Vera Wolber mit ? Foto: privat

Mein Frankreich: Vera Wolber

„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Hier verrät es diesmal Vera Wolber.

Ich bin Jahrgang 1955, geboren in Bonn, lebe immer noch dort, bin verheiratet, habe zwei Töchter und zwei Enkel. Mein Ausbildungsberuf, den ich zehn Jahre lang ausübte, ist Bankkauffrau. Danach war ich 25 Jahre lang Mutter und Hausfrau, bis ich die 13 ½ Jahre vor dem Rentenalter im Vorzimmer des Pressesprechers/der Pressesprecherin der Stadt Bonn tätig war.

Am 5. September 1962 hielt der damalige französische Präsident Charles de Gaulle seine berühmte Rede auf der Bonner Rathaustreppe. Vor tausenden begeisterten Bonnerinnen und Bonnern beschwor er mit seinen Worten “Es lebe Bonn, es lebe Deutschland, es lebe die deutsch-französische Freundschaft” die deutsch-französische Zusammenarbeit, die mit der Unterzeichnung des Élysée-Vertrages am 22.Januar 1963 offiziell besiegelt wurde.

Am 5. Juli 1963 wurde in Bonn im Palais Schaumburg das Abkommen über die Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) durch die Außenminister Dr. Gerhard Schröder und Maurice Couve de Murville in Anwesenheit von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauerund Präsident Charles de Gaulle ins Leben gerufen. Aufgabe des DFJW ist es, die Verbindungen zwischen jungen Menschen in Deutschland und Frankreich auszubauen und ihr Verständnis füreinander zu vertiefen.

Im Laufe der letzten 50 Jahre haben wir viel von Frankreich gesehen: die Provence (zweite Lieblingsgegend), die Normandie, das Elsass, das Périgord, die Loire, die Départements Tarn-et-Garonne, Nord-Pas de Calais, Aude und Hérault und noch einige mehr, aber das Finistère ist unsere große Liebe und unser Frankreich.

Im Alter von 15 Jahren, also 1970, kam ich zum ersten Mal nach Frankreich. Mit Eltern, Wohnwagen, Kanuclub. Ziel waren Tarn und Ardèche. Im nächsten Jahr wollte ich nicht mehr mit meinen Eltern in Urlaub fahren, es sollte nach England gehen, die Sprache beherrschte ich nach sechs Jahren Unterricht ganz gut. Aber eine Bekannte aus meinem Ausbildungsjahr überredete mich, mit ihr in die Bretagne zu fahren. “Mein Bruder war da schon oft, da ist es schön”. Mir war es ziemlich egal, wohin die Reise ging, obwohl mein Schulfranzösisch mehr als rudimentär war. Und so reiste ich nicht alleine.

Wir buchten über die damalige Jugendreise-Gesellschaft “Fahr mit” den Zielort Pont-L’Abbé. Die Reise umfasste die Bahnfahrt von Köln nach Quimper, Unterbringung in einer Gastfamilie, täglichen Sprachunterricht, pro Woche einen Ausflug, deutsche und französische Reiseleitung. Das Ganze kostete damals 435 DM und wurde gesponsert vom Deutsch-Französischen Jugendwerk.

Das Abenteuer begann am 9. Juli 1971, 23.30 Uhr ab Köln Hauptbahnhof. Umsteigen in Paris von der Gare du Nord zur Gare de Paris-Montparnasse, Ankunft am Nachmittag des 10. Juli in Quimper. Ich war Teil einer kleinen Gruppe, die in Paris den Zug Richtung Bretagne wegen eines Tippfehlers im Fahrplan verpasste. So kamen wir erst um etwa 22 Uhr an. Meine Gastfamilie stand dann zum zweiten Mal an diesem Tag am Bahnhof in Quimper, um mich abzuholen. Es waren Jean, Madeleine und Valérie, sieben Jahre alt. Der elfjährige Sohn war zu der Zeit in einer colonie de vacances. Jetzt ging’s richtig los. In einem Renault R4 fuhren wir nach Hause, nach Pluguffan. Ich konnte dieses Wort kaum aussprechen. Renate aus Lippstadt, mir noch unbekannt und der weitere Gast, war schon am Nachmittag angekommen. Wir sollten also jetzt zusammen drei Wochen bei Laurents leben.

