône, die hier als Autobahn der Binnenschiffer ausgebaut ist. 5.627 Menschen leben in Tournus, das damit groß genug ist für ein gutes Restaurant – und so klein und kompakt, dass die Abbaye Saint-Philibert bis heute das Ortsbild bestimmt.

Mönche auf der Flucht

836 überfielen die Wikinger die Benediktinerabtei Saint-Philibert de Hério auf der Île de Noirmoutier. Die Mönche flüchteten – und zogen jahrzehntelang mit den Reliquien ihres toten Klostergründers Philibert umher, ehe sie – fast 40 Jahre später – in Tournus eine Zuflucht fanden und 875 ihr neues Kloster gründeten.

Doch sie waren nicht die Ersten, die hier Schutz vor den Stürmen ihrer Zeit suchten. Bereits fünf Jahrhunderte früher hatten Mönche hier ein Kloster gegründet und dem heiligen Valérien gewidmet. Der frühe christliche Missionar habe, so die Legende, nicht abschwören wollen. Kurzerhand wäre er daraufhin im Jahr 178 n. Chr. unter Mark Aurel enthauptet worden – ähnlich wie Saint-Denis.

Doch statt in Paris kopflos gen Norden zu laufen, habe Saint-Valérien aus Wut seinen abgeschlagenen Kopf genommen und eigenhändig in den Brunnen geworfen – und damit jenen Brunnen in der Krypta der Abtei, zu dem die Gläubigen bis heute pilgern. Am Festtag des Heiligen, dem 15. September, kamen sie einst an den Brunnen und tranken sein Wasser. Es hieß, es sei wundertätig und könnte sogar Krankheiten heilen.

Die Abtei von Tournus ehrt beide Heiligen. Saint-Philibert als Patron der Abtei, Saint-Valérien als lokalen Märtyrer, dem die Krypta gewidmet ist.

Flucht vor den Ungarn

Doch richtig zur Ruhe kamen die Mönche aus der Vendée noch nicht. Als im Jahr 936 die Ungarn in Burgund einfielen, musste Philiberts Gebeine erneut fliehen – diesmal wurde der Heilige in den Bergen der Auvergne versteckt. Und prompt kam Unglück über Stadt. Erst als der Heilige nach 13 Jahren aus seinem unfreiwilligen Exil wieder zurückkehrte, sei auch wieder Friede eingekehrt, heißt es.

Unendlich viele Legenden ranken sich um Philibert. Und wurden schließlich so stark, dass sie die ältere Verehrung von Valérien allmählich überlagerten. Blinde hätten, so die Überlieferung, nach dem Berühren von Philiberts Sarkophag wieder sehen, Gelähmte wieder Gehen können. Wunder über Wunder habe Saint-Philibert bewirkt.

Um das Jahr 1000 begann der Bau der ihm geweihten Abteikirche. Doch schon im Jahr 1008/9 zerstörte ein Großbrand alles, was bis dahin stand. Abt Bernier indes ordnete den sofortigen Wiederaufbau an, und bereits zehn Jahre später wird das Gotteshaus geweiht und die erste Messe zelebriert. Die Bauarbeiten indes dauern noch bis ins Jahr 1300 an.

Konkurrenz mit Cluny

Was entsteht, ist ein imposantes Ensemble, dass vor allem die Konkurrenz in Cluny beeindrucken soll: eine Abteikirche mit einer geradezu wehrhaft wirkenden Fassade, angeschlossen an ein Kloster mit Kreuzgang, Kapitelsaal, Parlatorium, Refektorium und Kellerei. Erst im 15. Jahrhundert entstand die Wohnung für den Abt.

Gebaut wurde sie bewusst abseits, außerhalb der Kontrolle des Klosters – flüchteten die geistlichen Vorstände doch nur zu gern vor der strikten Askese des Konvents hin zu einem genussvollen, luxuriösen Leben.

