Bald Welterbe? Schaf & Rind auf Wanderschaft

Ziehen frei über die Almen: die Schafe am Col du Soulor in den Pyrenäen des Béarn. Foto: Hilke Maunder
Ziehen frei über die Almen: die Schafe am Col du Soulor in den Pyrenäen des Béarn. Foto: Hilke Maunder

Mitte Juni in Die in der Drôme: Mit langen Stöcken treiben Männer im weißen Hemd und dunkler Hose, den Hut auf dem Kopf, Tausende Schafe am Samstagmorgen durch die Straßen. Hier und da springt ein Ziegenbock aus dem weißen Wollgewirr.

Das weiche Fell der Tiere berührt die Beine der Zuschauer. Musik erklingt aus Lautsprechern. Einige sind fest in die Straßenbeleuchtung integriert. Andere sind kreativ vor die Fassaden montiert. Kameras klicken.

Schafherde unterwegs in den Corbières. Foto: Hilke Maunder
Schafherde unterwegs in den Corbières. Foto: Hilke Maunder

Das Clairette-Städtchen der Drôme feiert Anfang Juni nicht seinen prickelnden Schaumwein. Sondern seine Schafe. Die Fête de la Transhumance ist inzwischen ein zweitägiges Volksfest. 2020 fällt es der Corona-Krise zum Opfer. 2021 soll der 30. Geburtstag umso größer gefeiert werden.

Erstes Ziel der Schafe ist Chamaloc. Von dort ziehen sie mit ihren Schäfern hinab auf in die Berge des Vercors. Ihr Ziel sind die saftigen Almen des Col de Rousset (1254 m). Dort weiden sie frei und ungebunden, ehe es für sie im September zurück ins Tal geht. Aber nicht immer in den Stall.

Schafe. Foto: Hilke Maunder
Zwei Dickköppe… Foto: Hilke Maunder

La Transhumance: Seit Jahrtausende kennt auch Frankreich die Wanderweidewirtschaft in seinen Bergen. In den Hochtälern der französischen Alpen und der Seealpen ähnelt sie der Almwirtschaft, wie sie in Bayern, der Schweiz, Österreich und Norditalien betrieben wird.

Weidende Schafe in den Cevennen. Foto: Hilke Maunder
Hirte mit Herde bei Le Vigan in den Cevennen. Foto: Hilke Maunder

Im Sommer geht es auf den Berg, im Winter in den Stall. Und während das Vieh im Sommer auf entfernten Bergweiden grast, bleibt der Bauer in Frankreich im Tal, betreibt Ackerbau, kümmert sich um Haus und Hof oder geht einem anderen Beruf nach.

Einsame Schäferhütte in den Cevennen. Foto: Hilke Maunder
Einsame Schäferhütte in den Cevennen. Foto: Hilke Maunder

Anders sieht es in den Cevennen, den Corbières und anderen Mittelgebirgen aus. Da ziehen die halbsesshaften Hirten mit ihren großen Herden das ganze Jahr von Weide zu Weide. Je nach Saison und Wetterlage sind sie mal höher oder tiefer gelegen, mal reich, mal mager an Futter.

Die Schafweiden von Saint-Paul-de-Fenouillet. Foto: Hilke Maunder
Die Schafweiden von Saint-Paul-de-Fenouillet. Foto: Hilke Maunder

Doch immer sind es Naturweiden, die der Milch einzigartige Aromen verleihen. Und in ihrer biologischen Vielfalt überraschen. Rosmarin, Thymian und Lavendel wachsen dort zwischen wildem Fenchel und verwildertem Getreide.

Wilde Orchideen - mitten auf der Wiese. Foto: Hilke Maunder
Wilde Orchideen – mitten auf der Wiese. Foto: Hilke Maunder

Auch feuchteren Wiesen leuchtet das Gras fast schon unwirklich saftig grün. Im Mai könnt ihr dort dann Orchideen entdecken, bedrohte Arten, anderenorts schon ausgerottet.

Im Fenouillèdes weiden die Schafe des Winters auf diesen Weiden. Im Sommer blühen dort viele seltene Orchideen. Foto: Hilke Maunder
Im Fenouillèdes weiden die Schafe des Winters auf diesen Weiden. Im Sommer blühen dort viele seltene Orchideen. Foto: Hilke Maunder

Ab Ende Mai sind die Weiden der Crau-Ebene bei Saint-Rémy-de-Provence so trocken und abgeweidet, das kein Gras mehr die Schafe ernähren kann. Auch dort beginnt für die Schafe der Weg zu den Bergweiden. Und der ist lang – denn die Schafherden verlassen die Provence. Früher wurde der Weg zu Fuß zurückgelegt.

Zehn lange Tage marschierte der Schäfer mit seinen Tieren durch das Land. Heutzutage werden die Tiere dicht an dicht in die Laster gepfercht, nachdem sie Anfang Juni bei der Fête de la Transhumance durch die Straßen des Städtchens getrieben worden sind. Über die Autobahn werden sie binnen weniger Stunden in die Alpen kutschiert. Bis zu 400 Schafe nimmt ein “betaillières” (Schafslaster) mit drei oder vier Etagen auf.