Als Teil meines ersten Abendessens kann ich mich nur noch an eine Artischocke erinnern – noch nie gesehen, geschweige denn gegessen. Aber ich war ja lernfähig und befolgte Madeleines äußerst langsam und deutlich gesprochenen Anweisungen. Nachdem ich nun 24 Stunden unterwegs war, wollte ich duschen. Aber es war etwas passiert, was es nie vorher und auch danach nie gab: coupure d’eau – kein Wasser! Meine Leute entschieden kurzentschlossen, nach Île-Tudy zum Strand zu fahren und dort schwimmen zu gehen. Es war dunkle Nacht, ich glaube der Mond schien ein bisschen, spiegelglattes Wasser, einige Boote lagen kieloben auf dem Sand. Und wir schwammen … Es war einfach ein Traum. Das war mein erstes Erlebnis von der Spontanität und Ungezwungenheit meiner Familie. Und so sollte es weitergehen.

Wir wurden jeden Morgen recht früh – viel zu früh – von unserem französischen Reiseleiter, der noch einige andere einsammelte, abgeholt und nach Pont L’Abbé gekarrt. Der Unterricht dort brachte mich bezüglich meiner Sprachkenntnisse kein Stück weiter. Ich war das schwächste Glied der Kette und fiel einfach hinten runter. Aber ich musste anwesend sein, sonst wäre der Zuschuss des DFJW gestrichen worden. An den Wochenenden wurden wir durch die Gegend geschaukelt, immer mit Kühltasche und Verpflegung.

Die Nachmittage verbrachten wir zu Hause, oder Madeleine fuhr mit uns zum Strand, oder wir wurden mitgenommen zu Oma und Opa oder Tanten und Onkels oder Cousinen und Cousins, oder auch zu Freunden. Wir wurden überall und zu jedem mitgeschleppt. Und obwohl ich mich nicht an den Unterhaltungen beteiligen konnte, hörte ich zu und ich liebte es. Die französische Sprache hörte sich so schön an, und je mehr ich zuhörte, desto mehr verstand ich einzelne Wörter, sah Zusammenhänge, merkte im Laufe der Zeit, um was es ging. Und hatte viel Spaß daran. Madeleine erklärte zu Hause immer alles gaaanz langsam und deutlich und sehr geduldig oft jedes einzelne Wort, auch mit Händen und Füßen. Und die Hauptsache: Ich hatte keine Angst zu reden und Fehler zu machen. Die wurden sofort und ganz beiläufigund unaufgeregt korrigiert. So wurde mein Französisch im Laufe dieser drei Wochen ganz akzeptabel.

Und dann mussten wir wieder nach Hause. Ich habe im Zug bis Paris Rotz und Wasser geheult. Ich wollte ja schon nach Hause, aber auch nicht weg aus der Bretagne, aus Pluguffan und weg von meinen Laurents.

Wir blieben in Kontakt, viele Briefe wurden geschrieben – auch dabei lernte ich viel der Sprache, denn der dictionnaire lag dabei immer neben mir. Im nächsten Jahr wollte ich natürlich wieder zu “meinen Franzosen”. Noch einmal mit “Fahr mit“. Eine Freundin war dabei, und da der “Verteiler” vor Ort ein Bekannter von Laurents war, war sichergestellt, dass ich wieder bei ihnen wohnte. Die Familie hatte zwischenzeitlich ein weiteres Mitglied bekommen: Wilfried war im Juli drei Monate alt. 1973 fuhr ich nochmal mit dieser Freundin zusammen, aber ohne “Fahr mit”, der Sprachkurs begann einfach zu früh am Tag, und Französisch lernten wir sowieso viel besser im täglichen Leben. Wir waren also privat unterwegs.