Quer zur Kirchenachse

Geradezu kühn für die damalige Zeit ist die Architektur des Kirchenschiffs. Hinter dem dunklen Narthex mit seinen wuchtigen Pfeilern bricht plötzlich Licht durch die Gewölbe – Kreuzgratgewölbe, die quer zur Kirchenachse verlaufen. Es wirkt wie eine architektonische Flucht aus der Enge: Das in jener Epoche übliche, düstere Längstonnengewölbe wird hier aufgebrochen zugunsten einer lichtdurchfluteten Höhe. In der Romanik war dies in Frankreich völlig unüblich. Einzig in der Église Saint-Vincent von Mont‑Saint‑Vincent, rund 50 Kilometer nördlich von Tournus findet sich noch eine solche Anordnung.

Überraschend hell und licht für die Romanik zeigt sich das Innere. 18 Meter hoch ragt der Chor auf. In halb unterirdischen Krypta mit schlanken Pfeilern und skulptierten Kapitellen ruht unter einem Gewölbe aus dem 11. Jahrhundert der Heilige Valérien in seinem Sarkophag – gleich neben dem Brunnen, in den er seinen Kopf geworfen haben soll. Nicht nur die Krypta der Abtei, auch eine zweite Kirche erinnert in Tournus an den enthaupteten Heiligen: die Église Saint-Valérien, ein stiller Gegenpol zur monumentalen Abteikirche, die bis heute Überraschungen birgt.

800 Jahre alte Mosaike

So wurden erst im dritten Millennium bei Bauarbeiten am Chorumgang unter einem jüngeren Fußboden rund 800 Jahre alte Mosaike entdeckt. Sie zeigen keine christlichen Szenen, sondern Details aus dem bäuerlichen Alltag des 12. Jahrhunderts, festgehalten in Tierkreiszeichen und Motiven zum Jahreslauf. Im Mai bricht ein Reiter zur Falkenjagd auf, im Juni mäht ein Bauer, nur leicht bekleidet und mit Hut, das Heu. Ganz und gar nackt sind die Zwillinge, die sich in den Armen halten und ansehen. Mit acht gegabelten Beinen zeigt sich der Krebs stolz im Stein.

Befestigt: der Klosterbezirk

Die massive Westfront lässt die Abtei wie eine Festung wirken. Das alte Tournus lag damals im befestigten Klosterbezirk. Viele Mönche lebten damals hier nicht. Die schiere Größe der Anlage war dazu da, um zu beeindrucken – und nicht, um darin zu leben.

Der einstige Kreuzgang ist heute ein öffentlicher Park, umgeben von den Funktionsräumen des Klosters. Im Kapitelsaal und in der Kellerei werden heute Ausstellungen gezeigt, das Refektorium dient als Veranstaltungssaal und öffnet sich zur Rue Jeannot. Abtei und Altstadt sind nicht getrennt, sondern gehen ineinander über.

1675 ließ Kardinal Emmanuel Théodose de La Tour d’Auvergne als Abt der Abtei Saint-Philibert auf Anweisung Ludwigs XIV. den Neubau des Hôtel-Dieu errichten. Seine Apotheke aus dem Jahr 1685 gehört zu den ältesten erhaltenen Krankenhausapotheken Frankreichs. Auf ihren alten Regalböden reihen sich 300 Fayence-Gefäße, einst prall gefüllt mit Heilkräutern aus dem hauseigenen Garten: Melisse, Fenchel und Salbei für die Kranken.

Greuze: Genrebilder mit Moral

Die Wände schmücken Gemälde von Jean-Baptiste Greuze. Als Sohn eines Dachdeckers wurde er am 21. August 1725 in Tournus geboren. Er lernte zunächst in Lyon und ging um 1750 nach Paris. Dort machte er rasch auf sich aufmerksam und stellte ab 1755 im Salon aus.

Seine Bilder zeigten keine antiken Götter oder höfischen Prunkszenen, sondern Familien, Bauern, junge Frauen und alltägliche Situationen. Seine Bilder wirken wie eingefrorene Szene eines Theaterstücks – und enthalten fast immer eine moralische oder sentimentale Botschaft. Das gefiel der damaligen Gesellschaft – dank seiner Genreszenen stieg Greuze zu einem der bekanntesten und beliebtesten französischen Maler des 18. Jahrhunderts auf.