Die Schafstriebwege in der Provence. Copyright: Maison de la Transhumance (Pressebild)

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich bei der Transhumanz ein festes System an Regeln, Routen und Rassen herausgebildet. Allein in der Provence wandern heute noch mehr als 600.000 Schafe auf den alten Viehtriebsrouten der Berge. “Drailles” und “Carraires” heißen diese Wege im Midi.

In den bis zu 1000 Tieren großen Herden findet ihr ausschließlich Rassen wie Mérinos d’Arles, Mourérous und Préalpes du Sud, die robust genug sind für die Transhumanz. Bewacht werden sie von Schäfern, die heute in Frankreich im Dienst der Kommunen und Départements stehen. Und inzwischen bei Salons-de-Provence eine eigene Ausbildungsstätte haben: die Domaine du Merle.

Transhumanz im Mittelmeerraum. Copyright: Maison de la Transhumanz (Pressebild)
Transhumanz im Mittelmeerraum. Copyright: Maison de la Transhumanz (Pressebild)

Ihnen zur Seite stehen nicht nur Hütehunden, sondern – besonders in der Provence – auch von Ziegen und Eseln. Seitdem auch in Frankreich der Wolf jährlich mehrere Tausend Schafe reißt, hat sich zu den Hütehunden in den Bergen auch ein Schutzhund gesellt.

Col de Pailheres: Rind. Foto: Hilke Maunder
Auch am Col de Pailheres weiden halbwild die Rinder. Foto: Hilke Maunder

Meist ist es ein Patou. Sein weiches, sehr dickes, wuscheliges Fell in Cremeweiß lässt kaum ahnen, wie gefährlich der so auf den ersten Blick so kuschelig wirkende Hund nicht nur dem Wolf, sondern auch Wanderern werden kann. Schon beim geringsten Verdacht verteidigt der Chien de Montagne de Pyrénées, wie er offiziell heißt, seine Herde.

Fenouillèdes: Sommerwiese bei Fosse. Foto: Hilke Maunder
Sommerweide bei Fosse. Foto: Hilke Maunder

Wenn sich euch ein Patou nähert, knurrt und/oder bellt, bleibt ruhig stehen, lasst den Hund schnuppern – und seht ihm nicht in die Augen. Versucht auch nicht, euch zu verteidigen. Sondern wartet, bis der Hund euch überprüft hat. Wenn er sich trollt, könnt auch ihr weitergehen.

Col de Pailheres: Vieh auf der Sommeralm. Foto: Hilke Maunder
Weidendes Vieh auf der Passhöhe von Pailhères. Foto: Hilke Maunder

Die Heimat des Patou sind die weiten, wilden Berge der Pyrenäen, wo er die Herden mitunter völlig eigenständig bewacht. Zu den Schafen haben sich die Rinder gesellt. Anders als die Schafe jedoch, werden sie nicht im großen Stil durchs Land getrieben.

Rinde auf der Sommerweide am Col de Pailheres. Foto: Hilke Maunder
Rinder auf der Sommerweide am Col de Pailheres. Foto: Hilke Maunder

Sondern nur im Frühjahr vom Tal hinauf auf die Almen der Berge. Und im Winter wieder hinab. Hütetiere gibt es für sie nicht. Die Rinder werde dort oben ganz sich selbst überlassen. So wie am Col de Pailheres, wo sie gerne am Straßenrand stehen und für den Parkplatz extra  Einfahrtsbarrieren angeschafft wurden, die unter Strom stehen. Dort stehen die Autos der Wanderer im Gatter… und die Tiere laufen frei.

Col de Pailheres: Zufahrt zum Parkplatz. Foto: Hilke Maunder
Einfach einfahren! Foto: Hilke Maunder

Im Osten der Pyrenäen lebt Nathalie Komaroff die Transhumanz mit ungewöhnlichen Tieren: Sie züchtet Merens. Die kleinen, robusten Wildpferde der Pyrenäen waren nahezu ausgerottet.

Jetzt zieht sie mit ihnen Ende Mai auf die Sommerweiden am Pic du Carlit – und im November hinab nach Porté-Puymorens. Mit einem Gîte d’Étape und Reit-Ausflügen für Urlauber finanziert Nathalie ihrer Zucht.

Rind auf der Landstraße bei Duilhac. Foto: Hilke Maunder
Rind auf der Landstraße bei Duilhac. Foto: Hilke Maunder

Seit dem Loi du Montagne 1972 erlebt die fast schon in vergessene Transhumanz einen enormen Aufschwung. Die Kommunen haben Feste zum Viehtrieb aus der Taufe gehoben.

Die Regionen fördern die Transhumanz als Beitrag zum Landschafts- und Artenschutz. Und als prägendes Kulturerbe des französischen Mittelmeerraumes.  Das Ziel heißt: Anerkennung als immaterielles Welterbe Frankreichs. Mehr zum Antrag erfahrt ihr hier.