1974 nahm ich meinen damaligen Freund mit, heute mein Mann. Wieder mit dem Zug. Er konnte noch weniger Französisch als ich in meinem ersten Jahr, aber das war ja bekannterweise bei und mit Laurents kein Problem. Er wurde ebenfalls mit offenen Armen und Herzen aufgenommen. Wir nahmen Bruno mit nach Bonn, er fuhr dann mit meinen Eltern und Wohnwagen für zwei Wochen nach Österreich, wurde also sofort integriert. Danach kamen seine Eltern das erste Mal nach Bonn um ihn abzuholen und blieben mehrere Tage. Meine Eltern schlossen sofort Freundschaft mit ihnen.

1975 im Sommer fuhren mein Mann und ich mit dem Auto in die Bretagne und nahmen Bruno wieder mit nach Bonn. Und noch einmal wurde er von seinen Eltern abgeholt. 1976 kamen meine Eltern das erste Mal, natürlich mit Wohnwagen, in die Bretagne. Und so ging es Jahr für Jahr. Wir reisten mindestens einmal pro Jahr nach Pluguffan, in den Osterferien oder im Sommer und auch im Herbst. Manchmal auch nur für ein verlängertes Wochenende, die Franzosen kamen zu uns, auch mit Freunden. Wir nahmen Freunde mit dorthin. Jeder war willkommen: Les amis de mes amis sont mes amis hieß es immer. 1983 kam unsere erste Tochter hinzu, 1991 die zweite, und die ältere sagte mal irgendwann: “Jean und Madeleine sind unsere Ersatzgroßeltern.“ Wir übersetzten es in grand-parents de réserve.

Madeleine und Jean sind meine Maman und mein Papa BZH. Und Madeleine stellt mich heute immer noch als ma fille allemande vor.

Das war der chronologische Bericht, den ich bis in die heutige Zeit fortsetzen könnte. Aber viel wichtiger ist die Freundschaft und das Vertrauen, das “sich kümmern” und Gutes tun. Wir haben in all den Jahren so viel erlebt, was einem Touristen einfach fremd bleibt. Das Leben in der Familie, das integriert sein, die Offenherzigkeit, das Entgegenkommen, das Vertrauen, die Liebe.

Im Laufe der Jahre haben wir so viele Menschen kennengelernt, die uns alle mehr als freundlich gesinnt waren. Man bedenke: Während des Westfeldzugs wurde Nordfrankreich und auch die Bretagne von der deutschen Wehrmacht besetzt. Das war 1940. Nach meinem ersten oder zweiten Aufenthalt dort erzählte mein Opa mir, dass er für längere Zeit als Soldat in Quimper stationiert war. Auch ihn lernten die Laurents in Bonn kennen. Gab es ein Problem? Nein! 1979 zu Ostern nahmen wir meine Großeltern mit und fuhren mit ihnen an viele Stellen, an die Opa sich erinnerte.

In der Innenstadt von Quimper kannte er sich noch aus. Und am Ostersonntag saß er beim Familienessen mit Jeans Vater, der Kriegsgefangener in Deutschland gewesen war, an einem Tisch. Die beiden verstanden sich prächtig.

1976 feierten wir zwanglos unsere Hochzeit nach mit allen, die wir kannten. Und das war bis dahin schon eine stattliche Anzahl an Bretonen. Das Zusammensein fand im Keller bzw. der Garage von Laurents statt. Ich machte Kartoffelsalat und Würstchen. Meine Eltern kamen ja auch angereist und brachten ein 20-Liter-Fass Kölsch mit. Auf der Fahrt durch Paris platzte im Tunnel ein Reifen ihres Wohnwagens. Meine Mutter sicherte den “Tatort”. Aber ihre größte Sorge war, dass das Bier wegen der Hitze Schaden nehmen könnte. Es ist aber alles gut gegangen! Die Party war ein großer Erfolg, und wir hatten mordsmäßig Spaß! Auch zum Nationalfeiertag, dem 14. Juli, waren wir mehrfach im Finistère. Dann wurde auf einem Feld eine Grube ausgehoben, ein großer Spieß installiert und ein Lamm stundenlang gegrillt, ein méchoui. Der Hund hatte von den vielen Knochen, die ihm zugeworfen wurden, am nächsten Tag Bauchschmerzen und so manch einer vom vielen Wein einen dicken Kopf.