Haute Cuisine von Yohann Chapuis

Tournus: Das Restaurant L'Écrin de Yohann Chapuis – Maison Greuze. Foto: Hilke Maunder
Das Restaurant L’Écrin de Yohann Chapuis – Maison Greuze. Foto: Hilke Maunder

Werbewirksam setzte die Maison Greuze den Maler in seinen Namen. Jean Ducloux machte es einst legendären Adresse Burgunds macht. Seit 2008 steht Yohann Chapuis am Herd des Schlemmertempels in der Rue Albert Thibaude.

Seitdem heißt das Restauran L’Écrin de Yohann Chapuis – Maison Greuze – und trägt einen Michelin-Stern. Von der Schnecke bis zum Froschschenkel kommt hier echte burgundische Küche raffiniert verfeinert auf den Tisch. Unkompliziert sind Ambiente und Küche im Bouchon Bourguignon, für den der Sternekoch ebenfalls verantwortlich zeichnet.

Engel und Chimären

Auf der Rue Dr Privey kommt ihr von dort Richtung Saône auch an der Maison aux Chimères aus dem 15. und 16. Jahrhundert vorbei – von den einst zwei namensgebenden Chimären ist heute jedoch nur noch eine erhalten. Nur wenige Schritte weiter erhebt sich der Ecke der Rue de la République zur Place Carnot das bekannteste Fachwerkhaus von Tournus, der Logis de la Tête Noire. Entdeckt ihr den kleinen geschnitzten Engel, der hier die Passanten seit Jahrhunderten grüßt?

An den Ufern der Saône

Enge Gassen und Traboules – überdachte Durchgänge zwischen den Häusern – verbinden die Rue de la République mit der Rue des Magasins und die Rue du Passage-Étroit.

Immer häufiger eröffnen sich jetzt Blicke auf die Ufer der Saône. Dem Flusslauf folgt die Voie Bleue, eine 700 Kilometer lange Radwanderroute von Apach an der luxemburgischen Grenze bis nach Lyon.

Für die schönste Aussicht auf Tournus geht es über den Fluss. Vom gegenüberliegenden Ufer dominiert bis heute die Abtei die Stadtsilhouette. Und leuchtet im Licht der letzten Sonne so Rot wie das Blut des geköpften Heiligen.

Mein Lieblingsausflug von Tournus: Mancey an der Côte Mâconnaise

Einfach mal raus, abschalten und auftanken: Für eine Stadtflucht ist Mancey ein idealer Ort – und nur einen Katzensprung entfernt von Tournus. Das kleine Winzerdorf an der Côte Mâconnaise grenzt mit dem Gemeindegebiet fast an die Saône-Stadt – und ist doch Lichtjahre von Stress und Hektik entfernt. Dafür sorgt der Col des Chèvres, ein 478 Meter Sattel mit herrlichen Aussichten auf die Wälder und Weinberge der Côte Mâconnaise, die hier und da Kornfelder unterbrechen: ein wunderschönes, sanft gewelltes Puzzle aus gelb und grün unter einem hohen blauen Himmel.

Beschauliches Weindorf

Seit dem 14. Jahrhundert thront das Schloss von Mancey über dem Dorf – und auch von hier sind die Aussichten grandios. Das Dorf selbst verströmt eine ländliche Gelassenheit, mit der Église Saint-Martin aus dem 12. Jahrhundert im Herzen und Winzerhöfen ringsum. Die Genossenschaftskellerei und unabhängige Winzer wie Stéphanie Denderes produzieren hier vor allem Chardonnay, einen goldgelben Weißwein mit grünen Reflexen. Das örtliche Waschhaus (le lavoir) war noch bis ins 19. Jahrhundert in Betrieb.

Volkswandern durch Weinberge

Von hier aus könntet ihr nun die Umgebung von Mancey per Fahrrad oder zu Fuß entdecken. Zu den beliebten Routen gehört der Circuit de la Roche d’Aujoux, der hinaufführt zu einem 478 Meter hohen Belvédère. Die 7,5 Kilometer lange, mittelschwere Wanderung verläuft bis zum Aussichtspunkt ausschließlich im Wald. Welch eine Überraschung, wenn sich das 360-Grad-Panorama dann plötzlich eröffnet!