Rind auf der Landstraße bei Duilhac. Foto: Hilke Maunder
Unterwegs in den Corbières: eine Kuh mit ihrem Kalb. Foto: Hilke Maunder

Führend bei der Transhumanz sind die Regionen des Südens. Spitzenreiter ist Nouvelle-Aquitaine, gefolgt von Okzitanien und der Région Sud (PACA). Berühmteste Transhumanz von Nordfrankreich ist die Passage der Schafe durch die Somme-Bucht im September.

3.600 Schafe kehren dann von den Salzwiesen im Einfluss der Gezeiten zurück zu den Weiden in der Nähe der Höfe. Le Crotoy feiert diesen Schaf-Zug alljährlich mit der Fête du Mouton. Die Schafe laufen dann auf dem sandigen Strand direkt am Städtchen vorbei!

Transhumanz erleben

Fête de la Transhumance

• Argelès-Gazost
• Castellane
• Chamrousse
• Die
• Guillaumes
• Munster
• Muhlbach-sur-Munster
• Nizza
•  Saint-Chély-d’Aubrac
• Saint-Rémy-en-Provence
• Vallée de la Bruche

Maison de la Transhumance

Als “Ort der Erinnerung und der lebendigen Kultur der großen Schaftranshumanz” eröffnete im September 2019 in Le Merle ein Zentrum, das Forschung und Dokumentation verknüpft mit touristischen Angeboten, Lehrpfaden, Führungen und Vorträgen.
• Domaine du Merle, Route d’Arles, 13300 Salon-de-Provence, Tel. 04 90 17 06 68, www.transhumance.org

Maison Régionale del l’Élévage

Info- und Ausbildungszentrum rund um die Viehzucht.
• 570 Avenue de la Libération, 04100 Manosque, https://mrepaca.fr

EPLEFPA Carmejane

Die Landwirtschaftsschule von Carmejane gewährt beim Tag der Offenen Tür Einblicke in ihre Arbeit.
• Route d’Espinouse, 04510 Le Chaffaut-Saint-Jurson, Tel. 04 92 30 35 70, www.digne-carmejane.educagri.fr

La Routo – Sur les Pas de la Transhumance

Den Spuren der Transhumanz folgt ein Weitwanderweg von der Provence ins Piemont. Die 400 km lange Strecke vom südfranzösischen Arles ins italienische Borgo San Dalmazzo befindet sich noch im Aufbau. Von den Ebenen der Camargue und der Crau könnt ihr künftig der neuen Grande Randonée bis in Tag der Stura folgen und am Wegesrand Produkte und Berufe kennenlernen, die mit dem Viehtrieb eng verbunden sind.

http://www.larouto.eu

La Route de la Transhumance

Der große Schaftrieb im Südwesten von Frankreich berührt sechs Départements zwischen den Bergspitzen der Pyrenäen und der Gironde.

www.laroutedelatranshumance.com

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Roger: une vie de berger entre Durance et Luberon

Roger, une vie de bergerRoger Jouve wurde 1936 in Cavaillon geboren. Sein Leben lang hütete er seine Herde zwischen den Hügeln des Petit Luberon und den Ufern der Durance. Trotz seiner Bescheidenheit wurde er zu einer lokalen Figur des Luberon. Sein ganzes Leben hat er sich für Erhalt und die Aufwertung des Naturerbes des Luberon eingesetzt und sich für den regionalen Naturpark Luberon engagiert.

Heute ist Roger im Ruhe. Ihr trefft ihn jeden  Sonntag auf dem Markt von Coustellet. Dort verkauft Roger aromatische Kräuter und den Naturdünger “Migon”.  Seine Erinnerungen und Erlebnisse hat Roger seinem Freund Arnoult Seveau anvertraut. Der Provenzale, einer der Gründungsmitglieder des GREC Luberon (Groupe de recherches et d’études des cavités du Luberon) sammelte die Memoiren und veröffentlichte sie 2016 im Selbstverlag.

Wer Französisch sehr gut beherrscht,  wird in der ungeschönten, spröden wie warmen Sprache des Hirten ein kulturelles Erbe der Region entdecken.

So könnt ihr das 209 Seiten dicke Buch (18 €, ISBN: 978-2-7466-9080-6) bestellen:

per Mail: arnoult.seveau@outlook.fr
per Telefon: +33 4 90 09 16 32
per Post : 10, rue du Poste.  84120 Mirabeau

Das ganze Land: MARCO POLO Frankreich*

Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreich* habe ich vor vielen Jahren von Barbara Markert übernommen und seitdem mehrfach umfassend aktualisiert und erweitert.

Freut euch auf neue Insidertipps, neue Reiseziele, frischen Hintergrund und viele Erlebnisvorschläge für Aktive und Entdecker – von Lichterkunst in Bordeaux’ U-Boot-Basis bis zum Wanderungen unter Wasser. Und damit ihr Frankreich noch besser versteht, gibt es natürlich auch viel  Hintergrund zu Frankreich und seinen Menschen. Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

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4 Kommentare

  1. Einfach hervorragend. Meine Partnerin ist Französin und sie ist auch begeistert von Ihren Kommentaren. Sie kennt ihr Land sehr gut.
    Es grüßt
    Willi

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