1989 erzählte mir Madeleine, dass sie nach Corbeille-Essonne bei Paris fahren und dort mit Valérie das Hochzeitskleid aussuchen würde. Das sollte meine kleine Schwester natürlich nicht ohne mich machen, und so fuhren wir auch dorthin und klapperten etliche Läden mit Brautkleidern ab. Die Hochzeit fand in der schönen alten Kirche in Pluguffan statt, mit uns und meinen Eltern. Als einige Jahre später die Tochter von Valérie geboren wurde, sollte ich Patentante werden. Ich stimmte mit Tränen in den Augen zu.

Die Taufe in Pluguffan wardann mal wieder ein freudiger Anlass, dorthin zu fahren. Wir wurden mehrfach zu Hochzeiten eingeladen, nahmen an Feiern zu runden Geburtstagen teil und an der Erstkommunion von Valérie. Zur silbernen und zur goldenen Hochzeit von Jean und Madeleine fuhren wir auch in die Bretagne. Was sind schon 2.200 km Fahrt für ein so schönes Zusammentreffen?! Zum Jahrestag unserer 25-jährigen Freundschaft schenkten sie uns zwei personalisierte Teller aus den Faïencerie Henriot, die einen Ehrenplatz bei uns bekamen.

Im Jahr 2001 trafen wir uns im Süden, in Saint-Martin-d’Ardèche. Dort hatte ich zwei Ferienhäuser gemietet und wir feierten mit vielen Ausflügen und gutem Essen eine Woche lang unsere 30-jährige Freundschaft.

Währenddessen besuchten wir alle Madeleines Cousine und deren Mann in Arles. Wir kannten sie bisher nicht, aber auch dort: offene Tür und offene Herzen! Im Juni 2008 verbrachten wir zusammen zehn wunderbare Tage in La-Faute-sur-Mer in der Vendée im Ferienhaus von Valérie und ihrem Mann. Unsere jüngere Tochter war dabei.

Bélé und Millot waren gute Freunde, die mit ihren Familien in der Nachbarschaft wohnten. Sie waren Polizisten. In Pluguffan ist ja der Flughafen von Quimper, die beiden waren dort stationiert und flogen einen Rettungshubschrauber. Bélé war Pilot, Millot Mechaniker. In einem der ersten Jahre deklarierten sie einen Übungsflug und nahmen uns in ihrer Alouette II zu einem Rundflug über Quimper und die naheliegenden Strände mit. Ein tolles Erlebnis! Von der Île de Sein brachten sie einmal ein Salzlamm für den 14. Juli mit. Die beiden tauchten oft nach araignées, Meeresspinnen, die sie großzügig verteilten.

Es gibt so viele Erlebnisse, von denen wir heute noch erzählen und über die wir lachen oder auch traurig sind. Wenn wir mit Madeleine in ihrem R4 unterwegs waren, sangen wir die Schlager der Zeit von Michel Sardou ( La maladie d’amour) , Michel Fugain ( Chante ), Julien Clerc ( Si on chantait ), Michel Delpech ( Pour un flirt ), Mike Brant ( Rien qu’une larme ), C. Jérôme ( Kiss me ) und natürlich Les trois rois mages von Sheila und Aux Champs-Elysées von Joe Dassin. Que des bons souvenirs. Bei einem gemeinsamen pique-nique am Meer verstrich die Schwiegermutter von Millot ein Stück Munster-Käse unter der Nase meines Mannes. Er hatte mindestens eine Woche davon. Jedes Mal, wenn wir hier ein Stück kaufen, sagt einer von uns: “Weißt du noch, wie der unter der Nase gestunken hat?”