Dreimal im Jahr lädt Mancey zum Volkswandern und legt für La Macillonne drei Routen an, deren Verlauf jährlich wechselt und immer unterwegs Pausen-Punkte einbindet, an denen ein Heer von Freiwilligen für das leibliche Wohl sorgt: ein geselliger Wanderspaß à la Burgund!

Tournus: meine Reisetipps

Hin & weg

ÖPNV

Der Bahnhof liegt an der Nord‑Süd‑Hauptstrecke Paris–Lyon–Marseille (PLM). In der Gare de Tournus halten fast nur TER-Lokalzüge; Intercités und TGVs fahren meist ohne Halt durch.

Kreuzfahrt

Tournus ist u.a. im Programm der Flusskreuzfahren von AmaWaterways, A‑ROSA, Amadeus , Phoenix Reisen, Tauck und Viking.

Schlemmen und genießen

Bar de l’Hôtel de Ville

Sehr beliebte, entspannte Bar im Stadtzentrum. Auf der Karte stehen frische hausgemachte Gerichte wie salade de chèvre chaud, steak tartare und weitere Brasserie‑Klassiker.
• 8, place de l’Hôtel de Ville, 71700 Tournus, Tel. 03 85 32 43 95, www.brasserie-barhoteldeville.fr

Brasserie Le Quai

Lebhafte, familiäre Terrasse am Saône-Ufer. Küchenchef Valéry Meulien lernte bei Jean Ducloux und Paul Bocuse und war selbst zeitweise mit Stern ausgezeichnet. Die Karte setzt auf burgundische Klassiker wie œufs en meurette pâté en croûte, jambon persillé, tête de veau und ris de veau .
• 20, quai de Verdun, 71700 Tournus, Tel. 03 85 30 39 72, https://lequaitournus.eatbu.com

Le Rempart

Direkt gegenüber dem Bahnhof serviert Küchenchef Cédric Charbonnier eine traditionelle, burgundisch geprägte Brasserie‑Küche mit regionalen Klassikern wie escargots, œufs en meurette , pâté en croûte und bœuf charolais. Die Räume sind hell und freundlich, teils unter Glasverrière, mit überdachtem Patio. D angrenzende Pub bietet eine breite Auswahl an lokalen Bieren, Weinen, Whiskys und Rumsorten.
2 – 4, avenue Gambetta, 71700 Tournus, Tel. 03 85 51 10 56, www.lerempart.com

Le Terminus

Alltagstaugliche, rustikale Küche mit regionalen Klassikern wie pâté en croûte, quenelle de brochet, grenouilles, aber auch neuere Interpretationen wie confierte Schnecken mit Gewürzöl.
• 21, avenue Gambetta, 71700 Tournus, Tel. 03 85 51 05 54. https://hotel-terminus-tournus.com

Aux Terrasses

Das Restaurant des Boutiquehotels leitet Jean‑Michel Carrette; der auf eine kreativ, moderne cuisine saine setzt – dafür gab es 2026 einen Michelin‑Stern.
• 18, avenue du 23 Janvier, 71700 Tournus, Tel. 03 85 51 01 74, www.aux-terrasses.com

Greuze – L’Ecrin de Yohann Chapuis

Fine dining im intimen Rahmen mit 25 Gedecken. Küchenchef Yohann Chapuis, ausgezeichnet mit dem Bocuse d’Or 2021 und einem Michelin‑Stern, steht für eine kreative burgundische Gastronomie mit Klassikern wie Schnecken, Froschschenkeln und Bressehuhn, raffiniert verfeinert und stets begleitet von den passenden Weinen der Region.
• 1, rue Albert Thibaudet, 71700 Tournus, Tel. 03 85 51 13 52, www.restaurant-greuze.fr

Hier könnt ihr schlafen

Demeures & Châteaux Hôtel de Greuze

12, avenue Gambetta, 71700 Tournus, Tel. 03 85 51 77 77, https://hotelgreuze.fr

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