In den ersten Jahren machten wir oft pêche à pied, Wattfischen. Jean wusste immer, an welchem Strand es welche Muscheln gab, bigorneaux, couteaux, cocques, Krabben. Wir zogen immer los mit Schippchen, Eimerchen und Harken. Die Ausbeute war dann immer Teil unseres Abendessens. Kann es etwas Besseres geben?

Der Nachteil dieser Strandaufenthalte: Ich hatte oft einen heftigen Sonnenbrand auf dem Rücken. Auf einem Hof lebte ein grand-père, der mit einer Wünschelrute Wasser suchte und auch fand, in einem abgelegenen Weiler eine mémé mit coiffe, die hausgemachte Crêpes verkaufte. Wir holten Trinkwasser an Quellen. Wir sahen auch noch lavoirs, in denen die Frauen Wäsche wuschen.

In einem der ersten Jahre war Madeleine zu einer Tupper-Party eingeladen und ich fuhr mit. Die Ware wurde natürlich als excellent, merveilleux, grandios, extraordinaire angeboten. Diese Worte fassten wir danach in einem zusammen: “tupperware”. Heute noch, wenn irgendetwas ganz toll ist, sagen wir: “ Ah oui, c’est tupperware !” Und alle um uns herum, die das nicht kennen, gucken dumm aus der Wäsche. Es gab auch andere schöne Wortschöpfungen: Hans, mein Mann, wurde zu Onze, mein Bruder Pauli zu pas au lit, ein kleines bisschen hieß bisschenchen, rechts war einfacher zu bezeichnen mit no links. Es gab pique-niques am Strand, mit vielen Freunden. Den Geschmack von kaltem gebratenem Huhn zusammen mit den ganz einfachen – aber sehr guten – Kartoffelchips werde ich nie vergessen.

Ich hatte eine Allergie und Madeleine fuhr mit mir zu einem guérisseur, einem Heiler, der seine Pendel über meinem Körper schwingen ließ. Die Wirkung blieb nicht aus: Ich hatte das Gefühl, über der Liege zu schweben und er bescheinigte mir, ein gutes Medium zu sein – die Allergie blieb, aber wir haben später viel gelacht darüber und ich war um eine Erfahrung reicher. Wenn Madeleine Crêpes machte, war das ein Feiertag für uns. Das Rezept hatte sie von einer alten Tante und für uns waren es die besten Crêpes der Welt.

Und jedesmal, wenn sie zu uns kamen, war die billig im Kofferraum.

Eines Abends, gegen 22.30 Uh, sprang Madeleine auf und rief: “Es regnet! Alle Mann raus und Schnecken suchen!” Sie drückte uns Gummistiefel und Plastiktüten in die Hand und wir suchten in allen Vorgärten Schnecken – so mancher Hund schlug an und erschreckte uns zu Tode. Während die eingepackten Schnecken schon wieder die Tüte hinauf krochen, sammelten wir immer weiter. Diese Beute wurde dann der Schneckenzucht zugefügt und gut gefüttert. Wenn ca. 300 von ihnen groß genug waren, bereitete Madeleine sie mit einer tollen Farce zu, sie wurden eingefroren und bei Bedarf im Backofen erhitzt. Eine Köstlichkeit, hinter der auch unsere Töchter her waren. Wenn ich heute Melone rieche, stehe ich sofort in Gedanken in Madeleines Küche. Und die Kombination Melone/frisches Baguette/Salzbutter war so ziemlich die köstlichste Vorspeise, die es gab (abgesehen von Meeresfrüchten). Wir erfuhren, dass es graisse salée nur im Pays Bigouden gibt und Algen essbar sind. Ich lernte bei ihr Mayonnaise zu machen, und beim Anrühren einer Vinaigrette sagte sie immer le vinaigre fait fondre le sel (Der Essig löst das Salz auf).

Das geht mir heute noch jedes Mal durch den Kopf, wenn ich eine Vinaigrette mache. Wir lernten, wie man Meeresfrüchte zubereitet und isst, dass Lammbraten bei ihnen rot und Rindersteak blutig sein muss (und genauso lieben wir es noch heute). Pferdefleisch wurde in den Hallen in Quimper gekauft und kam aus Frankreich, auch das wird dort immer weniger. Wenn es ein großes Essen mit einem plateau de fruits de mer als Vorspeise gab, piddelten Jean und ich noch an den Tierchen rum, während die anderen schon beim Dessert waren. Auch Andouille habe ich probiert, aber das ist so ziemlich das einzige Ding dort, das absolut nicht mein Fall ist.

Austern! Foto: Verwa Wolber
Austern! Foto: Vera Wolber

Es gab einen befreundeten Fischer, der mit seinem Schiff bis nach Island rauf fuhr. Er war immer zwei Wochen unterwegs. Zwei Tage vor seiner Rückkehr rief seine Frau an und teilte die Ankunft im Hafen von Guilvinec mit. Wir fuhren mit großen Kisten gegen 17 Uhr, dann laufen für gewöhnlich die Schiffe ein, dorthin, und sie bekam eine große Portion Langustinen, viele Sorten Fisch, was grade so da war (ich denke, der Preis war auch besonders). Am Abend gab es dann erst mal die Langustinen, dann präparierte Madeleine den Fisch, der tiefgefroren wurde. Einmal durfte ich das Schiff besichtigen, es war ein kleiner Kutter. Die Kombüse sah aus … na ja … aber im Maschinenraum war alles wie geleckt. Auch von den Protesten und anderen Aktionen der FLB – Front de libération de la Bretagne – bekamen wir in den späten 1970er Jahren einiges mit. Jean bestand darauf, dass wir unser Auto in die Garage stellten und nicht mehr auf der Straße parkten – zu gefährlich.

Unsere erste Tochter war noch nicht in der Schule, wir fuhren über Ostern ein oder zwei Wochen nach Pluguffan. Nachdem wir “eingecheckt” hatten, tauchten plötzlich drei Leute auf, die wir nicht kannten: Vater, Mutter, Sohn. Wer war das? Es waren Freunde aus Südengland/Wales, man kannte sich durch die Städtepartnerschaft mit Pluguffan, sie blieben auch über die Ostertage. Also in einem Vier- Personen-Haushalt sechs Leute Besuch. Ich sagte Madeleine, dass sie das hätte erwähnen sollen und dass das jetzt doch ein bisschen viel für sie sei! “Ich hatte Angst, Ihr würdet dann nicht kommen!” So ist sie! Es ging alles, ich weiß aber heute nicht mehr, wer wo geschlafen hat.

Madeleine nähte für mich und für unsere Töchter strickte sie Pullover, die sie zu Weihnachten oder zum Geburtstag schickte. Wenn die beiden zu uns kamen, hingen wir die Stadtfahne von Quimper ans Haus. Und die ganze Gegend wusste, dass “die Franzosen” wieder bei Wolbers waren.

In den paar Tagen, die sie hier verbrachten, wurde so gut wie jeder Bratwurststand angesteuert.

2015 feierte Jean im kleinen Kreis seinen 80. Geburtstag. Die Kinder luden uns ein, wir seien schließlich Teil der Familie. Wir kamen “geheim”, also als Überraschung. Madeleine bat mich, sowas nicht mehr zu machen, sie bekäme beim nächsten Mal einen Herzinfarkt. Bei dieser Gelegenheit war das erste Mal die Familie komplett zusammen: drei Kinder, Schwiegersohn und Schwiegertochter, vier Enkel und wir mit unseren Töchtern. Wir wussten damals schon, dass es das nicht noch einmal geben würde.

Wir haben viel über die bretonische Kultur, Feste und Bräuche gelernt. Jean, geboren 1935, sprach als Kind nur Bretonisch, erst in der Schule lernte er Französisch. Er wuchs in Pluguffan auf, wo seine Eltern eine Bäckerei betrieben, die es heute noch gibt, aber leider nur noch als Kette. Dort gab es natürlich das beste Brot! Er erzählte uns viel über seine Kindheit dort. Man sprach nur Bretonisch, trug noch Holzschuhe, die botoù koad, und überall im Pay Bigouden sah man Hauben, die coiffes. Auch bretonische Kleidung gehörte zum Alltag.

Es gab auch schwierige Phasen innerhalb der Familie. Wir haben alles mit durchlebt und auch zusammen geweint. 2013 wurde bei Jean Alzheimer diagnostiziert. Wir hatten schon einige Zeit zuvor Veränderungen in seinem Verhalten bemerkt. Im Jahr 2014 teilte uns Madeleine dann mit, dass wir nicht mehr bei ihnen wohnen könnten, da dies für ihn zu viel Aufregung und Veränderung bedeuten würde. Das war sehr schwer für uns (nicht wegen der Unterkunft!).

Seitdem mieten wir immer ein Ferienhaus in der Nähe und besuchen sie regelmäßig. Aber es war nicht mehr dasselbe. In den folgenden Jahren verschlimmerte sich die Krankheit und wir wurden Zeugen, wie sich ihr Leben veränderte. Im Oktober 2023 kam es zu einer entscheidenden Wende. Madeleine konnte sich nicht mehr rund um die Uhr um Jean kümmern und musste ihn schweren Herzens in ein Pflegeheim geben. Sein Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag. Aufgrund von Hinweisen, insbesondere von Valérie, reisten wir im November von einem Tag auf den anderen an, um uns von ihm zu verabschieden.

Jean hatte zu Beginn unserer Freundschaft mehrere Deutschkurse besucht und beherrschte die Sprache sehr gut. Er schaltete trotz seiner Krankheit sofort auf Deutsch um, wenn mein Mann in sein Krankenzimmer kam. Es waren drei sehr schwierige Wochen. Renate aus Lippstadt, meine „Mitbewohnerin” von 1971, kam ebenfalls spontan mit ihrem Mann. Wir waren all die Jahre inKontakt geblieben, und ich hatte sie natürlich über die Situation informiert. Sie hatte die Laurents seit über 30 Jahren nicht mehr gesehen, aber sie wollte Jean unbedingt noch einmal sehen. Vor Jahren hatte sie gesagt: „Dieser Aufenthalt 1971 hat mein Leben geprägt.”

Drei Wochen nach unserer Rückkehr nach Bonn, am 14. Dezember, starb Jean und wir machten uns sofort wieder auf den Weg, um der Beisetzung beizuwohnen. Wir blieben vier Tage. Das war zwar ein ganz kurzer, aber gefühlsmäßig heftiger Aufenthalt.

Da wir die ersten 40 Jahre bei den Laurents wohnten, mit den Kindern viel am Strand waren und einfach nur das Leben dort genossen, waren wir ziemlich konzentriert auf die Umgebung dort. Klar, es gab mal Pont-Aven, Concarneau, Douarnenez, natürlich Quimper, aber viel weiter ging es nie.

Seit 2014, mit dem “Auszug” aus Pluguffan, sind wir sehr viel in der Gegend unterwegs, bis Roscoff, Saint-Pol-de- Léon, die ganze Küste des Finistère Nord, Halbinsel Crozon, am liebsten sind wir aber auf Cap Sizun, bis an die Grenze zum Pays Bigouden. Ich habe das Gefühl, dort jeden Stein, jeden Baum, jede Kapelle und jeden calvaire zu kennen. Aber wir entdecken auch immer noch das eine und andere Neue. Wir wandern viel auf der GR 34 rund ums Cap. Und seitdem wir die Zeit dafür haben, sind wir im Mai/Juni fünf Wochen in Plozévet und fühlen uns zu Hause.

Wir lieben das Finistère natürlich auch wegen seiner wunderbaren Küste mit Steilfelsen, die manchmal 80 Meter hoch sind. Wegen des Wassers, das in allen Grün- und Blautönen leuchten kann, wegen der zahlreichen schönen, alten Kapellen, der Calvaires, der wunderbaren Strände, der Leuchttürme, der vielen kleinen Häfen, wegen der alten Ortschaften und natürlich wegen des guten Essens.

Cap Sizun, Pointe de Castelmeur
Cap Sizun, Pointe de Castelmeur. Foto: Vera Wolber
Auf der Pointe Saint-Mathieu. Foto: Vera Wolber
Auf der Pointe Saint-Mathieu. Foto: Vera Wolber

Und der Kreis schließt sich: Erwan, der jüngste Sohn von Wilfried, war immer, genau wie sein Vater, sehr deutsch-affin. In der Schule Deutsch zu lernen war für beide selbstverständlich. Im Studium setzten sie es fort. Sie sprechen jetzt fließend Deutsch. Ein Zitat von Erwan: „Meine Großeltern väterlicherseits haben sehr viel für die Deutsch-Französische Freundschaft getan. Sie waren sehr engagiert und haben enge Beziehungen zu westdeutschen Freunden aufgebaut. Ich hatte das Gefühl, dass es dadurch auch meine Verantwortung war, mich für diese Freundschaft einzusetzen. Deshalb wollte ich mit 17 Jahren Juniorbotschafter des Deutsch-Französischen Jugendwerks werden.“ Das hat er gemacht. Danach wurde er Vize-Präsident derJeunes Européens-France und Mitglied des Beirats des Deutsch-Französischen Jugendwerks.

Und wenn ich 1971 einen kleinen Grundstein für dieses Interesse und seine Arbeit gelegt habe, ist es mir eine große Freude. Schon zu Beginn dieser Freundschaft waren wir nicht einfach nur Touristen. Nein, wir wohnten und lebten in und mit einer Familie, die für alles offen ist und uns so viel Vertrauen und Liebe entgegengebracht hat, wie es ein Tourist niemals erfahren kann.

Madeleine fragte mich einmal: Wenn Hans nicht mit uns zurecht gekommen wäre, was hättest du dann gemacht? Meine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: Dann hätte ich ihn nicht genommen! (Das konnte ich leicht sagen, denn ich war mir hundertprozentig sicher, dass auch er sie lieben würde.) Mit Madeleine telefoniere ich mindestens alle zehn Tage. Und in jedem Gespräch kommt der Satz: Dass Ihr zu uns gekommen seid, war Schicksal, das musste so sein.

Zitat meines Vaters: “Diese Freundschaft hat unser Leben bereichert!”

Uns bleibt nur, danke zu sagen. Meinen Eltern, die mich haben reisen lassen! Mille fois merci à ma maman BZH, mon papa BZH, ma petite sœur et mon petit frère breton. Und danke an Konrad Adenauer und Charles de Gaulle.

Der Beitrag von Vera Wolber ist ein Gastartikel einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ihr wollt mitmachen? Dann denkt bitte daran: 

  • Keine PDFs.
  • Text: per Mail in Word oder Open Office. Bitte denkt daran, euch mit ein, zwei Sätzen persönlich vorzustellen.
  • Fotos: Bitte schickt nur eigene Bilder und jene möglichst im Querformat und immer in Originalgröße. Sendet sie gebündelt mit SwissTransfer (kostenlos & DSGVO-konform)  – oder EINZELN ! – per Mail. Bitte denkt an ein Foto von euch – als Beitragsbild muss dies ein Querformat sein.
  • Ganz wichtig: Euer Beitrag darf noch nicht woanders im Netz stehen. Dublicate content straft Google rigoros ab. Danke für euer Verständnis.
  • Vor der Veröffentlichung erhaltet ihr euren Beitrag zur Voransicht für etwaige Korrekturen oder Ergänzungen. Erst, wenn ihr zufrieden seid, plane ich ihn für eine Veröffentlichung ein. Merci !
  • Alle bisherigen Beiträge findet ihr hier.